Mit ‘Peter F. Müller.’ getaggte Beiträge

Neben Berlin, Hamburg, vielleicht noch Frankfurt, war Köln in den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren die deutsche Verbrechenshochburg: Es gab eine florierende Unterwelt, Prostitution und Drogenkriminalität, die die Polizei auf Trab hielt, aber eben auch auf diese spezielle Kölsche Art provinziell und familiär geprägt war (für ein fiktives Protokoll jener Zeit siehe auch Hofbauers HEISSES PFLASTER KÖLN). Zumindest ist das der Eindruck, der sich bei der Sichtung der knapp 90-minütigen Dokumentation WIR WAREN DAS MILJÖ einstellt, für die Regisseur Peter F. Müller einstige Nachtweltgrößen vom Zuhälter über den Rausschmeißer bis hin zum betuchten Freier „Professor Liebeskummer“, aber auch ehemalige Prostituierte und Polizeibeamte vor die Kamera geholt hat und ihnen eine Plattform bietet, ganz ungefiltert über die damalige Zeit zu reden. Ein bisschen unheimlich ist das zum Teil schon, wie die mittlerweile zu Großvätern gealterten Herrschaften da über ihre damalige Profession reden, ohne jedes Schuldbewusstsein, es war halt so, was will man machen, irgendwie ist man da so reingeschlittert und es war schon eine tolle Zeit. Aber, und das ist dann die Kehrseite, man glaubt es ihnen, und zieht diese intellektuell vielleicht etwas minderbemittelten, aber dann doch auch sehr ehrlich wirkenden Typen heutigen Vertretern der Zunft jederzeit vor. Selbst ihr Gegenspieler, der Kriminalbeamte, der das Casino-Imperium als Undercover-Agent einst zum bröckeln brachte, kann nicht anders, als zu beteuern, dass ein Handschlag im „Miljö“ damals mehr wert war als jeder Vertrag heute. Es ist dann auch vor allem die Naivität, mit der ein paar einfache Jungs damals ein Millionengeschäft aufzogen, ihre Knete für Rolex-Uhren, protzige Autos, Häuser und Pelzmäntel verprassten, das Bargeld in selbstgemauerten Vogelhäuschen im Garten bunkerten, die staunen lässt. Wie erschreckend unprofessionell das alles im Grunde genommen war, wie wenig Weit- und Umsicht die Protagonisten an den Tag legten und ihre Millionenvermögen schlicht verballerten, ohne auch nur einen Gedanken an das Morgen zu verschwenden.

Wahrscheinlich ist es auch das, was bei Sichtung von WIR WAREN DAS MILJÖ ein wenig melancholisch stimmt – auch wenn man immer mal wieder durchblitzt, dass es, etwas anders als von den versammelten Luden mit den putzigen Namen suggeriert, durchaus Opfer gab (die Prostituierte jedenfalls kann keine Goldkettchen mehr zu Schau stellen, anders als ihre einstigen „Arbeitgeber“): Dass hier ein Bild von Verbrechen gezeichnet wird, das noch deutlich mehr mit alten Räuberpistolen und Wildwest-Romantik zu tun hat, als die Nadelstreifen-Gangster von heute, die nicht mehr mit Faust und Klappmesser, sondern mit Taschenrechner und Anwalt aus der Sicherheit „sauberer“ Wirtschaftsbetriebe heraus operieren. Den Männern hier hört man gern zu, könnte ihnen stundenlang zuhören, wie sie da in Kölscher Mundart und mit zigarrenrauchgeschwängerter Stimme in Erinnerungen schwelgen, ihre furchigen, verlebten Gesichter und die kantigen Züge Ausweis eines Lebens, in dem es ordentlich zur Sache ging. Aber man ist ihnen auch ein Stück dankbar dafür, dass sie die Illusion durch das Verschweigen der besonders finsteren Kapitel ihrer Biografie aufrechterhalten. Die Leute, die die damalige Zeit anders in Erinnerung haben als sie hier dargestellt wird, können ihre Sicht der Dinge möglicherweise einfach nur nicht mehr zum Besten geben.

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