Mit ‘Peter Fonda’ getaggte Beiträge

Ein Brite dreht mit spanischem und schweizerischem Geld einen Film über drei traumatisierte Vietnamveteranen: Keine ganz gewöhnliche Konstellation, aber OPEN SEASON ist auch kein ganz gewöhnlicher Film. Für eine Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg, der 1974, als OPEN SEASON entstand, noch nicht beendet war, ist er ziemlich früh und atmosphärisch darüber hinaus näher dran an Vietnam-inspirierten Horrorfilme wie THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE oder natürlich John Boormans DELIVERANCE. Mit beiden teilt er neben dem Setting und der realistischen Darstellung von Gewalt und Bedrohung den weitestgehenden Verzicht auf neunmalkluge Psychologisierung und sonstige Erklärungen. Seine drei Protagonisten kommen nach ihren Erfahrungen in Indochina vom Töten nicht mehr runter, aber mehr noch ist es der ganz normale amerikanische-männliche Größenwahn, der sich bei ihnen Bahn bricht – und der sie auch einst in den Krieg führte.

Gleich zu Beginn wird einem jungen Mädchen gesagt, dass sie mit ihrem Vorwurf, von drei Jungs vergewaltigt worden zu sein, keinen Erfolg haben werde, denn bei den Beschuldigten handele es sich um echte „all American boys“, denen niemand etwas Böses nachsagen werde. Auch wenn OPEN SEASON es niemals expliziert: Aus den drei Vergewaltigern von einst sind die Protagonisten des Films geworden und auch rund zwanzig Jahre später hat sich an ihnen nicht viel geändert. Zwar sind sie mittlerweile erwachsene Männer, mit braven Frauen, hübschen Kindern, verantwortungsvollen Berufen und schönen Häusern, aber noch immer teilen sie dunkle Geheimnisse und Leidenschaften, von denen ihr Umfeld rein gar nichts mitbekommt. Die lüsternen Blicke, die sie für jede attraktive Frau übrig haben, offenbaren ihr entitlement – jede Frau ist für sie potenziell verfügbar -, eine Ruhe- und Rastlosigkeit, der sie längst entwachsen sein müssten, und natürlich ein ungutes Verhältnis zum anderen Geschlecht, dessen Angehörige sie als Jagdgut betrachten, als Trophäen, mit denen man sich schmückt. Und so ist es für die drei Freunde Ken (Peter Fonda), Artie (Richard Lynch) und Greg (John Philipp Law) naheliegend, dass sie eine junge, gutaussehende Frau samt ihrem Freund überwältigen, entführen, auf ihre Blockhütte verschleppen, wo sie regelmäßig ihre Männerwochenenden verbringen, sie quälen, demütigen und schließlich jagen wie Tiere.

Collinson, dessen Werk sehr heterogen ist und der mit OPEN SEASON vielleicht seinen besten Film vorlegte (sein Hammer-Film STRAIGHT ON TILL MORNING könnte ein Konkurrent sein, aber die letzte Sichtung liegt schon zu lang zurück), erzielt große Wirkung durch Distanz und Zurückhaltung. Es gibt keinerlei Gegengewicht zu den drei Chauvi-Ärschen des Films. Bis zum unerwarteten (und ein bisschen Kintopp-mäßigen) Schluss haben sie keinen Gegner, niemanden, der sich wirklich zur Wehr setzte oder sie in ihre Schranken verwiese. Noch nicht einmal das arme Pärchen, das ihnen zum Opfer fällt, fungiert als echter moralischer Kompass: Erst verharren sie in kanickelhafter Passivität, dann schließlich beginnen sie sich selbst zu zerfleischen. Man leidet mit ihnen, aber nicht unbedingt, weil es sich um ausgesprochene Sympathieträger handelt. Ken, Greg und Artie sind natürlich die interessanteren Charaktere und Collinson stürzt den Zuschauer damit in einen aufreibenden Zermürbungskampf: Er stellt die drei in ihrer ganzen Arschlochigkeit aus, die sich in der Enge ihrer Blockhütte voll entfalten kann. Und man hasst diese Typen umso mehr, als man weiß, dass sie zu Hause für echte Traumtypen gehalten werden, für Musterexemplare der Gattung Mann. Wenn sie wenigstens zu ihrem miesen Charakter und ihren Perversionen stehen würden: Stattdessen verstecken sie sich in all ihrer Selbstherrlichkeit hinter der Maske von Biedermännern, lassen diese nur dann fallen, wenn sie sich in Sicherheit wiegen können, unbeobachtet sind und keine Strafen zu befürchten haben. Ich bekomme schon beim Schreiben das kalte Kotzen.

OPEN SEASON ist ein Kind seiner Zeit, in der eine ganze Reihe von solchen Abrechnungen mit den vermeintlich „Normalen“ entstanden, den Zuschauer zum Blick in den Spiegel zwangen und ihm mit Schmackes vors Schienbein traten. OPEN SEASON ist einer der etwas weniger bekannten Vertreter jener Spielart Film, aber er verfehlt seine Wirkung auch heute nicht, was auch den drei Hauptdarstellern zu verdanken ist, die in ihrer Laufbahn nicht immer solche Gelegenheit bekamen, ihr Können unter Beweis zu stellen. Vor allem die Besetzung mit Peter Fonda als Anführer der gutsituierten Dreckschweine ist ein echter Coup: Nur wenige Jahre zuvor in EASY RIDER eines der Gesichter der Gegenkultur, erkennt man hier sehr schön, wie schnell es mit der Herrlichkeit des Sommers der Liebe vorbei war und wie schmerzhaft der Kater danach in der Birne hämmerte.

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Millionär Jason Kincaid (Oliver Reed) wird von Visionen heimgesucht, seit er bei einer Expedition von einer hochaggressiven Schlange gebissen wurde. Während sein Bruder an dem Schlangengift starb, überlebte Kincaid rätselhafterweise und scheint seitdem eine Art telepathischer Verbindung zu dem Tier zu haben. Er lässt es einfangen und nach Amerika bringen, wo er sich Unterstützung des Psychologen Thomas Brasilian (Peter Fonda) geholt hat. Natürlich bricht das Tier aus, weil sich der Anführer eines bizarren Schlangenkults ebenfalls dafür interessiert …

SPASMS (malerischer deutscher Titel: AVANAIDA – TODESBISS DER SATANSVIPER) erschien zu einer Zeit, als die sogenannten „Bubble-Effekte“ groß in Mode waren: Unter eine auf der Haut aufgetragene Latexschicht wurde Luft gepumpt, die die falsche Haut daraufhin lustige Blasen werfen ließ. Zu sehen war der Effekt sehr prominent in Joe Dantes THE HOWLING, aber er kam auch in kleineren Filmen zum Einsatz wie etwa in Philippe Moras THE BEAST WITHIN – oder eben in Fruets SPASMS. Dem putzigen Effekt verdankte SPASMS eine Platzierung auf der Titelseite einer frühen Ausgabe der Fangoria, die nebenan zu sehende Tagline und seine berühmtesten Szenenfotos, die man auch heute noch im Netz finden kann. Explodieren, wie es das Poster verspricht, tut allerdings keiner.

Fruet hat ein paar ganz hübsche Sachen gemacht, etwa den Terrorfilm DEATH WEEKEND, den Vietnam-Heimkehrerfilm SEARCH AND DESTROY, den Backwood-Film TRAPPED oder den originellen Slasher KILLER PARTY, aber trotz der famosen Besetzung und den genannten Splattereffekten ist SPASMS ähnlich öde wie sein missratener Grusler FUNERAL HOME. Es dauert einfach viel zu lang, bis der Film in die Gänge kommt, das Monster sieht man zu spät und der parapsychologische Quark führt nirgendwo hin. Stimmung kommt immer dann auf, wenn die „Satansviper“ zuschlägt: Die begnügt sich nämlich nicht, wie ihre kriechenden Filmkollegen, mit blitzschnellen Einzelbissen, nein, sie heftet sich wie ein blutgieriger Serienmörder an die Fersen ihrer Opfer und wirft sie anschließend durch die Gegend wie ein Profiwrestler mit Tollwut. Das ist schon eine Schau, aber leider auch völlig spannungsarm: Immer, wenn der Film einzuschlafen droht, wird eine unbedeutende oder nur zu diesem Zweck eingeführte Nebenfigur plattgemacht, ohne dass man viel sieht. Erst zum Schluss bekommt man die Schlange in (fast) voller Pracht zu Gesicht und wie es bei Filmen ist, die ihre Hinhaltetaktik überstrapazieren, ist die Enttäuschung groß.

Ich finde es ja grundsätzlich gut, wenn auch solche völlig absurden Filme nicht in offen zur Schau getragener Selbstironie versinken, aber SPASMS hätte eine Prise Humor oder wenigstens Lockerheit definitiv nicht geschadet. Man muss sich das mal vorstellen: Da liegt Oliver Reed festgeschnallt auf einem Untersuchungstisch, heimgesucht von POV-Shots der mörderischen Schlange und wirres Zeug stammelnd, während Psychologe Fonda mit seiner Sonnenbrille danebensteht und was von viral übertragener „extra-sensory perception“ faselt und Fruet behandelt das mit der Ernsthaftigkeit eines Wissenschaftsthrillers. Das muss man auch erst einmal hinbekommen. Ein feister Tierhorrorfilm wäre mir aber lieber gewesen.

Zwei befreundete Pärchen – Roger (Peter Fonda) und Kelly (Lara Parker) sowie Frank (Warren Oates) und Alice (Loretta Swit) – wollen gemeinsam in den Skiurlaub fahren. Dafür haben sie sich das modernste Wohnmobil besorgt, dass es auf dem Markt gibt. Unterwegs beobachten sie einen nächtlichen Ritualmord: Ihnen gelingt die Flucht, aber anschließend lauern ihnen immer wieder Sympathisanten der Sekte auf, die anscheinend das gesamte amerikanische Hinterland unterwandert hat …

Die Geschichte von RACE WITH THE DEVIL ist von berückender Einfachheit und greift auf mehrere bereits etablierte Motive zurück, die munter miteinander vermischt werden. Zu nennen sind natürlich vor allem der Paranoia-Thriller der Marke INVASION OF THE BODY SNATCHERS und mal wieder der Backwood-Horror THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE. Aber Starretts Film ist nicht nur ein Remix des Bekannetn: Mit der langen Verfolgungsjagd, die den Film beschließt, hat er wahrscheinlich seinerseits einen geringen Einfluss auf George Millers späteren MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR genommen. Dass RACE WITH THE DEVIL so gut funktioniert, liegt sicherlich an den beiden sympathischen Hauptdarstellern und der Unaufgeregtheit, mit der Starrett seinen Film zielstrebig runterinszeniert hat, meiner Meinung nach aber mehr noch an etwas anderem: Es ziehen sich lauter kleine Subtexte durch RACE WITH THE DEVIL, die nie wirklich ausformuliert werden, aber dem schnittigen kleinen Thriller Vielschichtigkeit und eine gewisse Tiefe geben.

Da ist zum einen die schon angesprochene Besetzung: Fonda war wenige Jahre zuvor mit EASY RIDER, aber auch mit Filmen wie Cormans THE TRIP zu einer Ikone der Gegenkultur geworden, und auch Warren Oates hatte in Hollywood immer als Outsider gegolten. Starrett spielt in der Gestaltung von Fondas Rolle mit dessen Persona, indem er ihn etwa zum Motorradfahrer und zum coolen Smartass macht, aber eigentlich sind beide gegen den Strich besetzt, wie sie da mit ihren Ehefrauen und einem Wohnmobil durch die Gegend fahren. Man kann das kaum anders als als sarkastischen Kommentar zur Generation der „Blumenkinder“ verstehen, die Mitte der Siebzigerjahre längst wieder in der Realität angekommen waren. Da machten dann die sexuell befreiten Ehefrauen den beiden saufenden Gatten Rührei, während die den schnellst Weg nach Amarillo ausbaldowerten, oder warfen sich abends vielsagende Blicke zu, wenn die Herren der Schöpfung sich beim Austausch alter Jugendgeschichten den Arsch zusoffen – oder freuten sich auch einfach nur darüber, eine Mikrowelle an Bord ihres Luxusvehikels zu haben. Ein bisschen hat mich RACE WITH THE DEVIL an Harold Ramis‘ NATIONAL LAMPOON’S VACATIION erinnert: Wie Familienoberhaupt Clark Griswold sich nach etlichen Katastrophen immer noch weigert, den Familienurlaub einfach abzubrechen, bestehen auch Roger und Frank darauf, nach Amarillo zu fahren, koste es was es wolle. Die Liebe und das Eheglück werden von Starrett nie wirklich hinterfragt, aber die Rollenverteilung spricht für sich: In erster Linie machen die Ehemänner diesen Urlaub für sich, um mal wieder so richtig auf die Kacke hauen zu können. Die Frauen sind gewohnheitsmäßig dabei und stören ja auch nicht weiter. „Ihre Jungs“ haben sich den Spaß ja durchaus verdient. Dass sich die Landbevölkerung die eingebildeten Städter vorknöpft, ist ja nun die Grundbedingung des Backwood-Films, aber bedenkt man, woher Fonda und Oates kamen, kann man auch das kaum anders als als Gag verstehen. Gerade Fonda hätte es nach EASY RIDER ja nun besser wissen müssen …

 

large_edjzjali1v5ps7dcmylt8cpf3dgDamals im Kino hatte Snake Plisskens gehauchtes „Nennen Sie mich Snake!“ schon für Begeisterungsstürme gereicht. Es war für mich, der altersbedingt nicht das Glück hatte, ESCAPE FROM NEW YORK im Kino sehen zu können, eines der schönsten Kinoerlebnisse überhaupt: Die damalige Kritik an ESCAPE FROM L.A. konnte ich zwar irgendwie nachvollziehen, aber gefühlt habe ich etwas anderes. Die gestrige Sichtung des Films auf Blu-ray, auf der er in den schönsten Farben erstrahlt, die famose Kameraarbeit von Gary B. Kibbe und die tolle Setdesigns zum Leuchten bringt, schloss direkt an die Kinoerfahrung von einst an und machte mir schlagartig wieder klar, wie toll dieses Sequel tatsächlich ist. John Carpenter ist damit meines Erachtens etwas ganz Besonderes gelungen: Er hat eine Fortsetzung geschaffen, die der seit dem Original vergangenen Zeit unverkennbar Rechnung trägt, ein Update, das der neuen Epoche angemessen und kein schnödes Retrogedöns ist, aber dabei dennoch vom selben Schrot und Korn. ESCAPE FROM L.A. ist bunter, witziger, bescheuerter und überdrehter als der Vorgänger, aber darunter schlägt immer noch das Herz des liberalen Zynikers, der mit Western aufgewachsen ist und das Genrekino liebt, der Autoritäten gegenüber skeptisch ist und mit dem Underdog mitfiebert.

ESCAPE FROM L.A. stellt inhaltlich eher eine Variation des Vorgängers dar als eine Fortsetzung, aber das Gefühl des „Been there, done that“, das damit einhergeht, unterstreicht noch einmal Carpenters Skeptizismus und Snakes Müdigkeit. Der Antiheld hat einfach nur die Schnauze voll von den immer gleichen Täuschungsmanövern und leeren Politikervrsprechungen. Der angry young man aus dem ersten Teil ist nun ein mit allen Abwassern gewaschener Veteran, seine Mission ein going through the motions. Was ihn am Laufen hält, ist sein Überlebenswille, insofern haben ihn seine Auftraggeber – Stacey Keach in der Lee-van-Cleef-, Cliff Robertson in der Donald-Pleasence-Rolle – genau richtig eingeschätzt, als sie ihm ein tödliche Injektion als Druckmittel verpasst haben. Plissken macht mit, aber eigentlich nur, um zu überleben, und seinen Peinigern am Ende vielleicht doch gepflegt in den Arsch treten zu können. Das Kriegsgebiet ist kein düsteres Loch mehr, sondern ein durch ein Erdbeben vom Rest der USA abgekoppeltes L.A., das nun als Exil für all jene fungiert, die gegen die Moral der neuen Spießernation verstoßen. Was man schon zwischen den Zeilen von ESCAPE FROM NEW YORK herauslesen konnte, das es Drinnen nämlich vielleicht besser ist als Draußen, wird hier zur Gewissheit und von einer Figur, der unglücksseligen Taslima (Valeria Golino), sogar expliziert – kurz bevor sie in der bittersten Szene des Films – einer Schlüsselszene – wie aus dem Nichts erschossen wird. Das L.A. aus Carpenters Film setzt dem spießigen Gottesstaat zwar eine kunterbunte Utopie voller durchgeknallter Individualisten entgegen, unter denen sich auch Hippie-Gottvater Peter Fonda als Surfer auf der Suche nach der ultimativen Welle wohl fühlt, aber die Kehrseite ist eine anarchische Gesellschaft, in der es keinerlei Rücksichtnahme mehr gibt und jedem Impuls nachgegeben wird – zum Beispiel jenem sich chrirgisch bsi zur Unkenttlichkeit zu verstümmeln. Am Ende kommt Plissken zum einzig logischen Schluss, nämlich dem, dass die Menschheit insgesamt keine Rettung verdient hat. Nach den Ereignissen der letzten Monate und Wochen muss man anerkennen, dass Carpenters Film 20 Jahre nach seinem Erscheinen erstaunlich zeitgemäß anmutet. Und dass, wo man ihn damals eigentlich schon zum Start als instantly dated diffamiert hat.

Grund waren nicht zuletzt die mäßig überzeugenden CGI und der Rückgriff Carpenters auf Mittel, die er schon zwanzig Jahre zuvor für sich genutzt hatte. ESCAPE FROM L.A. hat eine geradezu unverschämt dilettantisch animierte U-Boot-Fahrt komplett mit hektisch ins Bild schnappenden Riesenhaien zu bieten, dazu die schon im Original erprobte Ausleuchtung, die jeden Originalschauplatz in eine wunderbar künstlich aussehende Theaterkulisse verwandelt, herrlich übertriebene Matte Paintings und einen Actionshowdown, in dem die Helden an Seilen ins Bild geschwebt kommen und Rabatz machen. Schon erstaunlich dass man das in den Neunzigern, dem Jahrzehnt der Ironie und der bequemen Flucht auf sichere Metaebenen, nicht verstand, dem Film einen billigen Look unterstellte und Carpenters künstlerische Instinkte in Zweifel zog. Natürlich passt das alles wie Arsch auf Eimer und unterscheidet sich vom weithin geliebten Vorgänger nur oberflächlich. Klar, der war das logische Resultat einer Zeit gewesen, in der man sich vor dem Dritte Weltkrieg fürchtete, das unaufhaltsame Ansteigen urbanen Verbrechens beklagte und „No Future“ deklamierte, und dementsprechend düster. Bei ESCAPE FROM L.A. amüsiert man sich hingegen zu Tode: Das sieht etwas bunter aus, aber das Resultat ist dasselbe. Meiner bescheidenen Meinung nach ist dies Carpenters bester Film seit THEY LIVE und damit noch deutlich stärker als der gemeinhin überschätzte IN THE MOUTH OF MADNESS.

 

Nachdem Larry (Peter Fonda) eine Nacht mit Mary (Susan George) verbracht hat, lässt er sie kommentarlos sitzen, um mit seinem Kumpel Deke (Adam Roarke) einen Ramschmarkt auszurauben. Doch den beiden kommt die gehörnte Mary in die Quere und weil keine Zeit für lange Diskussionen bleibt, wird sie kurzerhand mit auf die folgende Flucht genommen. Larry hat die Fähigkeiten, die es braucht, um den Bullen zu entkommen, Deke das nötige Wissen, um Pannen zu beheben, der Polizeifunk hilft, die Schritte der Polizei vorauszuahnen. Nur mit der Besessenheit des Polizeibeamten Franklin (Vic Morrow), der die Jagd leitet, haben beide nicht gerechnet …

Dieser Film stand schon mehrere Jahre bei mir im Schrank rum. Zwei Sichtungsversuche hatte ich wegen Müdigkeit nach kurzer Zeit abgebrochen, im Zuge meines Carsploitation-Tages war es jetzt an der Zeit, ihn endlich zu gucken. Als er vor ein paar Jahren auf DVD erschien, waren es (wenn ich mich recht erinnere) die lobenden Worte Harry Knowles‘ und das knallige DVD-Coverdesign, die mich für den Film einnahmen und zum Kauf verleiteten. Knallig ist der Film, Erwähnung hat er durchaus verdient, dennoch war ich ein bisschen enttäuscht von ihm. Ob das wirklich dem Film anzulasten oder auf eine falsche Erwartung meinerseits zurückzuführen ist, darüber denke ich jetzt seit der Sichtung gestern nach. Eigentlich ist der Film recht hübsch, weil ungewöhnlich innerhalb des bekannten Rahmens: Die Verfolgungsjagd führt nicht über Staatsgrenzen hinweg, sondern spielt sich auf vergleichsweise engem Raum ab, die Dynamik zwischen den drei Protagonisten ist voller Konfliktpotenzial. Es schwelt und brodelt eigentlich die ganze Zeit über, keine Spur von der Kameradschaft unter Gaunern – und auch nicht unter den Polizisten. Die „Freundschaft“ von Larry und Deke ist jeder Herzlichkeit beraubt, mehrfach steht sie kurz davor, umzukippen und die Zickereien zwischen Larry und Mary stellen die Nerven des ruhigen Dekes zusätzlich auf eine harte Geduldsprobe. Wer erwartet, dass die offene Verachtung zwischen dem titelgebenden Pärchen irgendwann in eine romantische Liebe à la Bonnnie & Clyde umschlägt, sieht sich getäuscht: Auf jede kleine Annäherung folgt so sicher wie das Amen in der Kirche der nächste Zoff. Man kann das „Hassliebe“ oder auch schlicht „Beziehungsunfähigkeit“ nennen. Und so wie die Gauner sich nicht einig werden, leistet sich der Polizist Franklin bis zum Schluss ein erbarmungsloses Kompetenzgerangel mit seinem Vorgesetzten, dem ein Scheitern der Jagd gar nicht so ungelegen käme, könnte er dann doch neue Autos und Ausrüstung anfordern.

Diese ungewöhnliche Charakterzeichnung und Figurenkonstellation war aber auch das, was mir gestern ein Problem bereitet hat: Es gibt einfach keine Sympathieträger in DIRTY MARY CRAZY LARRY. Die Härte und Mitleidlosigkeit, mit der Larry und Deke zu Beginn ihren Coup durchziehen, wird auch durch den Verzicht auf körperliche Gewalt nicht wirklich abgemildert und Marys Motiv, sich den beiden anzuschließen, scheint einer unreflektierte Mischung aus Sturheit und Langeweile geschuldet. Peter Fonda spielt seinen Larry mit der von ihm gewohnten Distanziertheit, so als habe er sich nur deshalb dazu herabgelassen, diesen Film mit seiner Präsenz zu adeln, weil er gerade nichts Besseres zu tun hatte (und schon immer mal Susan George bumsen wollte). Man kann sich darüber streiten, ob er mehr als korperliche Anwesenheit in die Wagschale wirft. Seine aufreizende Arroganz war gestern für mich das größte Manko des Films: Vielleicht werde ich ihn beim nächsten Mal aber genau dafür lieben, wer weiß. Die sowieso immer etwas hilflos wirkende Susan George wirkt gleich doppelt allein gelassen und bei Roarke stellt sich die Frage, ob die Gereiztheit Dekes nicht auch die seine ist. Wie gesagt: Das ist alles ziemlich merkwürdig, gerade weil Houghs Film doch sonst so ungemein straight ist. Das Ende lässt immerhin darauf schließen, dass das nicht alles nur ein unglücklicher Zufall gewesen ist und versöhnte mich ein bisschen. Schlecht ist DIRTY MARY CRAZY LARRY auf gar keinen Fall, halt nur anders. Noch mehr als erwartet.

Als ihm der Teufel (Peter Fonda) anbietet, seinen krebskranken Vater im Austausch gegen die eigene Seele zu retten, zögert der Stunt-Motorradfahrer Johnny Blaze keine Sekunde. Sein Vater stirbt jedoch nur einen Tag später bei einem verunglückten Kunstsprung und Johnny muss nun täglich darauf warten, dass der Leibhaftige seine Schulden eintreiben wird. Als des Teufels Sohn, der Dämon Blackheart (Wes Bentley) Jahre später droht, dem Papa Konkurrenz zu machen, ist es dann soweit: Johnny (Nicolas Cage) verwandelt sich auf Geheiß seines Gläubigers in den Ghost Rider, einen skeletalen Dämon, der des nachts auf seinem Motorrad loszieht, um den Willen des Teufels zu erfüllen. Neben allen Belastungen für Leib und Seele kommt Johnny dieses Schicksal auch privat sehr in die Quere, weil er nämlich gerade dabei ist, seine verflossene Jugendliebe Roxanne (Eva Mendes) zurückzugewinnen ….

Zweitsichtung. Wie schon bei EVENT HORIZON kann ich vermelden, dass sich an meiner Einschätzung von Johnsons zweiter Superhelden-Comicverfilmung nach DAREDEVIL nicht viel geändert hat. Und ebenfalls wie bei EVENT HORIZON läuft meine Meinung dem Konsens krass zuwider: Ich finde GHOST RIDER richtig klasse, auch wenn man kaum verleugnen kann, dass der Film nicht so funktioniert, wie sich das potenzielle Publikum das gewünscht haben mag. GHOST RIDER ist in erster Linie eine One-Man-Show für Nicolas Cage, der den Film an sich reißt, ihn mit seinem Megaacting veredelt und mit seinen bescheuerten Einfällen verhindert, dass man seinen Johnny Blaze auch nur annähernd ernst nehmen kann. Er frisst Jelly Beans aus einem Martini-Glas, hat ein Faible für Affendokumentationen, trinkt Kaffee direkt aus der Kanne, um sich für seine Stunts heiß zu machen, post vor dem Spiegel und sondert eine lakonische Dialogzeile nach der anderen ab. Das ist absolut herrlich – und irgendwie auch die richtige Herangehensweise an die Filmadaption einer Comicreihe, die selbst schon kaum mehr als ein pulpiger Witz ist – wenn der auch mit grimmigem Blick erzählt wird.

Allerdings ist nicht ganz klar, ob auch die anderen Beteiligten in on the joke waren. GHOST RIDER versackt im letzten Akt merklich, wenn es darum geht, die Geschichte um die Rebellion Blackhearts zu einem Ende zu bringen: Der Plot kommt über einen besseren Stichwortgeber für Cage kaum hinaus, das blässliche Jüngelchen Wes Bentley kann dem hyperventilierenden Cage nichts, aber auch gar nichts entgegensetzen und Eva Mendes sieht man förmlich an, wie sie in den gemeinsamen Szenen mit dem Cagester verzweifelt auf die Eingebung wartet, wie sie auf sein Spiel passend reagieren kann. Insofern ist der Hauptdarsteller Fluch und Segen zugleich: Ohne ihn wäre GHOST RIDER wohl nur ein guter, aber wenig inspirierter oder gar inspirierender Superheldenfilm geworden, mit ihm dringt er zwar in ungeahnte Camp- und Humor-Dimensionen vor, büßt dabei aber jede erzählerische Funktionalität ein. Wie man zu GHOST RIDER steht, hängt wohl vor allem davon ab, was einem wichtiger ist und ob man verkraften kann, dass die Vorlage hier schon ein Stück der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Ich finde, dass er ein ziemlich großer Spaß und eine willkommene Ausnahmeerscheinung im Comicverfilmungs-Einerlei ist.