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wild-geese-2-movie-poster-1985-1020705728Welche Rückschläge kann ein Film verkraften? Wann ist es sinnvoll, die Reißleine zu ziehen? Fragen, die sich – neben einigen anderen – bei der Betrachtung von WILD GEESE II aufdrängen, der sieben Jahre nach dem überaus erfolgreichen Vorgänger erschien. Richard Burton, der eigentlich für eine Reprise seiner Rolle als Allen Faulkner vorgesehen war, starb kurz vor Drehbeginn, woraufhin eilends Edward Fox als Ersatz verpflichtet wurde. Zeit, das Drehbuch umzuschreiben, gab es indes nicht mehr, und so musste Fox – als Faulkners Bruder Alex – Dialogzeilen sprechen, die eigentlich für Burton geschrieben worden waren. Fox bleibt den ganzen Film ein einziges Irritationsmoment, verfällt immer wieder in eine komische Quäkstimme, die nahelegt, dass er den ganzen Film für eine Komödie hielt, und chargiert, bis der Arzt kommt. Diese Haltung kollidiert nicht nur heftig mit dem Ton des Films, der als eisiger Kalter-Kriegs-Thriller angelegt ist, sondern auch mit dem Spiel von Scott Glenn, der immer noch im unterkühlten, ja geradezu abwesenden Modus „überirdisches Halbgottwesen“ aus Michael Manns THE KEEP agiert und damit jede Form der Identifikation zunichte macht. Diese Atonalität und Taubheit kennzeichnet WILD GEESE II insgesamt und macht aus einem auf dem Papier durchaus interessanten Thriller ein vollkommen unerklärliches Etwas. Peter Hunt kann sich rühmen, mit ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE den vielleicht besten Bond-Film überhaupt gedreht zu haben, aber hier ist ihm wirklich alles entglitten, was einem Regisseur nur entgleiten kann.

Die Story ist an sich schon ein Problem: Ein amerikanischer Medienmann (Robert Webber) engagiert den Söldner John Haddad (Scott Glenn), um den 90-jährigen Nazi Rudolf Hess (Laurence Olivier) aus seinem Gefängnis in Spandau zu befreien, weil er sich von einem Interview Einschaltquotenrekorde verspricht. In Berlin gerät Haddad in den Fokus der dort agierenden Geheimdienste und muss sich gleich an mehreren Fronten verteidigen, bevor er schließlich den großen Coup durchführen kann. Mal ganz davon abgesehen, dass es geschlagene 90 Minuten dauert, bevor die Befreiungsaktion (die zwar recht spannend inszeniert, aber eigentlich kaum der Rede wert ist) endlich losgeht, und man in dem ganzen Spionage- und Konterspionage-Hickhack recht schnell den Überblick verliert, ist ja schon die Hauptmotivation ein echtes Problem. Es wird als geradezu humanistischer Akt dargestellt, den altersschwachen Hess rauszuhauen, dabei taugt er zum einen kaum als ein Opfer, mit dem man mitleiden könnte oder wollte, steht zum anderen keine andere Motivation hinter der Aktion als Profitgeilheit. Die Söldnereinheit um Allen Faulkner mag in THE WILD GEESE naiv gewesen sein, aber Haddad und seine Männer scheinen von der Welt um sie herum rein gar nichts mitzubekommen. Am Ende können sie nur verdutzt aus der Wäsche schauen, wenn Hess ihnen offenbart, dass er nichts anderes wolle, als zurück nach Hause: seine Zelle in Spandau, die er nun seit 40 Jahren bewohnt. Das ist definitiv der beste Moment des Films.

Bis dahin muss man sich wie schon gesagt durch einen mit quälender Geduld erzählten Agententhriller quälen, der nie die anvisierte Wirkung entfaltet. Alle Schauspieler agieren, als seien sie zu Tode gelangweilt, schlecht gelaunt, auf Drogen oder aber als wüssten sie gar nicht, in was für einem Film sie mitspielen. Edward Fox an eine Parodie grenzendes Overacting erwähnte ich schon, genauso wie Glenns Underacting, gegen das Steve McQueen als heißblütiger Italiener durchgeht, aber Barbara Carrera steht den beiden in nichts nach. Die Liebesgeschichte, die sich zwischen ihr und Haddad anbahnt, braucht kein Mensch, vor allem nicht, wenn sie in einer Liebesszene kulminiert, in der sie ein Laken um ihren Körper geschlungen hat. Sehr bizarr ist auch ein Subplot um einen IRA-Terroristen (Derek Thompson), der aus völlig unerfindlichen Gründen in das Kommando von Haddad aufgenommen wird und als Rassist eine ähnliche Rolle wie Hardy Krüger im Vorgänger einnehmen soll. In einer sadistischen Szene verabreicht dieses Arschloch, mit dem wirklich niemand zusammenarbeiten will – ideale Voraussetzungen für eine High-Risk-Operation –, dem unter einem Malaria-Anfall leidenden Faulkner Drogen und ergötzt sich dann an dessen Fieberwahn. Später beleidigt er den britischen Ausbilder, wofür der ihm kurzerhand in die Kniescheiben und dann in den Kopf schießt. Diese krasse Überreaktion wird von den anderen noch nicht einmal mit einem Schulterzucken quittiert, man geht einfach zur Tagesordnung über. Wie soll man als Zuschauer irgendwas empfinden, wenn schon den Charakteren alles scheißegal ist?

Als filmischer Gruß aus einer fremden Dimension, einer, in der Menschen keine Gefühle haben und sich komplett widersinnig verhalten, ist WILD GEESE II zwar irgendwie sehenswert, leider macht ihn das aber kaum weniger langweilig. Es ist so schade um die vergeudeten Ressourcen: Das Lokalkolorit des Achtzigerjahre-Westberlins ist mit Gold kaum aufzuwiegen, die Prämisse ist wunderbar grell und abseitig, die Besetzung zumindest nominell gut (Ingrid Pitt agiert wie Patrick Stewart in einer Nebenrolle). Wollte man seine Ehre retten, könnte man diese eisige, misanthropische, fast schon tote Atmosphäre, die von dem Film ausgeht, als charakteristisch für seine Zeit bewerten, aber ich fürchte, man erwiese WILD GEESE II damit zu viel der Ehre. Was immer den Verantwortlichen hier vorschwebte: Es hat nicht funktioniert.

On Her Majesty's Secret Service (1969)In meinem Text zu YOU ONLY LIVE TWICE schrieb ich, der Film suggeriere im Titel und in seiner sich zart anbahnenden Liebesgeschichte zwischen Bond und seiner Tarn-Gattin Kissy ein mögliches anderes Leben für seinen Helden, ein Leben außerhalb des Geheimdienstes, als Liebhaber, Ehemann, vielleicht Vater. ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE legt nahe, dass das auch den Verantwortlichen nicht verborgen geblieben ist, denn Peter Hunt verfolgt diese Linie mit seinem Film konsequent weiter und liefert seinerseits eine Utopie ab: Ein letztes Mal scheint in einem Bondfilm alles möglich, meint man, die vorangegangenen fünf Filme könnten nur die Exposition für etwas Größeres sein, etwas, dessen genauen Umrisse man noch nicht zu erkennen in der Lage ist, offenbart die Figur des Geheimagenten mit der Lizenz zum Töten ungeahnte Tiefen, deutet sich eine Zukunft an, die deutlich schwierigere Herausforderungen bereithält als die Auseinandersetzung mit in letzter Konsequenz austauschbaren Megalomaniacs. Leider kam alles anders. Und die Strategie der Produzenten, diesen Film als Ausrutscher darzustellen, der aufgrund seines unfähigen Hauptdarstellers zum Scheitern verdammt war, ist ja durchaus aufgegangen. Dabei muss jeder, der Augen im Kopf und seine fünf Sinne beisammen hat, doch merken, dass ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE schlicht wunderschön ist, ein Gedicht, vielleicht der einzige Bond, der wirklich emotional nachhallt, und ja, vielleicht tatsächlich der beste Film der Reihe. Und Lazenby? Natürlich muss der neben dem natürlichen Charismas Connerys etwas blass wirken, aber tatsächlich schadet das der Rolle überhaupt nicht, akzentuiert viel eher ihre Normalität und Verwundbarkeit, die für diesen Film so wichtig ist. Lazenbys Darbietung – er interpretiert Bond mit juveniler Arroganz als etwas jungemhaft wirkenden Emporkömmling – ist keineswegs schlecht, und dass er heute in erster Linie als Treppenwitz der Geschichte gehandelt wird, ist eine der großen Ungerechtigkeiten der Filmgeschichte (die er durch einen mit dem Engagement einhergehenden Größenwahn möglicherweise mitverschuldet hat).

Schon die Auftaktszene ist reine Verführung: Bond erblickt an einem nächtlichen Strand eine schöne Frau (er scheint sie verfolgt zu haben), die drauf und dran ist, sich zu ertränken. Er zieht sie aus dem Wasser, wird dann aber von ein paar Schlägern überfallen. Er kann sie bezwingen, doch da ist die Frau bereits wieder mit ihrem Wagen abgerauscht, nur ihre Slipper hat sie zurückgelassen. Bond hebt sie auf, und schlendert dann hinein in die stilisierte Titlesequenz. Reine Perfektion. Da ist aber noch etwas, das zunächst etwas verstört: Als der Lazenby-Bond der Frau hinterherblickt, gibt er den selbstreflexiven Kommentar „That never happened to the other fella“ ab, damit natürlich auf den Connery-Bond anspielend und den Schauspielerwechsel offensiv ansprechend, die vierte Wand durchbrechend. ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE hat einige weitere solche Momente, die dem Film den Charakter eines Zwischenfazits geben, aber auch die Unsicherheit greifbar machen, die nach dem Verlust Connerys unweigerlich vorherrschte: Während der Titlesequenz sieht man Bilder der Bond-Girls aus den vorangegangenen Filmen, später pfeift ein Statist die Melodie von GOLDFINGER und als Bond seine Kündigung einreicht und seinen Schreibtisch durchsucht, stößt er dabei auf aus den Vorgängern bekannte Requisiten. All diese kleinen Momente waren nicht gerade dazu geeignet, Lazenbys Status zu stärken. Beim Zuschauer musste das als Eingeständnis ankommen, mit dem Australier eine ungeliebte Notlösung an Bord geholt zu haben, die mit Connery nicht mithalten konnte. Für den unvoreingenommenen Zuschauer spielt das freilich keine Rolle, denn Stammautor Richard Maibaum liefert ein vor Ideen nur so übersprudelndes Drehbuch ab, entwickelt das Franchise in völlig neue Richtungen, die es durchaus fraglich erscheinen lassen, ob das mit Connery funktioniert hätte.

Zwei Geschichten laufen parallel ab: Zum einen Bonds Suche nach Blofeld (Telly Savalas), die nach zwei Jahren ohne Erfolg stagniert, zum anderen eine Liebesgeschichte, die mit Bonds Entfremdung von seinem Job einhergeht. Bond wird von dem Fall Blofeld abgezogen, reicht seine Kündigung ein, bekommt stattdessen Urlaub. Während dieser Zeit nimmt er die Verbindung zu der Frau vom Strand auf, der verführerischen Tracy (Diana Rigg), Tochter des Bauunternehmers Draco (Gabriele Ferzetti), der selbst Beziehungen zum organisierten Verbrechen unterhält und auch Blofeld zu kennen vorgibt. Zwischen Bond und Tracy entspinnt sich völlig unabhängig von den sich eröffnenden Möglichkeiten eine Liebesgeschichte, die Draco mit Wohlwollen beobachtet. Seine labile, suizidale Tochter benötigt seiner Meinung nach einen Mann, der sie „dominiert“ und sie so zur Vernunft bringt. Bonds Ja-Wort ist ihm eine satte Million wert, doch zunächst hat Bond es auf Blofeld abgesehen. Wie Maibaum diese beiden Geschichte nebeneinander aufbaut, ist meisterhaft, weil er beide Stränge voll entwickelt, schließlich kreuzt und parallel zu einem niederschmetternden Ende führt. Die Liebe zu Tracy, die im Mittelteil des Films ganz verschwindet, schwebt auch über Bonds Mission, wenn er sich in Blofelds „Klinik“ in den Alpen inmitten einer Schar attraktiver Patientinnen wiederfindet, aber dabei so ungewohnt zurückhaltend bleibt, dass man ihn für homosexuell hält. Wenn Tracy dann unerwartet wieder auftaucht und beide zusammen in eine wilde Verfolgungsjagd verwickelt werden, bekommt ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE etwas entschieden BONNIE & CLYDE-eskes: Das Adrenalin pumpt nur so und die sonst eher grimmige Action wirkt geradezu befreiend, wie ein Taumel der überschäumenden Emotionen. Eine kurze Pause in einer eingeschneiten Scheune bietet Raum für entfesselte Poesie und eine herrliche Weichzeichner-Vignette, bei der Riggs blutrote Lippen und der Kragen ihres Pelzmantel im Gegenlicht zu einer Sonne der Verheißung verschmelzen. Das ist Liebe, da auf der Leinwand.

Der Blofeld-Strang ist wesentlich stringenter entwickelt als sonstige Bond-Plots, bekommt durch Savalas‘ kantigen Machismo zudem eine Körperlichkeit, die in YOU ONLY LIVE TWICE mit dem schwächlich-neurotischen Pleasence-Blofeld ganz abwesend war. Die Bedrohung für die Doppelnull ist hier sehr viel greifbarer als jemals zuvor: Zwar verfolgt Blofeld auch hier wieder einen bizarren Weltbeherrschungsplan – die unter seiner Kontrolle stehenden Patientinnen werden mit einem biologischen Kampfstoff in die Welt entlassen, wo sie auf ihre Aktivierung warten –, aber der ist eigentlich ein klassischer red herring. Es geht um Bonds Überleben, simple as that. Zum ersten Mal in der Reihe hat er etwas zu verlieren, zum ersten Mal einen Gegner, der es mit bedrohlichem Fanatismus nur auf sein Leben abgesehen hat – Blofeld wirft sich hier in den von Willy Bogner choreografierten Ski-Verfolgungsjagden sogar selbst ins Gefecht. Aber Hunt betreibt nicht bloß eine materialistische Vereindeutigung bisheriger Bond-Muster: Wenn Blofelds donnernde Stimme per Lautsprecher in die Gemächer seiner Patientinnen dringt, sie mit Sätzen wie I’ve taught you to love chickens, to love their flesh, their voice.“, dann fühlt man sich in ein ganz anderes filmisches Universum versetzt. Grandios auch die Dinnerszene, in der die stakkatohafte Montage die nach strenger Quote aus allen Erdteilen rekrutierten Frauen bei ihrem Abendessen einfängt, das für jede aus genau einem Lebensmittel besteht, dem sie sich nun mit beinahe erotischer Hingabe widmen. ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE ist gleichermaßen off (oder far out, wie es das Plakat nennt) wie er auf emotionaler Ebene klar und eindeutig ist.

Das Ende ist einfach niederschmetternd: Bond ehelicht seine Tracy, träumt mit ihr auf einer mediterranen Küstenstraße von der Zukunft, als Blofeld anrauscht und das Feuer auf den Wagen eröffnet und Bonds Gattin tötet. Ein weinender Bond hält den leblosen Körper in den Armen, den eintreffenden Motorradpolizisten besänftigend, dass „alles in Ordnung“ sei. Der Film endet mit einer Großaufnahme des Einschusslochs in der Frontscheibe des Wagens. Dass dieses Ende im zwei Jahre später wieder mit Connery entstandene DIAMONDS ARE FOREVER komplett ignoriert wurde, ist eines der tragischen Versäumnisse der Reihe. Man kann heute nur davon träumen, was für Filme um einen ausgebrannten, manisch depressiven, hasserfüllten Bond stattdessen hätten entstehen können, welchen Weg die Reihe genommen hätte, hätte man die Vermenschlichung des Helden konsequent weiterverfolgt. Stattdessen bewegte man sich in die exakt entgegengesetzte Richtung, schlug mit der Moore-Ära den Weg zum effektreichen Kintopp ein. Vielleicht ist es aber auch gut so: Der Status von Hunts ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE als bizarres Unikat wird so in alle Ewigkeit bestehen bleiben. Die Wucht, mit der sein Finale ins Herz trifft, muss man allein verarbeiten. Da kommt nichts mehr. Der Schmerz bleibt.

Kanada 1931: Der Einzelgänger Albert Johnson (Charles Bronson) legt sich mit einigen Siedlern an, die ihm danach eins auswischen wollen. Der Streit eskaliert, es gibt Verletzte und weiteres böses Blut. Wenig später klopft Mountie Sergeant Millen (Lee Marvin) an Johnsons Tür, um den Mann festzunehmen, doch der weigert sich, nachzugeben und flieht nach einem Schussgefecht in die Berge. Ihm auf den Fersen sind Millen und seine Leute, aber auch ein blutgieriger Lynchmob, angestachelt durch ein Kopfgeld …

Der beste Bronson-Film seit Don Siegels TELEFON gewinnt mit der großartigen Idee, seinen Hauptdarsteller zu einem über weite Strecken schweigsamen und unsichtbaren Phantom zu machen. Hier ist sie wieder, die mysteriöse Aura gepaart mit jenem verletzlichen, menschlichen Kern, die Bronson in seinen frühen Erfolgen C’ERA UNA VOLTA IL WEST, ADIEU L’AMI und LE PASSAGER DE LA PLUIE, aber auch etwa in CHATO’S LAND und VALDEZ, IL MEZZOSANGUE unverwechselbar gemacht hatten, ab Mitte der Siebzigerjahre aber von einer trivialeren Tough-Guy-Persona abgelöst worden waren. Johnson ist ein Mann klarer Prinzipien und auch wenn ihm im Laufe des Films mehrere Menschen zum Opfer fallen, ist er kein gewalttätiger Mensch: Die ganze Geschichte beginnt damit, dass er einen von den Siedlern veranstalteten Hundekampf unterbindet, den unterliegenden Hund rettet und danach wieder gesundpflegt. In völliger Passivität verschanzt er sich in seiner Hütte, doch immer wieder wird er provoziert und dazu gezwungen, sich zu verteidigen. Bis ihm schließlich nichts mehr anderes übrig bleibt, als zu töten, um nicht getötet zu werden. Dieser Johnson will sein Leben inmitten der Gesellschaft der anderen leben, doch das wird ihm nicht mehr gestattet. Das Ende suggeriert, dass Johnson nicht nur jener einen Siedlung entflieht, sondern der menschlichen Gesellschaft überhaupt. Bronson überzeugt, obwohl er kaum mehr als sein zerfurchtes Gesicht und seine Körperhaltung einzusetzen hat. Seine Dialogzeilen lassen sich an zwei Händen abzählen, über weite Strecken ist er in dicker Pelzkleidung verborgen. Trotzdem hat er hier eine unglaubliche Präsenz und schafft es, eine komplexe Persönlichkeit hinter der stoischen Fassade anzudeuten. Ohne große Monologe, einfach nur mit seinem Blick, ringt er dem Zuschauer das Mitgefühl ab.

Johnson gegenüber steht Millen. Beide sind, wie so oft in diesen Filmen, Seelenverwandte. Und ihr Zweikampf wird dann auch fast zu einem sportlichen Kräftemessen. Millen will diesen Johnson vor allem deshalb stellen, weil er es nach seinen Worten „verdient hat“. Er hat es verdient, nicht von einem blutgierigen Säufer für ein paar Dollar weggeballert zu werden oder von einem skrupellosen Soldaten aus sicherer Entfernung aus dem Flugzeug heraus, sondern in einem fairen Kampf zwischen zwei Männern, die die gleichen Prinzipien vertreten, bezwungen zu werden. Millen bewundert Johnson: Vielleicht auch deshalb, weil er es nicht geschafft hat, ein solch kompromissloses Leben zu führen, sondern sich als Mountie ausgerechnet dem Staat untergeordnet hat. Millen ist ein geselliger Typ: Mit seinen Freunden scherzt er, trinkt und spielt Karten. Aber er hadert mit der Menschheit, der sich Johnson längst entzogen hat. Wenn er den Flüchtigen am Ende ziehen lässt, ihm hinterherblickt, liegt etwas Sehnsüchtiges in seinem Blick. Während er Kompromisse macht, Tag für Tag, da geht der andere unbeirrt seinen Weg, auch wenn es kein Ziel gibt.

Der dritte Hauptdarsteller des Films ist natürlich die umwerfende Landschaft. DEATH HUNT wurde in Kanada und New Mexico gedreht und die Dreharbeiten dürften ziemlich anstrengend gewesen sein. Bronson und Marvin waren beide bereits um die 60 und leisten Beachtliches, Double hin oder her. Für Actionfilm-Historiker sind die Parallelen zwischen diesem Film und Ted Kotcheffs wenig später gedrehten Superhit FIRST BLOOD augenfällig, aber auch Anklänge an Bronsons eigenen CHATO’S LAND erkennt man. Andrew Stevens, der hier den grünschnäbeligen Mountie Alvin spielt und von Millen jegliche Illusionen über den Job ausgetrieben bekommt, sollte in 10 TO MIDNIGHT eine ganz ähnliche Rolle spielen: Lee Marvins Part übernahm dort … Charles Bronson.

Jay Killion (Charles Bronson), Secret-Service-Veteran und seit Jahren für die Sicherheit des Präsidenten und seiner Gattin verantwortlich, wird anlässlich des Amtsantritts des neuen Präsidenten beauftragt, dessen ausgesprochen störrische Ehefrau Lara Royce Craig (Jill Ireland) zu beschützen. Diese ist dann auch schon nach kurzer Zeit auf Konfrontationskurs mit Killion. Erst als dieser mehrere mutmaßliche Attentate auf die Dame abwehrt, kommt sie zu der Einsicht, dass ihr jemand nach dem Leben trachtet. Zusammen begeben sich die beiden auf eine Flucht quer durch die USA und unterwegs erhärtet sich der Verdacht, dass der Mordauftrag direkt aus dem Weißen Haus kommt …

assassination1Bronson blüht in ASSASSINATION ähnlich auf wie in Thompsons ein Jahr später entstandenem MESSENGER OF DEATH: Man merkt ihm an, dass es ihm Spaß bereitet hat, aus dem festgefahrenen Rächerimage, dass ihm die Cannon auf den Leib geschneidert hatte, auszubrechen und eine Figur zu spielen, die zum einen wenigstens annähernd seinem damaligen Alter entsprach, zum anderen auch schauspielerisch etwas mehr bot, als mit grimmigem Gesicht Bösewichter wegzupusten. Na klar, man muss sich immer noch ziemlich strecken, um zu akzeptieren, dass ein 66-Jähriger für den Schutz der Frau an der Seite des wichtigsten Mannes des Landes verantwortlich sein soll, aber gegenüber dem nachtaktiven Vigilanten, der ganze Horden von Straftätern allein aus dem Weg räumt, ist das schon ein deutlicher Schritt Richtung Authentizitätsbemühung – und der Plan geht auf, weil Bronson auch hier körperlich noch beeindruckend frisch wirkt. Die Verschwörungsplotte bemüht gleichermaßen Elemente des Politthrillers, des Road Movies und – weniger offensichtlich, aber umso erfrischender – der Screwball-Komödie. Dessen definierenden Elemente – der Standesunterschied zwischen den Protagonisten, der an das Hin-und-Her beim Tauziehen erinnernde Schlagabtausch der beiden, bei dem mal der eine, mal der andere die Oberhand hat, das Hinauszögern des erlösenden Happy Ends, das doch von Beginn an als Gewissheit die Erwartungen bestimmt, sowie die die zwischenmenschliche Dynamik widerspiegelnde Rasanz – lassen sich allesamt in ASSASSINATION wiederfinden. Letztlich fehlt es ASSASSINATION aber am letzten Schritt – Bronson Filmpersona mit der Präsidentengattin zu veruppeln, wäre wohl ein zu harter Bruch gewesen – und so bleibt Regisseur Hunt in für Bronson-Fans halbwegs vertrauten Gefilden. Allerdings brauchte er den romantischen Aspekt seiner Geschichte auch gar nicht zu betonen, weil allein das Zusammenspiel seiner Stars, die zum damaligen Zeitpunkt bereits seit fast zwei Jahrzehnten miteinander verheiratet waren, beim Zuschauer die Ahnung schürt, dass da etwas im Busch ist: Eine Tatsache, die Hunt schlau genug ist, für sich zu nutzen.

Und wo wir schon bei Hunt sind: Der verdiente sich seine Sporen vor allem als Editor und Second Unit Director bei diversen Bond-Filmen, bevor er ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE selbst inszenieren durfte. Diese Herkunft merkt man auch ASSASSINATION an. Die Bond-Regisseure arbeiteten ja immer im Schatten bzw. im Dienste des Franchises, eine eigene künstlerische Vision war weder gewünscht noch gefordert. Schaut man sich die Riege der Bond-Regisseure an, so findet sich dort dann auch kaum jemand, der über den Status des guten Handwerkers hinausgekommen wäre bzw. auf eine beachtliche Karriere Post-Bond zurückblicken könnte. Zum ganz großen Wurf fehlte ASSASSINATION dementsprechend nicht nur das entsprechend ganz große Budget, sondern auch das gewisse inszenatorische Etwas. Hunt arbeitet solide, zweckdienlich und sehr geradeaus, setzt humorige Ausbrüche ebenso dosiert ein wie Actionszenen und liefert so am Ende einen Film ab, der zwar immer gefällig und amüsant ist, aber darüber nicht wirklich hinauskommt. Hier und da blitzt etwas auf, dass ein ambitionierterer Mann aufgegriffen und vertieft hätte, aber Hunt ging es eben um etwas anderes. Man darf durchaus argumentieren, dass ASSASSINATION, der seine Geschichte auf eine sympathisch unmoderne Art und Weise erzählt, mit seinem Stil eine adäquate Umsetzung erfahren hat. Gute Unterhaltung, nicht mehr, aber auf gar keinen Fall weniger.