Mit ‘Peter Macdonald’ getaggte Beiträge

Ich weiß nicht genau, wie ich darauf komme, aber bei mir hat sich irgendwie die Idee festgesetzt, LEGIONNAIRE sei eine Herzensangelegenheit Van Dammes gewesen. Ich konnte nirgendwo Hinweise finden, die diese These stützen würden, aber mir erscheint das einfach zu verführerisch: Bereits 1990 hatte er mit A.W.O.L. einen kurzen Ausflug in die Fremdenlegion unternommen, und die Romantik, mit der Pulpliteratur und Exploitationfilm die französische Institution schon immer aufgeladen haben, schienen auch ideal zu Van Dammes Leinwandpersona zu passen. Auch wenn man ihn oft in die Rolle des smarten pretty boy mit den stählernen Fäusten stecken wollte, am wohlsten fühlte er sich immer, wenn er den heimatlosen loner auf der erfolglosen Suche nach einer Heimat spielen durfte. Die Vermutung, dass Van Damme mit seiner eigenen Filmografie durchaus im Clinch lag, drängt sich auf, wenn man seine einzige Regiearbeit betrachtet: THE QUEST war ein lupenreiner Abenteuerfilm, der 1996, dem Jahr, in dem er erschien, hoffnungslos aus der Zeit gefallen war und demnach fulminant floppte. Das gilt auch für LEGIONNAIRE: Direkt im Anschluss an die Renaissance, die ihm die Hongkong-Regisseure Tsui Hark und Ringo Lam mit MAXIMUM RISK, DOUBLE TEAM und KNOCK OFF beschert hatten, kam dieser durchaus ambitioniert produzierte Film ganz ohne Martial-Arts-Fights, dafür mit viel Pathos, eindrucksvollen Bildern endloser Weite und dem Charme alter Wüstenepen daher. So wie ich, der ich beim vorfreudigen Einlegen des ausgeliehenden NTSC-Tapes blutige Handkantenaction und rasante Shoot-outs erwartete, massiv enttäuscht wurde, ging es wohl auch dem Verleih, der daraufhin beschloss, LEGIONNAIRE nicht auf die große Leinwand zu bringen – wo seine Bilder eigentlich hingehörten –, sondern gleich via Pay-TV und Video zu verwerten. Es war ein Schlag, von dem sich Van Dammes Karriere zumindest in kommerzieller Hinsicht nicht mehr wirklich erholte.

Wer LEGIONNAIRE aber aufgeschlossen begegnet, der wird möglicherweise eine Überraschung erleben. Peter MacDonald, der mit RAMBO III einen der letzten großen, handgemachten Actioner drehte, erzählt seine in den 1920er-Jahren angesiedelte Geschichte in opulenten, patinabelegten Bildern. Es geht um den Pariser Boxchampion Alain Lefevre (Jean-Claude Van Damme), der sich in die Fremdenlegion flieht, als er den schurkischen Boxpromoter Galgani (Jim Carter) hintergeht und um sein Leben fürchten muss. Zurück lässt er auch seine einstige Geliebte, die sich mittlerweile ebenfalls in den Fängen des Ganoven befindet. In der Legion findet er Freunde in dem quirligen Italiener Guido (Daniel Caltagirone), dem hünenhaften Schwarzen Luther (Adewale Akinnuoye-Agbaje) und dem Briten Mackintosh (Nicholas Farrell), doch der brutale Sergeant Steinkampf (Steven Berkoff) zerstört mit eiserne Härte jeden Anflug von Frohsinn. Als Alain für einen Pressebericht fotografiert wird, bekommt Galgani Wind von seinem Aufenthaltsort und schickt seine beiden Killer nach Afrika. Doch just in dem Moment, in dem Alain seine Strafe erhalten soll, wird die Fremdenlegion von einem Wüstenstamm angegriffen …

Erzählerisch ist LEGIONNAIRE durchaus ausbaufähig: Vieles bleibt uneingelöstes Versprechen, das Figureninventar ist hochgradig klischeebeladen und wenn der Film nach 95 Minuten endet, hat man nicht das Gefühl, dass wirklich ein „Abschluss“ erreicht wurde. Letzteres kann man durchaus als Stärke begreifen. MacDonald vermeidet die Ideologiefalle, indem er seinem Legionär den großen Triumph verwehrt, ihm lediglich das Überleben schenkt, das allein mitten in der Wüste allerdings nicht viel wert ist. Was bleibt ist die Erinnerung an die Verflossene, die sich als schemenhafte Überblendung über das Bild legt, bevor sie Alain mit seinem Schciksal allein lässt. Eigentlich erzählt LEGIONNAIRE überhaupt keine Geschichte, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass da eine Entwicklung nachgezeichnet würde. Wir begleiten Alain für ein Stück seines Wegs, dann lassen wir ihn wieder allein, und das im Moment der eigentlich größten Krise. Was der eine als dramaturgischen Totalausfall bezeichnen mag, mag der andere als besonders wirkungsvollen Kniff betrachten. Egal wie man selbst das sieht, dass das Ende nachhallt, daran besteht wohl kaum ein Zweifel. Auf visueller Ebene und besonders in der explosiven Inszenierung der Actionszenen überzeugt LEGIONNAIRE hingegen vollends: Der ausgedehnte Showdown in der verfallenen Wüstenfestung liefert ein unaufhörliches Bombardement spektakulärer Explosionen, der Kontrast von stahlblauem Himmel, braunem Wüstenboden und lodernder Feuersbrunst wird von Kameramann Douglas Milsome immens effektvoll eingefangen. Dieser Kampf der Legionäre gegen den Chiffre bleibenden Wüstenstamm in einem unwirtlichen Niemandsland erhält so auch eine mystische, unwirkliche Note, die den reinen Materialismus des Films unterläuft und meine Eingangsthese, LEGIONNAIRE sei so eine Art Evangelium nach Jean-Claude, unterstreicht.

Nur drei Jahre nach dem bahnbrechenden RAMBO: FIRST BLOOD PART II entstanden, war die Welt im Jahr 1988 doch bereits eine andere. Die Annäherung der vormals verfeindeten Blöcke hatte begonnen (mit bekanntem Ausgang) und der Rückzug der russischen Armee aus Afghanistan war schon eingeleitet. Als RAMBO III ins Kino kam, da hinkte er der Realität einige Schritte hinterher, was wohl auch angesichts der Größe der Produktion für schadenfrohe Kommentare unter denen sorgte, die Stallone für einen Scharlatan, seine Erfolgsserie für ein Ärgernis hielten. Aber noch etwas war zwischen 1985 und 1988 passiert: Mit LETHAL WEAPON hatte Richard Donner einen Actionhit gelandet, in dem die Gewalt mit wohldosiertem Humor aufgebrochen und so „goutierbar“ gemacht worden war. Die Geburtsstunde des familienfreundlichen Actionfilms, wie er sich bis heute etabliert hat. Diesen neuen Einfluss merkt man auch RAMBO III überdeutlich an: Dem einst so schweigsamen, verschlossen Soldaten entfleucht nun der ein oder andere trockene One-Liner, sein Mentor Trautman – in FIRST BLOOD noch ein steifer, ausgesprochen ambivalenter, wenn nicht gar unsympathischer Charakter – hat sich nun vollends in den väterlichen Freund verwandelt, der mit seinem Schützling auch dann noch Witzchen macht, wenn beide sich einer Übermacht feindlich gesonnener Russen gegenübersehen. Auch wenn Macdonald noch einmal eine beispiellose Materialschlacht abliefert, noch einmal gemordet und gemeuchelt wird, dass es nur so kracht: Die Schwere des Vorgängers geht seinem Film weitestgehend ab.

Es schleicht sich ein seltsamer Sentimentalismus in den Film, Rambo – im ersten Teil noch tief gespalten zwischen dem maschinenhaft funktionierenden Soldaten und dem Menschen, der da stumm im Inneren des aufgepumpten Körpers lauert – verwandelt sich hier beinahe in einen Träumer und Romantiker. Ausgerechnet für Trautman verlässt er hier sein Exil, für den Mann, der doch die Verantwortung für sein Dilemma trägt und ihn im Vorgänger tief in die Scheiße geritten hatte. „Er würde es auch für mich tun“, sagt er, aber es bleibt unklar, ob er sich da wirklich so sicher ist. Jede politische Dimension des Stoffes tritt weit in den Hintergrund, stattdessen wird die Frage gestellt, die dann auch im vierten Teil noch im Raum steht: „When do you come full circle?“ Wann wird Rambo akzeptieren, dass er eine Kampfmaschine ist, wann wird er aufhören, wegzurennen und seine Rolle annehmen? Diesmal hat es ihn nach Thailand verschlagen, wo er Mönchen bei den Arbeiten im Kloster hilft, mit Stockkämpfen Geld für sie verdient. Er scheint sich wohl zu fühlen dort, es gefällt ihm, wie er sagt, aber seinen Frieden hat er noch nicht gefunden: Dass da immer noch der Krieger in ihm schlummert, der darauf wartet, von der Kette gelassen zu werden, sieht man in seinem Stockkampf, wenn er sich nur mit größter Anstrengung zurückhalten kann, seinen am Boden liegenden Rivalen totzuschlagen. Der Mann der Tat ist zum Haderer geworden, der sich selbst nicht mehr vertraut und seine Instinkte vollkommen unterdrückt.

Die Reise nach Afghanistan, wo er seinen Mentor aus den Fängen der Russen befreien will, wird für ihn zu einer Art Selbstfindungsseminar. Wenn er kraftlos und schweren Schrittes durch die Trümmer der Siedlung läuft, die die Russen eben angegriffen haben, dann scheint diese Haltung nicht zuletzt der Selbsterkenntnis geschuldet: Das hier ist meine Realität. Es hat keinen Sinn, das zu leugnen. Und so läuft er dann noch einmal zur Höchstform auf, schaltet fast im Alleingang eine ganze Armee aus, befreit Trautman, wird zum afghanischen Volkshelden, über den man sich wahrscheinlich bald ähnlich blumige Legenden erzählt, wie er sie zu Beginn von seinem Führer zu hören bekommt. Am Ende steht er sogar kurz davor, bei den Mujaheddin zu bleiben, deren Tapferkeit und Unerschrockenheit ihn so beeindruckt hat. Es ist nicht ganz klar, warum er ihre Einladung ablehnt: Weil das auch nur wieder eine Flucht wäre oder weil er weiß, dass er sich nun endlich seinem Kampf widmen muss? Vor allem scheint seine Entscheidung der Konvention geschuldet: Am Ende muss der Held weiterziehen, einsam in den Sonnenuntergang reiten.

RAMBO III ist vielleicht der Schlusspunkt des Achtzigerjahre-Actionkinos. Noch einmal war fast alles so wie vorher. Zwar zeichnete sich auch an ihm bereits der bevorstehende Wandel ab, doch bestimmten diese noch nicht das Bild. Das führt dazu, dass Macdonalds Film zwischen dem grimmigen zweiten und dem ultrabrutalen vierten Teil fast leicht anmutet. Merkwürdig für eine Gewaltoper, die der Film ja trotz allem ist. Dieser zwiespältige Charakter hat die Menschen auch hierzulande verwirrt: Nachdem man RAMBO III erst das Prädikat „Besonders wertvoll“ verliehen hatte, landete er dann doch noch auf dem Index.

EDIT: Da ich meinem letzten Text zu RAMBO, dem vierten Teil von 2008, kaum etwas hinzuzufügen habe, belasse ich es an dieser Stelle bei dem Link.