Mit ‘Peter O’Toole’ getaggte Beiträge

Es ist mal wieder Zeit für einen Megaflop: Produzent Ilya Salkind hatte große Pläne mit seinem SUPERMAN-Franchise und nach drei erfolgreichen Filmen stand ihm der Sinn nach Expansion und World Building. Wie sollte ihm das besser gelingen als mit einem Spin-off um Supermans Cousine Kara, besser bekannt unter den Namen „Supergirl“, die ihr Comicdebüt im Jahr 1958 gefeiert hatte? Mit einem im Stil der SUPERMAN-Filme hochkarätig besetzten und mit vielen Special Effects gepflasterten Blockbuster würde er die blonde Schönheit mit den langen Beinen einem nach mehr Stoff dürstenden Publikum präsentieren und dann in der Folge für die spektakuläre Familienzusammenführung auf der Leinwand sorgen. So oder ähnlich dachte er sich das wohl: Die Verweise auf den berühmten Cousin, der leider gerade verhindert ist, sind so zahlreich, dass sie dem berühmten Wink mit dem Zaupfahl ähneln, mit Marc McClure war zwar der „echte“ Jimmy Olsen mit von der Partie, aber bei dem handelte es sich nunmal auch um eine Figur, wegen der nun wirklich niemand ins Kino ging. SUPERGIRL ging phänomenal baden und spielte in den USA gerade mal ein Drittel seines üppigen 40-Millionen-Budgets ein. Nicht nur verpasste es den Plänen Salkinds einen heftigen Dämpfer, es trieb den Produzenten in den Ruin und zwang ihn dazu, die Rechte am SUPERMAN-Franchise an die Cannon zu verkaufen, die mit dem schier unfasslichen SUPERMAN IV: THE QUEST FOR PEACE die Ehre hatten, den letzen Nagel in den Sarg zu hämmern und das mit großem Ethusiasmus taten.

Was war schief gegangen? Zunächst einmal hatte Salkind das Interesse des Publikums an einem SUPERGIRL-Film maßlos überschätzt. Die Figur war, soweit ich das als Nichtexperte nach flüchtiger Recherche sagen kann, schon in ihrer Printinkarnation von nur mäßiger Popularität, mit sehr kurzlebigen selbstbetitelten Heftreihen in den Jahren 1972 bis 1974 und 1982 bis 1984. Dass die Menschen in die Kinos rennen würden, nur um einen weiblichen Superman-Verschnitt sehen zu dürfen, war höchst zweifelhaft und erwies sich dann ja auch tatsächlich als Trugschluss. Salkind versäumte es darüber hinaus, der Figur ein schärferes eigenes Profil zu verleihen. Sie ist im fertigen Film nicht viel mehr als ein Superman „für Mädchen“: Der ganze Film ist langsamer, legt ein größeres Gewicht auf eine zärtliche Liebesgeschichte, hat keinen wirklich interessanten Gegner für seine Heldin und nur äußerst sparsame über den Film verteilte Action. Die Spieldauer von 130, im Director’s Cut gar 140 Minuten, gestaltet sich so als ausgesprochen zäh: Es gibt ein paar nette, angenehm naive und an die Comictradition der Fünfzigerjahre erinnernde Momente, aber der Film weiß diese Ansätze nicht zu einer erfolgreichen Strategie auszubauen. Er entwickelt keinerlei erzählerischen Flow oder gar so etwas wie Spannung. In seinen Effektsequenzen wirkt er wie eine abgespeckte, langsamere, unspektakulärere Version der SUPERMAN-Filme: Warum hätte sich jemand das ansehen sollen, wenn er „the real deal“ haben konnte – oder etliche andere, aufregendere Filme?

Hinzu kommt, dass das alles fürchterlich steif wirkt: Die Energie, mit der Richard Lester komische oder actionreiche Sequenzen choreografierte, geht Jeannot Szwarc – bestenfalls ein solider Handwerker – leider völlig ab. Das Drehbuch ist schon nicht das Gelbe vom Ei, reiht eine statische, geschwätzige Szene an die nächste, und Szwarcs Regie macht alles noch lahmer und gestelzter. Faye Dunaway hockt als böse Hexe Selena zusammen mit ihrer Freundin Bianca (Brenda Vaccaro), deren Funktion rätselhaft bleibt, zusammen in ihrer Bude und schmiedet böse Pläne, die sie dann in den letzten 15 Minuten endlich in die Tat umsetzt. Der britische Schwarzmagier Nigel (Peter Cook) fungiert als ebenfalls biederer Einflüsterer für die Schurkin, Jimmy Olsen flirtet mit Supergirls Schulfreundin Lucy (Maureen Teefy), die Heldin selbst mit dem markigen Ethan (Hart Bochner). Peter O’Toole knüpft als Zaltar an die im ersten SUPERMAN mit Marlon Brando begonnene Tradition hoffnungslos überqualifizierter Schauspieler an, die es schaffen, in sinnlosen Wegwerfrollen richtig schlecht auszusehen. In der ersten Hälfte nimmt SUPERGIRL mit seinem College-Sujet die HARRY POTTER-Filme vorweg, bevor er sich dann dazu entschließt, diesen Strang komplett fallenzulassen. Supergirl selbst bleibt in der Darbietung von Helen Slater ebenfalls blass: Weder bekommt man Einblick in ihren Charakter, noch entwickelt sie so etwas wie körperliche Präsenz. Sie ist ein hübsches Gesicht mit langen Beinen dran. Nicht uncharmant, aber als Identifikationsfigur oder auch nur als Projektionsfläche für das Zuschauerinteresse gänzlich ungeeignet. Um es kurz zu machen: SUPERGIRL ist irrsinnig langweilig.

Zum Abschluss noch etwas anderes: Vor einiger Zeit habe ich hier WONDER WOMAN besprochen, über den im vergangenen Jahr heftig gestritten wurde. Die einen hielten ihn für eine Sternstunde des feministischen Films, die anderen diese Ansicht für maßlos übertrieben. In meinem Text äußerte ich Versändnis für erstere Perspektive: In der derzeitigen US-amerikanischen Mainstream-Filmlandschaft kann man es durchaus für einen wichtiges und erfreuliches Ereignis halten, wenn eine Multimillionen-Dollar-Produktion um eine weibliche Heldin gestrickt wird, die sich dann mit Mitteln behaupten darf, die üblicherweise den Männern vorbehalten sind. Dass die Messlatte nicht wirklich hoch lag, ist zwar klar, sollte m. E. aber den positiven Ansatz nicht gänzlich in den Schatten stellen. Man bedenke: WONDER WOMAN hätte tatsächlich auch wie SUPERGIRL aussehen können, ein Superheldinnen-Film, dessen Protagonistin wenig mehr sein darf als ein rotbäckiges Mädchen zum Anhimmeln, das stets etwas verloren und treudoof ins Leere schaut, lustig mit den Zehen in ihren roten Lackstiefeln wackelt und im entscheidenden Moment die Einflüsterungen eines väterlichen Freundes benötigt, um sich mit moderatem Körpereinsatz behaupten zu können. Wenn man sich dieses Supergirl so anschaut, möchte man es doch am liebsten in die Küche schicken.

 

Auch mit diesem Film verbindet mich eine lange Geschichte, die bis zu meinem sechsten Lebensjahr zurückreicht, als meine Eltern den Film in unserer allerersten Videothek ausliehen. Jahrelang habe ich ihn immer nur stück- und szenenweise gesehen, aber schon das reichte aus, um mir seine Bilder unauslöschlich einzubrennen. Für mich ist LAWRENCE OF ARABIA die Gottwerdung des Monumentalfilms und die Definition von Kino, sofern ich das anhand der Konservensichtungen, auf die sich mein Urteil gründet, überhaupt adäquat beurteilen kann. Auf der großen Leinwand ist die visuelle Opulenz dieses Epos, kongenial begleitet von Maurice Jarres orientalisch anmutendem Score, wahrscheinlich kaum auszuhalten. Jedes Bild ist ein Fest der Farben, des Lichts und der Bewegung, eine Zelebrierung dieser unglaublichen, gleichermaßen unwirtlichen wie majestätischen Landschaft. Mittendrin Peter O’Toole mit einer Darbietung, die als die Krönung seiner Kunst gelten darf. Der Ire hatte vielleicht das Pech, diese Rolle zu einem sehr frühen Zeitpunkt seiner Laufbahn zu spielen. Sie war im Grunde genommen danach für ihn schon nicht mehr zu überbieten und lässt den Betrachter auch mit dem Abstand von nunmehr über 50 Jahren noch sprachlos zurück. Wenn man weiß, dass der notorische Trinker und Lebemann in den Drehpausen des auch körperlich immens strapaziösen Projekts nichts anbrennen ließ, mutet seine Leistung, die keinen einzigen Fehlgriff kennt, schlicht übermenschlich an. Was er hier leistete, ist kaum angemessen in Worte zu fassen.

LAWRENCE OF ARABIA ist ein Film, der es einem schwer macht, von Superlativen abzusehen, lässt heutige Epen, die seinen Einfluss kaum verleugnen können, reichlich alt aussehen, und das nicht nur, weil sie dem irrwitzigen logistischen Aufwand, den Lean betreiben musste, klinisch-sichere Rechnerpower entgegensetzen und so im Vergleich an Bildgewalt einbüßen. Auch intellektuell bedeutet LAWRENCE OF ARABIA eine Herausforderung, die dem Zuschauer heute nur noch selten zugemutet wird. Wer glaubt, Monumentalkino diene nur der Erbauung, befriedige ein triviales Bedürfnis nach große Bildern, muss diese Meinung nach Betrachtung von Leans Meisterwerk revidieren. Dabei scheint der Film zunächst noch einem etwas naiven Romantizismus anzuhängen, malt das zum Klischee geronnene Bild des weißen Aussteigers auf der einen Seite und des edlen Wilden auf der anderen. Doch spätestens nach der Intermission kippt LAWRENCE OF ARABIA, wird zum resignativen Antikriegs- und Anti-Interventionsfilm, dessen Lektionen sich auch heutige Machthaber noch erteilen lassen sollten. Alle, wirklich alle scheinbaren Gewissheiten, die der Zuschauer während der ersten 140 Minuten erlangt zu haben glaubte, entpuppen sich während der letzten anderthalb Stunden als bittere Irrtümer, der vermeintliche Held als tarurige Marionette eines unerbittlichen Systems, dessen Fäden ihn umso stärker festhalten, je mehr er sich von ihnen zu lösen versucht.

Lawrence, ein zuverlässiges, aber immer auch etwas verträumtes, tolpatischiges Mitglied der britischen Armee in Ägypten während des Ersten Weltkriegs, blüht geradezu auf, als er den Auftrag erhält, den Araberprinz Feisal (Alec Guinness) ausfindig zu machen, um ihn dazu zu überreden, den Briten im Kampf gegen die Türken zu helfen. Der junge Lawrence ist sogleich fasziniert von der Kultur der Beduinen, erlangt erst ihr Vertrauen, indem er ihre Interessen respektiert, anstatt sie bloß für seine Zwecke zu benutzen, dann ihren Respekt, als er mit ihnen die als undurchquerbar geltende Wüste Nefud durchquert. Er vereint die verfeindeten Stämme und führt sie zum Angriff auf die von Türken besetzte Küstenstadt Akaba, die die Araber in einer blutigen Schlacht zurückerobern. Doch das Blutvergießen führt zur ersten Zäsur, zum Riss im Bild des strahlenden Helden: Die Grausamkeit des Wüstenvolkes, die er als „zivilisierter“ Brite zunächst verabscheute, beginnt einen unwiderstehlichen Reiz auf ihn auszuüben. Hat er seine Herkunft bereits vollständig hinter sich gelassen, den Kulturwechsel vollzogen? Der Wunsch, aus der Armee auszusteigen, den er vor seinen Vorgesetzten äußert, die ihn in seiner arabischen Tracht eben noch für einen Spinner hielten, wird ihm versagt, zu wichtig ist er für sie mittlerweile geworden. Bis nach Übersee ist die Kunde von „Lawrence von Arabien“ gedrungen: Der amerikanische Journalist Jackson Bentley (Arthur Kennedy) sieht in dem Mann ein geeignetes Objekt, um dem amerikanischen Volk den Kriegseintritt schmackhaft zu machen. Konnten die Briten den blonden Träumer zu Beginn gar nicht schnell genug in die Wüste schicken, hat nun plötzlich jeder ein großes Interesse an dem Mann, der unter der Last der Erwartungen immer mehr in die Knie geht.

Die berühmtesten Szenen des Films stammen fast alle aus jenen ersten zweieinhalb Stunden, die von Lawrence Aufstieg zum Held der Araber erzählen und zahlreiche vergleichbare Filme beeinflussten, ja beinahe ein ganzes Subgenre begründeten (man denke nur an Costners DANCES WITH WOLVES): Die unbeschreibliche Szene, als Sherif Ali (Omar Sharif) sich aus dem Hitzeflimmern am Horizont herausschält, Lawrence‘ Rettungsaktion in der Nefud und sein selbstvergessener Tanz in der Tracht der Beduinen, die Eroberung Akabas und die Ankunft am Suez-Kanal, schließlich die Aufruhr im britischen Offiziersheim in Kairo, wo Lawrence und sein Diener Farraj wie Außerirdische beäugt werden. Dieser Teil des Films ist schlicht atemberaubend und lässt die ideologschen Zweifel, die Lawrence‘ Mission und sein kolonialistischer Blick auf die stolzen Wüstenkrieger ausüben, fast verstummen. Zu aufregend ist das, was einem da geboten wird. Die Quittung erhält man mit den herunterziehenden Schlussakten, die einem gnadenlos vor Augen führen, dass man einer Fata Morgana aufgesessen ist. Lawrence verwandelt sich mehr und mehr in einen desillusionierten, blutrüstigen Feldherren, die Utopie eines arabischen Staates unter britischer Duldung als Hirngespinst, die edlen Krieger als hoffnungslos untereinander verfeindet, Prinz Feisal als ebenso zynischer Politiker wie sein britischer Widerpart Dryden (Claude Rains). Die Liebe zu Arabien, die Lawrence nach der Eroberung Akabas noch gestand, ist in tausend Scherben zerbrochen, schlimmer noch das eigene Selbstbild. Zurück bleibt ein tief neurotischer Mann, dessen Altruismus sich vielleicht doch nur aus den eigenen Neurosen speiste. Lean legt den Schluss sehr nahe, dass es nicht zuletzt der Wunsch war, der eigenen, im Militärdienst als defizitär empfundenen Homosexualität zu entfliehen, sich und anderen der eigenen Männlichkeit zu versichern, die Lawrence antrieben und schließlich zum Mörder werden ließen. Was als filmische Heldenverehrung und Denkmalsetzung begann, endet als Psychogramm eines Zerrissenen in einer Welt kurz vor dem Abgrund.