Mit ‘Peter Stormare’ getaggte Beiträge

Mel Gibson befindet sich seit einigen Jahren in einem seltsamen Karrierelimbo: Zwar tritt er trotz seiner alkoholgeschwängerten antisemitischen Ausfälle noch relativ regelmäßig mit großen, aufwändigen und prestigeträchtigen Produktionen als Regisseur in Erscheinung (zuletzt etwa mit HACKSAW RIDGE, der mich gleichermaßen fasziniert wie befremdet hat), doch als Hauptdarsteller in Großproduktionen scheint er einigermaßen verbrannt, was nur zum Teil auf sein mittlerweile fortgeschrittenes Alter zurückzuführen ist. Seine letzten Filme waren Zahlers großartiger DRAGGED ACROSS CONCRETE, ein unabhängig produzierter Low-Budget-Film, und der Historienfilm THE PROFESSOR AND THE MADMAN, der ebenfall außerhalb des großen Filmzirkus anzusiedeln ist. Seine letzten Hollywood-Filme waren DADDY’S HOME 2, THE EXPENDABLES 3 und MACHETE KILLS, in denen er jeweils die Funktion der aufmerksamkeitstauglich besetzten Nebenrolle einnahm. Und vor diesen kam eben der mit rund 20 Millionen Dollar budgetierte GET THE GRINGO, der weltweit gerade einmal ein Viertel davon wieder einspielte. Nicht gerade ein Argument für ihn, aber GET THE GRINGO ist ein hübscher Appetithappen für Fans des badass cinema, in dem es sich Gibson kein Stück anmerken lässt, dass er die Teilnahme an einem Film dieser Art zehn Jahre vorher nicht einmal annähernd in Erwägung gezogen hätte.

Gibson spielt den Berufsverbrecher Driver, der direkt zu Beginn des Films nach einem Raubüberfall, bei dem er zwei Millionen Dollar erbeutet hat, vor der Polizei flieht und dabei die Grenze nach Mexiko überquert. Sein Verfolger (Dean Norris) hat gegenüber den korrupten mexikanischen Cops das Nachsehen: Sie stecken Driver in das berüchtigte Gefängnis „El Pueblito“ – das Gibsons Charakter mit „the world’s shittiest mall“ vergleicht – und selbst die Beute ein. Im Knast checkt Driver sofort die Lage, um dort einigermaßen über die Runden zu kommen und findet so heraus, dass der Crimlord Javi (Daniel Giménez Cacho), der den Knast quasi regiert, dringend eine neue Leber benötigt. Ein sicherer Spender ist ein zehnjähriger Junge (Kevin Balmore), der im Knast sitzt, weil seine Mutter (Dolores Heredia) wegen eines Drogendeliktes verurteilt wurde: Er hat eine Rechnung mit Jai offen, denn der Gangster ermordete einst seinen Vater. Driver freundet sich mit dem Jungen an und versucht ihm zu helfen. Dass der um die zwei Millionen Dollar erleichterte Frank (Peter Stormare) seine Fühler nach Driver ausstreckt, um sein Geld zurückzubekommen, nutzt der clevere Gangster für seine eigenen Zwecke.

GET THE GRINGO hat zum einen einen großartig aufgelegten Mel Gibson, der diesen Crime-Film mit seinem angeborenen Charisma und seinem lakonischen Humor gehörig aufwertet, mit dem real existierenden „El Pueblito“-Knast zum anderen ein faszinierendes Setting, das sich von anderen Film-Gefängnissen deutlich abhebt. Es ist eine ganz eigene Welt, eine vollständige kleine Stadt mit unterschiedlichen „Einwohnern“, die sich hier innerhalb der gegebenen Strukturen „frei“ bewegen, eigenen Geschäften und einer eigenen Ordnung und Hierarchie. Zusammen mit Driver lernt der Zuschauer diese faszinierende Welt kennen, erhält Einblicke in die Mechanismen und Regeln, nach denen sie funktioniert und nimmt dann Teil daran, wie er diese für seinen eigenen Zwecke beugt und nutzt. Ziel ist natürlich, mittelfristig auszubrechen, am besten mit der Kohle, die er erbeutet und dann bei seiner Inhaftierung verloren hat. Grünbergs Film erinnert ein bisschen an Kurosawas YOJIMBO oder noch mehr natürlich an Leones Western-Adaption PER UN PUGNO DI DOLLARI: Wie Eastwoods Namenloser manipuliert Driver die verschiedenen Parteien, suggeriert ihnen, er spiele bei ihrem Spiel mit, während er sie in Wahrheit für seine eigenen Zwecke nutzt. Die schönsten Szenen hat GET THE GRINGO aber gleich nach seiner Ankunft im Knast, wenn er ungläubig mit dem ausgelassenen Treiben dort konfrontiert wird, erste Schritte für das spätere Überleben unternimmt (er überfällt einen Gangster und deponiert dann dessen Knarre in einem Versteck) und bereits Pläne ausheckt und ausführt, um an etwas Bargeld zu kommen. Später verfällt der Film dann etwas in den Modus der zynischen Gewaltkomödie, wenn etwa die beiden Cops vom Anfang von Frank verhört, gefoltert und schließlich hingerichtet werden. Nicht mein bevorzugter Modus für diese Art von Crime-Film, aber Grünberg vermeidet auch allzu starke Überzeichnungen und doofe Witze. Am Ende gibt es einen großen Shootout mit – leider- ziemlich hässlichen CGI-Blutspritzern und eine Eastwood-Imitation von Gibson, an der sich die Geister scheiden werden und die allein deshalb schon im Gedächtnis bleibt, sowie ein romantisches Happy End für Driver.

GET THE GRINGO ist kein Meisterwerk, aber es ist schön, dass es solche Filme überhaupt noch gibt. Das sang- und klanglose Absaufen an der Kinokasse spricht allerdings nicht dafür, dass wir dergleichen in Zukunft noch oft serviert bekommen werden. Von Gibson als Mensch mag man halten, was man will, aber den badass mit dem Sinn für Humor und Selbstironie hat er immer noch drauf wie kein anderer. Von daher bitte mehr davon: Eine Welt, die uns Gibson in kleinen, dreckigen Crime- und Actionfilmen schenkt, ist eine bessere. Regisseur Grünberg ist derzeit mit RAMBO: LAST BLOOD im Kino zu sehen. Kein Meister seines Faches, aber einer, der sich auf Actioninszenierung versteht und der gern damit weitermachen darf.

 

Über mangelnde Anerkennung von Kritikern und Filmliebhabern konnten sich die Coens nicht beklagen: Alle ihre Filme hatten – mit Ausnahme von THE HUDSUCKER PROXY – gute bis euphorische Reaktionen hervorgerufen und waren mitunter auf Festivals nominiert oder sogar ausgezeichnet worden. Nur das Publikum hatte nie so richtig mitgespielt. Das änderte sich mit FARGO, der zum bis dahin erfolgreichsten Film der Brüder avancierte und ihnen auch den ersten Academy Award für das beste Drehbuch (sowie den Preis für die beste Regie in Cannes und bei den British Academy Film Awards) einbrachte. Warum nun ausgerechnet diesem Film die Herzen zuflogen, die den Vorgängern verweigert blieben, warum er fast 20 Jahre nach Erscheinen sogar eine gefeiere Fernsehserie nach sich zog, ist kaum zu rekonstruieren. Aber ich bin trotzdem der Meinung, dass die „Homespun murder story“ als eine Art Zwischenfazit und vorläufiger Kulminationspunkt im Werk der beiden Brüder angesehen werden kann. Hier kam alles in hoch verdichteter, pointierter Form zusammen, was ihr Kino auszeichnete. Thematisch stellt FARGO eine Rückkehr zum dunklen Crimekino ihres Debüts dar, das sie aber mit ihrem mittlerweile bekannten, schrulligen bis verschrobenen Humor anreichern – nicht ohne das große Herz für das amerikanische Hinterland und seine eigenwilligen Bewohner zu zeigen, die vom Mainstreamkino üblicherweise marginalisiert, wenn nicht gar völlig unterschlagen werden.

Die „wahre Geschichte“ – über deren tatsächlichen Wirklichkeitsbezug ganz unterschiedliche Aussagen der Coens existieren – handelt von einer fehlgeschlagenen Entführung im winterlichen Minnesota, die schließlich in einem Blut- und Tränenbad endet: Der glücklos-traurige Autoverkäufer Jerry Lundegaard (William H. Macy) lässt seine Ehefrau von den Berufsverbrechern Carl Showalter Steve Buscemi) und Gaear Grimsrud (Peter Stormare) entführen, um seinem wohlhabenden, tyrannischen Schwiegervater Gustafson (Harve Presnell) dringend benötigtes Bargeld aus der Tasche zu ziehen. Aber alles geht schief: Die Entführung kulminiert in dem Mord an einem Verkehrspolizisten und zwei Passanten, bei der Lösegeldübergabe wird der übermotivierte Gustafson erschossen, Showalter schwer verwundet. Lundegaard verstrickt sich in Widersprüchen und Problemen und ihm im Nacken sitzt die hochschwangere Polizistin Marge Gunderson (Frances McDormand) mit freundlichem Lächeln und  verständnisvollem Kopfnicken …

Schon die ersten Sekunden, wenn sich zum getragenen, folkbeeinflussten und unendlich traurigen Score Carter Burwells ein Auto aus dem schneeverwehten Bild schält, sich unendlich langsam durch das unendliche Weiß schiebt, ist klar, dass die Landschaft hier eine ganz besondere Rolle spielen wird. Immer wieder fängt Roger Deakins sie in Aufnahmen leiser, unspektakulärer Tristesse ein, lässt die in dicke Winterkleidung gehüllten Menschen vor ihrer Kulisse wie tapsige Tanzbären aussehen. Dazu dann dieser von skandinavischen Sprachen gefärbte Akzent, die behäbigen, kargen „Yahs“, die singende Satzmelodie, die an die abendliche Geräuschkulisse an einem verlassenen Weiher erinnert, an dem sich Frösche und Enten „Gute Nacht“ sagen. FARGO zeigt eine Welt, in der es keine Aufregung gibt, in der auch die kleinen, banalen Dinge mit der allergrößten Sorgfalt und Ruhe verrichtet werden und die Härten des Klimas, die schroffe, unwirtliche Landschaft die Menschen genügsam gemacht haben. Entweder man verzweifelt in dieser Welt, wird verrückt in dieser alles umfassenden Gedämpftheit und Langsamkeit, so wie Lundegaard, dessen traurig-sehnender Blick ihm sofort unsere Empathie entgegenfliegen lässt (dieses Arschloch von Schwiegervater, der sich gar keine Mühe macht, seine Verachtung und Überlegenheit für den Mann seiner Tochter zurückzuhalten, tut ein Übriges) oder man umarmt sie, so wie Marge Gunderson und ihr herzensguter Ehemann Norm (John Carroll Lynch), der mitten in der Nacht mit ihr aufsteht, „to fix you some eggs“, ihr Hamburger ins Büro bringt und dafür den Ketchup von der Wange gewischt bekommt. Marges Beharrlichkeit und Unverdrossenheit ist es zu verdanken, dass das Verbrechen gelöst wird, aber der weitaus größere Triumph ist die Wahl eines Vogelgemäldes ihres Gatten als Motiv für die Drei-Cent-Brefmarke.

FARGO ist vor allem in seinen Gewaltszenen grell brutal, erinnert dann nicht nur wegen der Anwesenheit des glubschäugigen Manikers Steve Buscemi und des dumpf starrenden Peter Stromare an die Exzesse Tarantinos. Und die Zeichnung der Minnesotans lässt bisweilen an eine Dokumentation über eine ganz besonders possierliche Tierart denken, Erdmännchen, Lemminge oder Gänse vielleicht. Aber FARGO kippt nie ganz um in Richtung Farce, vielmehr ist der bleibende Gesamteindruck einer existenziellen Traurigkeit, die sich mit tief empfundener Liebe vereint. FARGO ist ein Film über die schiere Absurdität des Lebens, die Angst vor dem Ende, die Verzweiflung angesichts der Hindernisse, die das Schicksal vor uns in mitleidloser Willkür auftürmt. Gleichzeitig ist er wunderschön, voller Staunen über diese Wirrungen, die Energie und das Durchhaltevermögen, mit der wir uns dem nackten Sein entgegenwerfen. Es gibt eine Szene, in der Marge in der Bar eines Hotels einen alten Schulfreund wiedertrifft. Er hatte sie mitten in der Nacht angerufen und es ist schnell klar, dass er sich vielleicht einen One-Night-Stand erhofft. Aber er ist kein Macho oder ein typischer Aufreißertyp, im Gegenteil. Nachdem Marge ihm freundlich aber unmissverständlich klargemacht hat, dass er bei ihr nicht landen wird, berichtet er ihr davon, dass seine Gattin nach langem Kampf schließlich an Leukämie verstorben sei. Er sei so einsam und habe sich an sie erinnert, sagt er. Er entschuldigt sich für seine Dummheit und bricht dann in Tränen aus. Wenig später erfährt Marge von einer Freundin, dass er nie verheiratet war, sich stattdessen seit Jahren in psychiatrischer Behandlung befindet und wieder bei seinen Eltern lebt. Man sieht, dass sie erst zornig über seine Lüge sein will, dass sie sich ärgert über ihre Gutgläubigkeit, doch dann dämmert ihr, dass die Realität eigentlich viel schlimmer ist als er sie in seiner Geschichte ausgemalt hat. Wer ist sie, sich über ihn zu ärgern? Auch Lundegaard, der geborene sad sack, ist so ein Verlierer ohne Schuld, aber auch ohne Hoffnung, jemals das aus seinem Leben zu machen, was er sich davon erhofft, weil ihm das, was er hat, einfach nicht ausreichen will. Sein großer Coup zerrinnt in seinen Händen wie Sand, seine Verzweiflung hingegen, die ist so greifbar wie ein Wackerstein. Am Ende wird er von der Polizei gefasst, bei dem erbärmlichen Versuch, in Unterwäsche durch das Fenster der Toilette seines Motelzimmers zu fliehen. Er heult wie ein enttäuschtes Kind, während ihm die Handschellen angelegt werden. Das kleine Glück der Gundersons, die Vorfreude auf den Nachwuchs, das Ei am Morgen und die Drei-Cent-Briefmarke. Das ist das Paradies. Man muss es nur erkennen.

11180826_oriDie Drohung Dicksons (Ice Cube) vom Ende des ersten Teils, die beiden Helden undercover aufs College zu schicken, wird wahr gemacht: Wieder gilt es einen Drogenring auszuheben, der diesmal die Designerdroger WhyPhy auf den Markt bringen will. Doch Jenko hat andere Pläne: Er wittert die Chance, zusammen mit dem „seelenverwandten“ Studenten Zook (Wyatt Russell) Football-Karriere zu machen. Schmidt ist auf sich allein gestellt …

Der im Vorgänger noch recht milde selbstreflexive Charakter wird im zweiten Teil wesentlich mehr in den Vordergrund gerückt. Running Gag ist etwa das ständige Beharren von Schmidts (Jonah Hill) und Jenkos (Channing Tatum) Vorgesetzten, bei diesem Fall sei alles ganz genauso wie beim vorangegangenen, man habe diesmal lediglich mehr Geld zur Verfügung. Durchsichtige Plotvariationen – die aus dem Vorläufer bekannte Dynamik zwischen den beiden Protagonisten wird nun einfach umgekehrt -, sinnlose „Verbesserungen“ – das zuvor noch reichlich schäbige Hauptquartier der Undercover-Cops ist nun mit reichlich eitlem Hightech-Zeug zugestellt – werden von den Charakteren höchstselbst bemerkt und immer wieder aufs Korn genommen. Ein schöner Einfall ist eine Verfolgungsjagd, bei der die eigentlich zu Budgeteinsparungen angehaltenen Protagonisten sich zufällig stets für genau jenen Weg entscheiden, auf dem sie den größten Schaden anrichten: Da wird dann ein Geldautomat umgefahren, sodass die Banknoten durch die Luft wirbeln oder ein ganzer Skulpturenpark geschrottet. 22 JUMP STREET wandelt auf einem schmalen Grat, riskiert ständig, dass man ihn nur noch als Parodie wahr-, seine Geschichte gar nicht mehr ernstnehmen kann. Dass ihm die Gratwanderung gelingt, liegt erneut an der Chemie des Hauptdarstellerpärchens: Hill und Tatum haben sich das Image von liebenswerten, schlitzohrigen Underdogs, die man gern anfeuert und denen man auch einen Fehltritt gern verzeiht, hart erarbeitet, und das färbt auch auf den Film ab. Die beiden haben die Gabe, selbst einen schwächeren Gag noch zum Gewinner zu machen. Großartig ist auch wieder Ice Cube, der zum heimlichen Star der Show wird: Sein Ausraster am Buffet eines feinen Restaurants ist ein Highlight. (Er hat noch ein weiteres, das ich hier aber nicht verrate.)

Alles in allem hat mir das Sequel am Ende sogar noch besser gefallen als der erste Teil, einfach weil die Gagdichte höher ist. Man kann ganz bestimmt darüber streiten, ob die beständige Selbstironie nun eher einen Fall von bequemer Absicherung gegen Kritik oder aber im Gegenteil sogar reichlich sibversiv ist. Ich tendiere zu letzterem, denn ein solch freidrehende, respektlose, gleichermaßen bescheuerte wie intelligente und schlicht gut gelaunte Komödie halte ich für einen ausgesprochenen Glücksfall. Besser kann man ein Sequel eines Films, dessen erste Installaton die meisten schon für eine Schnapsidee hielten, kaum gestalten.