Mit ‘Phil Karlson’ getaggte Beiträge

Ich bin beim Durchforsten der Titel der Warner Archive Collection auf den mir zuvor völlig unbekannten RAMPAGE (deutscher Titel: BRING SIE LEBEND HEIM oder auch IM BANNE DER ROTEN TIGERIN) gestoßen, dessen Covermotiv und Inhaltsangabe mich sofort für ihn eingenommen haben. Es geht um den Fallensteller Harry Stanton (Robert Mitchum), der von einem deutschen Zoo (eigentlich ist es der Zoo von San Diego) den Auftrag erhält, im Urwald von Malaysia „The Enchantress“, eine mythenumwobene Raubkatze, halb Leopard, halb Tiger, einzufangen. Ich versprach mir davon einen farbenfrohen – noch dazu vergessenen – Abenteuerfilm mit Fantasy-Einschlag, den man als Freund des abseitigen Films nur ins Herz schließen kann. Und dass auf dem Regiestuhl Phil Karlson saß, der u. a. den tollen Redneck-Actioner WALKING TALL und den rohen Rachefilm FRAMED zu verantworten hat, schadete auch nicht. RAMPAGE stammt noch aus einer Zeit, als auch den großen Filmstudios mal ein gnadenloser Heuler entfleuchte, den sie sich heutzutage längst nicht mehr erlauben würden – oder zumindest mit so viel Knete aufmotzen, bis er wie eines ihrer typischen Hochglanzprodukte aussieht. Karlsons Film fährt neben der namhaften Besetzung einiges an Schauwerten auf – gedreht wurde auf Hawaii –, kann aber zu keiner Sekunde verbergen, dass seine Wurzeln in der Groschenheft-Literatur liegen, das Drehbuch eilig auf einen Bierfilz gekritzelt wurde und das Budget auch eher karg war. Ich habe mich wirklich angestrengt, RAMPAGE zu mögen, aber es ist mir bis zum Schluss nicht gelungen.

Erzählt werden im Grunde zwei Geschichten, die sich gegenseitig spiegeln sollen, sich aber letztlich nur gegenseitig die Zeit wegnehmen. Hauptplot ist die Jagd auf „The Enchantress“ und zwei Tiger, auf die sich Harry zusammen mit dem reichen Großwildjäger Otto Abbot (Jack Hawkins) und dessen Jahrzehnte jüngerer Geliebte Anna (Elsa Martinelli) begibt. Harry ist der Meinung, dass es falsch ist, Tiere aus purer Lust zu töten, Otto hingegen vertritt die Ansicht, dass erst ein konserviertes, ausgestopftes Tier wahre, unvergängliche Schönheit verkörpert. Ihre beiden unterschiedlichen Haltungen treten auch in ihrer Stellung zu Anna zu Tage, die Harry sofort gefällt. Otto lernte die Frau als 14-jähriges Waisenkind kennen, nahm sie sofort zu sich und gab ihr einen neuen Namen, weil ihm der Klang ihres echten Geburtsnamens nicht gefiel – der Film verschleiert nicht die unangenehmen Implikationen, die mit dieser Geschichte einhergehen. Es ist klar: Auch sie ist nur ein Trophäe für ihn, mit deren Fang er sich brüstet. Dass Harry ihm gegenüber keinen Hehl daraus macht, dass er sie für sich gewinnen möchte, betrachtet er nicht als Affront, sondern als Bestätigung für seinen exzepttionellen Geschmack und als sportliche Herausforderung. Das ändert sich jedoch, als Anna ihm am Ende tatsächlich den Laufpass gibt und sich für Harry entscheidet: Da rastet Otto aus, lässt „The Enchantress“ frei und geht auf die titelgebende „Rampage“.

Der Film krankt vor allem an einem elendig umständlichen Drehbuch, das den Zuschauer mit einer halben Stunde Dialogexposition befrachtet, bevor er endlich im Urwald ankommt. Doch auch dann wird RAMPAGE nur geringfügig interessanter. Dass Harry und Anna zusammenfinden werden, ist schon früh beschlossene Sache, und auch die kleinen Konflikte, die ihnen in den Weg gelegt werden, sind stets als Klischees zu erkennen, die keine Folgen nach sich ziehen werden. Die Jagd auf die Tiger ist ebenso schnell abgefrühstückt wie die Suche nach „The Enchantress“, die sich leider als nur etwas angemalter Leopard entpuppt. Augenfällig ist auch, dass für aufwändige Tieraufnahmen oder Stunts, wie man sie etwa aus HATARI! kennt, kein Geld da war. Erst zum Finale hin kommt in Harrys Auseinandersetzung mit dem Fabeltier in einer Höhle und dem Schlusskampf gegen Otto auf nächtlichen Häuserdächern etwas Spannung auf, aber zu diesem Zeitpunkt hat man auch schon über eine Stunde darauf gewartet, dass irgendwas passiert. Auch die Charaktere sind flach und eindimensional, die Schauspieler bekommen fast nichts zu tun. Mitchum ist MItchum, Hawkins ein Ekel und die schöne Elsa Martinelli, die in LA RISAIA noch mit burschikoser Aufmüpfigkeit erotisierte, erinnert als vornehme Society-Dame mit weißemTeint tatsächlich an eine Mumie. Geradezu schmerzhaft ist es aber, wie mit Sabu umgegangen wird: Als 12-Jähriger für den Film ELEPHANT BOY entdeckt, bestätigte der gebürtige Inder seinen Publikums-Appeal in Zoltan Kordas THE DRUM, bevor er mit den Klassikern THE THIEF OF BAGDAD und JUNGLEBOOK zum Star avancierte. Es ist ein Beispiel für den damals vorherrschenden Alltagsrassimus, dass man mit ihm nicht mehr anzufangen wusste, als ihn immer wieder in Nebenrollen als agilen „Eingeborenen“ oder „Ausländer“ zu besetzen, und er ist gewiss auch nicht der erste Kinderstar, dessen Ruhm an der Schwelle zum Erwachsenwerden verblasste. Aber ihn hier, im Jahr seines tragischen Todes im Alter von nur 39 Jahren (posthum erschien noch A TIGER WALKS), in einer absolut unwürdigen Rolle als rassistisches Klischee des stets gutmütig grinsenden, den weißen Herrenmenschen sklavisch ergebenen, seine Ehefrau andienenden, lendenbeschürzten Urwaldbewohner zu sehen, erstickt noch den letzten Funken von goodwill, den man für RAMPAGE hatte.

SCANDAL SHEET, basierend auf Samuel Fullers 1944 erschienenem und äußerst erfolgreichem Roman „The Dark Page“, greift viele Elemente auf, die zuvor schon im von Fuller mitgeschriebenen POWER OF THE PRESS allgegenwärtig waren: In beiden Filmen geht es um den Konflikt zwischen wirtschaftlichen und journalistischen Interessen einer Zeitung. In beiden führt die einseitige Ausrichtung nach Auflagenstärke zu einem schmutzigen, unehrlichen Journalismus und letztlich zu mehreren Toten. Erhellend sind die Unterschiede zwischen beiden Filmen, die m. E. bekräftigen, was ich zu POWER OF THE PRESS geschrieben habe: SCANDAL SHEET erzählt eine spannende, pulpige Crime-Story, nutzt sein Sujet in erster Linie als interessanten, außergewöhnlichen Hintergrund, verzichtet auf den erhobenen Zeigefinger und sagt am Ende dennoch mehr über die Bedeutung der Presse aus als POWER OF THE PRESS in seinen ellenlangen Monologen. Auch inszenatorisch trennen beide Filme Welten: Burnett Guffeys fantastische Fotografie betont die Abgründe der Geschichte, setzt Schatten und Totalen zu großem Effekt einund kontrastiert die „saubere“ Welt der Presse mit dem Elend und Schmutz auf den Straßen. SCANDAL SHEET geht seinen Weg ganz unbeirrt: Es gibt keine überflüssigen Szenen, sondern einen unaufhaltsamen Flow bis zum unvermeidlichen Finale. Und Broderick Crawford gibt einen großartigen Schurken ab.

Die Aktionäre einer großen New Yorker Zeitung sind erbost über den Qualitätsverfall ihres sich einst an Intellektuelle richtenden Blattes. Unter der Aufsicht des Chefredakteurs Mark Chapman (Broderick Crawford) hat es sich in ein Boulevard-Blatt mit reißerischen Schlagzeilen verwandelt – und dabei seine Auflage mehr als verdoppelt. Seine Angestellten hat er gut auf den neuen Kurs eingestellt: Dem talentierten jungen Journalisten Steve McCleary (John Derek) ist kein Trick mehr zu mies, um an seine Storys zu kommen. Als die beiden auf einem von der Zeitung ausgerichteten „Ball der einsamen Herzen“ auf der Suche nach einem heiratswilligen Pärchen sind, das sie präsentieren können, trifft Chapman auf seine Ehefrau, die er vor 20 Jahren einfach sitzenließ und eine neue Identität annahm. Im wenig später folgenden Gerangel kommt die Frau ums Leben. Chapman setzt alles daran, seine Beteiligung zu vertuschen, begeht jedoch einen Fehler, der den ehemaligen Reporter und jetzigen Alkoholiker Charlie Barnes auf seine Fährte bringt. Doch der kommt nicht mehr dazu, sein Wissen zu teilen …

Phil Karlson kannte ich bisher vor allem von seinen beiden letzten Filmen: dem großartigen WALKING TALL, der dem damals 68-jährigen Veteranen mit seiner 59. Regiearbeit noch einmal einen Riesenhit bescherte, und dem unvermeidlichen Nachzieher FRAMED. SCANDAL SHEET macht klar, dass es in seiner umfangreichen Filmografie wohl noch einiges mehr zu entdecken gibt, denn er ist schlicht makelloses, rundum gelungenes Spannungskino. Ich habe seine Stärken oben schon im Wesentlichen beschrieben: Ihn zeichnet seine düstere Fotografie aus, ein grimmiger Realismus sowie eine fast körperlich spürbare Unmittelbarkeit. Einen großen Anteil daran hat Hauptdarsteller Crawford, ein bulliger Typ mit herunterhängenden Mundwinkeln, jemand, der sich binnen Sekundenbruchteilen vom gemütlichen, väterlichen Freund in einen reißenden Bullterrier verwandeln kann. Trotzdem leidet man mit ihm: Der Druck, der immer stärker auf ihm lastet, der zunehmende Kontrollverlust, der ihn zum passiven Warten verdammt, werden für den Zuschauer absolut nachvollziehbar. Es gibt ein paar tolle Szenen, die aus dem Film noch herausstechen: der Auftakt in der Bowery, in der McCleary die aufgelöste Augenzeugin eines eben geschehenen Axtmordes unter Vorspielung falscher Tatsachen dazu bringt, ihm die schreckliche Tat noch einmal zu schildern; die Konfrontation zwischen Chapman und dem armen Charlie in einer nächtlichen, regennassen Gasse; schließlich die Szene, in der McCleary auf der Suche nach einem Zeugen in einer miesen Pinte voller Säufer landet, die bereit sind, für einen Schnaps alles zu erzählen. Man sieht den Autor Fuller hinter diesen Bildern, sein großes visuelles Gespür, sein Geschick, beeindruckende Bilder mit Worten zu zeichnen. Ein größeres Kompliment kann man Karlson kaum machen. Ein toller Film.

framed (phil karlson, usa 1975)

Veröffentlicht: Juli 21, 2009 in Film
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Ron Lewis (Joe Don Baker) betreibt mit seiner Geliebten, der Sängerin Susan Barrett (Conny van Dyke) einen Nachtclub, doch seine eigentliche Leidenschaft gerhört dem Kartenspiel. Als Ron ein großer Wurf gelingt, währt das Glück nur kurz: Nach einem Anschlag auf sein Leben sieht sich Ron einer Leiche und bald auch einer Mordanklage gegenüber. Alle Beteuerungen stoßen auf taube Ohren und auch das gewonnene Geld ist spurlos verschwunden. Als Rons Anwalt ihm rät, auf einen Deal einzugehen, der ihn von der Mordanklage befreit, ihm aber vier Jahre hinter Gittern einbringt, willigt Ron resigniert ein, fest entschlossen, nach seiner Entlassung herauszufinden, wer ihn als Bauernopfer missbraucht hat …

framedNach dem Erfolg von WALKING TALL arbeitet Routinier Karlson für seinen letzten Film erneut mit Joe Don Baker zusammen. Das Ergbnis ist ein ebenso ruppiger, roher und geradliniger Rachethriller geworden, der volles Kapital aus der Physis seines Hauptdarstellers schlägt. Baker ist einfach wie gemacht für diese gutmütigen, hemdsärmeligen Typen, die, einmal aus der Ruhe gebracht, zur tickenden Zeitbombe werden und einer Naturgewalt gleich unaufhaltsam ihrem Ziel entgegenwalzen. Weil sein Hauptdarsteller das Zentrum des Films vollkommen ausfüllt, muss Karlson sonst eigentlich nicht mehr tun, als auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen und die Sache laufen zu lassen. FRAMED wirkt in einem Maße uninszeniert, in dem heutige Filme überinszeniert sind: Die Bilder sind zweckdienlich bis schmucklos, die Settings ebenso, das Tempo ist gemächlich, ohne jedoch einzulullen, Schnitt und Score sind gleichermaßen unauffällig. Wollte man dem Film Böses, so könnte man unterstellen, er sehe nach Fernsehen aus, aber das wäre erstens herzlos und zweitens unangemessen, weil FRAMED trotz seines stilistischen und erzählerischen Reduktionismus ein beträchtliches Maß an Spannung und Sog entwickelt. Karlson macht das Gefühl, von der Welt verraten und verkauft worden zu sein, gemeinsam mit Baker jedenfalls absolut nachvollziehbar. Die Triebabfuhr zum Schluss läuft dennoch nicht aus den Fugen: Der Bodycount bleibt überschaubar, die Gewalt im Rahmen. Aber es ist auffällig, welche Härte und Unmittelbarkeit diese kleinen, schmutzigen Filme aus den Siebzigern mit ihren vergleichsweise beschränkten Mitteln erreichen. In FRAMED fließt weniger Blut als in manchem Film, der heute ab 12 freigegeben wird, trotzdem trifft er weitaus härter. Mann, diese Szene mit dem Ohr … Ich hätte mir ein etwas anderes Ende gewünscht, aber Karlson ist eben Karlson und nicht Siegel oder Peckinpah – das ist auch ganz gut so. Mehr muss man zu FRAMED nicht sagen.