Mit ‘Pier Paolo Capponi’ getaggte Beiträge

I RAGAZZI DEL MASSACRO beginnt mit den Credits und einem Albtraum. Verzerrte Großaufnahmen von fischäugigen männlichen Jugendlichen, die abwechselnd gelangweilt, lüstern, grinsend oder gespannt dem Vortrag ihrer Lehrerin lauschen, werden von Silvano Spadaccinos scharfem, die Dramatik mit einem Anflug von dunkler Vorausahnung und vorausgeschickter Trauer aufladendem Orchester-Score untermalt. Eine Schnapsflasche macht bald die Runde unter den Jungs, die dann gemeinsam über die Lehrerin herfallen, sie vergewaltigen und schließlich eine zerschundene Leiche auf dem Pult zurücklassen, die von den später herbeigerufenen Polizeibeamten in einer stummen Totalen nur noch mit einem weißen Laken bedeckt werden kann.

Die Jungs, so findet der ermittelnde Polizist Duca (Pier Paolo Capponi) später heraus, sind allesamt schwer Erziehbare, teilweise bereits wegen kleinerer Delikte bestraft worden und von der Sozialarbeiterin Livia (Susan Scott aka Nieves Navarro) zur Resozialisierung auf die Schule geschickt worden. Die Verhöre, die Duca vornimmt, bringen demzufolge auch nur eine Erkenntnis: Die Jungen stecken alle unter einer Decke, schützen sich mit ihren Aussagen gegenseitig und inkriminieren als Urheber der ganzen Aktion ihren Mitschüler Grassi (Giuliani Manetti). Anders als erwartet handelt es sich bei diesem jedoch um einen verschüchterten, ängstlichen Jungen, der unter seine Homosexualität zu leiden hat und vor lauter Angst kaum ein Wort herausbringt. Duca ist bald sehr zum Missvergnügen seines Vorgesetzten (Enzo Liberti) davon überzeugt, dass die Jungs keineswegs als berauschter Mob, sondern in bewusstem Auftrag gehandelt haben: Zu organisiert scheint ihr Vorgehen, zu identisch sind ihre Aussagen. Grassi scheint der Schlüssel, zur Aufdeckung des Komplotts, doch nachdem die Jungen in Untersuchungshaft gesteckt worden sind, verliert er bei einem Unfall sein Leben, nicht ohne Duca zuvor aber von einer mysteriösen Frau berichtet zu haben, die der Anstifter zur Tat sein soll. Verhöre im Umfeld der Jungs offenbaren ein desolates Bild ihrer Erziehung durch desinteressierte, resignierte Eltern und weisen den Weg zu einem Unbekannten, der die Jugendlichen als Laufburschen für kleine Schmuggeleien und andere illegale Handlungen benutzte. Nur die alles entscheidende, eine wesentliche Offenbarung bekommt Duca nicht aus den sich in Sicheheit wiegenden Jungen heraus. Seine letzte Hoffnung ist der ebenfalls etwas weichlich wirkende Carolino Marassi (Marzio Margine), den er in einem letzten Versuch, die Wendung herbeizuführen, aus dem Gefängnis holt und ihm für ein paar Tage ein Zuhause gibt, in der Hoffnung, ihm eine Zukunftsperspektive zu vermitteln, die ihn seine Entscheidung überdenken lässt. Doch Carolino durchschaut den Plan und flieht zu seinem Mentor, nicht ahnend, dass Duca genau darauf spekuliert hat.

I RAGAZZI DEL MASSACRO, Fernando Di Leos fünfter Spielfilm, ist ein Genrebastard zwischen unterkühltem Police Procedural und schrillem Giallo und als solcher ebenso interessant wie logischerweise auch etwas unrund. Die erste Hälfte, die Di Leo mit distanziertem, aber scharfem Blick begleitet, widmet sich ganz den Ermittlungen Ducas. Nach den Credits werden die einzelnen Schüler befragt, lassen Ducas unverhohlene Rage an ihrer arroganten, selbstsicheren Fassade abprallen, sich auch durch die nach einigen erfolglosen Bemühungen verteilten Demütigungen und Drohungen nicht aus der aufreizend zur Schau gestellten Ruhe bringen. Die Streichereinsätze, mit denen Spadaccino immer wieder Szenen peitschenhiebartig abschließt und Schnitte akzentuiert, verleihen dem Ganzen die Anmutung von Dringlichkeit, rücken die Ereignisse gleichzeitig aber aus der Sphäre der Gegenwart, in der sie noch beeinflussbar wären, in einen Raum, in dem man sie nur noch zur ernüchtert Kenntnis nehmen kann. Das passt natürlich zu Di Leos Sozialkritik, die wachrütteln will, indem sie aufzeigt, dass es für die Jugend des Jahre 1969 bereits fünf Minuten vor Zwölf ist. Gesellschaftliche Kälte, grassierender Materialismus bei gleichzeitig miserabler Wirtschaftslage, dazu die sexuelle Verwirrung, der sich die Jugend ja ohnehin schon ausgesetzt sieht, die aber im Jahr eins nach dem „Sommer der Liebe“ noch besondere Blüten treibt: Das ist das hochexplosive Gemisch, das die grausame Tat im Mittelpunkt von I RAGAZZI DEL MASSACRO begünstigt.

Aber Fernando Di Leo ist kein Elio Petri oder Damiano Damiani, weshalb sein Film in der zweiten Hälfte eine unerwartete Wendung nimmt, die mit der Identität des Täters in Verbindung steht. Die Sequenz, in der Duca und Livia Eltern für den heimatlosen Carolino spielen, ist das humanistische Herz von I RAGAZZI DEL MASSACRO, weil sich plötzlich eine zuvor vergeblich gesuchte menschliche Wärme über den Film legt. Der Polizist wird vom pflichtbesessenen, maschinenhaften Vertreter des Gesetzes zu einem Wesen aus Fleisch und Blut, die Zweckgemeinschaft mit der Sozialarbeiterin zu einer humanitären Mission, der Film zu einer bizarren Utopie. Nachdem die beiden Protagonisten ihrem „Sohn“ eine reichhaltige Mahlzeit beschert haben, wankt dieser völlig übermüdet zu Bett und wird in einer krass aus dem Film herausfallenden Nahaufnahme während seines Schlafes gezeigt. Die Maske des Fehlgeleiteten weicht dem Antlitz eines friedlich schlummernden Engels. Es ist nicht ganz klar, ob hier nicht auch eine Portion Sarkasmus am Werk ist, ob sich Di Leo nicht insgeheim über die liberale Vorstellung lustig macht, dass man auf die schiefe Bahn geratene Kleinkriminelle durch „Liebe“ auf den rechten Weg zurückbringen könne. Zu naiv wirkt das ganze Szenario, wenn auch irgendwie kuschelig und anheimelnd. Der weitere Verlauf legt Ironie durchaus nahe, denn letztlich sind Ducas und Livias Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt. Dass I RAGAZZI DEL MASSACRO mit dieser Erkenntnis zum Giallo wird, komplett mit einem „weiblichen“ Täter, der die Tatsache, dass es sich bei „ihr“ um einen Mann in Frauenkleidern handelt, zu keiner Sekunde verbergen kann. Diese Kehrtwende, die ja auch einen konservativen Backlash bedeutet, kommt völlig unverhofft und steht im krassen Widerspruch zu allem, was zuvor passiert ist. Das Übel geht plötzlich nicht mehr von einer insgesamt aus den Fugen geratenen Gesellschaft aus, die ihre Probleme auf dem Rücken der Jugend austrägt, sondern doch von einem Perversen, der die „Unschuldigen“ mit seiner Lust vergiftet. Richtig schaden tut es I RAGAZZI DEL MASSACRO nicht, weil dieser Schlenker auch die bizarre Krönung eines thematisch sonst eher unauffälligen Films darstellt – und natürlich die filmhistorische Vermählung zweier Genres, die sonst meist unvereint blieben.

 

Minou (Dagmar Lassander), die junge, etwas unterforderte und deshalb Alkohol und Tabletten nicht ganz abgeneigte Ehefrau des Unternehmers Peter (Pier Paolo Capponi), wird in Abwesenheit ihres Gatten von einem Unbekannten (Simon Andreu) überfallen. Der Mann macht ihr nicht nur eindeutige Avancen, er behauptet auch, bei Peter handle es sich um einen Mörder. Wenig später erhält die verunsicherte Minou den Beweis für diese Behauptung in Form einer Tonbandaufnahme. Der Versuch, das inkriminierende Beweisstück in ihren Besitz zu bringen, führt sie aber nur auf die Matratze des Erpressers, der so gerissen ist, das gemeinsame Liebesspiel fotografisch festzuhalten. Minou gerät immer stärker unter Druck …

Die erste Regiearbeit von Ercoli bildet den Auftakt zu seinem fabelhaften Giallo-Dreigestirn, dessen anderen beiden Teile LA MORTE CAMMINA CON I TACCHI ALTI und LA MORTE ACARREZZA A MEZZANOTTE ich hier schon frenetisch bejubelt habe. Wie in diesen zeichnet sich auch LE FOTO PROIBITE durch eine tolle visuelle Gestaltung und einen sehr ruhigen Aufbau aus, bei dem die Spannungskurve nur langsam, aber stetig ansteigt, und der weniger den äußeren Plot akzentuiert als vielmehr die psycholgisch Verwirrung seiner Protagonistin. Schon der Anfang ist bemerkenswert, weil er seine Hauptfigur ganz nebenbei während der Auftaktcredits, aber eben ganz entscheidend charakterisiert, sodass man dies beinahe übersieht, weil man noch gar nicht richtig im Film angekommen ist: Zu Ennio Morricones betörend schöner Musik (die seinerzeit auf der „Mondo Morricone“-CD enthalten war) macht sich Minou für den Abend fertig. Erst erklärt sie, dass sie ab heute auf Zigaretten, Alkohol und Beruhigungsmittel verzichten wolle, um ihrem Mann einen Gefallen zu tun, sinniert über ihre Pläne, allein auszugehen, ergeht sich anschließend in Fantasien darüber, wie sie ihren Mann mit der Nachricht einer erfundenen neuen Liebschaft und dem Scheidungswunsch auf die Palme bringen könne, nur um ihn danach umso zärtlicher zu empfangen, bevor sie sich an den Rat ihrer Freundin Dominique (Susan Scott) erinnert, sich nicht so hausfräulich zu kleiden, und die oberste Schleife ihres Minikleidchens lüpft. Wenig später folgt schon der Überfall des Unbekannten, der das Fräuleinwunder auf den Boden der Tatsachen zurückholt: Was Ercoli hier in den ersten fünf Minuten seines Films mit seiner Protagonistin anstellt, sucht seinesgleichen.

Und er knüpft in den folgenden 90 Minuten nahtlos an die erlittene Verunsicherung an. LE FOTO PROIBITE ist eher Hitchcock als Bava verpflichtet und anstatt einen schwarz gewandeten Messermörder loszulassen, auf dass er sich durch die Besetzungsliste schlitze und mittels gezielter Schocks auch den Zuschauer in Mitleidenschaft ziehe, bleibt er aufreizend defensiv. Man wartet darauf, dass sich die latente Bedrohung endlich in einem handfesten Angriff manifestieren möge, doch der kommt einfach nicht. Wird ein Schritt in diese Richtung gemacht, drosselt Ercoli das Tempo danach umso mehr, mit dem Ergebnis, dass LE FOTO PROIBITE für den Zuschauer genauso enervierend ist wie für Minou, die bald nicht mehr weiß, wo ihr der Kopf steht, und deren gute Vorsätze vom Anfang schnell vergessen sind. Ähnlich wie bei Sergio Martinos brillanten „Laster“-Giallos – LO STRANO VIZIO DELLA SIGNORA WARDH und IL TUO VIZIO È UNA STANZA CHIUSA E SOLO IO NE HO LA CHIAVE – wird auch dieser Film weniger von sichtbaren Handlungen, von körperlichen Angriffen, Morden, Messern, Wunden, Blut und abgetrennten Gliedmaßen, bestimmt, sondern von den dahinter verborgenen Gedanken und Gefühlen. Auch die Fotos im Titel verweisen auf dieses „Indirekte“: Es geht nicht so sehr um den Ehebruch, als vielmehr um das Bild des Ehebruchs. Nicht um die Tat als solche, sondern darum, was sie gesellschaftlich bedeutet. Der ganze Film spiegelt in seinem Entwurf den bösen Plan, der auch hinter den Taten des Unbekannten steht.

Ich hatte geahnt, dass es Ercoli nicht ganz zur Zufriedenheit gelingen würde, zum Finale hin den Schritt vom Vagen, Diffusen, Psychischen hin zum Direkten, Klaren, Körperlichen zu machen. Dass der Schlusstwist  vorhersehbar ist, ist verzeihlich, nicht aber, wie seltsam plump er in Szene gesetzt wurde. Die schlangenhaft-windige Elastizität der vorangegangenen 90 Minuten ist wie weggeblasen. Und als wäre das nicht genug, schiebt Ercoli wie einst Hitchcock in PSYCHO auch noch einen erklärenden und ultimativ redundanten Monolog hinterher, der noch einmal expliziert, was eigentlich keiner Explizierung mehr bedarf. Das ist so steif, dass man es eigentlich kaum anders als als Kommentar auf die Banalität des Lebens betrachten kann. Die Schlussszene, ein Happy End mit bunten Kleidern und lachenden Gesichtern, ist geradezu grotesk – aber auch deshalb wieder sehr effektiv. Weil der Bruch, der sich darin manifestiert, so hart ist, kann man dem Friede-Freude-Eierkuchen-Szenario nicht trauen. Und da ist es dann wieder, das ungute Gefühl, dass einem etwas durch die Lappen gegangenen ist, das zwischen den Zeilen steckt. Ein großer Film. Bitte mehr Ercoli auf DVD!

(Ich sehe gerade, dass der Film seinerzeit in Deutschland als FRAUEN BIS ZUM WAHNSINN GEQUÄLT vermarktet wurde. Herr im Himmel!)