Mit ‘Pierre Brassuer’ getaggte Beiträge

Durch einen von ihrem Vater, dem berühmten Chirurgen Dr. Génessier (Pierre Brasseur), verursachten Autounfall verliert dessen Tochter Christiane (Edith Scob) ihr Gesicht – bis auf die Augen. Fieberhaft arbeitet der Mediziner daran, seiner Tochter ein neues Antlitz zu verleihen, doch es gibt zwei Probleme: zum einen benötigt er „Spender“, die nach der Operation entsorgt werden müssen, was die Polizei auf den Plan ruft, zum anderen stößt Christianes Körper das transplantierte Gewebe immer wieder ab. Für die junge Frau wird das Warten, verbunden mit dem Wissen, das andere für sie sterben müssen, zur Qual …

Ein weitere Klassiker, den ich jetzt endlich einmal gesehen habe. Georges Franjus Film wird zu den Sternstunden des europäischen Horrorkinos gezählt: zu Recht, doch eigentlich ist diese Schublade viel zu klein für ihn. LES YEUX SANS VISAGE besticht vor allem durch seine klinische Kühle, Sachlichkeit und messerscharfe Präzision, ohne jedoch für diese seinen Sinn für Poesie gänzlich aufzugeben. Auch wenn beide Elemente unvereinbar scheinen: Bei aller fast dokumentarischen Distanziertheit wirkt LES YEUX SANS VISAGE wie ein schrecklich schöner Albtraum. Hätte ich den Film als Kind gesehen, die Bilder der gesichtslosen Tochter, die mit einer weißen, konturlosen und nur die Augen freilassenden Maske durch das prächtige Haus des Vaters wandelt, hätten mir bestimmt schlaflose Nächte beschert. 

Franju erweist sich als meisterlicher Beobachter und Dialektiker, der sich einem einfachen Urteil über seine Hauptfigur verweigert. In einem Fernsehinterview über seine Idee von Horror befragt, gab er zu Protokoll, dass es nicht absonderlich sei, wenn ein Verrückter verrückte Dinge tue: Das sei im Gegenteil absolut normal. Furchterregend werde es erst, wenn der Urheber des Verrückten ein ganz normaler Mensch sei: Hier liege die Quelle des Schreckens. LES YEUX SANS VISAGE spiegelt diese Überzeugung in mehrerlei Hinsicht und äußerster Konsequenz wider. Mit einiger Distanz beobachtet Franju seinen Protagonisten bei der Arbeit, zeichnet ihn eben nicht als verrückten Wissenschaftler, sondern als von der Liebe zu seiner Tochter und Schuldgefühlen getriebenen Vater, dem der moralische Kompass verloren gegangen ist und der darüber zum Serienmörder wird. Das Piece de Resistance, eine lange Operationsszene in der Mitte des Films, ist in beinahe semidokumentarischen Stil inszeniert und schockiert nicht so sehr mit Kunstbluteinsatz, sondern vielmehr mit der Professionalität und Konzentration, mit der sie ausgeführt wird. Die Effekte, obwohl technisch einfach und durchsichtig, sind auch heute noch immens effizient und verfehlen ihre Wirkung nicht.

LES YEUX SANS VISAGE ist ein klaustrophobischer Film mit engem Fokus: Nie sieht man eine Totale von Génessiers Anwesen, in dem der Film hauptsächlich spielt, Ausflüge in die Außenwelt sind enorm kurz gehalten: Der Zuschauer wird ganz in die Beziehung zwischen dem Vater und seiner Tochter hineingezogen, teilt gewissermaßen die Obsession des Arztes. Aber da ist diese sekundenkurze Einstellung eines Flugzeugs, das am Himmel vorüberfliegt, während der Arzt mit seiner Assistentin Louise (Alida Valli) eine Leiche verscharrt: ein flüchtiger Moment mit großer Wirkung, denn hier löst Franju die Isolation seiner Figuren gewissermaßen auf. Génessier handelt mitnichten im luftleeren Raum, er ist Bestandteil einer Welt, die sich um ihn herum bewegt. Ein faszinierender Moment, ein kleiner Kniff nur, den man leicht übersieht, der aber sehr wichtig für den Film als Gesamtwerk ist, weil er ihm eine moralische Dimension hinzufügt, deutlich macht, dass Génessiers Verbrechen eine Wirkung haben, nicht bloß „Privatsache“ sind. Es ist ein paradoxer Moment, weil er den Schleier des Traums auf der einen Seite zugunsten der Klarheit lüftet, andererseits aber selbst so vollkommen fremdartig und singulär ist. Und Louise, die dem Flugzeug hinterher blickt, als habe sie eine Erscheinung gehabt, scheint erst in diesem Moment zu begreifen, dass sie an einer Mordserie beteiligt ist.

LES YEUX SANS VISAGE ist ein ungemein reicher Film, seine Geschichte bietet genug Widerhaken, an denen man sich interpretatorisch einhängen könnte: Es gibt eine sehr problematische Vater-Tochter-Beziehung, gleichzeitig geht es auch um die Bindung zwischen Arzt und Patient. Er stellt die ethische Frage danach, wie weit die Medizin gehen darf, und eine existenzphilosophische nach dem Zusammenhang zwischen Gesicht und der Identität. Doch Franju hat keinen diskursiven Film gemacht, keinen „filmischen Diskussionsbeitrag“, sondern ein poetisches, dichterisches Werk, dem man sogar den einen Schönheistfehler verzeiht: Dass die Polizei eine ertappte Ladendiebin dazu zwingt, den Köder für den Killer zu geben, mutet im Rahmen dieses Films arg unglaubwürdig an.

Die nächste Station meiner Weltreise sollte eigentlich Spanien sein, vielleicht verweile ich aber noch ein bisschen bei den Franzosen. Lasst euch überraschen!