Mit ‘Pierre Clémenti’ getaggte Beiträge

Mithilfe der Millionen seiner Ehefrau Luisa (Marisa Bartoli) konnte aus dem talentierten, aber nur wenig ambitionierten Zeichner Stefano Argenti (Tomas Milian) der Chef einer erfolgreichen Mailänder Werbeagentur werden. Seine Bequemlichkeit hat er nicht abgelegt, weshalb die gemeinsame Ehe längst nur noch auf dem Papier existiert, er die Beziehung zu dem Fotomodell Fabienne (Katia Christine) gar nicht mehr vor seiner Frau verheimlicht. Er will Schluss machen und ein neues Leben anfangen, doch die Agentur gehört seiner Luisa und die weigert sich beharrlich, zu verkaufen und so Geld in seine Taschen zu spülen. Bei einem Wochenendtrip nach Venedig lernt Stefano den charismatischen, mysteriösen Graf Matteo Tiepolo (Pierre Clémenti) kennen. Der junge Mann merkt bald, was Stefano bedrückt und macht ihm den Vorschlag für das perfekte Verbrechen: Wenn Stefano Matteos verhassten Bruder umbringt, tötet er im Gegenzug dafür Luisa. Stefano hält das Ganze für einen schlechten Scherz, doch wenig später ist Luisa tot. Für den ermittelnden Kommissar Finzi (Luigi Casellato) ist Stefano eindeutig der Mörder. Das entlastende Beweismaterial hält Matteo in den Händen und er gibt es erst wieder her, wenn Stefano seinen Teil der „Abmachung“ einhält …

Wie anhand dieser Zusammenfassung unschwer zu erkennen ist, stellt Lucidis Film eine Adaption oder eher Variation von Patricia Highsmith‘ erstem Roman „Strangers on a Train“ bzw. dessen gleichnamiger Verfilmung von Alfred Hitchcock dar. Doch in LA VITTIMA DESIGNATA geht es längst nich nur um den Kampf eines Unschuldigen gegen einen Psychopathen: Die beiden Protagonisten in diesem italienischen Thriller sind über weit mehr als den Hass auf eine ihnen jeweils nahestehende Person und die einseitige Komplizenschaft in einem Verbrechen verbunden. Vielmehr teilen die beiden so gegensätzlich wirkenden Stefano und Matteo eine ganz entscheidende Charaktereigenschaft, worüber jedoch erst die allerletzte Einstellung des Films Aufschluss gibt. Was beide trennt, ist lediglich die Perspektive: Stefano ist nie in der Lage, das Spiel, das Matteo mit ihm spielt, zu überblicken. Wie Stefan Novak in seinem erhellenden Booklet-Text zeigt, greift Lucidi Elemente von Shakespeares „Hamlet“ auf: Stefano übernimmt die Rolle des Hamlets, eines feigen Zauderers, der darauf wartet, dass ihm die Dinge in den Schoß fallen, der unfähig ist, eine Entscheidung zu treffen, Initiative und Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen, und damit letztlich sein Schicksal besiegelt. Gegen den selbstsicher auftretenden Matteo, der ihn mit klarer Selbstauskunft um den Fnger wickelt, ihn darüber hinaus mit seiner Philosophie des Lustgewinns fasziniert, hat er von Beginn an keine Chance. Er lässt sich von ihm den Fortgang der Dinge diktieren, fügt sich in die ihm von Matteo zugedachte Rolle des Bauern, reagiert nur, statt zu agieren. Auch der letzte Strohhalm, der ihm noch geblieben ist, seine Unschuld zu beweisen, nämlich den Mordauftrag auszuführen, den Matteo für ihn vorgesehen hat, kann an seiner Situation nichts mehr ändern. Denn der Graf brauchte Stefano für weitaus mehr, als er ihm gegenüber zugegeben hatte.

LA VITTIMA DESIGNATA ist zum einen der Film seiner beiden Hauptdarsteller: Tomas Milian ist in einer interessanten Variation seiner größenwahnsinnigen Schmierlappen zu sehen, gewissermaßen als zivilisiertes Gegenstück zu seinem Psychopathen aus MILANO ODIA: LA POLIZIA NON PUÒ SPARARE. Er gibt den sich in seinem Wohlstand sonnenden, aber zutiefst verunsicherten Playboy, der gerade durch seine Handlungsunfähigkeit und -unwilligkeit zum Mörder wird. Kein „böser“ Mann, aber ein gefährlicher, der sich aus Bequemlichkeit in Situationen hineinmanövriert, aus denen er dann nur durch Beugung moralischer Prinzipien wieder herauskommt. Pierre Clémenti versieht seinen Grafen mit androgyner Weichheit, effeminierter Schwärmerei und einer gewissen Todessehnsucht. Er ist der Prototyp des anämischen, schwindsüchtigen Romantikers, dem sich Stefano zangsläufig überlegen fühlt. Als Matteo ganz am Ende die Maske der Weichheit fallen lässt, ist die Rollenverteilung komplett auf den Kopf gestellt. Aber ebenso wichtig wie die Dynamik zwischen diesen Schauspielern ist die Musik von Luis Enriquez Bacalov und der Jazzrock-Band New Trolls, die sich im Finale gemeinsam mit den Ereignissen der Handlung und dem Schnitt in einen wahren Rausch hineinsteigert. Der hübsche Titelsong, eine verträumte Ballade, wird sogar von Tomas Milian selbst gesungen. Die dritte Hauptrolle fällt der Lagunenstadt Venedig zu, die nicht nur als attraktiver Postkartenhintergrund fungiert, sondern die zentralen Themen von Tod und Schicksal in ihren maroden Fassaden spiegelt, wie das auch in Nicolas Roes DON’T LOOK NOW oder in Aldo Lados CHI L’HA VISTA MORIRE der Fall ist.

Ein schöner Film, den ich jetzt endlich einmal komplett gesehen habe. Das deutsche VHS-Tape, das ich davon mal besaß, ließ mich am Ende ratlos und enttäsuscht zurück. Es hatte wohl einmal einen Bandriss erlitten, dem die letzten, aber massiv entscheidenden Sekunden zum Opfer gefallen waren. Dass Lucidis Film toll ist, habe ich damals schon erkannt, aber wie absurd es ist, ihn nicht bis zum Ende sehen zu können, ist jedem klar, der ihn gesehen hat.