Mit ‘Politthriller’ getaggte Beiträge

Französische Krimis, Polizei- und Gangsterfilme der Politthriller sind von ihren italienischen Nachbarn des Poliotteschi und dem cinema di dinuncia thematisch nicht weit entfernt: Die Gesellschaft steht am Rande des Kollaps und daran sind verkommene, perspektivlose Jugendliche, schmierige Zuhälter und Drogenhändler, die Strippenzieher vom organisierten Verbrechen, vor allem aber Richter und Politiker Schuld, die sich haben kaufen lassen und es den wenigen Polizeibeamten, die noch nicht resigniert haben, unmöglich machen, ihrem Job nachzugehen. Doch während die Italiener ihren Zorn entweder in hyperventilierende Affektfilme gossen, in denen Maurizio Merli dem Gesindel mit bebendem Schnäuz die Schmierbäuche voll Blei pumpte, oder in Mafiathriller, denen man anmerkte, wie schwer es ihren Machern fiel, vor lauter Verzweiflung über den Status quo die Contenance zu wahren, gingen die Franzosen stets mit der konzentrierten Professionalität und Disziplin eines Gehirnchirurgen vor, der weiß, dass er sich keinen Fehlschnitt erlauben darf. Die Assoziation der Kälte gehört zum französischen Krimi wie der Fernet Branca zum Poliziotteschi.

LE JUGE FAYARD DIT „LE SHÉRIFF“ von Yves Boisset, einem der großen Männer des französischen Actionfilms, wurde von einem zum Zeitpunkt des Films zwei Jahre alten realen Mordfall an einem Richter in Lyon inspiriert, der bis heute nicht aufgeklärt wurde. Yves Boisset näherte sich den realen Begebenheiten so weit an, dass LE JUGE FAYARD DIT „LE SHÉRIFF“ inFrankreich sogar von einem Verbot bedroht war. Dass Politiker und Wirtschaftsbosse in dieser Art Film inkriminiert werden, ist nun, wie oben erwähnt, nichts Neues: Hier waren Fakt und Fiktion aber nur noch durch die erfundenen Rollennamen voneinander getrennt. Das war den Sittenwächtern dann doch zu viel des Guten: Die besondere Ironie dürfte niemandem entgehen. LE JUGE FAYARD fungierte gewissermaßen als beidseitiger Spiegel der Realität. Für Nicht-Franzosen und Spätgeborene ist Boissets Film ein ganz schöner Brocken: Ich konnte den Vorgängen aufgrund des bekannten Sujets zwar folgen, aber die Details und Zusammenhänge der historischen Hintergründe und realen Bezüge sind ohne Kenntnis der jüngeren französischen Geschichte kaum nachvollziehbar. Es geht um Veteranen aus der OAC, der Organisation l’armée secrète einer terroristischen Untergrundorganisation französischer Generäle und Offiziere, die sich in den Algerienkrieg eingeschaltet hatte, um die SAC (Service d’action civique), einen Verein von Sicherheitskräften im Dienste Charles de Gaulles, um Geldwäsche, Terrorismus und die Verbindungen dieser alten Militärs zu Politik und Wirtschaft. Alles irgendwie verständlich, aber die spezielle Brisanz entzieht sich dem Außenstehenden, der den Film mit einem Abstand von 40 Jahren schaut, fast zwangsläufig.

Was sich nicht entzieht, sind die Gewissenhaftigkeit der Inszenierung und Patrick Dewaeres Spiel, vor allem im direkten Vergleich mit seiner freidrehenden Interpretation eines feigen Mörders in Corneaus großartigem SÉRIE NOIR. Man erkennt ihn sofort wieder, trotzdem ist er ein komplett anderer. Sein Richter Fayard ist gerade auch im Vergleich mit den zahlreichen anderen „am Rande der Legalität“ kämpfenden Gesetzeshütern interessant, denn dieser Fayard ist kein besonders körperlicher, sondern ein eher effiminierter Typ, niemand, von dessen physischer Präsenz man sich einschüchtern ließe. Aber das macht seine Ausbrüche nur eindrucksvoller, denn wenn er die Grenzen übertritt, wird klar, dass er keine unterdrückten Gewaltfantasien ausagiert, sondern wirklich von dem Willen übermannt und angetrieben wird, die Gerechtigkeit wiederherzustellen. Es sind kurze Momente des Kontrollverlusts, nach denen er sich sofort wieder fängt – und dann selbst erschrocken ist von seinen Transgressionen. Er brennt für seinen Job und hadert mit den Umständen, das hat er mit den heißgelaufenen Cops gemeinsam, aber er ist zu intelligent, um sich auffressen zu lassen. Sein Ende kommt daher auch für niemanden so überraschend wie für ihn. Er hat ja nur seinen Job gemacht, mehr nicht.

Ein gepflegter Mann (Gian Maria Volonté) macht sich mit entschlossenem Blick ausgehfertig: Die Haare sind streng frisiert und akkurat gekämmt, der cremefarbene Anzug setzt der Frisur eine gewisse mediterrane Lockherheit entgegen, die hellblaue Krawatte suggeriert eine Empfindsamkeit, die man in dem steinernen, fast brutalen Gesicht vergeblich sucht. Er besucht seine Geliebte (Florinda Bolkan), eine sinnlich aussehende Frau mit langen dunklen Haaren, ebensolchen Augen und einem freizügig geschnittenen Kleid, die Einrichtung ihrer Wohnung weist sie als Freigeist aus. „Wie wirst du mich heute umbringen?“, fragt sie den Mann im Scherz. „Ich schneide dir die Kehle durch.“, antwortet der todernst. Beide ziehen sich aus, gleiten dann unter die schwarze Seidendecke. Das Liebesspiel beginnt, bis die oben liegende Frau plötzlich erstarrt. Der Mann schiebt sie zur Seite, leblos rutscht sie von ihm herunter. Blut bedeckt seine Brust. Er steht auf, duscht sich, trinkt einen Schnaps. Er zieht sich an und beginnt dann eine Reihe von Spuren zu hinterlassen: einen Faden seiner  Krawatte unter einem Fingernagel der Toten, blutige Fußspuren, Fingerabdrücke. Er wickelt ein paar Schmuckstücke der Frau in ein Taschentuch, das er in seine Jacketttasche steckt, ruft bei der Polizei an, um einen Mord zu melden, öffnet den Kühlschrank, nimmt zwei Flaschen Champagner heraus, verlässt die Wohnung und fährt zur Arbeit. Dort wird er von seinen Kollegen bereits erwartet: Es ist sein letzter Tag als Chef des Morddezernats. Er hat die nächste Karrierestufe erklommen und wird ab sofort wird er für die innere Sicherheit verantwortlich sein. Doch zunächst muss er die Ermittlungen im Mord an einer jungen Frau anstoßen, der Frau, die er kurz zuvor eigenhändig umgebracht hat …

So beginnt Elio Petris Film und der Schock, den dieser Beginn beim Zuschauer auslöst, wird über die gesamte Spielzeit von 110 Minuten eine geradezu versteinernde, lähmende Wirkung entwickeln: Zeichnete Peri zuvor schon äußerst pessimistische Gesellschaftsbilder, so kann man INDAGINE SU UN CITTADINO AL DI SOPRA DI OGNI SOSPETTO nur noch als fatalistisch bezeichnen. Dieser Eindruck wird dadurch verschärft, dass der Zuschauer zum ersten Mal in Petris Filmen (bzw.: zum ersten Mal in den von mir gesehenen Filmen des Regisseurs) dazu gezwungen wird, sich mit dem Gegner zu identifizieren. Der „Dottore“, wie Volontés Protagonist von allen genannt wird (erst in der letzten Szene des Films bekommt er einen Namen), verkörpert den rücksichts- und skrupellosen Machtmenschen, dem einzig an Erhalt und Vergrößerung dieser Macht gelegen ist und der exemplarisch ist für jenen Typus, der im Kapitalismus die Geschicke der Staaten lenkt. Zuvor hatte Petri dem Zuschauer noch Menschen zur Seite gestellt, die bei aller Chancenlosigkeit doch noch Hoffnung machten, allein mit ihrer Existenz: Alfredo in L’ASSASSINO, einen zwar moralisch fragwürdigen Charakter, aber eben doch auch einen weitestgehend harmlosen Bürger mit dem Potenzial zur Besserung; Caroline und Marcello in LA DECIMA VITTIMA, die sich dem System entzogen und ironischerweise ausgerechnet in die Ehe flüchteten; den Akademiker Paolo in A CIASCUNO IL SUO, einen integren Idealisten, dem seine politische Naivität zum Verhängnis wurde; oder Leonardo, den Künstler aus UN TRANQUILLO POSTO DI CAMPAGNA, den seine Geliebte gnadenlos auf Linie brachte. Der Widerstand, den sie noch leisteten, wird hier bereits im Keim vom „Dottore“ und seinem unbarmherzigen autoritären Auftreten erstickt. Die Vehemenz, mit der der das Primat des Staates (und damit der Mächtigen) verabsolutiert und verteidigt, macht einem tatsächlich angst und bange: Ein kritischer, demokratischer Diskurs ist nicht gewünscht, vielmehr ist das reibungslose Funktionieren des Apparats mit allen Mitteln sicherzustellen. Menschenrechte sind dazu da, gebrochen zu werden, schon die falsche Adresse, der falsche Haarschnitt oder die falschen Freunde können Grund für die staatliche Überwachung sein. Und der „Dottore“ kann diese totalitären Ansichten sogar mit der Verteidigung der Werte der Demokratie zusammenbringen, ohne dass es ihm als Widerspruch erscheint.

INDAGINE SU UN CITTADINO endet mit einem Kafka-Zitat, macht damit explizit, was in L’ASSASSINO noch in den Bildern verborgen lag: Politik und Rechtsprechung sind ganz und gar hermetische Systeme geworden, die vor allem mit ihrer Selbsterhaltung beschäftigt sind. Keiner der bewusst begangenen Fehler des „Dottore“ kann ihn zur Strecke bringen, weil er kraft seines Amtes immun schon gegen den bloßen Verdacht geworden ist. Es ist der ultimative männliche Omnipotenzwahn, der ihn und seine Genossen antreibt, letztlich aber von einer sadomasochistischen Sehnsucht nach Unterwerfung bestimmt ist: Wer alles darf, alles kann, der sucht sich denjenigen, der noch mächtiger ist als er selbst. Dieses männliche Machtstreben hat in INDAGINE SU UN CITTADINO wie in den vorangegangenen Filmen Petris auch eine sexuelle Konnotation: Es ist die Unabhängigkeit der ihm insofern überlegenen Frau, die den „Dottore“ antreibt, ihn dazu bringt vom Baum der Machterkenntnis zu naschen, sich so ihres Respekts und ihrer Anerkennung zu versichern. Letztlich fehlt im die Kraft dazu, ein ganz und gar unabhängiges Individuum zu sein: Verängstigt und eingeschüchtert von den sich bietenden Möglichkeiten, der Abwesenheit von Regeln und einer ihn richtenden Instanz gesteht er sein Verbrechen, fleht um die Bestrafung, die das System, an das er glaubt, wiederherstellt. Doch er ist dieser Sphäre längst entwachsen: Er ist kein normaler Bürger mehr, sondern Mitglied der herrschenden Klasse, eines Kultes, der seine eigenen Riten der Bestrafung und Belohnung hat.

INDAGINE SU UN CITTADINO scheint nach dem Quasi-Horrorfilm UN TRANQUILLO POSTO DI CAMPAGNA zunächst eine Rückkehr zum Politthriller italienischer Prägung zu sein: Sachlich-analytisch schildert Petri das Vorgehen seines Protagonisten, suggeriert, wie ein Krimi mit umgedrehten Vorzeichen an der Auflösung des Mordfalles interessiert zu sein. Doch je länger der Film dauert, umso mehr verwandelt er sich vom Polit- und Polizeithriller zum Psychogramm und dann zur politischen Farce. Mit dem Finale verabschiedet sich Petri endgültig von der Realität, nähert sich den okkulten Verschwörungstheorien des Horrorfilms an, wenn sein „Dottore“ den Honorationen gegenübertritt um den Urteilsspruch oder aaber die Absolution zu empfangen. Getragen wird der Film, der wieder einmal elegant Fantasien, Träume und Erinnerungen seiner Hauptfigur in seine Erzählung einwebt und den „klaren“ Gang der Ereignisse so mehr und mehr verwischt, von Gian Maria Volonté: Was der hier leistet, ist eigentlich erst wirklich einzuschätzen, wenn man ihn in A CIASCUNO IL SUO in einer dem „Dottore“ diametral entgegengesetzten Rolle gesehen hat. War er dort sensibel, verzärtelt, unsicher und linkisch, so tritt er hier arrogant und selbstherrlich auf, bellt seine Dialogzeilen in einem durch Mark und Bein gehenden Befehlston und lässt keine einzige menschliche Regung durchscheinen. Ein Mann, der nur aus einer undurchdringlichen Fassade besteht. In einer Szene doziert er über die richtige Taktik beim Verhör, spricht darüber, wie wichtig es ist, den Verdächtigen zum Kind zu degradieren, das sich förmlich danach sehnt, sich dem „Vater“ zu offenbaren: Das ist genau die Rolle, in die sich auch der Zuschauer gedrängt fühlt. INDAGINE SU UN CITTADINO AL DI SOPRADI OGNI SOSPETTA ist weniger Film als körperliche Grenzerfahrung. Ein Ausnahmewerk, das 1971 mit dem Oscar als Bester ausländischer Film ausgezeichnet wurde. Wahrscheinlich, weil die Academy Angst hatte …

Der Student Jonathan (Anthony Edwards) fährt gemeinsam mit seinem Kumpel Manolo (Nick Corri) nach Europa – nicht zuletzt in der Hoffnung, dort endlich entjungfert zu werden. In Paris begegnet er der erotischen Tschechin Sasha Banicek (Linda Fiorentino) und beide stürzen sich in eine heftige Affäre. Als sie Paris in Richtung Berlin verlassen muss, schließt sich Jonathan ihr an, noch nicht ahnend, dass sie tatsächlich eine CIA-Agentin ist, die einen dubiosen Auftrag in Ost-Berlin zu erfüllen hat. Und so sieht sich der arglose Student nach kurzer Zeit von KGB-Männern verfolgt …

GOTCHA! ist auch wieder so ein Kandidat: Hätte ich den Film im Teeniealter gesehen, könnte ich heute wahrscheinlich kaum objektiv über ihn urteilen. Tatsächlich erinnere ich mich noch an die lobenden Worte eines Klassenkameraden, dem die Begeisterung über den Teenie-Agentenfilm förmlich aus den Augen sprang. Ganz so hin und weg bin ich dann nicht, auch wenn GOTCHA! ein sehr ordentlicher und vor allem recht origineller Vertreter des in den Achtzigerjahren so populären Teeniefilms ist. Mit Anthony Edwards steht Jeff Kanew ein sehr sympathischer und vor allem natürlicher Hauptdarsteller zur Verfügung und die authentische Berliner Kulisse ist natürlich ein Augenschmaus und – Achtung: marketingdeutsch – absolutes Alleinstellungsmerkmal. Da bin ich dann auch fast geneigt, es GOTCHA! positiv anzurechnen, dass er nicht von Attraktion zu Attraktion hüpft, nicht eine Zote an die nächste reiht, sondern seine Geschichte sehr behutsam und durchaus mit einigem Ernst entwickelt – während der Sichtung hätte ich mir gerade in der ersten Hälfte etwas mehr Zug zum Tor gewünscht. Kanew gelingt es aber recht gut, die in den Achtzigerjahren noch ganz gegenwärtigen Spannungen zwischen Ost und West aus der Sphäre obercooler Superagenten zurück in den Alltag zu holen. Ein bisschen amerikanische Kommunistenparanoia muss man als Europäer zwar verknusen können, aber auch das war vor 25 Jahren eben die gängige Reaktion auf das Treiben hinter dem eisernen Vorhang. Mein verhaltener Einstieg war also eigentlich gar nich so angebract, denn GOTCHA! ist schon ein feiner Film. Aber eben nichts, was mich vor Begeisterung um den Schlaf bringt.

Eine fiktive Stadt namens Atlantic-Cité. Eine Frau namens Paula Nelson (Anna Karina) und ihre schicken Kleider. Ein toter – ermordeter ? – Geliebter namens Richard, dessen Nachname bei jeder Nennung von Schuss- oder Hupgeräuschen übertönt wird. Zwei geheimnisvolle Agenten namens Donald Siegel (Jean-Pierre Léaud) und Richard Widmark (László Szabó). Ein Informant namens Mr. Typhus. Marianne Faithfull und „As Tears go by“. Ein Tonband mit kommunistischer Agit-Prop. Pop-Art. Pulp Fiction. Viele Tote. Keine Antworten. Nur die Erkenntnis, dass noch ein langer Weg vor „uns“ liegt. Die Linke im Jahre null. Und Godard am Scheideweg.

So. Das ist jetzt tatsächlich der erste Godard in meiner kleinen Retrospektive (SYMPATHY FOR THE DEVIL, den ich im vorvergangenen Jahr gesehen habe, lasse ich mal außen vor), der dem entspricht, was man sich als Uneingeweihter unter dem Namen „Godard“ so vorstellt: enigmatisches, wenn nicht gar hermetisches, nichtnarratives, voller hochtrabender, mit poetischen, politischen, philosophischen Verweisen übefüllter Dialoge nur so strotzendes, ikonoklastisches Avantgarde-Kino, das den Zuschauer nicht „bedienen“, sondern ihm im Gegenteil vor den Kopf stoßen will. Ohne die fantastischen Extras der schönen Criterion-DVD – ein interessanter Essay im beigelegten Booklet, ein kurzes Featurette, in dem alle Verweise und Zitate aufgedeckt werden, sowie ein Interview mit zwei Godard-Experten, die MADE IN U.S.A (und 2 OU 3 CHOSES QUE JE SAIS D’ELLE) in den Kontext des Godard’schen Schaffens einordnen und Hintergründe erläutern, wäre ich ziemlich aufgeschmissen gewesen, hätte kaum mehr zu sagen gewusst, als dass MADE IN U.S.A fantastisch aussieht in seinen knalligen Farben und den plakativen Bildkompositionen und nach MASCULINE FÉMININE zwar wieder eine Rückbewegung zu den vorigen Genredekonstruktionen darstellt, dabei aber den bei PIERROT LE FOU eingeschlagenen Weg konsequent fortsetzt. MADE IN U.S.A ist ein zorniger und verzweifelter Film, in dem Godard die Affäre um den marokkanischen Menschenrechtler Mehdi Ben Barka aufgreift, die 1965/1966 die französische Öffentlichkeit erschüttert hatte. Man hatte Barka unter dem Vorwand nach Paris gelockt, dass dort ein Dokumentarfilm mit ihm gedreht werden sollte, ihn dann aber an Marokko ausgeliefert, wo er in der Folge zu Tode gefoltert wurde. Diese Geschichte dient Godard als Ausgangspunkt für eine ultrastilisierte Dystopie, deren Figuren keine psychologischen Charaktere mehr sind, sondern reine Sprachflächen, die die Frage nach der Möglichkeit eines richtigen Leben im Falschen diskutieren und sich dabei immer wieder in Metadiskursen verlieren. Trivial- und Hochkultur werden von Godard auf Kollisionskurs geschickt und der Plot lässt selbst die eh schon unnachvollziehbaren Noir-Klassiker THE BIG SLEEP oder THE MALTESE FALCON als durchsichtige Kinderfilme erscheinen. Ich kann nicht sagen, mich durchweg „amüsiert“ zu haben – wenngleich einzelne Sequenzen, wie etwa jene, in der Paula eine Werkstatt besucht, in der pulpige Kinoplakate und -dekorationen hergestellt werden, in ihrem visuellen Witz bemerkenswert sind –, aber um MADE IN U.S.A halbwegs einschätzen zu können, muss man ihn wohl mindestens zweimal gesehen haben. Eine schöne Inspiration für eine zweite Sichtung liefert Colin McCabe, einer der zwei erwähnten Experten: Für ihn ist MADE IN U.S.A ein Film, der aus der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit Godards entstanden ist, in seiner Schönheit aber in sich selbst einen Ausweg aus dieser aufzeigt. Als nächstes kommt für mich in jedem Fall erst einmal 2 OU 3 CHOSES QUE JE SAIS D’ELLE, den Godard direkt im Anschluss an den on the fly improvisierten MADE IN U.S.A inszenierte.

secret_defense_4Die Al Quaeda plant ein Bombenattentat in Paris. Während der Geheimdienstmann Alex (Gerard Lanvin) eine geeignete Agentin, die Studentin Diane (Vahine Giocante), rekrutiert und ausbildet, gerät der aus schwachen sozialen Verhältnissen stammende Kleinkriminelle Pierre (Nicolas Douvauchelle) im Gefängnis in den Blick des islamistischen Terrornetzwerks …

Agenten- und Politthriller made in France: eine unterkühlte, sachliche Inszenierung bietet den perfekten Rahmen für die Geschichte, die davon erzählt, wie Individuen für das „große Ganze“ zum ersetzbaren Werkzeug degradiert werden, aber auch davon, dass es dazu keine Alternative zu geben scheint. Die Schlussszene und  -einblendung rückt den ganzen Film zwar gefährlich in Richtung der unkritischen Heldenverehrung, kann dem Erfolg des Films aber nichts anhaben. Exzellentes, erwachsenes Hochspannungskino wie es in dieser Form nur aus einem einzigen Land kommen kann. QED.