Mit ‘Prince’ getaggte Beiträge

under-the-cherry-moon-images-b801ca48-d901-4257-ad5d-13b8f93b78eNach PURPLE RAIN einen Text über Prince‘ zweiten Film folgen zu lassen, war ziemlich naheliegend. Aber UNDER THE CHERRY MOON kann auch als neuester Eintrag in meiner unregelmäßig fortgeführten Serie über legendäre Flops und filmische Missverständnisse verstanden werden. Hatte Prince sich mit dem Erfolg des Vorgängers noch als kommerziell nicht zu unterschätzende Leinwandkraft empfohlen, ging er schon mit seinem zweiten Film heftig baden, sowohl hinsichtlich des Zuschauerzuspruchs als auch was die kritische Rezeption betraf.

UNDER THE CHERRY MOON spielte gerade einmal 10 Millionen Dollar und damit noch nicht einmal seine Kosten wieder ein (PURPLE RAIN erwirtschaftete immerhin einen Umsatz von 70 Millionen, was etwa dem Zehnfachen seiner Kosten entsprach), erntete überwiegend verheerende Kritiken und war mit fünf Auszeichnungen (Worst Film, Worst Director, Worst Actor, Worst Supporting Actor, Worst Original Song) der große Abräumer bei den berüchtigten Raspberry Awards seines Jahrgangs. Auch von einer positiven Re-Evaluation, die so manchen einstigen Flop später rehabilitiert, ist UNDER THE CHERRY MOON heute noch weit entfernt: Der Film gilt als unrettbares Fiasko, wird in diesem Text gar als „unwatchable“ bezeichnet (was, so viel schicke ich mal vorweg, auf einen ziemlich humorlosen Charakter des Rezensenten schließen lässt) und harrt immer noch seiner Veröffentlichung als Blu-ray – die einst verfügbaren DVDs sind selbstverständlich längst out of print.

Ganz aus dem Nichts kamen die miserablen Resonanzen allerdings nicht. Schon die Produktion war von jenen Schwierigkeiten geplagt, die oft negative Presse und in der Folge ausbleibende Zuschauer nach sich ziehen: Dass die ursprünglich vorgesehene Regisseurin Mary Lambert (PET SEMATARY) vom fachfremden Prince höchstselbst ersetzt wurde, gab den Filmjournalisten eine Steilvorlage für die immer wieder beliebte Geschichte von Hybris und Größenwahn, der kurzfristige Ausstieg von Terence Stamp, für den schließlich Steven Berkoff einsprang, machte die Sache nicht besser. Zu behaupten, UNDER THE CHERRY MOON habe keine Probleme, käme dennoch der Realitätsverleugnung gleich: Anstatt einen weiteren Musikfilm vorzulegen, in dem Prince sich im weitesten Sinne selbst spielte, versuchte er sich an einer romantischen Komödie nach dem Vorbild alter Hollywoodklassiker, für die ihm aber sowohl die nötigen acting chops fehlten als auch eine etwas geerdetere Persona.

Als Identifikationsfigur taugt er in der Rolle des exaltierten Gigolos Christopher Tracy (dessen Haute-couture-Garderobe nicht ganz zum mittellosen Con-Man passen mag) nur sehr bedingt, als klassischer, romantischer leading man aufgrund seiner freien Interpretation von Heterosexualität noch viel weniger – man erwartet eigentlich ständig eine Liebesszene zwischen ihm und seinem Sidekick Tricky (Jerome Benton). Die erotischen Szenen mit seiner Partnerin – Kristin Scott Thomas in ihrem Leinwanddebüt, das sie heute gern aus ihrer Vita tilgen würde – hingegen wirken aufgrund mangelnder Chemie eher befremdlich, unglaubwürdig und gekünstelt, und der dramatische Impact des Finales kommt aufgrund dieser Mängel einem freundlichen Stupser gleich. Michael Ballhaus‘ erlesener Fotografie des Schwarzweißfilms sieht man deutlich an, dass er ursprünglich in Farbe geplant war (die mediterrane Farbenpracht des Drehortes Nizza und von Prince‘ Kleidung kann man logischerweise nur erahnen), die Musik, die für einen Großteil des potenziellen Publikums maßgeblicher Grund gewesen sein dürfte, sich den Film anzusehen, spielt bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich im Hintergrund. „Kiss“, der große Hit des zugehörigen Soundtrackalbums „Parade“ und einer von Prince‘ wohl bekanntesten Songs, wird nur kurz angerissen, die eine lang ausgespielte Tanznummer gibt es hingegen zu „Girls & Boys“ (der allerdings nicht weniger toll ist).

Dass UNDER THE CHERRY MOON oft als vanity project seines Stars bezeichnet wird, ist vor diesem Hintergrund mehr als naheliegend und auch nicht ganz unberechtigt. Verzieh man Prince die Nabelschau von PURPLE RAIN noch gern, weil sein immenses Talent als Musiker und Showman offenkundig und er in dem Film somit in seinem Element war, war man dahingehend deutlich weniger nachsichtig, als er sich plötzlich auch noch als witzig-spritziger Kumpeltyp, exotischer Liebesgott, tragischer Held und stilbewusster Lebenskünstler inszenierte. Wenn er, wie ich zuvor schrieb, in PURPLE RAIN trotz überirdischer Begabung vor allem als Mensch erschien, wirkt er in der eigentlich nach einer gewissen Bodenständigkeit verlangenden Rolle von Christopher Tracy wie ein Fremdkörper, als sei er eben erst aus einer purpurfarbenen Galaxie auf die Erde gebeamt worden. Prince war kein Humphrey Bogart und auch kein Cary Grant. Zum Glück.

Aber dieser Fehlschluss macht UNDER THE CHERRY MOON ja auch wahnsinnig interessant. Mir fällt auf Anhieb kein einziger Film ein, der vergleichbar wäre, auf diesem sichtbar hohen technisch-formalen Niveau solche absolut seltsamen Entscheidungen getroffen hätte und mit einer solch eigenartigen, magnetischen Hauptfigur aufwartete. Der Film ist ja auch ein Beweise für die Macht, die seinem Star damals, Mitte der Achtzigerjahre zukam: Unvorstellbar, dass dieser Film heute in dieser Form entstehen könnte. Und wenn ich Prince eben unterstellte, schlicht und einfach unglaubwürdig in seiner Rolle zu sein, so muss man ihm dennoch attestieren, mit weit heruntergelassener Deckung zu agieren. Er wirft sich ohne Fallschirm in diese Rolle, hat sichtlich Freude an seinem Part und das macht ihn auch sehr sympathisch. Allein, er bleibt eben der geniale Pop-Messias, der diesen Christopher Tracy zu jeder Sekunde überlagert und verhindert, dass man Zugang zu ihm findet. Aber dafür lernt man eben etwas über Prince, erhält Einblick in die Bilderwelt, aus der sich auch seine Musik speiste. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, Europa und die USA, Realität und Märchen prallen nicht aufeinander, sondern durchdringen sich, bis alles eins ist. Die einzige Welt, in der Prince sich wirklich zu Hause fühlte, weil ihm die Realität zu eng war: „If nobody kills me or thrills me soon,  I’ll die in your arms under the cherry moon.“

 

purple20rainIch bin nicht der Typ, der anlässlich der Todesnachrichten von Prominenten regelmäßig in Trauer verfällt. Menschen sterben, und ab einem gewissen Alter ist das nur der natürliche Lauf der Dinge. Prince‘ Tod in der vergangenen Woche war schon von daher etwas anderes: Gerade einmal 57 Jahre alt, hätte er eigentlich noch ein paar Jahrzehnte auf diesem Planeten haben sollen. Es scheint mir unnötig, geradezu verschwenderisch, jemanden von solch unglaublichen Fähigkeiten in diesem Alter abzuberufen, noch dazu aufgrund einer Verkettung unglücklicher, dummer, wahrscheinlich vermeidbarer Umstände. Ich habe Prince‘ Musik in den letzten Jahren zugegebenermaßen nicht mehr verfolgt. Das letzte Album, das ich mir von ihm gekauft habe, war „The Rainbow Children“ aus dem Jahr 2001, und schon damals stieß mir seine zunehmend esoterische Ader etwas sauer auf. Als ein paar Jahre später „Musicology“ erschien, keimte kurz die Hoffnung, er könne in großem Stile zurückkommen, aber das war natürlich auch etwas naiv. Ich glaube, Prince hatte gar kein Interesse mehr daran, in den Charts herumzuhampeln und sich Mikros von MTV-Moderatorinnen unter die Nase halten zu lassen, die seine Kinder sein konnten.

Aber selbst wenn Prince‘ Musik keine echte Rolle mehr in meinem Leben spielte: Er war eigentlich immer da gewesen, hatte mich in unterschiedlicher Intensität mein ganzes Leben begleitet und es ein paar Jahre lang mit seiner Musik und seiner Persona versüßt. Sein „Raspberry Beret“ war auf der ersten Platte, die ich selbst besaß, ein Compilation-Album namens „Hits3“, das ich zu Weihnachten 1985 von meinen Eltern geschenkt bekommen hatte. Ich weiß noch, wie mich der Song mit seiner poppigbunten flamboyance und der karnevalesken Stimmung damals verwirrte. Nichts auf der Platte klang auch nur annähernd vergleichbar.Songs, die damals neben ihm standen, sind heute vergessen oder nur noch für den kurzen Nostalgieflash gut, „Raspberry Beret“ ist noch immer so frisch wie eine Brise Sommerwind, die den Geruch von Erdbeereis und Sonnenmilch mit sich trägt. So sehr Prince als Musiker und Künstler auch die Achtziger mitprägte: Er gehörte nie so richtig dazu, schien über allen anderen zu schweben. Stars wie Madonna oder Michael Jackson waren größer als er oder überholten ihn irgendwann, aber sie waren immer ausgesprochen weltlich. Prince war eine Ausnahmeerscheinung, die in ihrer besten Zeit nur nach sich selbst klang, sich an niemandem orientierte und Musik machte, die wirklich zeitlos war.

Als ich die Nachricht von seinem Tode las, stand da ganz kurz die Möglichkeit im Raum, es handle sich um einen schlechten Internetscherz. Tatsächlich war einen Tag zuvor schon via Twitter die Nachricht seines Todes herumgegangen, doch die Hinweise auf diesen Hoax verschwanden binnen kürzester Zeit, als klar wurde, dass die Meldung diesmal echt war. Ich war fassungslos, begann sofort die diversen Nachrufe, Artikel und Essays zu lesen, die bis heute veröffentlicht werden, Videos zu schauen und, ja, zu trauern. Ich weinte. Mir wurde immer klarer, was für ein Unikat uns da verlassen hatte, wie unwahrscheinlich es ist, dass unsere Welt in absehbarer Zeit einen ihm ebenbürtigen Künstler hervorbringt. Und selbst wenn: Die Zeiten haben sich geändert. Nach Prince zu leben, bedeutet auch, in einer Welt aufzuwachsen, in der viele Grenzen schon niedergerissen wurden. Man schaue sich nur das Video von seinem Auftritt bei American Bandstand an (ich kann das leider nicht direkt verlinken, aber es findet sich hier auf Platz 13), wo er von zwei Rednecks angkündigt wird und dann mit schenkelhohen Schaftstiefeln, Leopardentanga und -top bekleidet und in schönstem Falsett „I wanna be your lover“ singt. Er musste anno 1980 ja nicht nur extrem mutig sein, so aufzutreten, als Schwarzer zudem: Er musste dieses Outfit ja auch verkaufen können. Und boy, how he did sell it! Er war Anfang 20 bei diesem Auftritt, aber er bewegt sich mit dem unverschämten Selbstbewusstsein echter Showbiz Royalty, fordert Respekt und Bewunderung ein. In Unterwäsche! Es gibt Bühnenkünstler, die sind mal mehr, mal weniger für ihren Job geboren, denen fliegen die Herzen des Publikums mal mehr, mal weniger zu und die verstehen, mal mehr, mal weniger diese Liebe zurückzugeben. Und dann gibt es einige wenige Künstler wie Prince, die einem das Gefühl geben, man befinde sich in der Gegenwart eines Gottes, der nur deshalb menschliche Gestalt angenommen hat, damit wir das Gebotene wenigstens halbwegs verarbeiten können.

Ein guter Startpunkt für die Prince-Huldigung ist PURPLE RAIN, der Film, der ihn im Verbund mit dem dazugehörigen Soundtrack endgültig zum Superstar machte und außerdem zeigte, dass der Musiker/Sänger/Songwriter/Produzent sich nicht damit begnügen wollte, einfach nur Platten aufzunehmen. Zwar waren schauspielernde Musiker in den Achtzigerjahren längst nichts Neues mehr, doch die Art der Selbstinszenierung, oder besser: Selbstmythologisierung, die Prince vorschwebte, war eher die Ausnahme. Selbst kommerzielle Schwergewichte und Ikonen wie Elvis oder The Beatles hatten sich bei ihren Leinwandausflügen meist als nahbare Jungs von nebenan ablichten lassen, die eher zufällig gut singen konnten oder aber geniale Songwriter waren und durch diese Tatsache kaum wesentlich tangiert wurden. PURPLE RAIN hingegen bezieht seinen Reiz gerade aus der unüberwindbaren Kluft, die zwischen Prince‘ überirdischem Talent und seinem Menschsein klafft. Prince, der während seiner beispiellosen Karriere nur höchst selten wie „einer von uns“ anmutete, spielt „The Kid“, einen Musiker aus einfachen Verhältnissen, der mit seiner Band „The Revolution“ versucht, den Durchbruch zu schaffen. Bei ihrem Engagement im Rockclub „First Avenue“ in Minneapolis (Prince‘ realer Heimatstadt) konkurrieren sie mit dem schmierigen Morris Day und seiner Funk-Band The Time um die Gunst der Zuschauer, die Existenz als Musiker und die Anerkennung als Künstler. Mit seinem offen sexuellen, aber Genderunterschiede niederreißenden Auftreten („I’m not a woman/I’m not a man/I’m something that you’ll never understand“, singt er in „I would die 4 U“), der (vor allem im Vergleich zum businessmäßigen Funk von Morris Day and The Time) sehr seltsamen Musik und den extravaganten Outfits, zieht The Kid längst nicht nur Bewunderung, sondern Befremden, Neid und Verachtung auf sich. Und er scheint selbst noch nicht wirklich er selbst zu sein, ist hin- und hergerissen zwischen seinen Ambitionen und seinen künstlerischen Instinkten auf der einen Seite, seinem Bedürfnis, dazuzugehören auf der anderen Seite. Erst als er den Frieden mit seinem alkoholkranken, gewalttätigen Vater (Clarence Williams III) schließt, kann er mit vollem Selbstbewusstsein er selbst sein. Der Film ist gewissermaßen Prince‘ origin story.

PURPLE RAIN war damals ein Riesenerfolg, trotz eines völlig namenlosen Regisseurs und eines Casts, der zu einem Großteil aus Nicht-Schauspielern rekrutiert worden war. Ein Grund dafür war natürlich die Musik. Viele halten das zugehörige Soundtrack-Album bis heute für Prince‘ bestes Werk: Angetrieben von Hits wie dem fantastischen Titeltrack, einer tieftraurigen Ballade mit Gospelanklängen und rätselhaften Lyrics, die sich mit einem der großartigsten Gitarrensolos aller Zeiten und Prince‘ wortlosem Falsettgesang in die totale Transzendenz hineinsteigert, und dem makellosen „When doves cry“ (von Irrsinnsnummern wie „The beautiful ones“, „Darling Nikki“ und „I would die 4 U“ gar nicht zu reden), entwickelte es sich zu seinem bis dahin größten Verkaufsschlager, dominierte die amerikanischen Charts und verbannte selbst einen sicheren Mittelstandshelden wie Bruce Springsteen mit seinem ebenfalls monumentalen „Born in the USA“ auf die Ränge. Aber es war natürlich auch Prince‘ Persona mit seinen fantasievollen Outfits und den provokanten Sexlyrics, die entwaffnende Naivität seines Spiels und die Geschichte vom Kampf eines Außenseiters um seine (künstlerische) Autonomie, die Heranwachsende in den Achtzigerjahren einfach ansprechen mussten. Wenn man Prince in den letzten Jahrzehnten als mysteriösen Eigenbrötler wahrgenommen hat, der sich selbst als „Slave“ seiner Plattenfirma bezeichnete, ein gespaltenes Verhältnis zum Internet entwickelte und idiosynkratische betitelte Platten an allen „normalen“ Vertriebswegen vorbei veröffentlichte, wird überrascht sein, wie naiv, jungenhaft, unsicher und tatsächlich nahbar er in PURPLE RAIN wirkt. Möglicherweise war er nie wieder so nah an seinem Publikum wie in diesem Film, in dem er über den Selbstmordversuch seines Vaters weint, seine Freundin Apollonia (Apollonia Kotero) schlägt, weil er mit ihren Widerworten nicht umgehen kann, seine Mitmusiker verprellt, weil er Angst hat, dass sie ihm etwas wegnehmen könnten, er nach der Darbietung von „Purple Rain“ voller Angst von der Bühne in die Katakomben rennt, bis er bemerkt, dass das Publikum vor Begeisterung tobt. PURPLE RAIN ist das Porträt eines tief zerrissenen Mannes, der seinen sicheren Schritt erst noch finden muss – auch wenn in jeder Sekunde offensichtlich ist, dass er längst ganz genau weiß, was er tut.

Was mir aufgefallen ist und mich am meisten fasziniert hat (am Film, aber auch in der Wiederbegegnung mit Prince‘ Musik): So sehr er in den Achtzigern verwurzelt ist, so sehr seine Kompositionen mit vielen Details belegen, dass sie aus dieser Zeit stammen, so vollkommen eigen und singulär klingen sie. Man muss sich nicht in den Nostalgiemodus begeben, um zu erkennen, dass „Darling Nikki“ oder „When doves cry“ Songs für die Ewigkeit sind, dass „Purple Rain“ aus seinen klar benennbaren Einflüssen etwas macht, das Zeit und Raum überdauert. Es ist mir unbegreiflich, wie solche Musik, solche Ideen aus diesem einen Menschen (der körperlich nicht gerade ein Riese war) sprudeln und in solcher Brillanz umgesetzt werden konnten. Die Welt wird Prince vermissen. PURPLE RAIN ist der Beweis, dass er tatsächlich ein Mensch war.