Mit ‘Psychodrama’ getaggte Beiträge

mafu2bcage252c2btheTHE MAFU CAGE wurde im berüchtigten Horrorfilm-Lexikon von Hahn/Jansen mit einem kurzen, relativ nichtssagenden Absatz abgespeist, aber der rätselhafte Titel des Films (zu Deutsch ebenfalls DER MAFU-KÄFIG) hat sich mir damals unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt. Nachdem ich das reizvoll betitelte Zweitlingswerk der Regisseurin nun bei einem Waldspaziergang unter einem bemoosten Stein gefunden und ein bisschen im Internet geforscht habe, habe ich festgestellt, dass er in den letzten Jahren eine Art Wiederentdeckung erlebt hat. So lief er etwa 2012 im Rahmen des US-amerikanischen Fantastic Fests und ein Jahr später dann während des Internationalen Frauenfilmfestivals in Dortmund. Es ist einer von wer weiß wie vielen bizarren Werken, die in den Siebzigerjahren in und um Hollywood enstanden, dann in Vergessenheit gerieten und heute nur noch staunen machen über das, was einst möglich war. Sicher, niemand der Beteiligten hatte einen Kassenschlager im Sinn und es handelt sich bei THE MAFU CAGE auch nicht um eine teure Studioproduktion; aber eben auch nicht um einen Underground-Film, wie man vielleicht vermuten könnte: Mit Lee Grant war eine viel beschäftigte Darstellerin an Bord, die in den Jahren zuvor an solchen kommerziell erfolgreichen Filmen wie DAMIEN: OMEN II, AIRPORT ’77 oder SHAMPOO mitgewirkt hatte, Carol Kane gehörte in den Siebzigern zu den hoffnungsvollsten Jungschauspielerinnen (1975 hatte sie eine Oscar-Nominierung erhalten und danach immerhin unter der Regie von Woody Allen gespielt) und Will Geer war ein gestandener Veteran mit fast 50 Jahren Erfahrung auf dem Buckel.

Bei THE MAFU CAGE handelt es sich um die freie Adaption des Stückes „Toi et tes nuages“ des französischen Autoren Eric Westphal: Ellen (Lee Grant) musste ihrem Vater, einem Abenteurer und Afrika-Forscher, vor dessen Tod versprechen, sich um ihre jüngere Schwester Cissy (Carol Kane) zu kümmern, die in Afrika aufgewachsen ist und nie eine „normale“ Sozialisation erfahren hat. Ellen soll sicherstellen, dass die Unschuld ihrer Schwester bewahrt, sie nie in eine Klinik übergeben werde. Die Anstrengungen der Frau, dem Wunsch ihres Vaters gerecht zu werden, führen geradewegs in die Katastrophe. Zunächst lässt die tief verunsicherte, egozentrische und schweren Stimmungsschwankungen unterworfene Cissy ihre Wut nur an ihren Affen aus, die sie in einem Käfig im Wohnzimmmer des Vaters hält, doch dann richtet sich ihre unkontrollierbare Wut gegen David (James Olson), einen Arbeitskollegen und Freund der Schwester …

Karen Arthur zeichnet zum einen das Bild einer Frau, die durch die antizivilisatorischen Ideen ihres Vaters zur Lebensunfähigkeit verdammt wurde. In Afrika mag Cissy unter ihresgleichen gewesen, ihre Lebensstil angemessen gewesen sein, in den USA, umgeben von Menschen, die „normale“ Leben führen müssen, ist sie ein krasser Außenseiter, hilfsbedürftig wie ein Schwerkranker, nicht in der Lage, sich den gängigen Konventionen des Zusammenlebens unterzuordnen. Langsam, aber unaufhaltsam vollzieht sich ihr Abstieg in den Wahnsinn, als sich andeutet, dass Ellen nicht immer für sie da sein wird. Darum geht es auf der anderen Seite: Um die Selbstüberschätzung, die familiäre Bindungen und die damit einhergehenden Verpflichtungen mit sich bringen. Ellen kämpft von Anfang an auf verlorenem Posten, ist mit einer Aufgabe betraut, die sie nicht erfüllen kann. Dass sie es weiterhin versucht, mit Cissy gemeinsam die Kadaver der erschlagenen Affen im Garten verscharrt, ist nichts weniger als Fahrlässigkeit. Anstatt sich einzugestehen, dass sie überfordert ist, zu erkennen, dass ihre Schwester professionelle Hilfe benötigt – Versprechen hin oder her -, macht sie weiter und treibt damit alle ins Verderben. THE MAFU CAGE handelt auch von einer gefährlichen Romantisierung von „Natur“ bzw. den Fehlschlüssen, die mit der Prägung des Begriffes eben in der Romantik einhergehen. Man kann den unschuldigen Urzustand, so er denn überhaupt ein solcher ist, nicht inmitten der Zivilisation implementieren. Hier werden grausame Experimente am lebenden Menschen vollzogen.

Das ist gewissermaßen die weltliche Seite des Films, der eine solch banale Ausdeutung aber eigentlich nicht braucht. Kameramann James Bailey, der hier noch am Anfang einer eindrucksvollen Karriere stand, nutzt das brillante Set Design und die tolle Requisiten- und Kostümarbeit für opulente Bilder: Was eigentlich ein Ein-Raum-Stück ist, verwandelt er so beinahe in einen Monumentalfilm, dessen Centerpiece die kind-/tierfrauliche Carol Kane ist. Mit blassem Teint, dunklen Augen, einer wie Schlingpflanzen aus dem Kopf wuchernden Haarpracht und der Vorliebe für afrikanischer Kleider und Schmuckstücke wird sie eins mit dem Wohnzimmer ihres Vaters, eines Stücks Afrikas im US-amerikanischen Exil. Vom Tonband schallt neben Trommelrhythmen eine Kakophonie von Tierschreien und Urwaldgeräuschen, während Cissy in ekstatischen Zuckungen durch den mit üppigen Pflanzen und Götzenstatuen vollgestellten Raum tanzt. Eine Montage-Sequenz zeigt sie, wie ihre Liebe zu ihrem „Mafu“, einem Orang-Utan, in ungezügelten Hass umschlägt. Immer wieder explodiert sie förmlich in ihrer kindliche Unbeherrschtheit, ein Naturgewalt, deren Zyklen für den Außenstehenden kaum nachvollziehbar sind. Auch für Ellen nicht, die sich als Astronomin mit unfassbaren Energieausbrüchen eigentlich gut auskennt: Fasziniert betrachtet sie Bilder der Feuersbrünste auf der Sonnenoberfläche, ohne zu bemerken, mit welchem Feuer sie zu Hause spielt. Auch in der Gesamtgestaltung des Films spiegelt sich dieses Spannungsverhältnis: Da ist diese typische, herbstlich-melancholische Atmosphäre und Schwere, die wir an Filmen aus den Siebzigerjaren so lieben, die akademische Diszipliniertheit auf der einen Seite, auf der anderen dieser tosende, feurige Lavabrocken ausspuckende Vulkan, der einfach nicht in den Griff zu bekommen ist, und ein Ende, das einem die Schuhe auszieht.

 

Über WHAT EVER HAPPENED TO BABY JANE? lassen sich viele Geschichten erzählen. Die beliebteste handelt von den beiden verfeindeten Rivalinnen Bette Davis und Joan Crawford, die in Aldrichs Film die Gelegenheit bekamen, ihren Zwist in einer Art Meta-Performance auf der Leinwand auszutragen, lang nachdem sie den Zenith ihrer jeweiligen Karrieren überschritten hatten. Der krankhafte Neid auf den Erfolg des anderen, der zwei der größten weiblichen Filmstars der Dreißiger- und Vierzigerjahre angeblich im Innersten antrieb, bestimmt auch die Beziehung der beiden Film-Schwestern Jane (Bette Davis) und Blanche (Joan Crawford). Und er gab den realen Spannungen selbst wieder neuen Treibstoff: Weil Crawford für ihre Leistung in WHAT EVER HAPPENED TO BABY JANE? im Gegensatz zu ihrer Kollegin bei den folgenden Oscars nicht mit einer Nominierung bedacht wurde, ließ sie ihre Beziehungen spielen, um a) zu verhindern, dass Davis ausgezeichnet werden würde und b) die Trophäe in Vertretung für die Siegerin anzunehmen, um ihr so letztlich doch näher gekommen zu sein als Bette Davis. Wie viel Bedeutung man diesen Anekdötchen beimisst, die zu belegen es eh kaum noch Zeitzeugen gibt, ob man sie also für bare Münze nimmt oder als legendenhafte Überhöhung abhakt, bleibt jedem selbst überlassen. Konkurrentinnen waren die beiden einstigen Superstars in jedem Fall und dieser Status fügt Aldrichs Film eine weitere Ebene hinzu: Aber WHAT EVER HAPPENED TO BABY JANE? erschöpft sich längst nicht darin, Crawford und Davis ein Vehikel dafür zu bieten, ihren möglicherweise aufgestauten Zorn kassenträchtig auszuagieren.

Leider wird das in der Rezeption des Films oft übergangen. WHAT EVER HAPPENED TO BABY JANE? genießt den etwas zweifelhaften Ruf eines Camp-Klassikers (der nicht zuletzt in der Gay Community sehr geschätzt wird): Dieser Ruf gründet einerseits darauf, dass Aldrich zwei alternden Megastars die Bühne für ihren Bitchfight bereitet, andererseits auf ihrer entfesselten Performance. Vor allem Bette Davis gibt als in ihrer ruhmreichen Vergangenheit als Kinderstar hängengebliebene Jane eine Vorstellung, die Maßstäbe für zahlreiche nachfolgende Schauspielerinnen setzte: Mehr Mut zur berühmten Hässlichkeit, als sie hier zeigt, ist kaum möglich. Ihr von tiefen Furchen durchzogenes Gesicht verbirgt sie unter einem an eine Totenmaske erinnernden Make-up, mit dem sie die kindliche Jane am Leben halten will. Dieses Gesicht wird zum zentralen Schreckensbild von Aldrichs Film: Die Kamera kann sich von ihrer grotesken Fratze kaum abwenden. Während die Davis keift, säuft, in Kinderkleidern herumtanzt und Kinderlieder singt, spielt Joan Crawford ihre Blanche sehr zurückgenommen. Das einstige Glamour-Girl verbringt den ganzen Film über im Alten-Jungfern-Look im Rollstuhl. Sie ist über weite Strecken die Identifikationsfigur für den Zuschauer und verkörpert jene „Normalität“, der gegenüber Jane umso erschreckender wirkt. Draußen scheint die kalifornische Sonne, doch im Inneren des Hauses der beiden Hudson-Schwestern regieren dunkle Schatten. Ihr Heim verkörpert jene ungelösten Konflikte und dunklen Geheimnisse, die auch nach Jahrzehnten noch ihr Leben bestimmen.

WHAT EVER HAPPENED TO BABY JANE? bewahrt seine zentrales Geheimnis bis zum Ende, aber er ist keineswegs ein zurückhaltender, sondern ein sehr expressiver Film, der sich beim deutschen Expressionismus, dem Grand Guignol und dem Horrorfilm bedient, mit seinem Prolog zudem den italienischen Giallo mitbeeinflusst haben dürfte: Zwei Rückblenden beleuchten schlaglichtartig die Vergangenheit der beiden Schwestern. Jane war einst ein Kinderstar, der all die Aufmerksamkeit bekam, die ihrer Schwester Blanche versagt blieb. Jahre später ist es genau umgekehrt: Nun ist Blanche eine gefragte Schauspielerin, Janes Sanges- und Bühnentalent ist hingegen mit ihrer Kindheit verflogen. Bevor Aldrich nach der Titelsequenz in die Gegenwart schneidet, liefert er das entscheidende Bilderrätsel: Eine Frau steigt aus Blanches Auto, um eine Einfahrt zu öffnen, und wird darauf von der im Wagen verbliebenen Fahrerin angefahren. Die Suggestion – man sieht nur die Füße der beiden Damen – ist klar: Aus Eifersucht hat Jane versucht, ihre Schwester umzubringen oder sie zumindest so sehr zu verletzen, dass ihre Karriere damit beendet ist. Eine zerbrochene Baby-Jane-Puppe bleibt am Boden liegen, aus dem Loch in ihrem Schädel „ergießt“ sich der Titel über den Bildschirm. Wie dieser lesenswerte Essay darlegt, ist das Bild der zerbrochenen Puppe der entscheidende Hinweis zur Lösung des Rätsels, doch der Zuschauer unterliegt zusammen mit einer der beiden Protagonistinnen einer perfiden Täuschung. Und diese Täuschung ist es dann auch, die WHAT EVER HAPPENED TO BABY JANE? vom Psychothriller/Melodram/Horrorfilm zur bitteren Abrechnung mit dem verwandelt, was Hollywood – und den USA – am allerheiligsten ist: die Familie.

Wie schon in ATTACK! oder AUTUMN LEAVES zeichnet Aldrich die Familie als einen Ort, der eine verheerende Wirkung auf seine „Bewohner“ haben kann. Verletzt und beschädigt werden Menschen überall. Doch die Verletzungen, die sie in der Familie erfahren, haben die Fähigkeit, sie vollständig zu vernichten. Nirgends ist das Potenzial zum „Bösen“ so groß wie unter Menschen, die einandern mit Fleisch und Blut verbunden sind. In den finalen Worten „You mean all this time we could have been friends?“ entäußert sich das ganze Drama des Films. Das Drama zweier vergeudeter Leben, zweier Menschen, die Freunde hätten sein können, sich aber stattdessen dazu entschieden haben, einander das Leben zur Hölle zu machen.

Ein Meilenstein, formal und inhaltlich.