Mit ‘Quentin Tarantino’ getaggte Beiträge

Es war eine Frage der Zeit, bis Tarantino einen Film dreht, der in Hollywood und im Filmbusiness angesiedelt ist – aber dass es bis dahin über 20 Jahre gedauert hat, ist dann schon ein bisschen überraschend. ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD ist nun dieser Film, ein Film über Filmgeschichte, die besondere Situation, in der sich die Industrie an der Schwelle der Siebzigerjahre befand, über alternde, eitle Stars, beknackte Fernsehserien und den Ruf Cinecittàs, über Sharon Tate und Roman Polanski, die Manson Family und – wie immer bei Tarantino – über vieles mehr, das sich erst in den nächsten Jahren und Jahrzehnten bei wiederholten Sichtungen offenbaren wird. Es ist ein enorm vielseitiger, reicher, witziger, brutaler und kluger Film, der von der Liebe zum Kino und zu seiner Historie getragen wird, auch das ist keine Überraschung, aber er ist dann doch in vielerlei Hinsicht auch ein bisschen anders als seine Vorgänger. ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD ist wieder deutlich episodischer und weniger stringent als es der kammerspielartige THE HATEFUL 8 war, aber auch noch deutlich loser strukturiert als meinetwegen PULP FICTION oder JACKIE BROWN, aus denen man, wenn man wollte, noch so etwas wie eine Plotline herauskristallisieren konnte. Das einende Element von ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD ist nicht Handlung, sondern Zeit.

Die nominelle Hauptfigur ist der Schauspieler Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), beliebter Star einer alten Westernserie namens „Bounty Law“ sowie zahlreicher Western- und Kriegsfilme, aber nun an einem Punkt in seiner Karriere angelangt, wo er ins zweite Glied verfrachtet wird. Statt der Hauptrollen bekommt er die Schurkenparts ab, deren Sinn und Zweck es letztlich ist, den Helden gut aussehen zu lassen, wie ihm der Produzent Schwarz (Al Pacino) mitleidlos auseinandersetzt. Der Ausweg führt nach Italien, aber Dalton ist zu stolz und eitel, um sich für die „Spaghettis“ in billigen Italowestern verheizen zu lassen. Er ertränkt seinen verletzten Stolz im Suff und hofft auf ein Wunder. Sein bester Freund ist sein Stunt Double Cliff Booth (Brad Pitt), der vermutlich einst seine Frau ermordete, damit aber davonkam und von Rick als eine Art Hausmeister und Hausmädchen gehalten wird: Er fährt den Star herum, säuft mit ihm, macht Besorgungen und nimmt Reparaturarbeiten vor. Und er begegnet auf seinen Fahrten immer wieder einem hübschen Hippiemädchen (Margaret Qualley), das ihn schließlich zu einem Besuch auf die Spahn Movie Ranch mitnimmt, die sie mit ihrer Kommune und dem in höchsten Tönen gelobten „Charlie“ bewohnt. Auf der anderen Seite stehen die Hollywood-Neuankömmlinge Roman Polanski (Rafal Zawirucha) und seine leuchtend schöne Ehefrau Sharon Tate (Margot Robbie), die sehr zur Freude Daltons das Haus neben seinem bezogen haben. Sharon wird als sorgloser Sonnenschein gezeichnet, der sich seiner eigenen Verführungskraft kaum bewusst zu sein scheint, und mit strahlenden Augen ihren eigenen Auftritt im Dean-Martin-Vehikel THE WRECKING CREW im Kino bewundert. Der Zuschauer, der ihr Schicksal kennt, ahnt mit Schrecken, worauf der Film hinausläuft, aber dann besuchen die Mörder von Charlies Family nicht Polanskis Haus, sondern das von Rick Dalton, dessen Kumpel Cliff einem der Hippies zuvor heftig die Fresse poliert hatte.

Es ist ein weites, fließendes, im Wind wehendes Kleid, das Tarantino seinem Film anstelle eines engen Korsetts angelegt hat: ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD hat keine Eile, er lässt sich treiben und harrt mal hier, mal dort aus. Er bietet Gelegenheit, Bruce Lee (Mike Moh) kennenzulernen (dessen Zeichnung als großmäuliger, Reden schwingender und allzu sehr von seiner Legende überzeugtes Großmaul, das dann auch noch von Cliff einen mitbekommt, so manchen Die-hard-Lee-Fan in meiner Facebook-Timeline sehr verärgert hat – ich fand’s hingegen sehr lustig und werde auch noch erläutern, warum), Rick und Dalton beim Fernsehgucken zuzuschauen, den Dreharbeiten einer Westernepisode der Serie LANCER beizuwohnen, für die Rick einen seiner Schurken gibt, gibt Einblicke in die bei seinem halbjährigen Exkurs nach Rom entstandene Filmografie des Protagonisten (die danach um Filme von Corbucci und Margheriti reicher ist) oder in eine Szene von THE GREAT ESCAPE mit Dalton in der McQueen-Rolle. McQueen tritt auch an anderer Stelle auf, nämlich als Gast einer Party in der Playboy Mansion, bei der Sharon Tate die Tanzflächer verzaubert, während der Star (Damian Lewis) uns über das Beziehungsdreieck von Polanski, Tate und ihrem Ex-Mann Jay Sebring (Emile Hirsch) aufklärt. ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD ist ein entspannter, gut gelaunter und sonniger Film, aber es ziehen Wolken herauf, die einen Sturm ankündigen. Von seinen Protagonisten werden diese Wolken gar nicht wahrgenommen oder aber unterschätzt: Was Dalton für eine persönliche Krise hält, sind in Wirklichkeit Zeichen einer grundlegenden bevorstehenden Kurskorrektur Hollywoods, das für Stars wie ihn bald schon keinen Platz mehr hatte. Sharon Tates und Polanskis goldene Zukunft sollte unter den mörderischen Händen der Manson Family bald ein jähes, grausames Ende finden, das ebenfalls symptomatisch für die Zeitenwende war: Der viel zitierte Sommer der Liebe würde enden, der Kater danach jahrelang andauern. Die lange Sequenz auf der Spahn Ranch wird allein durch das Vorwissen des Betrachters und den Vorsprung gegenüber dem sich überlegen fühlenden Cliff zur nervenzerfetzenden Angelegenheit, eine kurze Stippvisite von Charles Manson (Damon Herriman) am Haus Polanskis zur drohenden Prophezeiung, deren Konsequenz dann aber außerhalb des Filmes liegt.

Der spannendste Aspekt des Films, sein Thema, wenn man so will, ist sein Verhältnis zur Realität: Tarantino zeichnet die (medien-)historischen Details der Epoche mit großer Akribie nach, verwendet neben zahlreichen authentischen Serien- und Filmausschnitten auch andere bildliche Hinweisen auf die Filme der Zeit in Form von Postern und Marquees sowie nicht zuletzt unzählige Radioschnipsel und natürlich Songs, die als allgegenwärtiger Klangteppich unter den Bildern liegen. Aber dann macht er auch immer wieder deutlich, dass wir uns nicht in der historischen Realität des Jahres 1969 bewegen, sondern in einem Bild jener Zeit, das vor allem im Rückblick, auf der Basis eben dieser ns bekannten popkulturellen Zeugnisse konstruiert wird (aber interessanterweise sind es nicht die „großen“ Namen und Titel jener Zeit, die er für die Konturierung dieses Bildes heranzieht, sondern die TV-Serien und längst vergessenen Genrevehikel – ich denke, das liegt nicht nur in seinen persönlichen Vorlieben begründet). Das zeigt sich am deutlichsten an der Zeichnung on Sharon Tate als blondes Phantom, als verlockendes Symbol einer unschuldigen Zeit. Im Vorfeld gab es ja einige Artikel, die Tarantinos angebliche Misogynie daran festmachen wollten, wie wenig Dialogzeilen Margot Robbie als Sharon Tate abbekommen hat, aber diese Interpretation kann man nur als böswillige Unterstellung bezeichnen oder zumindest eine halbblinde Betrachtung des Films konstatieren: Zwar stimmt es, dass ihr Charakter in erster Linie durch den (männlichen) Blick auf sie geformt wird, dennoch ist sie ganz eindeutig die Sympathiefigur des Films. Rick Dalton ist ein reaktionärer, weinerlicher, selbstverliebter und letztlich geradezu lachhafter Geck, Cliff ein schlagkräftiger Simpleton ohne Ambition, ein Versager, der sich für seinen reichen Freund schon beinahe prostituiert (und wahrscheinlich seine Gattin ermordet hat, weil sie ihm auf die Nerven ging), die Hippies schlicht wahnsinnige Spinner, mit deren Friedfertigkeit es recht schnell vorbei ist. Sharon Tate ist auf der einen Seite zwar ein Fetischobjekt für den Zuschauer, auf der anderen Seite aber auch Verbündete, weil sie der sich in Hollywood eröffnenden Welt selbst mit den staunenden Augen des Filmfans gegenübersteht, der mit amerikanischen Filmen aufgewachsen ist und es nun kaum glauben kann, selbst Bestandteil dieser Welt zu sein. Die Sequenz mit ihr im Kino ist einfach herzallerliebst und spricht den oben zitierten Vorwürfen geradezu Hohn. Tarantino macht nie einen Hehl daraus, dass er eine Welt männlicher Toxizität zeichnet, ob die sich nun in Daltons alkoholgeschwängerten rassistischen Rants äußern oder eben im Einfluss eines Charles Manson auf seine Jünger.

ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD ist ein Theme-Park-Ride durch die Traumfabrik, in dem Authentizität ständig von der Fantasie unterlaufen wird. Das zeigt sich auch in der bereits angesprochenen Bruce-Lee-Szene: Die Zeichnung des Kung-Fu-Asses als selbsternannter Philosoph kommt ja nicht von ungefähr, sondern wird durch etliche Interviews belegt. In den Augen von Leuten wie Dalton oder Booth musste dieser chinesische Zwerg einfach so rüberkommen wie im Film gezeigt. (Und dass Cliff tatsächlich eine Chance gegen ihn hat, ist natürlich durch die Handlung mitbegründet: Der Kampf gegen Lee bildet die Grundlage, vor der wir seine Überwältigung eines baumlangen Hippies auf der Spahn Ranch und seine finalen Amoklauf akzeptieren können.) Aber Tarantino erhebt nie den Anspruch, den „echten“ Bruce Lee abzubilden: Er arbeitet sich an einem Bild ab und liefert eine Karikatur, die wesentlich darauf fußt, dass Lee damals ein Paradiesvogel in Hollywood war, eine Figur, von der man nicht wusste, wohin mit ihr. Nach THE GREEN HORNET, der Serie, die er in ONCE dreht, ging er ja dann auch erst einmal wieder zurück nach Hongkong, wo er dann erst zu dem Star reifte, den wir heute kennen und den Hollywood gern wieder in Empfang nahm. Das deutlichste Indiz für seine Ausrichtung ist natürlich die Wendung, die Tarantino am Ende nimmt: Ob er eine parallele Geschichtsschreibung vornimmt, in der der Einsatz von Dalton und Booth den Tod Tates verhindert, oder die Bluttat einfach nur nach dessen Credits verlegt, ist Anlass für Diskussion. Ich fand es wunderbar, dass er die schöne, unschuldige Sharon Tate überleben lässt, ihrem Gatten den Verlust der schwangeren Ehefrau erspart, statt in einer unfassbaren Tragödie in einer kintopphaft überzogenen, ultraspaltterigen Keilerei kulminiert. Im Film ist eben alles möglich – es wäre schön wenn sich die Welt manchmal mehr an ihm orientieren würde.

Es ließe sich hier noch weiter ausholen, weil ONCE mehr als einen langen geschlossenen Text eine Stellenlektüre inspiriert, aber das hebe ich mir dann für eine weitere Sichtung auf. Mit seinem neuesten Film hat Tarantino jedenfalls erneut unter Beweis gestellt, dass er einer der originellsten und wichtigsten Filmemacher unserer Zeit ist und einer der wenigen, dem die Rezeption immer noch meist hinterherhinkt, egal, wie sehr sie sich an ihm abarbeitet. Als Filmfan, der es ernst meint, kommt man an ihm nicht vorbei – und das gilt für seinen Neuesten noch einmal in ganz besonderem Maße.

 

 

f001Back in the day, als Quentin Tarantino mit PULP FICTION zum vielleicht größten amerikanischen Regisseur der Neunzigerjahre avancierte, da konnte er fast nichts falsch machen. Diskussionen begleiteten sein Schaffen zwar schon damals – Michael Madsens Tänzchen aus RESERVOIR DOGS erhitzte die Gemüter genauso wie der unabsichtliche Kopfschuss oder der sehr freie Gebrauch des N-Worts -, aber der wenn auch zerknirscht konstatierte Konsens hinter den Debatten besagte ohn Zweifel, dass Tarantino tatsächlich eben jenes Wunderkind war, als das man ihn medial gern bezeichnete. Monografien wurden über ihn verfasst, noch bevor seine dritte Regiearbeit erschienen war, Trittbrettfahrer kopierten seinen Stil und sorgten für eine wahre Flut von spektakulär besetzten Filmen über geschwätzige Killer und skurrile Zwielichtkreaturen.

Heute, 20 Jahre später, ist ein neuer Tarantino-Film immer noch Anlass für große Aufregung, noch dazu aus fast genau denselben Gründen wie damals, aber der Tenor hat sich, meine ich, seit einigen Jahren verändert. Die, die ihn damals schon für überschätzt, seinen Umgang mit Gewalt und der Rassenthematik problematisch fanden, fühlen sich mit jedem neuen Film bestätigt in ihrem Urteil, und die, die ihn einst vehement gegen die Kritiker verteidigten, sind mittlerweile gelangweilt davon. Was früher als des Regisseurs höchst eigener Stil galt – die popkulturellen Referenzen, die manirierten, ausufernden Dialoge, die Gewaltschübe inmitten der Komik -, wird heute als totgerittene Masche empfunden. Kurz gesagt: Das Wunderkind, das enfant terrible hat es versäumt, endlich erwachsen zu werden, sich weiterzuentwickeln. Die Aufregung um seinen neuesten Film, THE HATEFUL 8, erreichte – geschürt durch die marketingträchtige Entscheidung, den Film auf 70 mm zu drehen und in dieser Form in ausgewählten Kinos zu zeigen – dabei ganz neue Ausmaße. Erneut konstatierten einige Rezensenten, dass QT den Bogen nun aber endgültig überspannt habe, zogen seine Entscheidung infrage, einen Film, der eh nur in einem Raum spielt, auf 70 mm abzulichten, ekelten sich ob der „selbstzweckhaften“ Splattereffekte und fanden THE HATEFUL 8 schlicht „langweilig“. Aber welche Meinung man zu dem streitbaren Filmemacher auch einnehmen mag, man muss anerkennen, dass es derzeit keinen anderen gibt, dessen Arbeiten ähnliche Reaktionen zu entfachen in der Lage sind.

Meiner ganz unbescheidenen Meinung nach hat Tarantino mit THE HATEFUL 8 nicht weniger als einen seiner allerbesten Filme vorgelegt und sich nach dem tatsächlich eher faden, masturbatorischen DJANGO UNCHAINED nicht nur seiner Stärken besonnen, sondern konsequent den Rahmen geschaffen, um sie zum Leuchten zu bringen. Die Kritik, seine Filme seien „verlabert“ und „statisch“, begleitet ihn ja nun schon seit einigen Jahren – nicht ganz zu Unrecht. In THE HATEFUL 8 fällt dies nun vielleicht zum ersten Mal seit RESERVOIR DOGS überhaupt nicht mehr ins Gewicht, weil es sich konsequenterweise um ein Kammerspiel handelt, angesiedelt in zwei ganz und gar abgeschlossenen Räumen (einer Kutsche und der Abgeschiedenheit von „Minnie’s Haberdashery“). In seiner ganzen Dramaturgie, die wie ein Whodunit auf die große Auflösung hinausläuft (und Samuel L. Jacksons Major Marquis Warren einmal gar als geistigen Ahnen von Hercule Poirot in Erscheinung treten lässt), dem moritatenhaften Charakter der Erzählung und der Thematisierung von Dichtung und Wahrheit kommt Tarantino in seinem neuesten Film ganz zu sich und seiner Vorstellung von Kino. Was nicht bedeutet, dass es nicht hier und da Anlass zum Widerspruch oder zum Zweifel gäbe.

Wie auch schon im Vorgänger geht es auch in THE HATEFUL 8 um Rassismus, um Hass generell und um die daraus sich ergebende Gewalt. Nahezu alle Charaktere sind Mörder mit fragwürdigen oder gar verachtenswerten Ansichten, selbst dann, wenn sie auf der Seite des Gesetzes stehen. Kopfgeldjäger John Ruth (Kurt Russell) trägt den Spitznamen „der Henker“, weil er seine Opfer stets lebendig beim Scharfrichter abliefert, ihnen so einen schnellen Tod vorenthält. Sein Kollege Major Marquis Warren hat während seiner im Krieg legitimierten Jagd auf weiße Rassisten billigend in Kauf genommen, dass auch mal die Falschen ins Gras beißen. Sheriff Chris Mannix (Walton Goggins), der etwas einfältige Sohn eines Südstaaten-Rebellen, spuckt in einem Fort rassistische Invektive. Sein großes Idol, General Sandy Smithers (Bruce Dern) tat sich im Krieg dadurch hervor, ein ganzes Batallion gefangener schwarzer Soldaten hingerichtet zu haben, weil sie ihm die Mühe einer Überführung nicht wert waren. John Ruths Gefangene, Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh), eine Schwerverbrecherin, auf deren Kopf satte 10.000 Dollar ausgesetzt sind, spuckt Geifer und Galle und scheint gar nicht zu normaler Kommunikation fähig. Und Scharfrichter Oswaldo Mobray (Tim Roth) rühmt sich mit wohlfeilen Worten der absoluten Gefühslkälte, die ihn umfängt, wenn er den Hebel umlegt, der seinen „Klienten“ das Genick bricht. Gesäumt werden diese Gestalten vom Mexikaner Bob (Demian Bichir) und dem Cowboy Joe Gage (Michael Madsen), zwei eher durchschnittlichen Halsabschneidern. 

Zwischen diesen Charakteren entspinnt sich schnell ein Psychospielchen: John Ruth ist überzeugt, dass ein Komplott zur Befreiung Daisys geplant wurde, und natürlich hat er Recht. In der klaustrophobischen Abgeschlossenheit von Minnie’s Haberdashery geht es nun darum, den Übeltäter zu enttarnen oder ihn zumindest so lang auf Distanz zu halten, bis der draußen tobende Schneesturm vorübergezogen ist und die Weiterreise zum Zielort aufgenommen werden kann. Das Ganze endet, wie man erwarten durfte, überaus blutig und schließlich in einer Konstellation, die an John Carpenters THE THING erinnert – nicht nur wegen des vorherrschenden eisigen Klimas. Auf dem Weg dorthin spielen Geschichten und die Frage, ob diese nun wahr sind oder erlogen, eine wichtige Rolle, ja sie ziehen sich fast leitmotivisch durch den Film: Ist der Lincoln-Brief von Warren echt? Lügt Bob über den Verbleib von Minnie und ihrem Mann Sweet Dave? Will Joe wirklich seine Mama zu Weihnachten besuchen? Hat Daisy Domergue wirklich eine 15 Mann starke Gang in der Hinterhand, die nur darauf wartet, „Minnie’s Haberdashery“ zu stürmen? Das Ganze kulminiert in der Geschichte, die Warren dem von Hass zerfressenen Smithers zur Provokation auftischt: Der will seinen vor Jahren verschollenen Sohn bestatten und muss sich von Warren nun in schillernden Details erzählen lassen, dass der diesen nicht nur umgebracht, sondern zu Tode gefoltert und dann oral vergewaltigt habe. Es bleibt offen, ob sich das wirklich so ereignet hat, aber es steht zu vermuten, dass Warren den Rassisten bloß dazu bringen will, die Waffe gegen ihn zu erheben, damit er ihn endlich abknallen kann.

Und so steht jede Einordnung des Geschehens auf wackligen Füßen. Die Brutalität, die Ruth gegenüber seiner Gefangenen an den Tag legt, scheint im weiteren Verlauf nicht mehr so ungerechtfertigt. Aber wenn sie ihrem Bruder Jody (Channing Tatum) in die Augen blickt, in denen wahre Liebe und Erleichterung aufflammt, ist sie auch nur ein Opfer, ein Mensch. Aber natürlich sind mit Minnie, Sweet Dave und deren Bediensteten auch Menschen für Jodys Coup gestorben, die für ihr Schicksal rein gar nichts können. Warrens Hass auf Weiße, die ihn nur aufgrund seiner Hautfarbe am nächsten Baum aufknüpfen wollen, ist nachvollziehbar, trotzdem hat man Mitleid mit dem greisen General, der sich kurz vor seinem Tod anhören muss, dass sein geliebter Sohn den Schwanz eines Schwarzen gelutscht hat. Es spielt gar keine Rolle, ob die Geschichte wahr ist oder nicht: Smithers glaubt sie, reagiert entsprechend, für Warren erfüllt sie ihren Zweck. Und im Rahmen des Films noch einen weiteren: Sie lenkt die Figuren (und den Zuschauer) für einige Minuten vom Wesentlichen ab, das sich im Hintergrund vollzieht. Man könnte auch sagen: Das kleine Scharmützel, das sich Warren zur Befriedigung seiner eigenen Gelüste leistet, kostet ihn mittelfristig das eigene Leben. Der Hass, der Zorn, der die Figuren durchtost, besiegelt auch ihren Untergang. Durch Mord lässt sich kein Leben erkaufen. THE HATEFUL 8 ist gewiss der moralischste Film Tarantinos.

Aber auch der bislang schmerzhafteste. Es hilft kein Bisschen, dass die Splattereffekte in ihrer Überzogenheit eher komisch sind und Distanz schaffen, im Gegenteil. Man fühlt sich betrogen um den Schmerz, um die Katharsis. Man ist noch nicht fertig mit diesen Figuren, auch wenn sie schon lange tot sind, sie nagen immer noch, nerven uns, lassen uns nicht in Ruh, wie das verräterische Herz, das in Poes Kurzgeschichte unter den Dielen schlägt. Eine Ausnahme ist Daisy Domergue, die Ruth von der ersten Sekunde an zum menschlichen Sandsack degradiert, ebenso großzügig wie beiläufig Schläge an sie verteilt und die am Ende, wo es eigentlich keinen Unterschied mehr macht, auch noch aufgeküpft wird. Da muss man dann lange zusehen, wie sie mit starrem Entsetzen im Blick vergeblich um ihr Leben kämpft, der weiße Rassist und der schwarze Sadist sich zusammenschließen, um die Frau zu beseitigen, von deren Tod sie rein nichts haben. Das ist so bitter, so sinnlos. Es wurde Tarantino immer vorgeworfen, dass seine Gewaltinszenierung verharmlosend sei. Bullshit. Das einzige, was ich ihm nach THE HATEFUL 8 noch vorwerfen würde, ist sein etwas seltsames Anbiedern bei den Schwarzen, das mehr als nur etwas misguided wirkt und mich etwas an Dave Chappelles Sketch mit dem „Black White Supremacist“ erinnert, nur mit umgekehrten Vorzeichen. An der Extraklasse von THE HATEFUL 8 ändert aber auch das nichts.

 

„Django“: noch mehr als für Franco Neros einen Sarg hinter sich herziehenden Revolverhelden, der vielleicht ganz einfach deshalb nicht tot zu bekommen ist, weil er längst nur noch als Geist auf der Erde wandelt, steht der Name für das Genre des Italowesterns. Sergio Corbuccis Film war nicht der erste und er ist vermutlich auch nicht der bekannteste, aber sein Einfluss ist kaum zu unterschätzen. Sergio Leone hatte mit den ersten beiden Teilen seiner Dollar-Trilogie wichtige Vorarbeit geleistet und den Grundstein gelegt, Corbucci warf noch die letzten an den US-Ursprung erinnernden Atavismen über Bord, und imaginierte die neue Westernwelt als eine versiffte Vorhölle voller Dreck und verkommener Subjekte. Sein Django war ein klassischer Underdog, ein Mann nicht ohne Namen wie bei Leone, aber doch ohne durchschaubare Vergangenheit, getrieben von einem tief im Inneren schlummernden Zorn. Der Krieg, in dem er gekämpft hat, hat ihn nicht etwa zum Helden gemacht, sondern ihn schwer gezeichnet: Was er dort genau erlebt hat, wird nie thematisiert, aber man erkennt den traumatisierten Veteran hinter dem maskenhaften Gesicht. Hier knüpft Tarantino mit DJANGO UNCHAINED an, der die Italowestern-Motivik von den gegen die Mächtigen ankämpfenden Underdogs  zu einer Auseinandersetzung mit der US-amerikanischen Geschichte der Sklaverei nutzt und damit fast noch mehr Blaxploitation- als Italowestern-Hommage ist.

Django (Jamie Foxx) wird von dem deutschen Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz) befreit, weil der jemanden braucht, der drei Zielpersonen identifiziert. Bald arbeiten die beiden Hand in Hand und haben es dabei vor allem auf miese Rassisten, Sklavenhändler und -besitzer wie Big Daddy (Don Johnson) abgesehen. Der gemeinsame Weg führt sie auch auf das Anwesen von Calvin Candie (Leonardo DiCaprio), der sich Djangos Ehefrau Broomhilda (Kerry Washington) als Prostituierte hält. Die beiden erschleichen sich das Vertrauen des Großgrundbesitzers, indem sie sich als interessiert an einem „Mandingo“, einen schwarzen Kämpfer, zeigen. Djangos Braut soll nach ihrem Plan in einem unauffälligen Nebenhandel erworben werden. Doch die Tarnung fliegt auf …

Nachdem ich sowohl mit meinen Ersteindrücken zu sowohl DEATH PROOF als auch zu INGLOURIOUS BASTERDS massiv danebengelegen habe, bin ich vorsichtig geworden. Aber DJANGO UNCHAINED hat mich auch nicht entfremdet, wie es die beiden genannten Titel zunächst geschafft hatten: Wem die letzten Filme Tarantinos zu dialoglastig und akademisch waren, der wird mit seinem letzten rundum zufrieden sein. Ich bin geneigt, DJANGO UNCHAINED als Tarantinos kommerziellsten und zugänglichsten Film zu bezeichnen. Er ist rasant, wo der Vorgänger auffallend statisch war, plot- und handlungslastig, wo Plot und Handlung zuvor eher zweitrangig waren, aktionsgetrieben, wo früher meist gesprochen wurde. Als actionlastiger Western ist DJANGO UNCHAINED ein Erfolg und ich würde lügen, wenn ich behauptete, an den saftigen Blutfontänen, zerplatzenden Körperteilen und pointierten Episoden keinen Spaß gehabt zu haben. Auch dass Tarantino hier erneut einer sich nach vier Filmen zur handfesten Obsession ausgewachsenen Rachefantasie frönt, kann ich dem Film verzeihen – weil es dem Geist der Inspirationsquellen gerecht wird, weil ich den Akt der „poetic justice“, die hier vollzogen wird, begrüße, ich es als befreiend empfinde, wenn Drecksäcke wie Nazis, Rassisten, Sklavenhändler und anderes Pack auf der Leinwand ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Das Problem, dass ich habe, ist ein anderes: Ich finde, dass sich dieser Stoff nicht für diese Art Entertainment eignet. Auch INGLOURIOUS BASTERDS war in gewisser Weise kalkuliert, aber Tarantino fand dafür eine Form, die verhinderte, dass die Ermordung von Juden und Nazis einfach nur so reinlief. Der Film hatte Brüche, die die Immersion verhinderten, bei DJANGO UNCHAINED hingegen verdichtet sich der Eindruck, Tarantino sei seiner eigenen Verführungskunst oder zumindest dem Glauben an ihre unfehlbare Wirkung aufgesessen. Verglichen mit einem Film wie Fleischers MANDINGO, der seine Verstrickung in die Ausbeutungsmaschine, die die reale Sklaverei in Form von mit weißem Geld produzierten Blaxploitation-Filmen in der Gegenwart fortschreibt, gleich mitreflektiert, immunisiert sich Tarantino, indem er sich hinter seinem messianischem Helden und dessen clowneskem Begleiter (Christoph Waltz legt seine Rolle für meinen Geschmack etwas zu selbstverliebt und komisch an) versteckt und seine Schurken zu grotesken Arschlöchern und degeneriertem Gesindel verzeichnet. Eine Sequenz zeigt eine Versammlung des Ku-Klux Klans, dessen Mitglieder sich darüber beschweren, durch die Masken nicht richtig sehen zu können. Das ist durchaus lustig, aber allzu oft offenbart sich Tarantinos Bild jener Zeit als eindimensional und naiv, scheint ihm die Tragweite des Systems hinter der Sklaverei gar nicht bewusst. Bei ihm wird alles auf die einfache Gleichung „böse weiße Großgrundbesitzer knechten arme Schwarze“ reduziert. Ein kleines Detail, auf das mich meine liebe Gattin aufmerksam gemacht hat, deutet indes an, dass Tarantino seine problematische Haltung als weißer Filmemacher zu diesem Stoff sehr wohl reflektierte: So fahrlässig und inflationär das Wort „nigger“ hier gebraucht wird, gewissermaßen aus historischer Akkuratesse, Tarantino selbst verbietet es sich in seiner Rolle als australischer Sklaventreiber. Für ihn sind Schwarze „blackies“. Vielleicht ist die Begriffswahl auch nur Tarantinos enzyklopädischem Trieb geschuldet, aber wenn man bedenkt, dass er sich das berüchtigte „N-Wort“ in seiner Rolle in PULP FICTION noch erlaubte (etwas, was heute wahrscheinlich gar nicht mehr ginge), darf man dahinter sehr wohl einen Reifeprozess, gesteigerte Sensibilität und eine bewusste Entscheidung vermuten.

Solche „Haken“, die zur Auseinandersetzung, zur Reibung auffordern, und an denen es in Tarantinos Werk sonst nicht mangelt, habe ich in DJANGO UNCHAINED weitestgehend vermisst. Zum ersten Mal scheint es so, als habe der Tarantino sich damit begnügt, einen „Tarantino-Film“ zu drehen. Der Soundtrack verknüpft sehr vorhersehbar Soulklassiker, Italowestern-Scores und Hip-Hop, Franco Nero darf seinen Gastauftritt absolvieren und Jamie Foxx fragen, ob er wisse, wie man „Django“ schreibe. Alte Weggefährten und nicht genug gewertschätzte Nebendarsteller füllen die Besetzungsliste. Es hagelt Gewalt und Sadismen im Minutentakt. Das konnte man alles erwarten und bekommt es in zuverlässiger Qualität geliefert. Bislang zeichnete sich Tarantinos Werk aber nicht zuletzt dadurch aus, dass nie so wirklich klar war, was man bekam, und man sich vom fertigen Film mehr als einmal auf dem falschen Fuß erwischt sah. In diese Hinsicht ist DJANGO UNCHAINED schon eine Enttäuschung, wenn auch auf hohem Niveau.

 

Als ich DEATH PROOF zum ersten Mal gesehen habe, habe ich mich danach in einem ziemlich polemisch formulierten Verriss über ihn ausgekotzt – und ich bin froh, dass der Text in den Tiefen meines alten Filmforen-Filmtagebuchs vergraben ist (Katastrophen-Touristen können ihn über den entsprechenden Link rechts ausfindig machen). Das Problem, das ich damals mit dem Film hatte, hängt unmittelbar mit seiner Vermarktung als Teil des GRINDHOUSE-Events zusammen. Mit einigen Fake-Trailern (u. a. zu MACHETE, der besser dieser kleine Gag geblieben wäre, anstatt ein saublöder ganzer Film zu werden) und Rodriguez‘ PLANET TERROR im Tandem kam Tarantinos neuester als Huldigung des Bahnhofskinos der Siebzigerjahre heraus. Zwar simuliert er typische Eigenschaften jener Filme nahezu perfekt – neben eher kosmetischen Details in der ersten Hälfte, wie der Typo der Credits, dem  verkratzten Look, den ausgewaschenen Farben und diversen Filmrissen, sind vor allem die Besetzung mit heißen, selbstbewussten Chicks, die Reduzierung des Plots auf ein einziges Bild, die Fokussierung auf etwas aus der Mode gekommene Stunts und Blechdeformationen, das abrupte Ende und die bewusst träge Dramaturgie zu nennen –, aber Tarantino interessiert sich ausdrücklich nicht für einfaches Nerdjerking. Wie das aussehen konnte, demonstrierte sein Mitstreiter Rodriguez mit PLANET TERROR: Generekino, das den Durst nach blutigen Sensationen und bescheuerten Einfällen des einschlägigen Publikums so gut befriedigte, das gar nicht mehr auffiel, dass der Film mit dem Bahnhofskino von einst, dem er huldigen wollte, eigentlich rein gar nichts zu tun hatte.

DEATH PROOF dampft den dialektischen Zweischritt von KILL BILL VOL. 1 und KILL BILL VOL. 2 auf einen Film ein, und erzählt mehr oder weniger ein und dieselbe Geschichte zweimal mit leicht veränderten Variablen: Eine Gruppe gut aussehender Frauen macht Bekanntschaft mit Stuntman Mike (Kurt Russell), der sich dann einen Spaß daraus macht, sie mit seinem Stuntcar zur Strecke zu bringen. In der ersten Episode, die in einem heftigen Frontalzusammenstoß zweier Autos kulminiert, der sogleich mehrfach aus verschiedenen Blickwinkeln gezeigt wird, gelingt sein Plan. Im zweiten Teil findet er selbst sein Ende, weil er sich an den falschen Damen, ihrerseits aus dem Filmgeschäft und darunter zwei weibliche Stuntfrauen, vergriffen hat. Der Bruch zwischen den beiden Kapiteln wird durch ein kurzes Umschalten zu Schwarzweiß und dann den Verzicht auf die Verschleiß und Alter des Filmmaterials suggerierenden optischen Marker signalisiert. DEATH PROOF „feministisch“ zu nennen, mag etwas zu viel der Ehre sein, aber wie etwa die Filme, die Roger Corman in den Siebzigerjahren mit New World Pictures produzierte, präsentiert auch Tarantino hier Frauen, die sich nicht in erster Linie durch die Zugehörigkeit zu einem Mann definieren und ohne einen solchen keineswegs unvollständig sind – zumindest in der zweiten Hälfte. In der ersten spielt Sexualität eine deutlich größere Rolle.

Drei Freundinnen – die amazonenhafte Radiomoderatorin Jungle Julia (Sydney Poitier), Arlene (Vanessa Ferlito) und Shanna (Jordan Ladd) – gehen zusammen aus und präsentieren selbstbewusst ihre Reize. Ein Spielchen von Julia soll der partnerlosen Arlene diverse Verehrer einbringen, in der Hoffnung, einen von Julia in Aussicht gestellten Lapdance von ihr zu erhalten. In der Bar, in der sie schließlich landen, hängen nicht nur diverse ölige Typen rum, sondern auch Stuntman Mike, der erst die naive Pam (Rose McGowan) aufgabelt, dann schließlich Arlene den Lapdance abringt, den sie eigentlich gar nicht geben will. Und Julia, die sich ganz als toughe Männermörderin inszeniert, sendet den ganzen Abend SMS an ihren Freund, der sie schließlich versetzt. Diese Frauen können den Ruch der sexuellen Verzweiflung, der sie umgibt, nicht ganz verbergen. In der zweiten Hälfte sind es die Maskenbildnerin Abernathy (Rosario Dawson), Schauspielerin und Fotomodel Lee (Mary Elizabeth Winstead) sowie die beiden Stuntfrauen Kim (Tracy Thoms) und Zoe Bell (Zoe Bell), die einen drehfreien Tag für eine Spritztour nutzen und das Interesse von Stuntman Mike auf sich ziehen. Nachdem sie einen Dodge Challenger aufgetrieben haben und die naive Lee (im Cheerleader-Outfit) losgeworden sind, attackiert sie der Killer, wird jedoch von ihnen zur Strecke gebracht. Auch in den vorangehenden, ausufernden Gesprächen dieser Damen spielen Beziehungsprobleme und Sex eine Rolle, doch der Modus ist ein gänzlich anderer. Weder wird aggressiv ein Partner gesucht noch sind Mangel oder „Besitz“ eines solchen definierende Eigenschaften. Die Frauen sind emanzipiert, selbstständig und für die Dauer ihres Ausflugs ist die Abwesenheit von Männern sogar deutlich willkommen.

Die Struktur, die optisch einen Wandel von alt zu neu suggeriert, scheint sonst eher den umgekehrten Weg zu beschreiten: Die zweite Hälfte ist näher dran an den erwähnten Empowerment-Exploitationern der Siebzigerjahre, deren Frauentypen, verglichen mit den hochgesexten Chicks um Jungle Julia, jedoch fortschrittlicher wirken. Wie passt Stuntman Mike in dieses Konstrukt? Bei seinem ersten Auftritt stellt er sich als Relikt aus einer vergangenen Zeit vor, als noch „echte Männer“ ihr Leben in waghalsigen Stunts  riskierten und Autos tatsächlich zu Schrott gefahren wurden. Er ist auch einer von denen, die durch die neue Technologie an den Rand gedrängt wurden. Kein Wunder, dass ihm die Mädels um Jungle Julia, nicht gewachsen sind, auch wenn sie ihn arrogant verlachen, in Verkennung der Situation, in der sie längst die Rolle des Kaninchens in der Falle eingenommen haben, es der selbstbewussten Damen aus der zweiten Hälfte bedarf, ihn zu überwinden. In dieser Lesart zeigt sich Tarantinos Hommage an das „handgemachte“ Kino von einst meines Erachtens auch stärker als in irgendwelchen formalen oder plotrelevanten Aspekten. Anstatt einfach nur mit Zitaten um sich zu werfen oder einen bewusst auf alte getrimmten Film vorzulegen, feiert Tarantino die Attitüde der alten Reißer, indem er sie von seinen Charakteren verkörpern lässt.

DEATH PROOF hat mir bei der Zweitsichtung sehr gut gefallen, wenngleich er vielleicht etwas zu akademisch gedacht und in der Einzelversion mit 110 Minuten deutlich zu lang ist (aber das galt ja für viele der alten Exploiter auch). Er wischt das Klischee von Tarantino als lustigem Trashfilm-Guru und Schutzpatron aller Nerds endgültig weg. Schnödes, zum dumpfen Abfeiern gedachtes Zitatekino, wie es etwa sein Freund Robert Rodriguez regelmäßig produziert, ist seine Sache nicht: Er hat immer das große Ganze und vor allem die Gegenwart im Blick. DEATH PROOF hätte kein anderer Filmemacher machen können. Ob das nun gut oder schlecht ist, muss wieder jeder für sich beantworten. Ich habe mich mittlerweile für die erste Variante entschieden.

Mit KILL BILL VOL. 2 erweitert Tarantino die zuvor verengte Perspektive und liefert den Kontext, in dem der Fragen aufwerfende Vorgänger zu verstehen ist. Die Fortsetzung ist somit nicht bloß inhaltliche Fortführung, sondern gleichermaßen Erweiterung, Kommentar und Korrektur (Mit DEATH PROOF wird Tarantino diese dialektische Struktur in einem Film bündeln). Letzteres teilweise sehr explizit: So klärt uns die zu diesem Zeitpunkt nach wie vor namenlose „Braut“ (Uma Thurman) zu Beginn via Voice-over darüber auf, dass sie mitnichten während, sondern bei der Generealprobe für ihre Hochzeit überfallen wurde. Auch ihren Namen enthüllt der Film nach kurzer Zeit: Beatrix Kiddo heißt die Rächerin, und das aus Bills (David Carradine) Mund zuvor noch leicht herablassend klingende „kiddo“ (etwa „Kindchen“) entpuppt sich somit als kernig-kumpelhafte Ansprache. Mit dieser Offenbarung legt die Heldin auch ihre Undurchdringlichkeit ab, sie verwandelt sich von der überstilisierten, zweidimensionalen Comicfigur in einen Menschen aus Fleisch und Blut. Und das beeinflusst den ganzen Film um sie herum.

KILL BILL VOL. 2 ist nach der stlistischen Tour de force des ersten Teils auffallend ruhig, der Gewaltanteil zudem deutlich reduziert: Ausgedehnte Splattereinlagen und Blutfontänen sucht man vergebens, und die finale Auseinandersetzung mit dem „Oberschurken“ Bill ist beinahe antiklimaktisch. Ebenso sein Tod durch die „Five Point Palm Exploding Heart Technique“, der schon vorher angekündigt wird: Wer ein ausgedehntes, blutiges Duell und einen platzenden Brustkorb erwartet hat, sieht sich bitter getäuscht. Die längere Sequenz, die Beatrix während ihrer Ausbildung beim chinesischen Kung-Fu-Meister Pai Mei (Gordon Liu) zeigt, erinnert mit ihren von alten Eastern abgeschauten Zooms, Trainingsmontagen und dem ausgestellten Spiel Lius noch an die Zitierfreude des Vorgängers, aber sie fällt aus hier sehr aus dem Rahmen. Es ist offenkundig, dass KILL BILL nicht leidglich aus ökonomischen Gründen in zwei Teile gesplittet wurde: Seine beiden Hälften sind wie das Yin und das Yang, einander geradezu diametral gegenüberstehend, sich in ihrer Verschiedenartigkeit aber zur perfekten Einheit vervollständigend. Teil 1 verkörperte Beatrix‘ Zorn, die Raserei, den Überschwang der Gefühle und den damit einhergehenden Kontrollverlust, Teil 2 schildert das Zurückgewinnen dieser Kontrolle und der Souveränität, die Klarheit, Ernüchterung, vielleicht auch Enttäuschung, die Einzug hält, wenn der Puls sich beruhigt hat. Im Grunde genommen ist KILL BILL VOL. 2 ein Film über das Erwachsenwerden. Er begleitet Beatrix auf ihrem Weg zur Mutterschaft. Und um eine verantwortungsvolle Mutter zu werden, muss sie sich von einigen Altlasten befreien. Tarantinos Film handelt, wie auch schon PULP FICTION, von der Auseinandersetzung mit und der Lösung von Vaterfiguren.

Wenn Beatrix am Schluss zu Bill kommt, ihrem ehemaligen Mentor, Ausbilder und Chef, aber eben auch dem einstigen Liebhaber und Vater der gemeinsamen Tochter, verwandelt sich das grellbunte Spektakel in ein ernstes, ruhiges Kammerspiel, ein Beziehungsdrama, wenn man so will. Zwar sind Schuss-, Schneid- und Hiebwaffen nie ganz außer Reichweite, und niemand käme auf die Idee, die beiden Protagonisten mit „normalen“ Menschen zu verwechseln, aber ihre nun folgende, meist verbale Auseinandersetzung lässt sich dennoch am besten als „authentisch“ und „einfühlsam“ beschreiben. Beide Charaktere tauschen sich über ihre gemeinsame Geschichte aus, Beatrix erklärt Bill, warum sie ihn einst verließ, verlassen musste, was in ihr vorging, als sie erfuhr, dass sie Mutter werden würde; Bill öffnet im Gegenzug Beatrix sein Herz, erklärt ihr, warum er sich verraten fühlte und wie es zu seiner, ähem, „Überreaktion“ kam. Für sie ist klar, dass das Leben, das sie bisher gelebt hat, nicht mehr lebbar ist. Und diese Erkenntnis macht die endgültige Abspaltung von Bill erforderlich. Bei dieser Trennung geht es nicht im Wesentlichen um Bill: Beatrix muss eine andere werden, eine selbstständige Frau (und in gewisserweise hat sie mit ihrer Mordtour bewiesen, dass sie das ist, nur der Modus war noch der alte). Der Wandel, den sie vollzieht, wird offenkundig, wenn man ihr Verhältnis zur anderen Vaterfigur des Films betrachtet: Pai Mei. Der wie ein Eremit auf einem Berg lebende Kung-Fu-Meister, der sich nicht gerade durch herausragende soziale Fähigkeiten auszeichnet, fordert von Beatrix totale Unterwerfung und absoluten Gehorsam – das Gegenteil von Emazipation und Selbstständigkeit. Und Beatrix fügt sich in diese Rolle, weil sie weiß, was sie zu gewinnen bzw. zu verlieren hat. Sie benötigt Pai Meis „väterlichen“ Rat, ist noch nicht soweit, sich ihm zu verweigern und ihm entgegenzutreten. Und ich meine, dass sich das Motiv des Vaterkonfliktes durchaus mit Tarantinos „love and theft“-Strategie kurzschließen lässt: KILL BILL VOL. 2 handelt dann auch von der Emanzipation des Regisseurs von seinen Einflüssen. Man kann sich Dinge aneignen, aber man muss lernen, seine Identität dabei zu bewahren.

Ich weiß noch, dass ich damals im Kino enttäuscht war von KILL BILL VOL. 2. Ich hatte mehr Wildheit erwartet, mehr grafische, comichaft überzogene Gewalt, mehr von dem, was den ersten Teil ausgezeichnet hatte. Ich verstand, was Tarantinos Plan war, wusste auch den größeren Tiefgang zu würdigen, aber war trotzdem insgesamt ein bisschen gelangweilt und underwhelmed. Wie Bill da am Schluss einfach zu Boden fällt, fast schon aufreizend undramatisch, ja geradezu uninszeniert, empfand ich als kleinen Affront. Heute ist das ganz anders. Gerade das Schlusskapitel des Films, das lange, ruhige Beisammensein von Beatrix und Bill, ihr verbales Ringen in einem Kampf, dessen Ausgang doch eigentlich schon längst vorgezeichnet ist, empfinde ich als begeisternd und berauschend, Bills „antiklimaktischen“ Tod als vielleicht einen der schönsten Tode wenn nicht gar der gesamten Kinogeschichte, so doch zumindest der letzten 30, 40 Jahre. Und KILL BILL VOL. 2 fügt sich als wichtiger Baustein in Tarantinos Werk.

Ich bin geneigt zu sagen, dass alles, was man damals in PULP FICTION als „tarantinoesk“ ausgemacht zu haben glaubte, tatsächlich in KILL BILL VOL. 1 und dort in geradezu karikaturesk übersteigerter Form zu finden ist. Die sechsjährige Pause zwischen JACKIE BROWN und diesem Film scheint längst nicht nur eine zeitliche Zäsur im Schaffen Tarantinos, seine danach entstandenen Filme sehen anders aus und fühlen sich anders an, ohne ihren Ursprung freilich gänzlich zu verraten. Ein gängiges Narrativ beschreibt Tarantino als den Videotheken-Nerd, der bei seiner Arbeit eine Passion für und ein immenses enzyklopädisches Wissen über das weltweite Exploitationkino entwickelte, seinen Lieblingen mit seinen eigenen Filmen ein Denkmal errichtet und ihnen zu größerer Bekanntheit und Respektabilität verhilft. Das meist eifrig hinterhergeworfene Stichwort lautet dann „Zitatekino“. Wenn man sich seine Filme bis KILL BILL VOL. 1 aber genau und frei von irgendwelchen Prädispositionen anschaut, fällt auf, wie sehr sie diesem etablierten Narrativ eigentlich widerstreben. PULP FICTION ist kein Genrefilm, formell und strukturell viel zu verspielt, viel zu literarisch, in seiner Gesamtanlage viel zu theoretisch, abstrakt und kopflastig, um selbst als „Exploitation“ durchgehen zu können. Und JACKIE BROWN mag noch so sehr vom Blaxploitation-Film der Siebzigerjahre inspiriert sein, er ist selbst ausdrücklich kein Blaxploiter. Der Begriff „Ausbeutung“ kommt dem Betrachter bei dieser warmherzigen, einfühlsamen Auseinandersetzung mit Alter und Armut kein einziges Mal in den Sinn. Und die Zitate, von denen immer die Rede ist, sind meist so eingebettet, dass sie nur wenig Aufmerksamkeit auf sich als Zitate ziehen: Das goldene Leuchten, das aus Marsellus Wallace‘ Koffer dringt, führen Film-Enthusiasten natürlich sofort mit Aldrichs KISS ME DEADLY zurück; aber man muss diesen Film nicht kennen, um das Leuchten zu verstehen (eigentlich verwirrt die Kenntnis des Zitats sogar ein wenig, weil das Leuchten in Aldrichs Film ja ein radioaktives Strahlen ist). Die Präsenz von Helmut Berger in LA BELVA COL MITRA, den sich Mel in JACKIE BROWN im Fernsehen anschaut, ist lediglich Anlass für einen kleinen Gag, eine Randbemerkung und darüber hinaus wohl durchaus Bekundung von Tarantinos Wertschätzung, aber in der Essenz letztlich bloß ein schmückendes Detail. Vielleicht kann man es so sagen: Zwar bestehen Tarantinos Filmwelten in den Neunzigerjahren in nicht unerheblichem Maße aus Verweisen auf Filme, aber sie ähneln darin doch noch sehr unserer Realität. Erst mit KILL BILL VOL. 1 beginnt Tarantino reine Kunstwelten und geschlossene Parallelwelten zu erschaffen.

So beginnt KILL BILL VOL. 1 mit dem „Shaw Scope“-Logo, dem sich der „Feature Presentation“-Screen anschließt, mit dem zahlreiche Drive-in-Kinos in den 60er- und 70er-Jahren den Beginn ihrer Hauptvorstellung ankündigten. Wir tauchen mithin nicht ein in eine fremde Welt, wir schauen einen Film. Und dieser Film erzählt eine gewalttätige und wilde Rachegeschichte, die sich vor allem aus Motiven des Italowesterns, des Samurai- und des Kung-Fu-Films in geringerem Maße des Horrorfilms speist: Die namenlos bleibende „Braut“ (Uma Thurman), unter dem Decknamen „Black Mamba“ einst Mitglied der von einem gewissen „Bill“ (David Carradine) befehligten Killertruppe „Five Deadly Vipers“, wacht nach vier Jahren aus dem Koma auf, in das sie ihre einstigen Wegbegleiter bei einem Überfall während ihrer Hochzeitszeremonie mithilfe eines Kopfschusses versetzt haben, und beginnt ihren Rachefeldzug gegen die Verräter. In KILL BILL VOL. 1 geht es im Wesentlichen um das Wiedererwachen der „Braut“ und ihre anschließende Auseinandersetzung mit O-Ren Ishii (Lucy Liu), Deckname „Cottonmouth“, die in den vier Jahren seit dem Attentat zu einem der mächtigsten Anführer der japanischen Yakuza aufgestiegen ist. Doch Tarantino wirbelt die Chronologie der Ereignisse durcheinander, blendet immer wieder in die Vorvergangenheit, um die Geschichte der „Braut“ und der Antagonisten zu beleuchten, und zersplittert den eigentlich sehr geradlinigen Plot mithilfe von Kapitelüberschriften in zahlreiche einzelne Episoden. So beginnt der Film mit dem Kampf der „Braut“ gegen Vernita Green (Vivica A. Fox), Codename „Copperhead“, der eigentlich das Ende des von KILL BILL VOL. 1 abgesteckten Zeitrahmens markiert. Ein längerer Exkurs befasst sich mit O-Rens Genese, zeigt in blutig stilisierten Anime-Bildern, wie sie vom jungen Mädchen zum Killer wurde. Ein weiteres Zwischenstück schildert das Zusammentreffen der Braut mit dem japanischen Schwertschmied Hattori Hanzo (Sonny Chiba). Surreal anmutende Bilder wie jenes eines durch den rotgoldenen Himmel über Japan gleitenden Flugzeugs, einer Motorradfahrt durch ein buntes, an die Godzilla-Filme erinnerndes Modellbau-Tokio oder des verschneiten japanischen Gartens, in dem die „Braut“ und O-Ren zum Duell antreten, unterstreichen den Eindruck, dass KILL BILL VOL. 1 in einem hyperrealen Popkultur-Universum angesiedelt ist. Auch wenn viele der auf der Connections-Seite der IMDb gesammelten Verweise wohl eher der selektiven Wahrnehmung der User zuzuschreiben sind, so erhält man doch einen Eindruck davon, wie dicht gewebt das Netz der Bezüge ist, das Tarantino in KILL BILL VOL. 1 aufspannt. Man könnte sagen, der Film ähnele dem endlosen Traum eines Filmfans, in dem sich von Soundtrack-Fetzen über einzelne Einstellungen oder auch ganze Szenen bis hin zu Ausstattungsdetails alles aus der Erinnerung an andere Filme speist. Auch vor seinen eigenen Filmen macht Tarantino dabei nicht halt: Wenn Vernita Green aka „Copperhead“ anmerkt, der Deckname „Black Mamba“ hätte besser zu ihr gepasst, muss man unweigerlich an die Namensdiskussion in RESERVOIR DOGS denken.

Weil sich KILL BILL VOL. 1 kaum in Beziehung zur Realität setzen lässt, ist die Frage, wovon er eigentlich handelt – abseits von Rache –, nicht so leicht zu beantworten. Auffällig ist, dass er das Konzept von „love & theft“, um das es schon bei PULP FICTION ging (zumindest, wenn man Thomas Elsaesser zustimmt), noch einmal expliziert. Davon ausgehend scheint er jedoch die Frage nach dem Wesen von Identität zu stellen, was natürlich mit Tarantinos filmischem Eklektizismus korrespondiert. Gewissermaßen: Kann das „Angeeignete“ das „Angeborene “ ersetzen? Dem Films vorangestellt ist ein klingonisches Sprichwort, was zum einen gelungener Gag ist, aber auch das sehr spezielle Verhältnis des Films zur Realität und das Tarantinos zur Kultur illustriert. Die „Braut“ spricht perfekt Japanisch und bekommt vom Meisterschmied Hanzo in einer Zeremonie ein wertvolles Samurai-Schwert verliehen, obwohl der doch geschworen hatte, nie wieder ein Schwert zu schmieden. Für sie ist es die Waffe der Wahl, wohl auch, weil sie in Japan zum Kampf antritt. O-Ren sieht hingegen nur die Weiße, die sich an der fremden Kultur vergreift:  „Silly Caucasian girl likes to play with Samurai swords.“ Das ist auch insofern erstaunlich, als O-Ren selbst ein „Mischling“ ist. Als Tochter eines Amerikaners und einer Japanerin sieht sie sich der offenen Ablehnung und Verachtung ihrer männlichen Yakuza-Kollegen gegenüber, die sie bitter bestraft: „The price you pay for bringing up either my Chinese or American heritage as a negative is… I collect your fucking head.“ Der Cliffhanger, mit dem KILL BILL VOL. 1 endet, suggeriert, dass zumindest einer der Gründe für den Amoklauf der „Braut“ hinfällig ist: Das Kind, mit dem sie bei ihrer gescheiterten Exekution schwanger war, lebt immer noch, und zwar in der Obhut seines leiblichen Vaters Bill, der ganz am Ende ihrer Todesliste steht.

Ich finde KILL BILL VOL. 1 höchst faszinierend, auch wenn mich Szenen wie das ausgedehnte Massaker an den „Crazy 88’s“, der Armee O-Rens, heute nicht mehr ganz so kicken wie damals im Kino. Er ist vor allem ein audiovisueller Rausch und wirkt wie der Film, den Tarantino aus seinem System spülen musste, um weitermachen zu können. KILL BILL VOL. 2 ist aus ganz anderem Holz geschnitzt – und wird auch den Kontext liefern, vor dem sein Vorgänger etwas mehr – oder überhaupt – Sinn ergibt.

Jackie Brown (Pam Grier), eine 44-jährige Stewardess einer kleinen mexikanischen Airline, verdient sich etwas als Geldkurier des Waffen- und Drogenhändlers Ordell Robbie (Samuel L. Jackson) dazu. Weil sie schon einmal in einer Drogensache auffällig geworden ist, lauert ihr der Kriminalbeamte Ray Nicolette (Michael Keaton) auf, der es auf Robbie abgesehen hat, und zwingt sie zur Mitarbeit: Sie soll ihn bei der Übergabe von 500.000 Dollar in die Falle locken. Doch Jackie hat eine bessere Idee: Gemeinsam mit dem Kautionsagenten Max Cherry (Robert Forster) schmiedet sie einen Plan, mit dem sie Nicolette und Robbie hereinlegen und das Geld dabei für sich einstreichen kann …

In PULP FICTION ging es nach Thomas Elsaesser nicht zuletzt um „love and theft“, darum, wie Weiße schwarze Kultur (die sie lieben) für sich vereinnahmen (also stehlen). Mit JACKIE BROWN holt Tarantino diesen Subtext nun gewissermaßen auf die strukturalistische Ebene, indem er selbst als weißer Filmemacher einen Film macht, der nach dem Vorbild der Blaxploiter der Siebzigerjahre gefertigt ist. Mit Pam Grier übernimmt ein ehemaliger Star des Genres die Hauptrolle und der Soundtrack wird überwiegend von Größen der Soul- und Funk Music bestritten. Das dem Blaxploitation-Film inhärente Thema des Kampfes der Unterdrückten um Selbstbestimmung und Gleichberechtigung holt Tarantino aber auf eine realistische, soziale Ebene zurück, indem er seine schwarze Heldin auch noch zu einer mittelalten Geringverdienerin macht, die sich ernste Gedanken um ihre Zukunft machen muss, und ihr einen 56-Jährigen zur Seite stellt, der sich in sie verliebt und durch diese Liebe beginnt, sein eigenes Dasein zu hinterfragen. Den ewigen, nicht erwachsen werden wollenden und in ödipalem Ringen begriffenen Jungspunden aus PULP FICTION setzt er mit Jackie Brown und Max Cherry zwei Charaktere entgegen, die ihre Sturm- und Drangzeit längst hinter sich haben und die sich vielmehr damit beschäftigen, wie sie ihr Leben ausklingen lassen wollen.

Soweit ich mich erinnere, bedeutete JACKIE BROWN das Ende der nach PULP FICTION grassierenden Tarantino-Verehrung. Viele, die jenen Film für all jene Oberflächenmerkmale so liebten, die man damals mit dem Regisseur verband, kehrten ihm nach diesem mit Spannung erwarteten Drittwerk enttäuscht den Rücken. Sie vermissten wahrscheinlich die ausgestellte Coolness von Auftragskillern in schwarzen Anzügen und Bonnie-und-Clyde-Pärchen, die Dialoge über unterschiedliche Hamburger-Benennungen, die heftigen Gewaltausbrüche, die verschachtelte Narration. Dabei liegt es in der Natur der Sache, dass JACKIE BROWN einen sehr viel ruhigeren, gemächlicheren Rhythmus anschlägt. Ganz im Stile des Heist Movies spielen Langsamkeit und Geduld eine sehr wichtige Rolle. Ein großer Coup will sorgfältig geplant statt überstürzt werden und wer wüsste das besser, als Jackie und Max, zwei Menschen, die sich im Leben eingerichtet haben wie auf einer gut eingesessenen Couch? Ein Fauxpas wie Vincent Vega, dem Killer aus PULP FICTION, der auf der Toilette seiner Zielperson erschossen wurde, soll ihnen nicht passieren. Das, was ihnen an Skrupellosigkeit und Abgebrühtheit fehlt, machen sie durch Routine, Menschenkenntnis und Umsicht wett. Sie müssen gar keine Gewalt anwenden, weil sie die Situationen, die auf sie zukommen, antizipiert haben wie Schachspieler.

Die Jugend zieht in JACKIE BROWN konsequent den Kürzeren – wobei „Jugend“ hier durchaus relativ zu verstehen ist. Das Surfergirl Mel (Bridget Fonda), notgeile Gespielin von Robbie, glaubt, sich alles erlauben zu können, und endet mit zwei Kugeln im Leib. Beaumont (Chris Tucker) ist ganz einfach zu dumm, um zu begreifen, warum er nicht bei Robbie in den Kofferraum steigen sollte. Und Nicolette ist viel zu ehrgeizig, viel zu heiß auf den Ruhm, den ihm die Verhaftung des Waffenhändlers einbringen wird, um die Gefahr zu bemerken, in die er sich begibt. Man muss nur die Ruhe und Würde erkennen, mit der sich Jackie bewegt (bzw. die Tarantino ihr mit seiner Inszenierung zuweist), und sie mit der Selbstverliebtheit ihrer Kontrahenten vergleichen, um zu wissen, dass sie am Ende triumphieren wird. Schon wie sie in der Creditsequenz an dieser blauen Mosaikwand entlangschreitet, den Blick immer geradeaus gerichtet, totale körperliche Souveränität ausstrahlend, ist klar, dass sie sich auf ihrem Weg nicht aufhalten lassen wird. Pam Grier ist grandios in JACKIE BROWN, eine bessere Besetzung kaum denkbar. Sie verkörperte schon in den Siebzigern eine Art weiblicher Urgewalt, mit der Mann sich besser nicht anlegte, aber verfügte in ihrer Jugend über einen noch sehr ungeschliffenen Charme. Es war eher Trotzigkeit, die sie antrieb und sie manchmal auch über das Ziel hinausschießen ließ. Hier verpulvert sie keine unnötige Energie, geht höchst ökonomisch mit ihren Reserven um. Körpereinsatz muss sie fast nie zeigen, weil sie in der Lage ist, die anderen in ihrem Sinne zu lenken. Man sieht ihr eine gewisse Müdigkeit an. Nicht die körperliche Erschöpfung nach einer vollbrachten Anstrengung, sondern jene, die der jahrelange Alltag, der daily grind bei ihr hinterlassen hat. Aber diese Müdigkeit schärft auch noch einmal ihre Sinne, weil sie den Fokus auf ihre eigene Verletzbarkeit lenkt, während Robbie, Nicolette und Konsorten sich in ihrer virilen Kraft für unbesiegbar halten. Pam Griers Gesicht spiegelt diese Ruhe und Konzentration, den Willen, sich nicht mit den Verhältnissen abzufinden. Es ist kein Wunder, dass sich Max Cherry sofort in sie verliebt, wie sie da als reine weibliche Präsenz auf ihn zuläuft und noch in der Bewegung zu einem Denkmal weiblicher Selbstbehauptung kristallisiert (ich meine, damals wurde in der Rezension in der Splatting Image ausgeführt, wie Jackie durch die Montage immer ein Stück zurückversetzt wird, so als dehne sich der Weg, den sie zurücklegen muss, für Max Cherry ins Endlose). Sein Blick der Verzauberung wiederholt sich am Ende noch einmal, wenn Jackie nach gemeinsam überstandenem Abenteuer und einem innigen Kuss in ein anderes, neues Leben entschwindet und ihn, der ihre Kraft nicht hat, in seinem zurücklässt. Er muss sein Telefonat beenden, und sein Blick erinnert an den Killer Jules aus PULP FICTION, der eigentlich tot sein müsste, den aber alle Kugel auf wundersame Weise verfehlt haben. Als sei ein Tornado über ihn hinweggerauscht, ohne eine Spur zu hinterlassen. Auch Max ist Zeuge göttlicher Einmischung geworden.