Mit ‘Raimund Harmstorf’ getaggte Beiträge

Episode 139: Der Augenzeuge (Theodor Grädler, Deutschland 1986)

Der arbeitslose Erich Schuster (Klaus Herm) wird Zeuge, wie ein Nachtwächter von zwei Juwelenräubern auf der Flucht erschossen wird. An die Gesichter der Flüchtigen kann er sich nicht erinnern, aber er fällt Derrick danach durch sein seltsames Verhalten auf, genauso wie der Sohn der Mordopfers (Dieter Schidor). Derricks Verdacht: Die beiden kennen den Täter und lassen sich ihr Schweigen von ihm teuer bezahlen …

Noch so ein DERRICK-Standard: arme Tröpfe, die ihre Chance wittern und sich dabei die Flossen verbrennen. Nicht viel Neues hier, lediglich Bewährtes routiniert dargeboten. Dass Sky Dumont in einer absoluten Nullrolle verbraten wird, ist allerdings doppelt kontraproduktiv: Nicht nur verschenkt man einen erstklassigen Schauspieler, der nicht auf den Kopf gefallene Zuschauer weiß auch, dass er nur eine Erklärung für diesen zweifelhaften Coup geben kann. Und so ist es dann auch.

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Episode 140: Das absolute Ende (Alfred Vohrer, Deutschland 1986)

Herta Kolka (Marion Kracht) wird nach ihrer Gitarrenstunde erschossen. Die Ermittlungen führen Derrick und Klein in eine höchst sonderbare Familie: Der Vater (Günther Mack) ist am Boden zerstört, sein Bruder Rolf (Volkert Kraeft) seltsam hysterisch und unsouverän. Dann sind da noch Rolfs Gattin (Reinhild Solf), die mit ihrem Bruder (Wolfgang Müller) vor der argentinischen Militärdiktatur floh, als die ihren Eltern das Leben kostete, und die den alten Kraft (Konrad Georg) pflegt, der dem Wahnsinn anheimgefallen ist …

Ein bisschen erinnert die Episode an das Serien-Highlight „Die Entscheidung“ von 1980. Zwar ist Vohrers Folge am Ende deutlich „sauberer“ und nicht ganz so deliriös wie Grädlers Meisterstückchen, aber auch hier gibt es reichlich Stoff zum Staunen: Dass ausgerechnet Schwiegertochter Drombusch Marion Kracht in ihrer Rolle als Stern des Münchener Nachtlebens gezeichnet wird, dem alle Männer erlegen sind, ist da nur der Anfang. Volkert Kraeft trägt sich mit einer Glanzleistung in die lange Ahnengalerie DERRICK’scher Waschlappen ein, Konrad Georg verbringt seine zwei, drei Kurzauftritte rammdösig in die Kamera grunzend und Reinhild Solf agiert mit der sympathischen Verve eines depressiven Exekutionsroboters. Als trauriger Millionär und Schickeria-König Rocco Gretschkow ist Michael Heltau zu sehen: Sensationell, wie er die zu einer Spontanparty in seine Villa eingeladenen Gäste ebenso spontan und grob wieder rausschmeißt.  Frank Duvalls todessehnsüchtig-weggetretener Titelsong „Liebe und Tod“ dudelt dazu in geschmacksresistenter Endlosschleife. Aber schon das Startbild ist super: ein tristes, marodes Haus auf einem Schotterplatz, darüber der Titel „Das absolute Ende“. Dass das Haus nicht der Schauplatz des Münchener Kettensägen-Massakers, sondern einer Gitarrenstunde beim Musiklehrer Thomas Astan ist, weist aber schon auf die kleineren Verfehlungen der Episode hin, die in erster Linie auf das Konto von Reinecker gehen. Zwischen Wahnsinn, Münchener Nachtleben und argentinischer Militärdiktatur verliert er ein bisschen den Fokus. Warum die beiden Morde „das absolute Ende“ darstellen sollen, habe ich jedenfalls nicht so ganz verstanden, auch wenn ich die Idee sehr reizvoll fand. Unterm Strich bin ich geneigt, über die Schwächen hinwegzusehen und „Das absolute Ende“ als Vertreter der so liebenswerten und in den Achtzigern selten gewordenen DERRICK-Verstrahlung zu betrachten.

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Episode 141: Der Charme der Bahamas (Jürgen Goslar, Deutschland 1986)

Der Kunsthistoriker Gerhard Brosch (Jürgen Behrendt) erhängt sich, nachdem er sein ganzes Vermögen an den miesen Finanzhai Müller-Brode (Karl-Michael Vogler) verloren hat. Broschs Sohn Franz (Till Topf) will den Betrüger zur Rede stellen, der sich am Telefon von seiner Gattin Carina (Evelyn Opela) verleugnen lässt und sich dann panisch an seinen Anwalt Dr. Schwede (Thomas Fritsch) wendet. Als Franz bei Müller-Brode ankommt, findet er den Mann tot vor …

Fritsch und Vogler sind super, aber die schwere Bürde namens Till Topf, eine der größten Trantüten in der langen DERRICK-Tradition lappiger Charaktere, machen auch sie nicht wett. Egal, die Episode kann man so weggucken.

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Episode 142: Die Nacht, in der Ronda starb (Theodor Grädler, Deutschland 1986)

Der Lehrer Dr. Schenk (Klaus Schwarzkopf) wird von seiner Frau (Ursula Lingen) offen mit dem Gymnastiklehrer Ronda (Paul Neuhaus) betrogen. In seiner Not vertraut er sich nicht nur seinem Nachbarn Derrick, sondern auch seinen Schülern an. Die stehen dem Lehrer in einer Nacht mit Schnaps bei und treiben ihm dazu an, gegenüber Ronda klare Kante zu zeigen. Am nächsten Tag ist der Liebhaber seiner Frau tot …

Gleich mehrere Details lassen hier den Autor Reinecker erkennen: Kinder und Jugendliche sind seltsam alterslos, fast schon abgebrühter als die Erwachsenen und immer gut dafür, plötzlich zu rechtsphilosophischen Monologen anzuheben, die den Derrick-Erfinder seit je her faszinierten. Dann gibt es mal wieder ein waschlappiges Opfer, das unter dem stetig wachsenden Druck notgedrungen irgendwann übers Ziel hinausschießt. Seine Frau ist ein besonders grausamer Vertreter der Spezies, hält es nicht mal mehr für nötig, ihre Affäre irgendwie vor dem Ehemann zu verbergen. Der Lover empfängt den gehörnten Gatten sogar schon am Frühstückstisch! Es fällt wieder auf, dass sich Reinecker für Spannung und Suspense, eigentlich ja wichtigster Charakterzug des Krimis, nur noch sporadisch interessiert. Klar, die Folge lebt wesentlich von der Frage, ob es nun der angestachelte Schenke oder die Schüler selbst waren, die Ronda über die Klinge springen ließen, aber es bleibt kein Zweifel, dass die Reflexionen über Moral das sind, was Reinecker antrieb.

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Episode 143: Ein eiskalter Hund (Theodor Grädler, Deutschland 1986)

Luise Lohbach (Christine Buchegger) leidet in ihrer Ehe mit Jakob (Klaus Löwitsch). Aus seiner Gleichgültigkeit für die Ehefrau macht der gar keinen Hehl, er behandelt sie wie Luft und betrügt sie mit einer Kellnerin im familieneigenen Wirtshaus. Als Luise in ihrem Ferienhaus einem Mordanschlag zum Opfer fällt, ist Jakob für viele, die das Leiden der Frau mitansehen mussten, der Hauptverdächtige. Doch der hat ein hieb- und stichfestes Alibi …

Unvergessen ist Löwitschs schauspielerischer Amoklauf in der frühen Episode „Hoffmanns Höllenfahrt“. DERRICK hat sich seitdem immens verändert, Klaus Löwitsch nicht so sehr. Seine Jakob Lohbach agiert zwar nicht annähernd so fiebrig wie der panische Hoffmann, aber der Schauspieler genießt es sichtlich, ein unentschuldbares Arschloch geben zu dürfen. Der Zuschauer, der es in dieser Phase der Serie fast ausschließlich mit selbstmitleidigen Jammerlappen als Täter zu tun hat, natürlich auch. In Nebenrollen sind Axel Milberg und Horst Michael Neutze zu sehen.

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Episode 144: Der Fall Weidau (Alfred Weidenmann, Deutschland 1986)

Der junge Klaus Weidau wird morgens tot in seinem Bett auf dem elterlichen Gutshof aufgefunden, vergiftet mit Blausäure. Die Weidaus sind so erschüttert wie Derrick und Klein anschließend ratlos: Die Familie lebte in tiefster Harmonie, sich in Respekt und Liebe zugetan. Nicht einmal der Anflug eines Streits oder Konflikts zeigt sich. Dann der zweite Mord, diesmal an Sohn Hubert (Ekkehard Belle). Und die erschütternde Erkenntnis: Der Mörder muss aus den Reihen der Familie selbst kommen …

Das Leben auf dem Hof der Familie Weidau gerät im Zusammenspiel von Weidenmanns Regie und Reineckers Drehbuch zur bizarren Utopie: einer Utopie mit Haken, denn wie Derrick weiß: „Jeder Mensch hat irgendeine Macke.“ Und wenn alles perfekt ist, dann besteht natürlich die Gefahr, dass es damit bald vorbei ist. Wie immer, wenn Reineckers philosophische Reflexionen besonders spannend geraten, fungiert die Auflösung als Spielverderber. Nicht, dass sie hier wirklich ärgerlich wäre, aber die Identifizierung eines Täters mutet am Ende einer solch apokalyptischen Geschichte einfach furchtbar banal und zweitrangig an. Viel lieber hätte man gesehen, wie alle Weidaus am Ende tot auf ihrem Hof liegen, ihre Gesichter in Ratlosigkeit eingefroren und keine Antwort auf die drängende Frage in Sicht.

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Episode 145: Schonzeit für Mörder? (Gero Erhardt, Deutschland 1986)

Der geniale Automobil-Ingenieur Bothe wird in seinem Haus erschlagen. Vor den Augen Derricks haucht er in der Ambulanz eines Krankenhauses sein Leben aus. Wer ist der Mörder? Seine junge Gattin Helene (Lena Stolze) oder Bothes Sohn Eberhard (Christoph Waltz), der ein Verhältnis mit seiner nur ein Jahr älteren Stiefmutter hatte? Grund hätten auch Bothes Bruder Georg (Horst Bollmann) oder dessen Sohn Ralf (Volker Lechtenbrink) gehabt, denn Bothe pflegte seine Verwandten zu behandeln wie Diener …

Debütant Gero Erhardt ist mit einem eher mittelprächtigen Script ohne Glanzpunkte geschlagen. Christoph Waltz ist gut, sonst bleibt nicht viel hängen.

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Episode 146: Die Rolle seines Lebens (Alfred Weidenmann, Deutschland 1986)

Nach überstandener Alkoholsucht kehrt Schauspieler Martin Theimer (Franz Boehm) zurück: Er will sich die Rolle seines Lebens angeln, doch die hat ihm sein Konkurrent Kranz (Karl Heinz Vosgerau) vor der Nase weggeschnappt. Als der Opfer eines Mordanschlags wird, ist der Weg für Theimer frei: Sehr zur Freude von Regisseur Bracht (Peter Bongartz), aber auch von Theimers Gattin Lydia (Sonja Sutter) und Tochter Dinah (Roswitha Schreiner) …

Die Idee mit der doppelten Rolle des Lebens ist gut, aber den durchschlagenden Erfolg verhindert Weidenmanns etwas lahmarschige Regie. Die Szenen am Filmset wirken richtiggehend albern, gekünstelt und theatralisch, was in hartem Widerspruch zu den Lobeshymnen steht, die Bracht über seinen Star singt. Einmal sitzt der Regisseur sogar direkt neben seinem Hauptdarsteller, als die Kamera schon längst wieder läuft. Hätte was werden können, so aber leider zu nix zu gebrauchen.

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Episode 147: Entlassen Sie diesen Mann nicht! (Horst Tappert, Deutschland 1986)

Der Wissenschaftler Dr. Kroll (Pinkas Braun) war nach einem Mordanschlag auf seine Gattin (Reinhild Solf) vor fünf Jahren wegen Schizophrenie in eine Heilanstalt gesperrt worden. Nun soll er zur großen Überraschung aller damals involvierten wieder freigelassen werden: Für seine Gesundheit verbürgt sich vor allem Krolls Arzt Kraus (Wolf Roth). Kroll hat es sich in den Kopf gesetzt, seine Ex-Frau zurückzuerobern, doch die hat keine Lust, ihn wiederzusehen. Als ihr Schwager ihn zur Rede stellen will, wird er umgebracht …

Horst Tappert bringt als Regiedebütant tatsächlich frischen Wind. Die kurze Auftaktsequenz, die das geschäftige Treiben in der Dienststelle zeigt, ist eindeutig von Police Procedurals wie STAHLNETZ beatmet, der betont altmodische Score erinnert aber auch an die Edgar-Wallace-Filme, in denen Pinkas Braun einst gern gesehener Gast war. Die Story ist auch stark: Dr. Kroll wird zu einem deutschen Vorläufer von Hannibal Lecter und Wolf Roth ist immer eine Schau. Tappert treibt der Episode die Reinecker’sche Steifheit aus und akzentuiert die pulpig-makabre Note seines Scripts mit einigem Erfolg. Klasse!

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Episode 148: Mädchen in Angst (Horst Tappert, Deutschland 1986)

Harry kommt der jungen Anja (Sona Mac Donald) zur Hilfe, die vor der Tür eines zwielichtigen Etablissements von Franz Belter (Henry van Lyck) verdroschen wird. Er nimmt die junge Frau bei sich auf, die auf die schiefe Bahn geraten ist und sich als Prostituierte verdingt, und versucht, sie aus den Fängen Belters, der mit dem ebenfalls dubiosen Rotter (Stefan Behrens) zusammenarbeitet, zu befreien. Dabei fängt er sich eine heftige Tracht Prügel ein, bei der er seine Dienstwaffe verliert. Wenig später ist Belter tot: Erschossen mit Harrys Revolver. Die Indizien sprechen gegen Derricks Kollegen …

Unterhaltsame Folge, die Harrys bisweilen ans Unprofessionelle grenzenden Übereifer in den Mittelpunkt rückt. Manchmal meint man, es sei das Mitleid seiner Ausbilder gewesen, das ihm den Job bescherte. Die Verlagerung des Fokus auf den Assistenten sorgt für willkommene Abwechslung, auch wenn Derrick die drohende Inhaftierung recht schnell abwenden kann. Hier hätte die Spannungsschraube ruhig etwas straffer gedreht werden dürfen.

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Episode 149: Die Dame aus Amsterdam (Helmuth Ashley, Deutschland 1986)

Der Privatdetektiv Hufland (Raimund Harmstorf) kann seinen Bekannten Derrick eben noch darüber in Kenntnis setzen, dass er in eine ganz große Sache reingestolpert sei, da wird er von Maschinengewehrsalven zerrissen. Die Ermittlungen führen Derrick zu Dr. Soest (Ernst Jacobi), einem Chemiker, der sich mit seiner holländischen Geliebten (Elisabeth Augustin) in einem Hotel verlustierte und dabei im Auftrag seiner Gattin (Gustl Halenke) von Hufland beobachtet wurde. Hinter dem Mord steckt aber viel mehr als Eifersucht: Soest arbeitete an einem hochpotenten Insektizid …

Lang ist’s her, seit Derrick das letzte Mal in einem Fall des internationalen Verbrechens ermittelte, anstatt sich mit den niederen Instinkten des Bürgertums auseinanderzusetzen. „Die Dame aus Amsterdam“ ist ein gelungenes Beispiel für diese etwas unterrepräsentierten Episoden, von Ashley temporeich inszeniert und bis zum Ende spannend. Das Finale ist bitterböse und setzt dem Ganzen ein makabres Krönchen auf.

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Episode 150: Anruf in der Nacht (Theodor Grädler, Deutschland 1986)

Ein Pfarrer (Horst Sachtleben) wird nachts zu einem im Sterben liegenden Unfallopfer gerufen: In seinen letzten Atemzügen ringt der Sterbende dem Geistlichen einen Gefallen ab. Der macht sich sofort auf den Weg, ohne jemanden in den Zweck seiner Mission einzuweihen. Am nächsten Morgen wird er tot aufgefunden. Einer der Verdächtigen ist Erich Bronner (Thomas Fritsch), der Bruder des Verunglückten, der Sexreisen veranstaltet …

Die Episode ist streng genommen nichts Besonderes, aber weil lange im Dunkeln bleibt, worum es geht, dennoch spannend. Die Auflösung ist eher ungewöhnlich, da wie schon bei „Die Dame aus Amsterdam“ eine internationale Komponente in den Fall hineinspielt. Richtig glaubwürdig ist das Ganze nicht, aber immerhin kommt der Zuschauer in den Genuss eines Gastauftritts von Jess-Franco-Regular Paul Muller als südamerikanischem Drogenbaron.

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Episode 151: Absoluter Wahnsinn (Horst Tapper, Deutschland 1987)

Eine Frau wird in ihrem Haus ermordet, nachdem sie ihrem Bruder per Telefon noch mitgeteilt hat, dass „er“ sie töten wolle. Für den ist der Fall klar: Als Mörder kommt nur ihr Ehemann (Robert Atzorn) in Frage, der aus seiner Verachtung für die Gattin keinen Hehl machte und von ihrem Tod finanziell zudem erheblich profitiert. Doch dessen Freundin Susi (Ingrid Steeger) gibt ihm ein Alibi. Wenig später meldet sich der traurige ältere Herr Mertens (Horst Bollmann) geständig. Der freundliche, sanftmütige Mann ist ein denkbar unwahrscheinlicher Mörder, aber welchen Grund sollte er haben, die Schuld auf sich zu nehmen, wenn er nicht der Täter ist?

Horst Tappert macht sich wirklich nicht schlecht als Regisseur. „Absoluter Wahnsinn“ zeichnet sich durch eine Mischung aus Witz und Tragik aus – eine Eigenschaft, die die Episode allein schon aus dem Rahmen fallen lässt, auch wenn der eigentliche Kriminalfall wieder recht typisch ist. Ingrid Steeger hat als Atzorns gereizte Freundin eine echte Sahnerolle abbekommen, die sie mit Verve ausfüllt. Dass sie noch etwas ungeschliffen agiert, tut der Sache keinerlei Abbruch, eher sogar im Gegenteil. Und Derricks Reaktionen auf die unfreundliche, misstrauische und missmutige Person sind einfach großartig. Viel zu selten darf Tappert als Derrick diese Seite zeigen: Meist stapft er ja als regungslose Gerechtigkeitsmaschine durch die bundesdeutsche Tristesse und selbst die Anflüge von Abscheu und Schadenfreude, die er in frühen Episoden regelmäßig so effektiv an den Tag legte, sind einer desillusionierten Routine gewichen. Aber das ist nicht alles: Das Ehepaar Mertens – neben Bollmann agiert Eva Kotthaus nahezu stumm, aber vielleicht auch deshalb so wirkungsvoll – bildet das Herz der Geschichte, demütig, bescheiden, zurückhaltend, freundlich. Ihr Schicksal geht nicht spurlos am Betrachter vorüber. Vielleicht ist es der einzige Fehler der Episode, dass das Schlussbild nicht den Eheleuten gehört, die da stumm, Arm in Arm in ihr Leben zurückkehren, sondern dem doofen Atzorn.

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Episode 152: Der Tote auf der Parkbank (Theodor Grädler, Deutschland 1987)

Auf einer Parkbank wird ein Mann gefunden – erschossen und dann am Isar-Ufer abgesetzt. Es handelt sich um einen Herrn Lindemann, den Inhaber einer Werbeagentur, über den wirklich niemand etwas Positives zu sagen hat. Weder die Gattin (Gisela Peltzer), die wusste, dass er sie mit dem Fotomodel Patricia (Ursula Karven) betrog, noch sein Sohn (Christian Hellenthal), seine Angestellten oder der Arbeitslose Ulrich (Ulrich Matthes), der sowohl mit Patricia als auch mit Frau Lindemann befreundet war …

Mittelmäßig interessante Folge, in der Reinecker mal wieder der Philosophie frönt und dabei einige seltsame Ideen hat. Es ist ausgerechnet der humanistische geprägte Ulrich, dessen Fantasien über einen besseren, überlegenen Menschen den Mord inspirieren und Derrick am Ende zu mahnenden Worten veranlassen. Da frohlockt der AfDler, der im Linksliberalismus die Wurzel allen Übels sieht.

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Episode 153: Die Nacht des Jaguars (Jürgen Golsar, Deutschland 1997)

Die hübsche Gisela Trabuhr (Ursula Buchfellner) wird neben einer Telefonzelle erschossen aufgefunden. Sie war mit dem weichlichen Albert (Volkert Kraeft) verheiratet, der dieses Ausbund an Lebenslust nicht zu bändigen wusste. Gisela war, so erfährt Derrick, sehr freigiebig: Er bezeichnet das als „nymphoman“, wird aber zurechtgewiesen. Nein, diese Gisela war so voller Liebe, dass ein Mann einfach zu wenig war. Wer war also der Täter? Einer ihrer Freier, Alberts Bruder Harald (Christian Kohlund), der um den Ruf der Familie besorgte Vater (Hans Korte) oder die von einem beinahe religiösen Furor erfüllte Mutter (Doris Schade)?

DERRICK-Standard mit dem üblichen Waschlappen im Zentrum und der dysfunktionalen Familie um ihn herum. Nichts besonderes, aber bei Weitem kein Totalausfall. Bester Moment: Der Close-up auf Kortes Gesicht, nachdem sein stolzes Weib wieder einmal einen denkwürdigen Auftritt hingelegt hat, dann seine hämischen Mutmaßungen, dass Moses die Gesetzestafeln wahrscheinlich hier im Haus versteckt habe und seine Gattin darauf kniee, wenn sie sich zum Gebet niederlasse. Das allein lohnt das Ansehen.

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Episode 154: Ein Weg in die Freiheit (Gero Erhardt, Deutschland 1987)

Herr Wilke wird spätabends in seinem Büro erschossen, wo er sich mit seinem Vorgesetzten Ewald Potter (Michael Degen) verabredet hatte. Derrick mutmaßt, dass der Mordanschlag möglicherweise den Falschen getroffen habe. Wenig später, im Haus der Potters, scheint sich dieser Verdacht zu bestätigen, denn es passiert ein zweites Attentat, diesmal jedoch erfolglos. Der Verdacht fällt auf eine Gruppe von Musikern um Harro (Volker Lechtenbrink), die in einer der Kneipen Potters engagiert war, bevor der sie rauswarf. Oder hat der mit ihnen befreundete Potter-Sohn Hans (Christoph Eichhorn) etwas damit zu tun?

Eine unterdurchschnittlich Episode. Liegt vielleicht aber auch daran, dass ich Volker Lechtenbrink nicht so mag, schon gar nicht in der Rolle eines bebrillten Smooth-Jazz-Musikers, der mit 20 Jahre jüngeren Menschen in einem Kellerproberaum abhängt. Fun Fact: Das ist nach „Kranzniederlegung“ und „Das absolute Ende“ schon die dritte Folge in kurzer Zeit, in der ein Jugendlicher obsessiv immer wieder denselben Song hört. Ein neuer, aber leider kein guter Einfall: Henry van Lyck als Clubbesitzer mit Zwirbelschnurrbart.

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Episode 155: Nachtstreife (Dietrich Haugk, Deutschland 1987)

Bei einer Streife wird ein junger Polizist erschossen. Sein Partner, der erfahrene Marx (Hans Brenner), macht sich danach schwere Vorwürfe, gibt jedoch zu Protokoll, dass er nichts gesehen habe. Einen Tag später ändert er seine Meinung: Er schwört, in einem der Flüchtenden den einschlägig bekannten Conny de Mohl (Frank Hoffmann) gesehen zu haben. Doch dessen Familie – Anton Diffring und Herbert Boetticher – gibt ihm ein Alibi …

Haugk hat viele tolle Episoden gedreht: Diese hier entfaltet leider nicht ganz das ihr innewohnende Potenzial, aber die Ansätze reichen. Aus dem eingeschworenen Männerbund und vor allem aus der Verbindung von Diffring und Boetticher hätte man viel mehr machen müssen – gerade letzterer bekommt unerklärlicherweise kaum etwas zu tun -, aber in Fotoschnappschüssen aufgelöste Sequenz, in der die drei Verbrecher sich nach einem kurzen Knastaufenthalts Connys wiedertreffen, die Armeeuphorisch in die Luft werfen und triumphierend ins Objektiv grienen, ist schon ziemlich geil. In einer Nebenrolle als Marx‘ Ehefrau ist Witta Pohl zu sehen, die im besten DIESE DROMBUSCHS-Stil Freudlosigkeit und Verkniffenheit verkörpert. Veit Harlan hätte bestimmt einen großen Star aus ihr gemacht.

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Episode 156: Koldaus letzte Reise (Franz Peter Wirth, Deutschland 1987)

Nachdem er eine 20-jährige Haftstrafe abgesessen hat, kommt der Auftragskiller Martin Koldau (Peter Ehrlich) nach München zurück. Er will hier ein letztes Mal seinem Beruf nachgehen – und seine große Liebe Franziska (Liane Hielscher) wiedertreffen, die mittlerweile mit dem Alkoholiker Miele (Klaus Herm) verheiratet ist. Das Wiedersehen der beiden Liebhaber verläuft traumhaft: Die Funken fliegen und Koldau schwört, den aktuellen Auftrag nicht auszuführen, um mit Franziska ein neues Leben anzufangen. Doch das nimmt ihm sein Auftraggeber sehr übel: Franziska findet Koldau erschossen vor. Vom Mörder hat sie nur eine Hand gesehen …

John Ford, Jean-Pierre Melville, John Woo, Michael Mann: Alle hätten sie diesen Stoff verfilmen können. Stattdessen war es Franz Peter Wirth im Rahmen von Deutschlands erfolgreichster Fernsehserie, deren Hüftsteife in diesem Kontext einen sonderbaren Reiz entfaltet. Peter Ehrlich ist mir eines der liebsten DERRICK-Gesichter und er ist toll als Profikiller Koldau, der sich in eine so gar nicht glamouröse, sondern ganz und gar bodenständige Frau verliebt. Es ist schon traurig, dass „Koldaus letzte Reise“ nicht einfach die Liebesgeschichte zweier Menschen jenseits der 40 erzählen kann, sondern natürlich irgendwann zum Kriminalfall werden muss, der niemanden mehr so richtig interessiert. Aber Franziska und Martin, wie sie nach 20 Jahren neuen Mut schöpfen, die bleiben im Gedächtnis.

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Episode 157: Nur Ärger mit dem Mann aus Rom (Helmuth Ashley, Deutschland 1987)

Arthur Dribald (Burkhard Driest) hat vor Jahren einen Mann erschossen, konnte aber nie gefasst werden. Jetzt entdecken ihn Derrick und Harry wieder und heften sich an seine Fersen. Was sie nicht wissen: Dribald weilt im Auftrag der Herren Scholler (Sieghard Rupp) und Zoller (Siegfried Rauch) in München, um einen Bruch zu begehen …

Helmuth Ashleys Kinovergangenheit kommt auch dieser Serienepisode zu Gute, die wie schon „Koldaus letzte Reise“ etwas „größer“ wirkt. Der Plot ist für die Serie ungewöhnlich und nur wenig vorhersehbar: Abwechslung, die DERRICK zu dieser Phase sehr gut zu Gesicht steht. Siegfried Rauch und Sieghardt Rupp als „Stars“ zu bezeichnen, geht vielleicht etwas zu weit, trotzdem hat ihr gemeinsamer Auftritt hier den Duft von Fernsehereignis. Burkhard Driest ist als selbstverliebter, ständig auf Schürzenjagd befindlicher Macho-Krimineller aber auch ziemlich toll: Die Szene, in der er sich per Videoaufzeichnung die MIsshandlung der barbusigen Uschi Buchfellner in Zeitlupe ansieht und dabei lüstern grinst, ist für deutsche TV-Verhältnisse schon ziemlich weit draußen und erinnert zudem an John McNaughtons ungefähr zur selben Zeit erschienenen HENRY: PORTRAIT OF A SERIAL KILLER.

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Es hat nicht allzu viele deutsche Versuche gegeben, im Actiongenre Fuß zu fassen, und wenn, dann sind sie an den Kinokassen meistens krachend gescheitert, egal wie gut oder wenigstens ehrenwert sie waren. Bestimmte, typische Actionstoffe waren aufgrund unserer Geschichte sowieso immer tabu für die exploitative Aufarbeitung – affirmative deutsche Gewaltepen um tapfere Soldaten kann und will man sich nicht wirklich vorstellen – und Polizisten haben seit jeher ihren festen Platz im deutschen Fernsehen, warum sollte man sie also auf die Leinwand hieven? (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.) Südlich der Alpen sah das ganz anders aus, da ließen die Italiener in den Siebzigerjahren einen Hagel aus Blei auf den Zuschauer herniedergehen, gefolgt von außer Kontrolle geratenen Fiats, die mit quietschenden Reifen um die Kurve bretterten. Der Poliziottesco ist vielleicht das genuin europäische Actiongenre (das seinen amerikanischen Vorbildern selbstredend viel zu verdanken hat). Das Kuriose: Rolf Olsen lieferte mit einem der tollsten und größten deutschen Actionfilme – einer italienischen Koproduktion – entscheidende Geburtshilfe für den italienischen Polizeifilm. Die Rede ist natürlich von BLUTIGER FREITAG.

Zu Beginn der Siebziger entstanden, platzte Olsens Film mitten hinein in eine Phase gesellschaftlicher und politischer Aufruhr, die auch den Poliziottesco entscheidend beflügeln sollte: Das Aufbegehren linksradikaler Kräfte gegen das noch von alten Nationalsozialisten und Faschisten durchsetzte Establishment bestimmte die Schlagzeilen, politisch motivierter Terror verbündete sich mit ganz normaler Kriminalität. Während die RAF Schlagzeilen machte, wurde die Bundesrepublik von einer Welle von Trittbrettfahrern und Banküberfällen erschüttert, am berühmtesten der Überfall auf die Filiale der Deutschen Bank in der Münchener Prinzregentenstraße, bei der die Polizei, die es mit der ersten Geiselnahme der deutschen Kriminalgeschichte zu tun bekam, massiv überfordert war. Die Bankräuber, 31 und 24 Jahre alt, gaben sich als Gruppe der Roten Front aus, doch es ging ihnen ums schnöde Geld – genau wie Heinz Klett (Raimund Harmstorf) und seinem italienischen Gastarbeiterkumpel Luigi (Gianni Macchia) in Olsens BLUTIGER FREITAG.

Der Revoluzzersprech, den vor allem Klett absondert, gehörte damals wahrscheinlich auch unter gewöhnlichen Gewaltverbrechern zum guten Ton. Es verlieh einem gleich eine ganz andere Aura, wenn man seine persönlichen Gelüste mit intellektuell verbrämten Klassenkämpferparolen untermauern konnte. Dass sich hinter den hohlen Phrasen manche Wahrheit verbarg, wird von dieser Erkenntnis nicht tangiert. Die BRD, die Olsen zeigt, ist wie das Italien der Poliziotteschi ein tief gespaltenes, marodes Land, das für die Bedürfnisse und Träume der Jüngeren viel zu eng ist. Luigi malocht unter den rassistischen Verunglimpfungen seiner huttragenden, behornbrillten Kunden und seines ihn für einen Gammler haltenden Chefs, seine Freundin Heidi (Christine Böhm) in einem dumpfen Schreibbüro. Abends sinken sie in Luigis Zimmer umringt von Postern nackter Schönheiten und Formel-1-Autos ins Bett, von besseren Zeiten träumend. Heidis Bruder Christian (Amadeus August) hat den Autoritarismus und die Schikanen beim Bund nicht mehr ertragen, seinen Vorgesetzten niedergeschlagen und ist nun als Deserteur auf der Flucht. Er gerät durch Blutsbande in das Klett’sche Vorhaben, das Geld kann er gebrauchen und gesucht wird er sowieso schon. In Olsens Deutschland hat man nicht viele Optionen, wenn man nicht dazugehört. Während der Geiselnahme versammelt sich das deutsche Spießbürgertum vor der Bank und diktiert dem nach Vorbild der SCHULMÄDCHEN-REPORTS authentifizierenden rasenden Reporter Bild-Schlagzeilen ins Mikro: Die Todesstrafe muss her, ist doch klar. Nur Heinz Klett fällt aus dem Raster, ragt wie ein Mahnmal aus der Tristesse des Mittelmaßes hinaus, wie er da mit roter Mähne und Bart, Lederkluft, Sonnenbrille und Zigarillo durch den Film pflügt, unablässig Vulgaritäten zwischen den Zähnen hindurchpressend und von der Flucht an den Indischen Ozean schwadronierend.

BLUTIGER FREITAG ist ein großartiger Film, voller ungebändigter Energie und schmierigem Verve, einer ungehobelten Oberfläche, direkt aus dem dampfenden Schritt gefilmt, und Harmstoff Dreh- und Angelpunkt des Ganzen, die Ikone, die aus dem graubraunen Zeitgeistprotokoll ein Werk für die Ewigkeit macht. Er ist gleichzeitig auch das personifizierte Augenzwinkern Olsens, dem das trübe Gesülze seiner Nebenfiguren und die deutsche Mittelmäßigkeit wahrscheinlich genauso auf den Zeiger gingen wie Klett, der wildgewordenen Rampensau. Wie er hier als Gravitationsfeld fungiert, den Film immer dann, wenn er sich aus dem Schlamm zu erheben und den Kopf Richtung gesellschaftskritisches Drama zu heben versucht, mit Lust in sich zusammenstürzen lässt, lädt geradezu dazu ein, ihn als metafilmisches Paradigma zu interpretieren. Heinz Klett in BLUTIGER FREITAG ist wie BLUTIGER FREITAG im deutschen Kino: ein Prolet, der auf alles scheißt, der keine Bestätigung und kein Schulterklopfen und am allerwenigsten einen guten Grund braucht. Das ist die Quelle geiler, brodelnder Exploitation: die pure Lust am Sein, am Exzess, an Rausch und Wahn. Jede darüber hinausgehende Motivation ist immer nur vorgeschoben, kann den Irrsinn nie in Bann schlagen und weiß das natürlich auch. Der Zuschauer kann sich noch so sehr vorbeten, was für ein asozialer Lump dieser Klett ist, dass man jemanden seinesgleichens nie im Leben begegnen will, trotzdem hört man die Englein ihre himmlischen Choräle singen, wann immer er das Bild betritt. Die personifizierte Erektion im unpassenden Moment: Man hofft, dass niemand sie bemerkt, sie ist einem ein bisschen peinlich, trotzdem möchte man sie gern anfassen.

Dass BLUTIGER FREITAG dieser Tage nach langer Wartezeit eine seinem Status angemessen legendäre Blu-ray-Veröffentlichung erfahren hat, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Subkultur haben keine Mühen gescheut und den Film, der zuvor nur auf einer grabbeligen DVD vorlag, nicht nur liebevoll restauriert, sondern bei der Gelegenheit auch noch rekonstruiert. Die auf Scheibe vorliegende Langfassung ist in dieser Form niemals zu sehen gewesen und bildet somit das Happy-End für einen Film, der ein solches niemals wirklich gebraucht, aber absolut verdient hat. Wenn man in diesem Jahr nur eine Blu-ray kaufen will, dann muss es diese sein – dass bei meinen Lesern eine Affinität für solche bauch- und sackzentrierten Filme besteht, setze ich einfach mal voraus.

l-faktor4Episode 053: Der L-Faktor (Helmuth Ashley, Deutschland 1979)

Professor Waldhoff (Herbert Mensching), eine Koryphäe auf seinem Gebiet, dessen neueste Arbeit  einen Durchbruch im Bereich der Pharmakologie bedeuten könnte, findet seine Gattin (Gisela Peltzer) tot vor, als er abends mit seiner Kollegin Dr. Minz (Irmgard Rupé) bei sich zu Hause ankommt. Oberinspektor Derrick berichtet er sofort von Michael Bruhn (Wolfgang Müller), einem ehemaligen Häftling, mit dem sich seine Gattin angefreundet hatte, und der für ihn der Tatverdächtige Nummer eins ist. Dessen Bruder, der im Rollstuh sitzende Heinz (Matthieu Carriére), verschafft Michael aber ein Alibi – und ist außerdem überzeugt, dass der Wissenschaftler selbst der Täter ist. Das kann aber nicht sein, denn als der seine Gattin kurz vor seinem schrecklichen Fund aus dem Büro anrief, war sie noch am Leben …

DER L-FAKTOR ist ein gutes Beispiel dafür, warum es sich bei DERRICK manchmal lohnt, den Blick von der konkreten Handlung auf weniger greifbare Aspekte schweifen zu lassen. Der Kriminalfall, mit dem Derrick und Klein hier konfrontiert werden, ist nicht besonders aufregend, bestenfalls Standard, die Auflösung aufgrund des schmalen Figureninventars schon lang vor dem Finale erahnbar. Der vermeintliche Täter ist einer dieser armen Tröpfe, die von den intriganten Bastarden um sie herum als ideales Opfer auserkoren werden, Mathieu Carriére spielt einen seiner arroganten, furchtbar von sich selbst eingenommenen Stinkstiefel, dem man die ganze Zeit über einen ordentlichen verbalen Einlauf vom Oberinspektors wünscht, der aber seltsamerweise einfach nicht kommt. Business as usual, aber mit ihrem klinischen Wissenschaftssujet hat „Der L-Faktor“ eine Atmosphäre, die aus der eh schon alles andere als gemütlichen Serie noch einmal als besonders kalt und trostlos heraussticht.

Der eigentlich überflüssige Prolog etabliert das klinisch-sterile Forschungslabor, in dem Waldhoff arbeitet, und damit den bestimmenden Ton. Eine Liebesbekundung des Professors für seine Assistentin hängt durch einen hart gesetzten Schnitt so in der Luft, bleibt letztlich unausgesprochen. Die altruistische Fürsorge, mit der sich seine Gattin um den Haftentlassenen kümmert, wird in eine Rückblende geschweißt und damit noch einmal besonders vom bitteren Rest isoliert. Was bleibt, sind Ohnmacht und Verbitterung. Der Titel bezieht sich auf ein Zitat Derricks: Dem „R-Faktor“, also der Resistenz von Krankheitserregern, mit der sich Waldhoff beruflich beschäftigt, setzt er den „L-Faktor“ entgegen: Den Mangel an Liebe, den seine Gattin in ihrer Ehe schließlich vermisste und der sie in die Arme des freundlichen Michael trieb …

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brunoEpisode 054: Anschlag auf Bruno (Theodor Grädler, Deutschland 1979)

Die hübsche Gerda (Michaela May) beklagt sich bei ihrem Vater (Herbert Stass) über ihren Jugendfreund, den geistig behinderten Nachbarssohn Bruno (Dieter Schidor), der ihr ständig nachstellt. Letzten Endes ist es aber nicht Bruno, sondern dessen Bruder Helmut (Volker Eckstein), der zudringlich wird. Auf dem Parkplatz vor der Diskothek kommt es zum Übergriff, und Gerda verstirbt, als Helmut versucht, sie zum Schweigen zu bringen. Der Vater (Peter Ehrlich) kommt auf die Idee, den ohnehin verdächtigen und unzurechnungsfähigen Bruno an Helmuts Stelle zu belasten …

Das ist jetzt schon die dritte DERRICK-Folge, in der eine Frau dadurch ums Leben kommt, dass ein Mann ihr den Mund zuhält: Besonders widerstandsfähig ist es in dieser Serie nicht, das schwache Geschlecht. Wie fragile Schmetterlinge verenden sie, sobald sich etwas über ihre Atemwege legt. Die Täter können einem da fast schon leid tun, zumal die Drehbücher niemals zwischen Mord und Totschlag unterscheiden. Helmut ist keineswegs ein Unschuldslamm, zum Zeitpunkt der Tat auf dem besten Weg zum Vergewaltiger, aber der Tod Gerdas ist doch eher ein Unglücksfall als kaltblütiger Mord. Das gehört zum dramaturgischen Prinzip, weil bei DERRICK weniger kriminelle Energie aufs Korn genommen wird als vielmehr Feigheit und die fehlende Bereitschaft, für eigene Fehler einzustehen. Das sieht man ja auch daran, dass die Tötung immer nur der Anfang einer ganzen Kette von Lügen, Täuschungsversuchen und weiterer Vergehen ist, mit denen der Täter alls nur noch schlimmer macht. Der Titel dieser Folge ist da bezeichnend: Der „Anschlag“ ist schlicht der Versuch von Vater und Sohn, dem behinderten, hilflosen Bruno die Schuld in die Schuhe zu schieben. Der weiß eh nicht, wie und was ihm geschieht und ins Gefängnis kann man ihn auch nicht stecken. Derrick weiß hingegen schnell, wie der Hase läuft, nur beweisen kann er nichts: Die Episode endet in einer quälenden Sequenz, in der er Bruno zur Untersuchung in eine geschlossene Anstalt mitnehmen will und Druck auf den wahren Täter und die Mutter aufbaut, die es kaum noch ertragen kann, den gutmütigen Bruno an Helmuts Statt bestrafen zu lassen. Das verfehlt seine Wirkung nicht, auch wenn die Darstellung des Behinderten heute ziemlich naiv, das Spiel Schidors eindimensional anmutet. Eckstein spielte hier mit nur zwei Folgen Abstand erneut den Mörder und es ist wie immer toll, ihm beim Schwitzen zuzusehen, wenn Derrick, der ihn sofort durchschaut, auf den Zahn fühlt. In einer Nebenrolle ist Heiner Lauterbach zu sehen, in der Disco am Anfang läuft Supermax, Duvals Score presst noch den letzten Tropfen Melodramatik aus dem Stoff.

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schubach4Episode 055: Schubachs Rückkehr (Theodor Grädler, Deutschland 1979)

Der Anwalt Homann (Claus Biederstaedt) sucht Derrick auf: Er hat gehört, dass sein ehemaliger Mandant Schubach (Udo Vioff) in Kürze aus der Haft entlassen wird. Homann hatt nicht nur seine Bestrafung nicht verhindern können, er hatte kurz darauf auch Schubachs Gattin Helga (Christine Buchegger) geheiratet. Nun sinnt Schubach auf mörderische Rache: Das hatte Homann ein Zellengenosse mitgeteilt. Als Derrick den Entlassenen mit dem Verdacht konfrontiert, ist dieser geradezu entsetzt: Nichts könnte ihm, dem in der Haft Geläuterten ferner liegen. Sofort kontaktiert er Homann, beruhigt diesen und bietet ihm die Freundschaft an, die der Anwalt nur zu bereitwillig eingeht. Derrick hingegen glaubt nicht an den Frieden …

Oh, was für eine perfide Episode! Udo Vioff ist großartig als Schubach, der sich in acht Jahren Haft einen minutiösen Plan zurechtgelegt hat, wie er Homann fertigmachen will – und sich nun auch durch die Anwesenheit Derricks nicht aus der Ruhe bringen lässt. Die Episode bricht mit dem gängigen Schema der Serie: Derrick „ermittelt“ aus reinem Verdacht heraus, es gibt bis zum bitteren Finale kein Verbrechen, das aufgeklärt werden muss, vielmehr geht es darum eines zu verhindern, bevor es passiert, was aber dadurch erheblich erschwert wird, dass es keinerlei Handhabe für den Oberinspektor gibt, nur einen Verdacht. Schubach ist die Freundlichkeit in Person, was aber nur Teil seines Plans ist, zu dem es gehört, Homann in Sicherheit zu wiegen, sich so an seine Ex-Gattin heranzuschmeißen und sie schließlich zurückzugewinnen – was ihm in einer megaschwofigen Tanzszene auch gelingt. Derrick ist zwar zum Beobachten verdammt, aber dabei ganz in seinem Element: Tappert, das muss man mal feststellen, ist großartig, wie er seinen Derrick da eine ganze Episode lang stoisch auf der Lauer liegen lässt, die Scharade Schubachs zu jeder Zeit durchschauend und Homanns Gutgläubigkeit mitleidig zur Kenntnis nehmend. Die Spannung entspringt zu gleichen Teilen der Frage, was genau Schubach im Schilde führt, und dem Warten auf den Moment, in dem Derrick, die Münchener City-Kobra zuschlagen wird.

Die Schlusspointe ist selbst für DERRICK-Verhältnisse noch ziemlich niederschmetternd und trostlos, Schubachs finaler Kommentar, ein salopp fallen gelassenes „Schade“, macht endgültig den Deckel drauf. Möglicherweise greife ich zu hoch, aber fürs erste ziehe ich die Höchstwertung:

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hausEpisode 056: Ein unheimliches Haus (Alfred Vohrer, Deutschland 1979)

Die Besitzerin einer Pension stirbt, nachdem ihr eine Angestellte (Lisa Kreuzer) unwissentlich vergifteten Tee gebracht hat. Es kommen nicht viele als Täter in Betracht: Da die Urlaubssaison schon vorbei ist, halten sich neben den beiden Bediensteten nur der pensionierte Jurist Sobak (Wolfgang Büttner) sowie der tatterige Kunstmaler Kamenoff (Paul Hoffmann) und seine Gattin Elvira (Nora Minor) in dem Haus auf. Und für die Vergiftung des Tees kommt nach Aussagen der Zeugen nur ein kurzes Zeitfenster in Frage. Es sei denn, sie lügen …

Schon der Titelscreen weckt Erinnerungen an die Wallace-Reihe der Rialto, zu der Regisseur Vohrer einen wichtigen Beitrag geleistet hatte. Das Sujet und der Ablauf der Geschichte verstärken die Assoziationen noch: Die ganze Folge spielt in der altmodischen Pension, alle Bewohner benehmen sich verdächtig, haben ein Motiv sowie einen schrulligen Charakter. „Ein unheimliches Haus“ ist eine eher humorige, gemütliche Folge – ein klassischer Whodunit, der ohne echten Höhepunkt auskommen muss. Was an Spannung fehlt, kompensiert Komponist Frank Duval, der auch schon einmal die Zubereitung eines Tees mit dramatischen Klängen unterlegt. Und Sascha Hehn macht mit. So there.

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puppeEpisode 057: Die Puppe (Theodor Grädler, Deutschland 1979)

Frau Gerdes wird tot in ihrem Haus aufgefunden, die Zeichen deuten auf einen Einbruch hin, doch auch ein Blumenstrauß wurde hinterlassen. Die Spur führt zum Schönheitssalon von Johann Gall (Karl Walter Diess), der auch den jungen, verzärtelten und stillen Manikürist Adi Dong (Werner Schulenberg) beschäftigt, dessen zuvorkommende, respektvolle Art bei den älteren, oft einsamen Kundinnen etwas besser ankommt, als es üblich ist und ihnen daher nicht selten erotische Hausbesuche abstattet. Auch mit Frau Gerdes hatte er offensichtlich ein Verhältnis. Doch was hat der Ehemann (Siegfried Wischnewski) der Toten zu verbergen?

Grädlers Folge entpuppt sich als etwas weniger bizarr, als es zunächst den Anschein hat, gehört am Ende aber doch zu den denkwürdigeren, bizarreren Momenten der Serie. Das liegt in erster Linie an Werner Schulenbergs Interpretation des Filous als abwechselnd a- oder doch homosexuell anmutendem Schönling, der den feinen Gesellschaftsdamen mit geradezu devoter Bewunderung begegnet. Wie er sie aus blauen Augen unter blondem Schopf anhimmelt und ihnen mit zerbrechlich leiser Stimme schwärmerische, aber nie anzügliche Komplimente macht, ist schon eine Schau. (Leider ist er kaum weiter in Erscheinung getreten, wird aber auch kommende DERRICK-Episoden bereichern – und spielt außerdem im tollen deutschen Nebelkrimi DER NEBELMÖRDER mit.) Der Titel der Episode bezieht sich auf ihn, weil er von geradezu wächsern-blässlicher Anmut ist, und – wie sich herausstellt selbst nur das Spielzeug eines intriganten Strippenziehers im Hintergrund. Die Auflösung ist zwar ein kleiner Letdown, aber das Ende trotzdem ein echter Burner. Einerseits fragt man sich, was hier wohl drin gewesen wäre, hätte etwa Brynych die Episode inszeniert oder man sich hinsichtlich der Darstellung von Sexualität mehr erlauben können. Dann aber ist es gerade die Verbindung des sexuellen Themas und der unterkühlten, züchtigen und eben asexuellen Inszenierung, die so faszinierend ist. Adi Dong jedenfalls ist eine der denkwürdigeren Schöpfungen des deutschen Fernsehens. Ebenso wie ein durch ein Gipsbein gehandicappter Derrick, der in bester James-Stewart-Manier zum Herumsitzen verdammt ist und vor allem als Lieferant für einen Running Gag dient („Mein Bein ist in Ordnung, es ist nur der Gips.“), während Klein für ihn die Arbeit erledigt. Auch eine Erkenntnis, die man durch die DERRICK-Aufarbeitung machen kann: Die Serie hatte tatsächlich Witz!

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Episode 058: Tandem (Zbynek Brynych, Deutschland 1979)

Wieder einmal wird eine Frau tot in ihrem Haus aufgefunden. Ihr Ehemann, der vorbestrafte Totschläger Ewald Bienert (Stefan Behrens), kam zu spät: In seiner Stammkneipe hatte er ihren Mord bei einem Telefonanruf mitanhören müssen. Derrick und Klein kommt der Mann indessen verdächtig vor, nicht nur, weil er ein saftiges Vermögen von der wohlhabenden Gattin erbt. Sie kommen einem Mordkomplott auf die Spur, in das auch Bienerts ehemaliger Knastkumpel Rudolf Nolde (Raimund Harmstorf) und dessen Gattin (Elisabeth Wiedemann) verwickelt sind …

In „Tandem“ vermag der kundige DERRICK-Zuschauer eine Art Collage bisheriger Episoden oder auch ein Zwischenfazit Brynychs erkennen: Der – Achtung: Spoiler – fingierte Anruf, mit dem sich Bienert ein Alibi verschafft, kam in etwas abgewandelter Form schon in Folge 053, „Der L-Faktor“, vor (zugegebenermaßen von Grädler), die Szenen mit Bienert, der schon in der Brynych-Episode „Der Spitzel“ auftrat, erinnern wiederum an Episode 015, „Alarm auf Revier 12“, Harmstorf war bereits in Episode 008, „Zeichen der Gewalt“, mit von der Partie und der ganze Plot von „Tandem“ ist unverkennbar eine Hommage an Hitchocks STRANGERS ON A TRAIN. Das – und das wendungsreiche Drehbuch von Reinecker – reichen aus für eine überdurchschnittliche Folge, auch wenn ich die Regie-Extravaganzen, die sich Brynych in den zuletzt gesehenen KOMMISSAR-Folgen noch erlaubte, etwas vermisse. In „Tandem“ ist er, wie schon zuletzt in „Der Spitzel“ deutlich geerdeter unterwegs, stellt seine Regie ganz in den Dienst des Scripts. Wahrscheinlich war DERRICK bereits zu groß geworden, um seinen Angestellten noch Querschläger zu erlauben.

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Episode 059: Lena (Theodor Grädler, Deutschland 1979)

Man soll es nicht für möglich halten: Wolfgang Horn (Rolf Becker) findet seine Ex-Frau Anita (Beatrice Norden) tot zu Hause auf. Weil er ihr gegenüber im Streit um die gemeinsame Tochter Agnes handgreiflich geworden war, ist er für Derrick und Klein der Tatverdächtige Nummer 1. Erschwerend hinzu kommt, dass die potenzielle Zeugin, Horns taubstumme Schwägerin Lena (Ursula Lingen), zur Tatzeit zwar anwesend, durch ihre Behinderung allerdings nichts mitbekommen hat. Aber sie will einen verdächtigen Mann vor dem Haus gesehen haben. Derrick glaubt, dass sie ihren Verwandten schützen will, auf dessen Hilfe sie nach dem Tod der Schwester angewiesen ist.

Eine ganz schwache Episode, deren einsame Höhepunkte die Anwesenheit von Jess-Franco-Mainstay Paul Muller und Rudolf Schündler in Nebenrollen sind. Darüber hinaus ist sie für heutige Zuschauer lediglich interessant, weil sie zeigt, wie viel sich Gott sei Dank im Umgang mit Behinderten geändert hat in den letzten 40 Jahren. Wie plump, unfähig und unsensibel alle Figuren mit der Titelheldin umgehen, ist schon schockierend: Da wird in ihrer Gegenwart über sie geredet, als sei sie komplett schwachsinnig und bekäme nichts mit, behandelt auch das Drehbuch sie als vollkommen hilflose Person, die ständig einen Beistand benötigt. Ärgerlich und langweilig.

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new-yorkEpisode 060: Besuch aus New York (Helmuth Ashley, Deutschland 1979)

Auf die junge Anna Born (Léonie Thelen) wird ein brutaler Mordanschlag verübt, bei dem ihr Freund sein Leben verliert. Es stellt sich heraus, dass sie die Millionen eines amerikanischen Onkels mit Verbindungen in die Unterwelt geerbt hat und sie nun von dessen sich um das Vermögen geprellt fühlenden Geschäftspartnern umgelegt werden soll. Alle Spuren führen zu Bob Dryer (Brad Harris), der sich in einem Münchener Hotel eingemietet hat. Aber er behauptet, Anna schützen zu wollen.

Die Erben-Geschichte ist nicht gerade die Neuerfindung des Rades, aber Ashley macht das Beste draus. Gleich zu Beginn gibt es eine schöne Aerobic-Szene, gefolgt von einer halsbrecherischen Verfolgungsjagd, das erste Mal seit weiß nicht wie lang, dass es bei DERRICK richtig zur Sache geht und man sogar einen echten Stunt bewundern kann. Schön sind auch die Szenen bei der Familie Megassa (Bruno W. Pantel, Greta Zimmer und – zum dritten Mal innerhalb der letzten 15 Folgen – Volker Eckstein), bei der Anna zur Untermiete wohnt. Die Aussicht, Anteil am Vermögen zu nehmen, lässt sie zu Verrätern werden: Wie sie da verschwörerisch in ihrer tristen Küche sitzen, Bier trinken, rauchen und tumb ins Nichts ihres traurigen Daseins starren ist spannender als der weitere Verlauf des Falles. Brad Harris mit Lockenpracht hat nur so etwas wie einen ausgedehnten Gastauftritt und bekommt nichts zu tun, was ein bisschen schade ist. Dafür darf sich Fritz Wepper als ritterlicher Beschützer der gefährdeten Dame mal wieder als heimliches Love Interest versuchen. Dass er bei der Keilerei mit dem Attentäter am Schluss von Derrick gerettet werden muss, ist hingegen irgendwie ungerecht. Kann man den denn gar nicht mal etwas allein zu Ende bringen lassen?

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Steve LONE WOLF MCQUADE Carvers letzter Film datiert auf das Jahr 1996 und wurde von Atze Brauners Bruder Wolf für dessen Produktionsfirma CCC gedreht. Schurkendarsteller Raimund Harmstorf, der hier Giftfässer in Alaska verbuddelt und Geologen umbringt, nahm sich zwei Jahre später das Leben: Zwar nicht aus Scham über diesen Film, aber THE WOLVES ist trotzdem nicht so richtig gut. Warum, das kann man in meinem Text auf critic.de lesen. Und die DVD danach via Pidax erwerben, wenn man denn unbedingt möchte.

9o41stfgxelflc7dnnikGestern ist Bud Spencer gestorben. Ich erfuhr davon unmittelbar nach der Fußballübertragung und war glücklicherweise schon ein wenig angeschickert, sodass mich die Nachricht nicht mehr mit voller Wucht traf. Ich habe Angst gehabt vor diesem Tag, weil mir klar war, dass der Tod von Bud wie kein zweiter das endgültige Ende von Kindheit und Jugend signalisieren würde. Spencer hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Fotos von ihm in der BRAVO meines Onkels machten mich zum Fan, noch bevor ich einen Film von ihm gesehen hatte, sein PLATTFUSS RÄUMT AUF war bei der Wiederaufführung unter dem Titel BUDDY FÄNGT NUR GROSSE FISCHE 1982 der erste „richtige“ Spielfilm, den ich im Kino sah. Der Besuch von VIER FÄUSTE FÜR EIN HALLELUJA ein paar Jahre später ist heute immer noch eine meiner schönsten Kinoerfahrungen und die ganzen Achtzigerjahre hindurch begleiteten mich Spencers Filme, die noch regelmäßig im Fernsehen ausgestrahlt und selbstverständlich mit dem Viderekorder aufgezeichnet wurden. Vor ein paar Wochen habe ich meiner Tochter DIE RECHTE UND DIE LINKE HAND DES TEUFELS und eben VIER FÄUSTE vorgeführt und bei ihr hoffentlich den Grundstein für eine ebenso innige Liebe wie die meine gelegt. Bud Spencer war immer mehr als nur ein Schauspieler oder eine Filmfigur für mich: Er war ein Beschützer, ein Onkel, der zwar immer etwas mürrisch knurrte, wenn man von ihm in die starken Arme genommen werden wollte, aber trotzdem immer für einen da war. Dass Spencer in so vielen Filmen ein Kind zur Seite gestellt wurde, half immens, ihn zu einem meiner Helden zu machen, konnte ich mich so doch an seine Seite denken, mir vorstellen, wie er auch zu meinem Schutz die Fäuste schwang, mit mir zusammen „Grau, Grau, Grau“ sang oder auch nur seine lustigen Grimassen zog (über die er sich dann selbst immer am allermeisten zu freuen schien).

Aber da war noch etwas: Gerade in seinen Filmen mit Terence Hill füllte Spencer ja gerade nicht die Rolle des strahlenden Helden oder des gutmütigen Beschützers. Im Gegenteil war er dort ja immer der, der eigentlich auf seinen eigenen Vorteil bedacht war, sich aus allem Ärger, den er sich nicht selbst eingebrockt hatte, raushalten wollte. In den Trinity-Filmen war er der Ganove, der gern ein richtig rücksichtsloses Schwein gewesen wäre, aber immer wieder von seinem guten Herzen – an das sein Bruder wie kein anderer zu appellieren wusste – zurückgehalten wurde. Er war der Held wider Willen, ein Mann, der sich immer wieder gegen sich selbst entschied, um das Richtige zu tun. Diese Rolle erfüllte er nicht nur mit Bravour (all die Szenen, in denen er knurrend klein bei gibt, mit dem Schicksal hadert, dass er nicht ein anderer ist, und seinen Partner, dieses rechtschaffene Aas, verflucht), er zeigte damit auch, dass man kein leuchtender Wohltäter sein muss, um ein Held zu sein. Am Ende des Tages zählt, was man wirklich getan hat. Er war ein erreichbares Vorbild, auch wenn man nie so würde zuschlagen können wie er.

Ich musste gestern spontan noch LO CHIAMAVANO BULLDOZER schauen, wahrscheinlich mein liebster Solo-Film von Spencer, den ich seit meiner Kindheit schon unzählige Male gesehen habe. Ich kann den Film nahezu auswendig und werde von einer Woge nostalgischer Erinnerungen förmlich weggespült, wann immer ich ihn sehe. Ich bin also alles andere als objektiv, aber mein Gott, was ist das für ein wunderbarer Film! Alles was Kino sein kann, pure Traumerfüllung, und Spencer spielt nicht so sehr eine Rolle als vielmehr einen Mythos, eine Fantasie. Er kommt aus dem Nichts und seine bloße Anwesenheit scheint für die Jugendlichen des Films alles zu verändern. An ihm hängen sie ihre Wünsche auf, ihre Hoffnungen, ihre Träume, ihre Sehnsucht. Wie sie da am Zaun des Army-Sportplatzes stehen, ihm mit großen Augen und kaugummikauend dabei zuschauen, wie er den verhassten Amis eine Lektion lehrt: Dieses Bild ist ein perfekter Spiegel. Das bin ich, der da am Zaun steht, diesem stoischen Koloss bewundernd, der all das ist, was ich nicht bin, aber so gern wäre.

Ich werde dich vermissen, Mücke. Ruhe in Frieden.

zanna-bianca-locandina-lowIn Jack Londons berühmtem Roman „White Fang“ (deutscher Titel: „Wolfsblut“) geht es um den Kontrast zwischen Zivilisation und Natur, der am Beispiel eines Wolfsmischlings herausgearbeitet wird. Das Junge eines Wolfs und einer Schlittenhündin beginnt sein Leben als Haustier eines Indianerstamms, wird dann an einen skrupellosen Geschäftemacher verkauft, der es bei blutrünstigen Tierkämpfen einsetzt. Unter der Obhut des Abenteurers Scott reist das Tier schließlich zurück nach Kalifornien, wo es sich erneut der Zivilisation anpassen muss. In Lucio Fulcis Adaption tritt das Tier selbst ein wenig in den Hintergrund, doch die thematische Orientierung des Romans bleibt weitestgehend erhalten.

Der Regierungsbeamte Kurt Janssen (Raimund Harmstorf) und sein Freund, der Schriftsteller Jason Scott (Franco Nero) reisen an den Klondike River in Kanada, genauer gesagt in das Goldgräberstädtchen Dawson City, in dem sich der verbrecherische Geschäftsmann Charles „Beauty“ Smith (John Steiner) niedergelassen hat. Auf dem Weg dorthin begegnen sie dem Indianer Charlie (Daniel Martin), der mit seinem Sohn Mitsah (Missaele) und dem Hund „Wolfsblut“ zusammenlebt. Ein Unfall Mitsahs bringt die Familie nach Dawson, wo Smith den Indianer umbringen lässt und den Hund in seine Gewalt bringt. Als sich die Nachricht ausbreitet, dass neue Goldvorkommen im Osten entdeckt wurden, eskalieren die schwelenden Konflikte …

ZANNA BIANCA ist ein mit deutlich erkennbaren kommerziellen Ambitionen aufwändig produzierter Abenteuerfilm „für die ganze Familie“. Die beiden Freunde Kurt und Jason setzen es sich sofort zum Ziel, in Dawson für Ordnung zu sorgen und legen sich dafür – unter großzügigem Gebrauch ihrer Fäuste – mit Smith an. Hier erinnert Fulcis Werk durchaus etwas an die frühen Spencer/Hill-Filme mit ihren gut gelaunten, unverdrossenen Helden, lockeren Sprüchen, saftigen Keilereien und schmierigen Schurken. Harmstorf darf einmal sogar Nägel mit der Hand ins Holz dreschen: Die Kartoffel aus DER SEEWOLF hatte Spuren hinterlassen. Das ganze Setting, der Subplot um Wolfsblut und den Indianerjungen ist natürlich etwas, das Jungs damals das Herz aufgehen lassen musste, und ein bisschen Romantik gibt es auch in den zart angedeuteten Liebesgeschichten zwischen der Saloonsängerin Krista (Carole André) und Kurt auf der einen, der Nonne Schwester Evangelina (Virna Lisi) und Jason auf der anderen Seite. Fernando Rey sorgt zwei Jahre nach seinem Auftritt in THE FRENCH CONNECTION für Hollywood-Atmosphäre in der rein europäischen Produktion und natürlich darf ein explosiver Showdown auch nicht fehlen. ZANNA BIANCA ist schön anzusehen und stimmt heute angenehm nostalgisch.

Man spürt aber auch, dass Fulci für die wohl angestrebte Form reuelosen Eskapismus nicht ganz der richtige Mann war, ihm eine werkgetreuere Adaption des London-Romans wahrscheinlich lieber gewesen wäre. Die Skepsis gegenüber dem Menschen, die latente Misanthropie, die den Spätwestern auszeichnet, aber eben auch charakteristisch für Fulcis Schaffen ist, steht dem unbeschwerten Vergnügen dann doch merklich im Weg: ZANNA BIANCA wird seine Melancholie, ausgelöst durch die Einsicht in die Korrumpierbarkeit des Menschen, nie ganz los und die überschwängliche Freude, die Jason am Ende empfindet, wenn er den totgeglaubten Hund doch noch in die Arme schließen und mit in die Zivilisation nehmen darf, will sich einfach nicht auf den Betrachter übertragen. Zu sehr erkennt man darin das Bestreben des Menschen, sich alles zu Untertan zu machen. Wolfsblut gehört, genau wie sein Herrchen Mitsah, in die verschneite Landschaft der kanadischen Wälder, nicht in die Stadt. Ein Erfolg war ZANNA BIANCA aber trotzdem, weshalb Fulci nur ein Jahr später ein Sequel folgen ließ, mit der nahezu gleichen Besetzung. Es sei ihm von Herzen gegönnt.

Um den Elefanten im Raum direkt anzusprechen: Ich halte GELD ODER LEBER für die Sternstunde dieser speziellen Ausprägung der deutschen Blödelkomödie, wie sie in den Achtzigern populär war (und meist der geschäftstüchtigen Produktionsschmiede der LISA-Film entstammte). Es ist der Film, in dem sich die üblichen Zutaten unter Zufügung einer schwierig zu isolierenden Geheimzutat zu einem Gesamten addieren, das deutlich größer ist als die Summer seiner Einzelteile. Dieter Pröttels Film sollte eigentlich nicht funktionieren, tut es aber überraschenderweise doch – und mehr noch: Hier wird nicht nur der Gaga-Humor endgültig zur Kunstform erhoben, hier wird man am Ende, wenn man schon völlig überrollt im Sessel hängt, gar noch Zeuge, wie sich die Zotenparade vor den eigenen Augen in einen geradezu magischen Liebesfilm verwandelt, das Genre gewissermaßen überwunden wird und etwas bleibt, das wirklich berührt. Die bizarren Verwicklungen der vorangegangenen 80 Minuten sind vergessen, und wie das Protagonistenpärchen da in den idyllischen Sonnenuntergang stapft, sich zärtlich seiner gegenseitigen Liebe versichert, der Score nach Dauerbeschallung mit den Hits der Ersten Allgemeinen Verunsicherung zum ersten Mal zurückschaltet, überträgt sich diese glücksselige Entspanntheit auch auf den Zuschauer, der nun endgültig nicht mehr weiß, wie ihm da geschehen ist.

GELD ODER LEBER bedient sich zunächst einer Struktur, wie man sie vielleicht aus den Komödien aus der Zucker-Abrahams-Zucker-Schmiede oder auch, um in Deutschland zu bleiben, den Hauptfilmen aus Didi Hallervordens TV-Sendung NONSTOP NONSENS kennt. Jede Szene bzw. gar jede Einstellung kulminiert in einem Gag, der mal eher verbaler, mal bildlicher Natur ist. Im Unterschied zu den erstgenannten US-Komödien hebt diese Strategie den Film aber nicht auf eine von der „Realität“ abgelöste Metaebene, vielmehr dient sie der Charakterisierung der beiden Hauptfiguren und der Beziehung, die diese zur Welt unterhalten – oder eher: nicht unterhalten. Dem Wirbel, den die Welt um sie herum entfacht, sind Mike und Susanne Juing (Mike Krüger & Ursela Monn), ein seinem ganz eigenen Rhythmus folgendes Ehepaar, nämlich überhaupt nicht gewachsen. Beide sind arbeitslos und nicht in der Lage, ihre durchaus vorhandene Energie in die gesellschaftlich akzeptierten produktiven Bahnen zu lenken. Die als alternativer Lebensentwurf auserkorene Karriere als Bankräuber scheitert aber immer wieder an ihrer grenzenlosen Liebenswürdigkeit. MIt Spielzeugpistolen bewaffnet, werden sie entweder gar nicht ernst genommen oder lassen sich durch unvorhersehbare Ereignisse von ihrem Vorhaben abbringen. Mehr durch Zufall als Geschick kommen sie dann aber doch in den Besitz wertvollen Geschmeides, das sie auf der Flucht vor der Polizei in einer ausgenommenen Gans verstecken, die jedoch wenig später bereits verkauft ist. Sie erhalten sieben Adressen, wo sich die gesuchte Gans verstecken könnte, die sie im Folgenden nacheinander abklappern; bis kurz vor Schluss ohne Erfolg. Die anhaltende Pechsträhne führt zu einer vorübergehenden Trennung, schließlich gar zu einem Gefängnisaufenthalt, bis die Erkenntnis, dass Reichtum die Liebe nicht ersetzen kann, sie zu einem Happy End zusammenführt. Der Film ist in seinem episodischen Verlauf gespickt mit deutschen Stars, denen die passenden Rollen auf den Leib geschneidert wurden: Barbara Valentin spielt eine reiche Gräfin, die einen verzogenen Bengel ihren Sohn nennt. Lotti Krekel und Ernst H. Hilbich sind als altes Camperehepaar zu sehen, Jochen Busse als versnobter Spaziergänger, Hans Clarin als Chirurg und Christine Schuberth als seine liebeshungrige Assistentin, Bernd Stephan gibt einen großmäuligen, aber dummen Feldwebel (bester Spruch: „Sie haben wohl Elefantenarsch mit Birne gegessen!“), Corinna Genest eine Gefängnisdirektorin in Lack und Leder und Werner Kreindl einen Kommissar. LISA-Dauergäste wie Otto W. Retzer, Alexander Grill oder Kurt Weinzierl dürfen ebenfalls nicht fehlen. Besonders absurd sind aber die Auftritte von Raimund Harmstorf als Kapitän eines Ausflugsdampfers, der seine Dialogzeilen auf eine Art und Weise intoniert, die nahelegt, dass er bereits in ganz anderen Sphären weilte, und natürlich jener von Falco. Der Österreicher reißt den Film mit seinem exaltierten, wahrscheinlich koksbeflügelten Auftritt komplett an sich und führt ihn weit über die Grenzen von Absurdistan: In seinem Gefolge befinden sich neben den obligatorischen Bikinischönheiten auch ein Karateka und ein Rambo-Double, komplett mit Stirnband und Panzerfaust. Mike Krüger schleicht sich als sein Double auf dessen Anwesen, auf dem bald auch Rotkäppchen (Simone Brahmann) eintrifft, um dem exaltierten Popstar Wein und eben eine Gans zu bringen, und dann schließlich Susanne, als Pippi Langstrumpf verkleidet. Man muss es sehen, um es zu glauben. Das Ende des Falco-Auftritts besorgt dann noch ein Livemitschnitt von seinem Hit „The Sound of Music“ in schöner Amphitheater-Kulisse, der mir große Lust auf seine Platten gemacht hat. Epochal, das Sahnehäubchen auf einem rundum denkwürdigen Film.

Diese Beschreibungen, wenn sie dem ein oder anderen geneigten Leser vielleicht auch Lust auf den Film machen mögen, sind aber immer noch nicht geeignet, GELD ODER LEBER in seiner Gänze zu erfassen. Da passiert eben noch etwas hinter dem Klamauk, hinter den Episödchen, hinter den popkulturellen Verweisen, neben dem Zusammenspiel von Filmbild und EAV-Soundtrack. Der Film ist als abstruse Nummernrevue einerseits total künstlich, fühlt sich andererseits aber sehr organisch und warm an. Er ist sehr direkt und manchmal natürlich frontal blöd, dabei aber auch sehr liebenswert und einfühlsam. Er hat einerseits rein gar nichts mit der Realität zu tun, sagt auf der anderen Seite eine ganze Menge über sie. Sein größter Verdienst ist es wohl, dass es ihm trotz seiner für Immersion eigentlich denkbar ungeeigneten Form gelingt, echte Sympathie für seine beiden so unperfekten Protagonisten zu wecken, für die Art, wie sie versuchen, das Leben zu meistern, für die Energie, mit denen sie gegen den unerbittlichen Strom anschwimmen. Ich muss hier unbedingt auf Ursela Monn eingehen, die wirklich großartig ist, sowohl die leicht nervöse Lebenskünstlerin als auch die liebevolle und, ja, auch erotische Gattin überzeugend verkörpert, mal verletzlich und mädchenhaft, dann aber auch sehr resolut und entschlossen agiert. (Man vergleiche ihre Figur nur mal mit den Love Interests, die Gottschalk in den vier SUPERNASENFilmen angehängt wurden.) Ich glaube, die halbe Miete des Films ist ihre Stimme, für die ich seit den „Kleine Hexe Klavi-Klack“-Hörspielen meiner Kindheit eine große Schwäche habe, und die sowohl die schrille Komik wie auch das zarte, beruhigende Säuseln draufhat. Möglicherweise stehe ich mit meiner Meinung über diesen Film total allein, die verheerende IMDb-Wertung mit kläglichen 3,9 Punkten spricht dafür, aber ich finde ihn wirklich, wirklich toll. Viele der deutschen Gaga-Komödien genießen gerade unter Leuten meines Jahrgangs heute Kultstatus, erfahren von ihnen eine Wertschätzung, die über das verächtliche So-bad-it’s-good-Getue hinausgeht, aber GELD ODER LEBER wird da seltsamerweise nie genannt. Wenn ich hiermit einen kleinen Sichtungsanreiz geben konnte, bin ich zufrieden.