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air mail (john ford, usa 1932)

Veröffentlicht: Januar 29, 2016 in Film
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air_mail_movie_1932Ein wunderbarer Film!

John Ford bleibt einem seiner Lieblingsthemen, den unbesungenen Heldentaten des Alltags, mit diesem Film über eine unverdrossene Crew von Postpiloten treu. Zusammen hocken sie in ihrem „Desert Airport“ genannten Hangar irgendwo im nirgendwo, trotzen in ihren zerbrechlichen Doppeldeckern Wind und Wetter, um den Menschen ihre Post zu bringen, müssen sich aber immer wieder den Naturgewalten beugen, meist mit tragischem Ausgang. Mike Miller (Ralph Bellamy) ist wegen starker Kurzsichtigkeit nur noch eingeschränkt einsatzfähig, kann seinen Kollegen, den es bei der Landung in starkem Nebel zerlegt und für den er nichts weiter tun kann, als seinen grausamen Flammentod mit einem Schuss aus der Dienstwaffe zu verkürzen, nicht ersetzen. Also wird ihm ein neuer Pilot zugeteilt, sein alter Rivale Duke Talbot (Pat O’Brien), ein selbstverliebter Draufgänger, der sich gleich an Irene (Lilian Bond) ranmacht, die unglücklich mit Mikes Kumpel Dizzy (Russell Hopton) verheiratet ist. Als auch Dizzy verunglückt und Duke nach eine Streit die Segel streicht, steigt Mike wieder in die Maschine. Es kommt, wie es kommen muss: Er stürzt über den Bergen ab, eine Rettung scheint ob des zerklüfteten Terrains unmöglich. Bis Duke von der misslichen Lage seines Kontrahenten erfährt …

John Fords Abenteuerfilm stimmt den heutigen Betrachter wunderbar nostalgisch: Kaum vorstellbar, dass man heute einen Film über das aufregende Leben eines DHL-Mannes drehen würde. Warum auch: Sein Leben muss der nicht riskieren und er trägt auch keine Waffe, um die Post der Bürger vor Strauchdieben zu bewachen. Damals war das anders, da bedurfte es noch echter Kerle und unverdrossener Draufgänger, um Weihnachtskarten von A nach B zu transportieren. Ein nur wenig glamouröser Job zwar, aber einer von unschätzbarer Bedeutung. Ford zeichnet die Postflieger als verschworenen Haufen, der unter schwierigen Bedingungen seinem gefährlichen Job nachgeht, ohne dass davon wirklich jemand Notiz nähme. Alle sind sie sich der Bedeutung ihrer Aufgabe bewusst, erfüllt von einem Pflichtbewsstsein, das an Selbstverleugnung grenzt. Bei Wetterverhältnissen, bei denen unsereins nicht einmal zu Fuß das Haus verließe, schwingen sie sich in ihrer Maschinen, wissend, das jeder Flug ihr letzter sein kann. Das Miteinander der unterschiedlichen Charaktere nimmt großen Raum ein: Da sind Mike, ein Typ von Schrot und Korn, aber auch ein väterlicher Freund und sanftmütiger Liebhaber, der gekränkte Dizzy, der seine untreue Irene damit bestraft, dass er sich nicht von ihr trennt, der gutmütige Mechaniker „Pop“ (David Landau) und der junge Tommy (Frank Albertson), der ein dunkles Geheimnis mit sich herumträgt. Ihr Zusammenleben im Hangar wird von Ford wieder einmal sehr spannungsreich und unter geschickter Ausnutzung des zur Verfügung stehenden Settings inszeniert. Und so sehr die Feindschaft zwischen Mike und Duke auch brodelt: Am Ende sind sie in unerschrockenem Draufgänger- und Heldentum vereint, darf der vom rechten Pfad Abgekommene seine Wiederaufnahme in die Gemeinschaft feiern. Aufgelockert wird AIR MAIL durch bisweilen spektakuläre Flugszenen – etwa die halsbrecherische Durchquerung eines geöffneten Hangars mit einem Doppeldecker – sowie im Finale einige wunderschöne und herrlich naive Modelleffekte.

Der Fliegerfilm ist ja vollkommen aus der Mode geraten, nachdem der Erfolg von TOP GUN in den Achtzigerjahren eine kleine Renaissance eingeleitet hatte. Der letzte Versuch, Rob Cohens STEALTH, war ein krachender Flop gewesen. Es scheint schwierig, den Charme eines AIR MAIL in die heutige Zeit zu retten, wo Flugzeuge Supercomputer mit Flügeln sind und Piloten hochausgebildete Spezialisten, die die kernige Bodenständigkeit von Mike und seinen Kumpels, die sich vor einem schwierigen Start einen kräftigen Schluck aus dem Flachmann gönnen, vermutlich eher vermissen lassen. AIR MAIL ist einerseits ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit, andererseits etabliert er narrative Konventionen, die noch heute Gültigkeit besitzen. Und das alles wird veredelt durch die einmalige Beobachtungsgabe von Ford, dem Kamera-As Karl Freund sein allsehendes Auge lieh.

Mit von einer Erkältung vermatschter Birne ist HIS GIRL FRIDAY beinahe schon als schwere Kost zu bezeichnen: Die wie Maschinengewehrsalven abgefeuerten Dialoge prasselten gestern unablässig und mit hohem Tempo auf mich ein und wirkten über die Dauer von 90 Minuten ganz schön ermüdend. Danach konnte ich nur noch erschöpft ins Bett sinken, buchstäblich totgequatscht. Hawks‘ Adaption des Bühnenstücks „The Front Page“ – das Billy Wilder 34 Jahre später unter seinem Originaltitel verfilmte – erlaubt sich gegenüber dem Original eine entscheidende Änderung: Aus dem Starjournalisten Hildebrand Johnson wurde kurzerhand eine Hildy (Rosalind Russell), dem Zeitungsredakteur Walter Burns (Cary Grant) geht es mithin nicht mehr nur darum, seinen besten Schreiber zu halten, sondern auch seine Ex-Frau zurückzugewinnen, bevor diese mit ihrem Verlobten Bruce Baldwin (Ralph Bellamy) in die Flitterwochen reist.

Der Fall des armen Tropfs Earl Williams (John Qualen), der im Gefängnis auf seine Hinrichtung wartet, die dem noch amtierenden, aber schwächelnden Bürgermeister (Clarence Kolb) und seinem Sheriff (Gene Lockhart) die nötigen Wählersympathien einbringen soll, ist für die eigentlich zum Abschied vom Reporterberuf entschlossene Hildy aber auch zu verlockend; vor allem, als dem vermeintlichen Mörder die Flucht gelingt und er ihr geradewegs in die Arme läuft. Da sind alle guten Vorsätze für ein ruhiges Leben mit dem braven Versicherungskaufmann Bruce schnell vergessen, lernt sie auch die messerscharf geführten Rededuelle mit dem Windhund Walter wieder zu schätzen. Am Ende haben die beiden die Exklusivstory unter Dach und Fach gebracht, das Leben des Todgeweihten gerettet, dem korrupten Bürgermeister die Tour vermasselt und den Grundstein für die Fortführung ihrer Horrorbeziehung gelegt. Harmonie und Langeweile, die Hildy mit Bruce erwartet hätte, ist ganz einfach nichts für sie.

Die Screwball-Komödie ist bekannt für schlagfertige, ausgefeilte DIaloge und hohes Tempo, aber selbst innerhalb dieser Parameter dürfte HIS GIRL FRIDAY noch als Extrembeispiel gelten. Die Protagonisten lassen sich kaum einmal ausreden, schießen ihre hoch pointierten Zeilen ohne Pausen ab und geben dem Zuschauer kaum die Zeit, das Gesagte einmal zu verarbeiten oder auch nur wirken zu lassen, bevor schon der nächste Gag einschlägt. In einem Gespräch mit Peter Bogdanovich verriet Hawks, dass alle Dialoge so geschrieben worden waren, dass Anfang und Ende der jeweiligen Sätze gewissermaßen „unwichtig“ waren: Sie waren lediglich zur „Überlappung“ da, also dazu, den Eindruck eines Gesprächs zu erwecken, in dem keiner darauf wartet, dass der andere ihm das Wort überlässt. Das wirkt nicht nur realistisch, sondern führt auch dazu, dem ausschließlich in geschlossenen Räumen spielenden Film jenes Tempo zu verleihen, für das sonst die Bewegung zuständig wäre. Es hat aber noch einen anderen Effekt: Nicht nur wird so der Beruf des Journalisten höchst kritisch gezeichnet, als einer, in dem es nichts so sehr auf das „Was“ ankommt, sondern vor allem darum, dieses am schnellsten unters Volk zu bringen, auch die beiden Protagonisten kommen nicht gerade gut weg. Walter Burns ist ein Zyniker und Opportunist wie er im Buche steht, wechselt auch schon einmal die politische Überzeugung, wenn er sich davon etwas verspricht, lügt und betrügt seinen Gegenüber, wo er nur kann, oder quasselt ihn einfach gegen die Wand. Hildy hat vielleicht weniger kriminelle Energie, aber ebenfalls die Gabe, sich mit scharfen Zähnen in eine Sache zu verbeißen und sie nicht mehr loszulassen, wenn sie einmal Blut geleckt hat. Die beiden sind ein echtes Albtraumpaar, und dass sie einander am Ende wiederhaben, ist eigentlich die gerechteste Strafe für sie. Das Loblied auf die Errungenschaften der Presse, eine der wichtigsten Instanzen demokratisch organisierter Gesellschaften, das etwa Samuel Fuller oft gesungen hat, wird unter Hawks‘ Regie zur dissonant tönenden Farce: Der Einsatz von Walter und Hildy rettet dem armen Earl Williams am Ende zwar das Leben, aber ihnen könnte kaum weniger daran gelegen sein. Der nächste wird von ihnen gnadenlos an den Galgen geschrieben werden, wenn das die bessere Story ergibt.

Winslow Lowry (Anthony Geary) hat Spielschulden und braucht dringend Bares, um seinen Gläubiger, den Gangster Luis Montana (Marco Rodriguez), zu besänftigen. Daher will er den Tod seines Onkels Albert Dennison (Ralph Bellamy), von dem er eine große Erbschaft erwartet, beschleunigen, schmeißt dessen Ärzteteam kurzerhand raus und engagiert die drei fetten, verfressenen, einfältigen und verantwortungslosen Krankenpfleger Rollmops, Bulette und Roulade (The Fat Boys). Deren eigenwilligen Pflegemethoden tun dem alten Mann aber wider Erwarten ausgesprochen gut …

Wie man den Rollennamen der Fat Boys entnehmen kann, habe ich mir die deutsche Synchro dieses kleinen kuriosen Zeitzeugnisses vorgenommen, die es mühelos schafft, den eh schon ziemlich blöden Film noch ein ganzes Stück blöder zu machen. Im Original tragen die drei Hauptfiguren die Namen ihrer Darsteller: Markie, Buffy und Kool. Dass man in der deutschen Synchro davon absah, hängt wohl zum einen damit zusammen, dass Hip-Hop 1987 noch kein Mainstream-Thema in Deutschland war, die Fat Boys demzufolge nicht die Popstars, die sie in den USA bereits waren (ihr Debüt im Filmgeschäft hatten sie schon Jahre zuvor im legendären KRUSH GROOVE – ebenfalls von Michael Schultz – gegeben). Kurze Popularität erlangten die Fat Boys herzulande erst ein wenig später, als sie die bundesdeutschen Charts mit „The Twist feat. Chubby Checker“ anführten. Es war das letzte Aufblühen einer kurzen Karriere, die just in dem Moment abflaute, als Rap Ende der Achtziger den Kinderschuhen entwuchs und Spaßmacher wie die Fat Boys mit ihrem überkommenen Call-and-Response-Stil nicht mehr auf der Höhe der Zeit waren. Diesen kurzen Moment zwischen dem jahrelangen Heranwachsen und dem Durchbruch zu einer kommerziell wie künstlerisch relevanten Musikrichtung besetzt DISORDERLIES, eine Slapstick-Komödie mit drei bekannten Rappern, die sich jedoch – ganz im Unterschied zu den ca. mit Beginn der Neunzigerjare populärer werdenden und später dann geradezu inflationär entstehenden Filmen mit Rappern – nie ganz dazu entschließen kann, ein Hip-Hop-Film zu sein. Neben zwei Stücken der Fat Boys besteht der Soundtrack ausschließlich aus AOR- und Poprock-Scheußlichkeiten der Achtzigerjahre, die deutlich machen, wie wenig Hollywood das Konzept von Hip-Hop damals verstanden hatte. Die deutsche Synchro, die die Namen der Darsteller durch auf ihre Körpermaße abzielende Klamauknamen ersetzte, ist da nur konsequent.

Der Film selbst ist vor allem als Kuriosität zu goutieren: Die Story ist auch 1987 schon ein alter Hut gewesen und der Humor lässt sich nur als „einfach“ treffend beschreiben. Das Drehbuch verschenkt zudem die Gelegenheit, mit der Quälerei des siechenden Alten durch die inkomptententen Pflegerlust voll dem sadistischen Humor zu frönen zugunsten eines etwas müden humanistischen Ansatzes. Aber DISORDERLIES ist dabei von einer unleugbaren Naivität, die einen für das Gebotene durchaus einnehmen kann. Mein Lieblingsmoment des Films bringt seine Stärken ganz gut zum Ausdruck. Es ist der Moment, in dem die drei chaotischen Pfleger zum ersten Mal ihrem „Opfer“ vorgeführt werden, jener klassische Komödienmoment, wenn wohlfeile Worte plötzlich durch ihr diesen diametral entgegenstehendes Objekt bildlich kommentiert werden. Als also der arme Albert Dennison seine Pfleger in spe erblickt, eröffnet einer der Fat Boys gerade mit dem umwerfenden Non-sequitur: „Mein Lieblingsvogel ist der Kolibri.“ Dann setzt er sich in eine Gartenschaukel, die sofort zusammenbricht. Glück kann sehr einfach sein.