Mit ‘Ralph Nelson’ getaggte Beiträge

tick-_tick-_tickSpannend, sich vorzustellen, wie dieser Film wohl ausgesehen hätte, wäre er nur ein, zwei Jahre später entstanden, nachdem SHAFT die Ära der Blaxploitation eingeläutet hatte. Das unter Nelsons Regie eher ruhige, unspektakuläre Rassismus-Drama, dessen „Showdown“ aufgrund geglückter De-Eskalationsstrategie gar nicht erst stattfindet, hätte wohl einen deutlichen Testosteronschub erhalten und sich die Gelegenheit nicht nehmen lassen, Jim Brown mit stählernen Fäusten und großkalbrigen Knarren bewaffnet auf Rassistenjagd zu schicken. So geht es in TICK … TICK … TICK … aber (leider) nicht um wohltuende Triebabfuhr durch explosive Redneckbestrafung. Dass Nelsons Film dadurch automatisch „realistischer“ würde, möchte ich, in Unkenntnis der damaligen Verhältnisse zwar, aber dennoch, bezweifeln. Ralph Nelson, der sich im selben Jahr mit dem umstrittenen SOLDIER BLUE für die Belange der amerikanischen Ureinwohner einsetzen sollte, meint es gewiss ernst und hat einige interessante Gedanken zur friedlichen Koexistenz von Afroamerikanern und Weißen, aber leider trifft er nicht immer den richtigen Ton.

In einer Kleinstadt im Bundesstaat Mississippi bereitet sich Sheriff Little (George Kennedy) auf seinen Abgang vor. Am nächsten Tag soll Jim Price (Jim Brown), ein Schwarzer, den Posten übernehmen, ein Ereignis, dem die weißen Rassisten des Ortes mit sadistischer Neugier entgegensehen und den Fehltritt des unliebsamen Neuen, der nur eine Frage der Zeit ist, sehnlichst erwarten. Little, zwar verletzt wegen seiner Abwahl, aber ein gemäßigter Vertreter inmitten der tosenden Dummheit, steht dem unbeugsamen, aber auch etwas undiplomatischen Price zur Seite. Das ist auch bitter nötig, als der Sheriff den Sohn eines einflussreichen Politikers wegen Totschlags verhaftet …

Nelson beleuchtet den Grundkonflikt von unterschiedlichen Seiten, zeichnet die weiße Stadtbevölkerung nicht ausschließlich als schäumende Schwarzenhasser, sondern zeigt auch, wie politische Interessen die Situation noch anheizten. Dass Price die Position des Sheriffs überhaupt erringen konnte, verdankt er nicht zuletzt der Hilfe von Bürgerrechtlern von außerhalb, die längst das Weite gesucht haben, als er seinen Arbeitsplatz bezieht. Little hat zwar Recht, wenn er die wütenden Weißen daran erinnert, dass es keine „schwarzen“ und „weißen“ Stimmen, sondern nur Stimmen in einer Wahl gibt und die Mehrheit eben siegt, aber dass da ein gefährliches sozialpolitisches Experiment auf dem Rücken der Bürger – und dem von Price! – ausgetragen wird, ist nicht von der Hand zu weisen. Price hat aber längst nicht nur mit Vorurteilen von Rechts zu kämpfen: „Seine“ Leute erwarten von ihm nun ihrerseits eine Sonderbehandlung, wundern sich, als er einen Vergewaltiger verhaften will und bezeichnen ihn als Verräter, weil er keinen Unterschied zwischen Weiß und Schwarz macht. Unterlegt wird der Film vom titelgebenden unablässigen Ticken verschiedener Uhren, das wohl daran erinnern soll, auf welchem Pulverfass Price sitzt. Unterminiert wird dieser Kniff aber durch den allzu versöhnlichen Plotverlauf: Die drohende Gefahr kann durch die Zusammenarbeit von Schwarzen und Weißen am Ende leicht und ohne Blutvergießen abgewehrt werden und selbst der unversöhnlichste Redneck hat schließliche Resekt vor dem mutigen Sheriff, der kein Geheimnis daraus macht, Ambitionen auf das Amt des Bürgermeisters zu haben.

Nelson vertraut auf die menschliche Vernunft, was ihn gewiss ehrt, TICK … TICK … TICK … aber auch etwas naiv anmuten lässt. Hinzu kommen einige fragwürdige Entscheidungen wie jene, die Jagd auf den Totschläger, der kurz zuvor im Suff ein kleines Mädchen totgefahren hat, als munteren Ringelpiez mit abschließendem Badespaß zu inszenieren, der völlig vergessen lässt, dass da gerade ein Mensch sein Leben gelassen hat. Auf der Habenseite verbucht er aber die wunderbaren Darbietungen von Kennedy als mit sich selbst haderndem Ex-Sheriff, dessen Wunden von seiner kritischen Gattin zusätzlich mit Salz bestreut werden, und Fredric March als patriarchaischem, aber nicht mehr ganz taufrischem Bürgermeister, der die Bürger seiner Stadt behandelt wie der strenge Lehrer seine Schüler. Entgegen seines ernsten Themas, das ja oft Anlass für mahnende Lehrstunden à la MISSISSIPPI BURNING oder IN THE HEAT OF THE NIGHT war, ist TICK … TICK … TICK … also ein eher entspannter Film geworden. Vielleicht ist es vor allem die Verwunderung darüber, dass ich nicht hunderprozentig warm mit ihm geworden bin.

 

 

embryoFilme wie EMBRYO sind mir mit die liebsten. Wir haben es hier mit einer Hollywoodproduktionen zu tun, bei der etwas ganz erheblich schiefgelaufen und die infolgedessen zu einem unerklärlichen Fiasko geraten ist. Auch die Anwesenheit des großen Rock Hudson (im Herbst seiner Karriere) kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser sicherlich gut gemeinte SciFi-Horrorfilm eine bodenlose und nahezu unerklärliche Geschmacksentgleisung ist, die wahrscheinlich selbst im Bahnhoskino eine Massenflucht der anwesenden Obdachlosen verursacht hätte (so sie nicht vom wärmespendenden Anblick der nackten Barbara Carrera zurückgehalten worden wären). Aber die Reaktionen, die dieser Film bei einem „normalen“ Publikum einst auslöste? Schade, dass man das wohl nie erfahren wird. Vorab eine Warnung: Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist, sich den Film aber nicht von mir verderben lassen will, hört hier auf zu lesen, denn es hagelt Spoiler.

EMBRYO beschäftigt sich im Stile der Science-Fiction-Mahnfabel mit der Behandlung von Embryonen ex utero und den natürlich verheerenden Folgen, die diese nach Genrelogik nach sich zieht. Rock Hudson gibt den ganz und gar freundlichen, humanistisch gesinnten, verwitweten und gar nicht so verrückten scientist Holliston, dem es gelingt, das Junge einer sterbenden Hundemama durch Verabreichung eines Wachstumshormons zu retten, das das Tier binnen weniger Tage voll ausreifen lässt. Der vermeintliche Erfolg – nur der Zuschauer weiß, dass der Hund ein unberechenbarer Killer ist, der auch vor niedlich bejackten Yorkshires nicht haltmacht – führt Hollister dazu, bei einem befreundeten Arzt einen menschlichen Embryo anzufragen, einen, der anderenfalls eh keine Chance auf Überleben hätte. Was man als Arzt halt so macht. Er bekommt das gewünschte Objekt ohne große Probleme und geht sogleich ans Werk. Ralph Nelson, der zuvor immerhin mal den späten Noir-Klassiker REQUIEM FOR A HEAVYWEIGHT, den Oscar-nominierten LILIES IN THE FIELD und den Aufreger SOLDIER BLUE gedreht hatte, inszeniert fast das gesamte erste Drittel als semidokumentarischen Lehrfilm: Man sieht Rock Hudson in seinem Privatlabor an Gummiembryos rumhantieren, Injektionen verabreichen, ungeduldig-zweifelnd dreinblicken und durch Mikroskope schauen, hört dazu seinen Fachkommentar als Voice-over. Man fühlt sich unweigerlich an billigste Frankenstein-Klopper erinnert, nur dass sich in denen eben Gordon Mitchell oder John Carradine durch die Pappkulissen chargierten und nicht Rock Hudson. Der Film quält sich mit ernstem Blick durch diese „Geburtswehen“, bis im Brutkasten die zwar erst wenige Wochen alte, aber bereits zu Hosen anschwellen lassender Blüte gereifte Barbara Carrera liegt.

EMBRYO wird nach diesem reichlich wahnsinnigen Auftakt etwas gemäßigter, was aber nicht heißt, er wäre nun weniger bescheuert. Hollisters „Kind“ Victoria entpuppt sich nach seiner, ähem, Erziehung – man sieht in einer kurzen Montage, wie er ihr geduldig den Globus erklärt, sie durch Mikroskope gucken lässt etc. – als superintelligent, aber eben mit dem Gemüt eines Kindes ausgestattet. Trotzdem hält er es für eine gute Idee, sie als seine Assistentin in die feine Gesellschaft, in der er sich aufzuhalten pflegt, einzuführen. Zunächst geht alles gut, weil Victoria mit ihrem Charme (und ihren festen Brüsten wahrscheinlich) alle Herzen im Sturm erobert, obwohl sie doch im Grunde genommen eine üble, emotional unterentwickelte Streberin ist, die die Welt nur aus Büchern kennt. Aber bald schon ziehen dunkle Wolken auf: Victoria erleidet, unbemerkt von Hollister, schlimme Anfälle, und sie findet heraus, dass sie durch das forcierte Wachstum bereits langsam stirbt. Die Suche nach dem Hormon, dass ihren Tod verhindern kann, führt sie zu Hollisters schwangerer Tochter Helen (Alfs Adoptivmama Anne Schedeen). EMBRYO endet stilecht kintoppmäßig mit einem Kampf in Hollisters Labor, bei dem sein durch Kaiserschnitt auf die Welt geholtes Enkelkind lustig auf den Boden klatscht, und einer Verfolgungsjagd, in deren Verlauf er die mittlerweile wie eine alte Vettel aussehende Victoria beherzt von der Straße drängt und sie anschließend versucht, in einem Teich zu ersäufen. Als die Polizei auftaucht, steht er natürlich dumm da, aber das ist nichts gegen den Schock, der ihn ereilt, als sich herausstellt, das Victoria sein Kind erwartet. The End.

Inhaltlich ist EMBRYO eigentlich nicht besonders erwähnenswert: Er erzählt eine genretypische Story, die in ähnlicher Form bereits dutzendfach erzählt worden ist. Was Nelsons Werk auszeichnet und zu einem solch herausragenden Casefile hoffnungslosen Hollywood-Filmmakings macht, ist die Tatsache, dass er eben gar kein Genrefilm sein will, sondern seine haarsträubende Geschichte mit salbungsvollem Ernst und der unerschütterlichen Überzuegung in ihre gesellschaftliche Bedeutung erzählt. Tonal ist EMBRYO bis auf wenige Szenen kein Horrorfilm, sondern ein Drama, was ihn überhaupt erst zu dieser Geschmacksentgleisung werden lässt. Mal ganz davon abgesehen, dass die ganze Prämisse total bescheuert ist, ist die Beziehung zwischen Hollister und Victoria mehr als nur anstößig. Dass der Protagonist nicht bemerkt, auf welch wackliges Terrain er sich da begibt, liegt in der Natur der Sache, aber dass Nelson und Hudson das auch alles völlig normal zu halten scheinen, führt EMBRYO endgültig über die Klippe. Visuell und formal bewegt sich Nelsons Film auf Fernsehniveau (so weit ich das anhand meiner nicht optimalen Fassung beurteilen kann), aber auch intellektuell und emotional fühlt man sich hier an melodramatische Vorabendserien der Siebzigerjahre erinnert. In einer Szene bringt Hollister Victoria das Sprechen (und nach der verblüffenden Logik des Films auch das Rechnen) bei, indem er immer wieder sagt „One plus one is two, two plus two is four, four plus four is eight, eight plus eight is sixteen, sixteen plus sixten ist thirtytwo“. Victoria wiederholt das irgendwann selbstständig und mit holpriger Diktion und der Film zeichnet das als großen, ergreifenden, ja geradezu triumphalen Moment, der Hollister ein beglücktes Lachen aufs und die Tränen der Rührung ins Gesicht treibt. Als Zuschauer sitzt man hingegen nur fassungslos da und kann die Unbeholfenheit des Ganzen kaum in Worte fassen. Da wünscht man sich dann auch eine von Rock Hudson verabreichte Intelligenzspritze.

 

 

 

THE WRATH OF GOD erschien in Deutschland unter dem putzigen Titel ZUM TEUFEL MIT HOSIANNA und stach mir bei einer Amazon-Recherche wegen seines hübschen Postermotivs ins Auge. Robert MItchum als ballernder Priester, lateinamerikanischer Bürgerkrieg, Ralph Nelson als nicht ganz uninteressanter Regisseur: Das sah nach einer schönen Wiederentdeckung aus einer Zeit aus, in der weitaus mehr seltsame und längst vergessene Starvehikel prouziert wurden, als man das heute gemeinhin für möglich hält. Damals, als noch kein Team von Marktforschern eine umfassende Zielgruppenanalyse durchführten, bevor dann ein durchoptimiertes Plastikprodukt auf den Markt kam, das garantiert niemanden mehr überraschte, konnte noch so etwas entstehen: Ein Abenteuerfilm vor dem Hintergrund eines blutigen Bürgerkriegs, dessen Protagonisten vom Militär eingespannt werden, einen unliebsamen Rebellenführer zu ermorden, und sich dann nicht, wie es eigentlich üblich ist, auf die vermeintlich richtige Seite schlagen.

Der irische Gelegenheitsarbeiter Keogh (Ken Hutchison) will eigentlich das Land verlassen, wird aber vom hinterlistigen Geschäftsmann Jennings (Victor Buono) reingelegt und für einen letzten Job engagiert. Unterwegs trifft er auf den falschen Priester van Horne (Robert Mitchum), der im Koffer ein Maschinengewehr mit sich führt. Auf ihrer Fahrt durchs Land werden sie von Colonel Santilla (John Colicos) verhaftet und treffen bei ihm auch Jennings wieder, dem es ähnlich ergangen ist. Santilla schlägt einen Deal vor: Die drei Männer sollen sich im Dorf des Rebellenführers Thomas de la Plata (Frank Langella) einschleichen und ein Attentat auf ihn verüben. Am Ziel angekommen, stellen die „Helden“ aber fest, dass de la Plata nicht nur gegen die Regierungstruppen kämpft: Der Halbwahnsinnige hat alle Priester seines Heimatorts hinrichten lassen und ein eigenes Schreckensregiment aufgezogen. Die gedungenen Mörder schlagen sich auf die Seite der Dorfeinwohner …

THE WRATH OF GOD ist leider ziemlich langweilig geraten, was wohl vor allem daran liegt, dass er sich nicht wirklich entscheiden kann, was er denn eigentlich sein will. Da wird mit dem verschlagenen Protagonistentrio der humorvolle Ton alter Abeneteuerfilme angeschlagen, dann wieder relativ ernste Kost geboten, in der ein aus längst vergangenen Zeiten einbrechendes Element, die stumme Indianerschönheit Chela, wie ein bizarrer Fremdkörper wirkt. Der ganze Auftakt scheint für die spätere Geschichte überhaupt keine Rolle mehr zu spielen: Dass de la Plata ein Regierungsgegner ist, ist für den weiteren Verlauf des Films völlig unbedeutend. Zu behaupten, es dauerte zu lang, bis der Film in Fahrt komme, wäre dann auch falsch: Es wird eigentlich vom Auftakt weg einiges an Action geboten, das Problem ist eher, das nichts davon wirklich tangiert, weil man die Motivationen der Figuren nicht versteht. Erst im letzten Akt klärt sich das Bild ein wenig und im Showdown kommt dann auch ein bisschen Stimmung auf, aber bis dahin kommt THE WRATH OF GOD eher einer tragischen Ressourcenverschwendung gleich.