Mit ‘Raul Julia’ getaggte Beiträge

eyes-of-laura-mars-originalWie wichtig sind eigentlich Plot und Handlung? Welcher Stellenwert für das Gelingen eines Films sind ihnen beizumessen? Sind sie nicht in vielen Fällen nur eine Verkleidung, etwas, das vielleicht nur ganz notdürftig übergezogen wurde, um einem nach Unterhaltung dürstenden Publikum etwas ganz anderes, weniger Offensichtliches zu verabreichen? Spielt sich das wirklich Interessante nicht woanders ab, auf Ebene der Form, der Bilder, der Symbolik? Der Cineast nickt jetzt bestätigend, während eher „Gemäßigte“ Filmseher sich fragen, was das denn nun wieder soll. EYES OF LAURA MARS jedenfalls ist ein Film, der sic ganz gut eignet, zu verdeutlichen, worauf ich hinauswill. Es handelt sich um einen recht typischen Mysterythriller: Er ist mit sichtlich großem Professionalismus und einigem Aufwand produziert und inszeniert, aber als Suspense-Vehikel will er einfach nicht recht funktionieren – trotz eines Drehbuchs aus der Feder von John Carpenter, der eigentlich weiß, wie so etwas geht.

Laura Mars (Faye Dunaway) ist eine kontrovers diskutierte, aber überaus prominente Modefotografin, deren neueste Bilderreihe, in der sie ihre meist weiblichen Models wie Leichen in Gewaltszenarios ablichtet, für großes Aufsehen sorgt. Eines Tages wird eine ihrer Mitarbeiterinnen ermordet: Und Laura hat den Mord wie in einer Vision mit den Augen des Killer gesehen. Weitere Morde folgen, jedesmal aufs Neue mit einem Anfall Lauras verbunden. Der ermittelnde Kriminalbeamte John Neville (Tommy Lee Jones) ist erst skeptisch, dann glaubt er der verzweifelten Frau und verliebt sich in sie.

EYES OF LAURA MARS entführt den Zuschauer in eine Welt des Disco-Chics, der Glitzermode, der polierten Oberflächen, der Kokain-Schönheiten und der mit einem blitzenden Lächeln vorgetragenen Gemeinheiten, bleibt selbst von dieser Welt aber seltsam ungerührt. Die Frage, woher Laura Mars die Inspirationen für ihre geschmacksverwirrten Bilder nimmt, wird mehrfach gestellt, aber immer geben sich die Fragenden mit Ausflüchten zufrieden. Der trügerische Schein bleibt gewahrt, die rissige Fassade der Titelheldin bis ins Finale aufrechterhalten. Auffällig ist der Einsatz von Spiegeln, Objektiven und Großaufnahmen von Augen, die vom Killer attackiert und zerstört werden. Eine Spiegelwand in Lauras Appartement reflektiert sie gleich mehrfach, vervielfältigt ihre Gestalt, bis sie am Ende Risse zeigt, die das Gesicht verdecken. Ihre eigene optische Wahrnehmung wird durch eine andere überlagert, die sie gewissermaßen kurzzeitig „erblinden“ lässt. Am Schluss sieht sich Laura selbst durch die Augen des Killers und als sie dann vor dem Spiegel steht, erblickt sie nicht diese junge Frau mit dem maskenhaften Antlitz, sondern eben den Mörder, mit dem sie eine Liebesbeziehung und dasselbe makabre Interesse unterhält.

Frappierend an EYES OF LAURA MARS ist die Weigerung, sein zentrales Mysterium auch nur annähernd zu erklären. Warum Laura plötzlich durch die Augen eines anderen sieht, bleibt das Geheimnis des Films, was den Schluss nahelegt, dass es hier eben nicht um ein wie auch immer geartetes übersinnliches Phänomen geht, sondern alles Psychologie ist – was eben auch die Bilder deutlich machen. Auch die Enttarnung des Killers ist streng genommen ein Antiklimax, zumindest wenn man EYES OF LAURA MARS als klassischen Erzählfilm, als Suspense-Thriller betrachten will. Der ist er aber nicht: Kershner ist wesentlich mehr an einer ihre Zeit widerspiegelnden Branche interessiert, in der der schöne Schein alles ist, weil er die entstellten Fratzen verbirgt. Ihm ist ein verlockend funkelnder, darunter Fäulnis offenbarender Seelenporno gelungen.

Nachdem eine Möbelfabrik überfallen und der Geschäftsführer ermordet wurde, wird der ermittelnde Virgil Tibbs (Sidney Poitier) von einer Gruppe junger Revoluzzer (u. a. Raul Julia und Ron O’Neal) aufgesucht, die sich zu dem Überfall bekennt, mit dem Mord aber nichts zu tun haben will. Alle sind indirekte Opfer der Drogenkriminalität und haben die Fabrik, die nur als Tarnung für groß angelegte Drogengeschäfte dient, um Drogen im Wert von mehreren Millionen Dollar erleichtert. Von Tibbs erhoffen sie sich Unterstützung im Kampf gegen die übermächtige „Organisation“, die hinter dem Drogenhandel steckt. Tibbs willigt ein, doch hat er bald alle Hände voll zu tun, die jungen Vigilanten zu beschützen, weil die „Organisation“ ihnen längst auf die Schliche gekommen ist …

Nach dem unsagbar biederen und langweiligen THEY CALL ME MR. TIBBS! stellt der dritte und letzte Tibbs-Film beinahe einen Quantensprung dar. Mit Medford auf dem Regiestuhl (der den unfassbar brutalen THE HUNTING PARTY auf dem Kerbholz hat) wird der Wandel von der schnarchigen Murder Mystery und dem traditionellen Kriminalfilm zum actionlastigen Copthriller vollzogen, der symptomatisch für die Entwicklung des Genres in den Siebzigerjahren ist. Schon die zehnminütige Eröffnungssequenz, die ganz in der Tradition des Heist-Movies den Einbruch in die Möbelfabrik einfängt, ist spannender und verfügt über mehr inszenatorisches Profil als der gesamte Vorgänger und dieser positive Eindruck wird auch in den folgenden 90 Minuten bestätigt. Nicht nur dass THE ORGANIZATION bis in die Nebenrollen mit Schauspielern besetzt ist, die in den kommenden Jahren noch von sich reden machen sollten, auch die Kulisse San Franciscos wird sehr schön ins Bild gesetzt, ganz anders als in Douglas‘ Vorgänger, der fast ausschließlich in unattraktiven Innenräumen spielte und in eher engen Einstellungen aufgelöst war. Auch die Geschichte ist merklich anspruchsvoller, vor allem wenn man sie aus heutiger Perspektive mit dem wenig später florierenden Selbstjustiz-Film kurzschließt: Tibbs, Prototyp des Saubermanns, kann es sich noch nicht erlauben, das Gesetz wie seine weniger zimperlichen Kollegen nach seinem Gutdünken zu beugen, er muss einen Kompromiss eingehen, in dem er sich mit laufender Spielzeit jedoch immer mehr verstrickt. Poitier bekommt hier endlich wieder etwas zu tun und ist nahezu perfekt für den in THE ORGANIZATION geschilderten Konflikt:  „Sidney Poitier couldn’t just act on screen, he was expected to represent. In films like Guess Who’s Coming to Dinner? and In the Heat of the Night there’s the feeling that Poitier senses the eyes of an entire race and the heft of decades of ethnic stereotypes on him, moving as if […] balancing a Ming vase on his head.“  Wenn er in THE ORGANIZATION also mit sich und seinem Berufsethos ringt, er den Ausbruch aus dem rigiden Rechtssystem erwägt, dann wird dieser Konflikt durch Poitiers Persona noch geschürt und erhält eine zusätzliche Dimension: Mit Tibbs überlegt auch Poitier das ihn einengende Korsett abzustreifen.

Wenn THE ORGANIZATION trotzdem nicht ganz die Wirkung erzielt, die potenziell in ihm steckt, ist das auf ein bis zum Zerbersten vollgestopftes Drehbuch zurückzuführen. Anstatt sich auf den Kampf der Vigilanten gegen die Organisation zu konzentrieren, wird dieser Strang recht schnell zugunsten konventionellerer Elemente verworfen und weil Tibbs gleichzeitig auf zwei Hochzeiten tanzen muss, verliert man als Zuschauer irgendwann die Übersicht darüber, welchen Zweck er nun gerade verfolgt. Dem Film hätte eine etwas lockere Struktur gut getan, die den Figuren mehr Luft zum atmen gegeben hätte und dem Zuschauer mehr Zeit, dass Gesehene zu verarbeiten. So hat man bei der Betrachtung ein bisschen das Gefühl, der Handlung hinterherhetzen zu müssen, um den Anschluss nicht zu verpassen, und trotzdem immer einen Schritt zu spät zu kommen. Dafür versöhnt aber das schöne Ende: Kaum glaubt Tibbs, die großen Fische am Haken zu haben, der Organisation eine große Niederlage beigebracht oder sie gar völlig zerschlagen zu haben, da fällt ein Schuss, der unmissverständlich klar macht, dass der Kampf gegen das organisierte Verbrechen kein Ende haben wird. Er wird bis heute ausgetragen, auch auf der Leinwand.