Mit ‘Reggie Nalder’ getaggte Beiträge

Comfort Food für Geschmacksverirrte und Nostalgiekeule für Menschen, die diesen Film 1970 zum Kassenschlager machten (unter anderen auch mein werter Herr Papa). Warum es in den späten Sechzigern einen kurzen, aber heftigen Boom von Hexenfolterfilmen gab – Michael Reeves‘ WITCHFINDER GENERAL machte den Anfang, seinem Beispiel folgten dann unter anderem Franco mit DER HEXENTÖTER VON BLACKMOOR und eben Adrian Hoven, der auch noch eine Fortsetzung nachlegte -, dürfte schwer zu erklären sein, genauso wie man sich kaum vorstellen kann, dass ein Kracher solchen Titels damals Scharen deutscher Schaulustiger in die Kinos trieb. Schon die Tatsache, dass HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT über 20 Jahre später, bei seiner Videoveröffentlichung, eine Beschlagnahme einheimste, lässt erahnen, wie sich die Zeiten geändert haben und hatten und dass ein Phänomen wie dieses heute nicht mehr wiederholbar scheint.

Damals aber dachte Adrian Hoven, ehemaliger Frauenschwarm und Star des deutschen Heimatfilms, dass es eine Superidee sei, die historische Realität der Hexenverfolgung, -folterung und -verbrennung als Thema für einen Film zu wählen, der es mit der protokollarischen Schilderung jener vergangenen Zustände etwas weniger ernst nahm als mit der lüsternen Zurschaustellung weiblicher Pein – und er hatte ja Recht mit seiner Vermutung, wie oben erwähnt. HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT ist ein bizarrer Mischling: Der Film ist durchaus aufwändig gemacht, hochkarätig besetzt und sauber inszeniert, kein Vergleich mit dem Billigschrott, den findige Produzenten sonst so auf den Markt warfen und denen es  damit mitunter gelang, ein Mainstreampublikum zu ködern (sofern dieser Begriff vor 40, 50 Jahren überhaupt Sinn machte). Und zwischen all dem geilen Mummenschanz legt er auch die Inquisition als Werkzeug von Willkür, Machthunger und Misogynie unmissverständlich bloß. Wenn das letztlich auch bloß die gute alte Exploitationschule ist:Der gemeine (männliche) Kinogänger konnte damals in geiler Erwartung von nacktem Fleisch und Sadomasochismus in HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT stürzen und dann nach dem Besuch erzählen, er habe einen kritischen Film über die Leichen im Keller der katholischen Kirche gesehen. (Wobei ich bezweifle, dass jemand diese Ausrede wirklich anwendete: Die Menschen dürften damals deutlich weniger blöd und naiv gewesen sein als wir es ihnen zugutehalten.)

Der heutigen Freude tut das alles aber keinen Abbruch. Hovens Film ist einfach zum Liebhaben, eines nicht allzu vieler Beispiele wirklich perfekter deutscher Exploitation, krass, unverschämt, perfide, blutig, sexy, schmuddelig, aber auch wirklich schön anzuschauen. Der ganze Film ist einziger Schauwert, ob das nun die unverwechselbaren Antlitze der Herren Lom, Nalder, Fux und Kier sind, die üppigen Formen der weiblichen Protagonistin Vanessa (Christina Vuco), die fadenscheinigen, aber liebevollen Effekte oder die schönen österreichischen Kulissen. Am tollsten ist Herbert Fux als gut gelaunter Folterknecht, so toll, dass man sich ein Spin-off wünscht, das ihn durch den Arbeitsalltag begleitet. Wunderbar auch die Szene mit der Wasserfolter, bei der Adrian Hoven höchstselbst dem Wahnsinn anheimfällt. Steter Tropfen höhlt den Stein, sagt man, außer bei mir, denn ich fand HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT auch beim ersten Mal schon super und daran hat sich auch diesmal nichts geändert. Das Titelthema erinnert übrigens frappierend an jenes aus Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST. Ob sich der gute Riz Ortolani hier inspirieren ließ?

draculas_dog_poster_01Da isser nun also, ZOLTAN, DRACULAS BLUTHUND. Der Titel übte seit Kindheitstagen eine unerklärliche Faszination auf mich aus, selbst die miesen Reviews konnten mir die Lust auf den Film nicht vergrätzen. Nach in zwei Etappen durchlittener Sichtung muss ich allerdings sagen, dass es Albert Band gelungen ist, mit DRACULA’S DOG einen Film zu drehen, der sogar noch öder ist als DEVIL DOG. Ich will ihm das gar nicht zum Vorwurf machen. Während ich mir den Film so anschaute, dämmerte mir irgendwann, dass es einfach eine Scheißidee ist, einen Film über den Fifi von Dracula zu drehen. Da kann eigrntlich gar nichts Gutes draus hervorgehen.

In Rumänien wird durch eine Sprengung die Familiengruft von Dracula freigelegt. Ein Soldat, der sie anschließend bewachen soll, wird von besagter Töle, die ohne erkannbaren Grund von den Toten aufersteht, angefallen, wenig später auch noch das Herrchen des Toten, ein Mann namens Veidt Schmidt (Reggie Nalder), geweckt. Zoltan bekommt sogar eine Rückblende spendiert, die zeigt, wie er einst vom Vampirgrafen höchstpersönlich – na gut, in Gestalt einer Fledermaus – gebissen worden war. Die beiden machen sich auf den Weg in die USA, weil dort der letzte Nachfahre derer von Dracula, ein gewisser nichts ahnender und gänzlich unvampirischer Michael Drake (Michael Pataki), lebt. Ihnen auf der Spur befindet sich Inspektor Branco (Jose Ferrer), der weiß, wie man mit Vampiren umzugehen hat. Der Großteil des Films wird aber damit zugebracht, dass die Drakes bei ihrem traurigen Urlaub – sie fahren mit ihrem Wohnmobil in einen Park – vom Vampirhund belästigt werden.

Es gibt nicht viel zu sagen. Eine Familie wird von einem Vampirhund bedroht, ohne dass sich diese Bedrohung jemals wirklich bedrohlich manifestieren würde. Das Mädchen wird einmal angefallen, aber ein echter Schaden erwächst daraus nicht. Am Ende darf man dem „Kampf“ von Branco und Michael gegen den Vampirköter beiwohnen, der Plot suggeriert große Gefahr, aber irgendwie ist das alles schrecklich egal. Da wird viel gekläfft und Spannung vorgetäuscht, aber mein Gott, es ist bloß ein doofer Hund, dessen Bisse halt vampirisch sind. Dem kann man durchaus entgehen, wenn man nicht gänzlich verblödet ist, und eigentlich passiert den Drakes bis zum Ende ja auch nichts. Es ist einfach grausam öde: Zum Showdown verbarrikadieren sich Drake und Branco mit Holzpflöcken bewaffnet in einer Blockhütte, durch die Zoltan dann übers Dach einbricht, nach einem Finalkampf haben alle Hunde einen Pfahl im Leib und es gibt ein Happy End, das mit dem Blick auf eine Hundewelpe mit dämonisch glühenden Augen relativiert wird. Wen das um den Schlaf bringt, der gruselt sich auch vor dem Einkaufsprospekt im Briefkasten. Wirklich schlimm und dabei noch nicht mal komisch.

 

 

Vor ein paar Jahren hat eine große deutsche Zeitung eine Umfrage gemacht, in der das Lieblingsbuch der Deutschen ermittelt werden sollte. Ich weiß weder, welche Zeitung es war, noch welches Buch letztlich auf Platz eins landete, aber das Ergebnis wird viele, die immer noch gern die Phrase vom Volk der Dichter und Denker im Munde führen, einigermaßen ernüchtert haben. Irgendeines der Harry-Potter-Bücher landete weit oben, dicht gefolgt von „Der Herr der Ringe“ und einem damals gerade angesagten Dan-Brown-Verschwörungsschinken, Ken Follett und Noah Gordon waren bestimmt auch unter den Top 20, wahrscheinlich noch weit vor deutschen Eliteliteraten wie Thomas Mann, Günter Grass, Goethe und Schiller, die bekanntlich jeder Deutsche mit der Muttermilch aufgesogen hat. Die Lehre, die man daraus zieht: Nicht immer erlangt das Beste, Hehrste, Schönste auch die größte Bedeutung. Manchmal setzt sich einfach das Mittelmaß, das Banale, Hässliche und Schlechte durch, einfach, weil es sich am weitesten verbreitet hat. Und daraus kann man dann wieder interessante Erkenntnisse ziehen. Etwa im Fall von LIANE, DAS MÄDCHEN AUS DEM URWALD.

In Afrika stößt ein deutsches Forscherteam auf ein junges, weißes Mädchen (Marion Michael), das zusammen mit dem Eingeborenenstamm der Woodoo lebt. Thoren (Hardy Krüger) gewinnt ihr Vertrauen und tritt mit ihr gemeinsam die Reise nach Hamburg an, wo man sich dem Sensationsfund widmen will. Die Nachricht eilt ihm voraus und der Reeder Amelongen (Rudolf Forster) vermutet gleich, dass es sich bei dem Mädchen um seine Enkelin Liane handelt. Gemeinsam mit ihren Eltern war sie als Kleinkind Opfer eines Schiffbruchs geworden und galt seitdem als tot. Diese Entwicklung ist Amelongens linker Hand Schöninck (Reggie Nalder) ein Dorn im Auge, droht er nun doch das Unternehen, das ihm laut Testament zufallen soll, an Liane zu verlieren. Er bemüht sich nach Kräften, die Beweise für ihre Identität verschwinden zu lassen und schreckt in letzter Instanz auch vor einem Mprd nicht zurück …

LIANE, DAS MÄDCHEN AUS DEM URWALD war, sehr zum Entsetzen der zeitgenössischen Filmkritik, einer der größten Erfolge seines Kinojahres, hatte in Deutschland mehr als zehn Millionen Zuschauer (wenn man den Informationen, die das Web so ausspuckt, glauben darf) und machte einen entsprechenden Umsatz. So sehr da also – durchaus mit einiger Berechtigung – von den Gatekeepers der Kultur die Einfältigkeit des Machwerks gegeißelt wurde, es hielt die Menschen nicht davon ab, ihre Kinokarte zu lösen und damit mittelfristig zwei Fortsetzungen der latent rassistischen, latent pädophilen, akut dummen deutschen Tarzan-Paraphrase zu ordern. Derweil die Sittenwächter mit Blick auf die zu rettende Moral eifrig die Frage diskutierten, ob man ein junges Mädchen (Marion Michael war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 15 Jahre alt) mit entblößtem Busen und Lendenschurz zeigen dürfe, die Freigabe erst ab 10 Jahren erteilten, nur um sie dann erst auf 12 und schließlich auf 16 Jahre anzuheben, rieb sich Produzent Volmer ob der Gratis-Publicity die gierigen Pranken, das Dollar-Zeichen in den Augen blinkend. Hardy Krüger, der männliche Hauptdarsteller, gab später, als er ein Weltstar geworden war, der auf seinen Ruf zu achten hatte, pflichtschuldig zu Protokoll, LIANE, DAS MÄDCHEN AUS DEM URWALD sei der schlechteste Film, in dem er jemals mitgewirkt habe (er war halt jung und brauchte das Geld), das Narrativ vom schwarzen Schaf, für das sich alle schämen, konsequent zu Ende führend.

Heute wird LIANE, DAS MÄDCHEN AUS DEM URWALD immer mal wieder als schräge deutsche Filmkuriosität herbeizitiert, als Beweis dafür, was unsere Vorfahren sich damals für einen Schrott ansehen mussten oder sogar wollten. Und das ist dann immer der Moment, indem ich geneigt bin, diesen „Schrott“ gegen die Spötter in Schutz zu nehmen. Ja, dieser Film bedient rassistisch-kolonialistische Vorurteile über die „Wilden“ in Afrika, die sich mit einer putzigen Uga-Uga-Sprache oder gar mit Trommeln verständigen, sich an Lianen durch die Gegend schwingen, mit Speeren werfen oder mit Giftpfeilen schießen, aber panisch die Flucht ergreifen, wenn sie eine Tonbandaufnahme von sich selbst hören. Er verbreitet uralte Klischees wie jenes von Afrika als einem Ort, an dem sich Elefant, Nashorn und Löwe gute Nacht sagen, tapfere deutsche Medizinstudentinnen im Forsschercamp auf ihre Berufung an die Universität oder den Heiratsantrag des Schwarms warten, derweil verschwitzte Herren ihnen an die Wäsche wollen, blonde Haudegen Tiere für den Zoo einfangen und junge deutsche Mädchen weitab der Zivilisation zu edlen Wilden heranreifen, die ja bekanntlich die besseren Menschen sind. Borsody inszeniert das Ganze mit jener Bräsigkeit, die man als typisch für das deutsche Kino der Fünzigerjahre annimmt, weil man die falschen Beispiele kennt. Rührend naiv etwa der Moment, in dem der verzückte Opa einen alten Brief seiner Tochter liest, in dem sie ihm von seiner Enkelin berichtet, derweil Lianes gegenwärtige Handlungen jedes der geschriebenen Worte bestätigen. Belustigend der Schnitt, der direkt vom Dialog über die Bedrohungen der Zivilisation auf das aus heutiger Sicht höchst moderate Verkehrsaufkommen im Hamburger Zentrum überleitet. Und das Finale, das einen Mordfall, dessen Aufklärung, die Flucht und den darauf folgenden Unfalltod des Täters in fünf Filmminuten packt, zeugt von ausgesprochener Konfliktscheue und Harmoniesucht. Aber das ändert leider alles nichts daran, dass dieser Film seinerzeit den Nerv traf, irgendetwas in den Menschen ansprach und sie dazu brachte, ins Kino zu gehen.

Um das zu erklären, kann man wahrscheinlich die Litanei vom Reiz des Exotismus bemühen, die Sehnsucht der Menschen nach einer heilen, schönen Welt, die zehn Jahre nach Kriegsende immer noch groß war, oder nach weit entfernten, fremden Ländern. Man kann es auch einfacher haben und unterstellen, dass die Hälfte der Zuschauer auf die mediale Skandalisierung des Films hereingefallen und schlicht neugierig waren oder gern einen Blick auf die jugendlichen Brüste der Hauptdarstellerin erhaschen wollten. Sex sells und das galt damals, als Nacktheit im Film noch Seltenheitswert hatte, vielleicht noch mehr als heute. All das ist wahrscheinlich nicht ganz falsch. Man könnte aber auch einfach sagen, dass LIANE, DAS MÄDCHEN AUS DEM URWALD eine griffige Geschichte auf die Leinwand brachte. Einer etablierten Schablone folgend, bot Borsodys Film zu gleichen Teilen Abenteuer wie Melodram, Spannung und Herzschmerz vor einer Kulisse, die für einen deutschen Film eher ungewöhnlich war. Er bot mit Hardy Krüger einen jungen attraktiven Star und lieferte mit der 15-jährigen Marion Michael, die aus Tausenden von Gleichaltrigen gecastet worden war, auch gleich die passende Geschichte vom Aufstieg aus dem Mittelmaß in die Welt des Glamours (die die Narration des Films gewissermaßen doppelte). LIANE, DAS MÄDCHEN AUS DEM URWALD ist ein früher deutscher Blockbuster, ein Film, der nicht zuletzt durch das Marketing „gemacht“ wurde. Und er ist daher weitaus weniger altbacken und überkommen, als man das auf den ersten Blick meinen mag.