Mit ‘René Clément’ getaggte Beiträge

760247-b8aec28a-e530-11e3-aae6-8a781d1cd6731Martin Compart, deutscher Crime-Experte und bekennender Bronson-Fan, hat mich zu einem generationsübergreifenden Bronson-Special eingeladen. Bei Interesse hier entlang.

Die junge, seit der Kindheit, als der Vater sie und ihre Mutter zurückließ, von Schuldgefühlen geplagte Mélancolie (Marléne Jobert) lebt mit ihrem eifersüchtigen Gatten, dem Piloten Tony (Gabriele Tinti), in einem Haus an der Küste Südfrankreichs. Eines Tages, Tony ist mal wieder auf Reisen, kommt ein Fremder dort vorbei, dringt in das Haus ein, vergewaltigt Mélancolie und verschwindet dann. Die Frau stöbert ihn im eigenen Keller auf, erschießt ihn und entsorgt seine Leiche im Meer. Wenig später taucht ein weiterer Mann (Charles Bronson) bei ihr auf: Er stellt sich als Dobbs vor und konfrontiert Mélancolie mit der Tat, von der er eigentlich nichts wissen kann. Er will ein Geständnis aus der jungen Frau herauspressen und beginnt ein Psychospiel mit ihr zu spielen …

Viele Thriller bemühen sich, ein ähnliches Level an innerer Spannung wie Clément in seinem Film zu erzeugen und scheitern daran: Bei LE PASSAGER DE LA PLUIE ist eigentlich bis zum Ende nicht ganz klar, wie man ihn nun eigentlich einordnen soll: Geht es wirklich um einen Mordfall und seine Aufklärung oder nicht doch um die Neurosen der weiblichen Hauptfigur? Die Grenze zum Mysterythriller wird mehr als nur gestreift und die Möglichkeit, dass Dobbs eine von Mélancolies Fantasie ersponnene Schimäre ist, steht lange Zeit im Raum. Clément inszeniert seine Geschichte als Kammerspiel, als Push-and-Pull zwischen den beiden Hauptfiguren, bei dem die Sympathien des Zuschauers stetig neu verteilt werden und man nie genau weiß, was man sich für einen Ausgang wünschen soll. Anders als bei moderneren Vertretern dieser Thriller-Spielart beantwortet Clément diese offenen Fragen aber nie zur Gänze: LE PASSAGER DE LA PLUIE bleibt ambivalent, merkwürdig vage und verträumt. Wie der Regen zu Beginn des Films berührt er, ohne aber sichtbare, bleibende Spuren zu hinterlassen. Er kühlt kurz und heftig und verschwindet dann wieder.

Unmittelbar nach dem Film war meine Ratlosigkeit groß. Ich hatte den Film irgendwie nicht verstanden: Der Krimiplot bleibt undurchsichtig, weil er vor allem in Dialogen aufgedröselt wird, die Probleme Mélancolies treten aber auch nie so stark und plakativ in den Vordergrund, wie das ohne Frage der Fall wäre, würde etwa Hollywood diese Geschichte heute erzählen. Es bleibt ebenso unklar, ob Mélancolie am Ende wirklich eine Entwicklung, einen Reifeprozess durchlaufen hat – ihrem widerlichen Ehemann sagt sie nur, dass sie „ihm etwas erzählen muss“ –, wie auch die Motivation Dobbs‘ ambivalent bleibt. Was mich zu Charles Bronson bringt, der hier alle Register seiner Kunst zieht und wieder einmal den mysteriösen, beinahe allwissenden Fremden gibt, den er während seiner europäischen Phase oft spielen durfte und der von seiner späteren Persona als schweigsamer Rächer zu Unrecht verdeckt wird. Er spiegelt die Qualitäten des Films, seine Ambivalenz und Unentschiedenheit zwischen Konkretion und Parabel, in seinem Spiel wider, erscheint weniger als Mensch aus Fleisch und Blut, sondern als meenschgewordener Deus ex Machina. Über den Dingen stehend, mit dem Wissen und der daraus erwachsenden Souveränität eines auktorialen Erzälers versehen, tritt er als Gehilfe des Regisseurs in den Film. Sein aufreizend-provokantes, aber völlig entwaffnendes Lächeln wird zum atmosphärisch bestimmenden Element: LA PASSAGER DE LA PLUIE behält trotz seiner inhaltlichen existenziellen Schwere stets eine spielerische, ätherische Leichtigkeit. Das Brodeln unter der Oberfläche kann die Gewissheit, dass diese tapfere Mélancolie bis zum Ende nicht gebrochen werden wird, nicht übertönen. Es ist bei aller Düsternis auch ein hoffnungsvoller Film.

LE PASSAGER DE LA PLUIE ist in seiner Ruhe bemerkenswert. Schwer zu beschreiben, was da passiert. Zuerst dachte ich, Clément hat hier das verregnete Gegenstück zu seinen sonnendurchfluteten PLEIN SOLEIL gedreht, einen Film, in dem das Wetter ebenso sehr den Seelenzustand seiner Protagonisten spiegelt wie es ihre Sinne benebelt. Aber der Vergleich trifft es nicht wirklich. Sein Film ist typisch französisch unterkühlt, wenn nicht gar kalt (das geweißte Gemäuer des typisch mediterranen Hauses von Mélancolie und Tony hat etwas entschieden Höhlenhaftes), trotzdem hat man hier niemals Angst. Vielleicht ist es doch weniger das Lächeln Bronsons als vielmehr die kindische Unbeugsamkeit Mélancolies, die LE PASSAGER DE LA PLUIE bestimmt.

Der attraktive Tom Ripley (Alain Delon) stammt zwar aus einfachem Haus, hat mit dem Jetsetter Philippe Greenleaf (Maurice Ronet) aber einen äußerst wohlhabenden Freund, mit dem er im besten Dandy-Stil die Metropolen Europas unsicher macht. Doch etwas stimmt nicht mit diesem Tom Ripley: Er will dazugehören zu den oberen Zehntausend und dafür ist ihm nicht nur jedes Mittel Recht, er ist auch bereit seine eigene Identität völlig aufzugeben …

plein-soleil.jpgVor fast zehn Jahren habe ich Anthony Minghellas Neuverfilmung von Patricia Highsmith’ Bestseller ohne Kenntnis dieses Films gesehen und für gut befunden – erinnern kann ich mich dennoch kaum noch an ihn. Die Auffrischung mittels Cléments Film war also durchaus sinnvoll und natürlich ein voller Erfolg. Besser als seinem modernen Nachfolger Matt Damon gelingt es Delon seinem Charakter die teuflische Ader abzuringen: Eigentlich ist PLEIN SOLEIL eine ins Böse gewendete Variation alter Schelmengeschichten, die Clément mit großem Stilwillen zum eiskalten Thriller und zur Parabel auf den materialistischen Amoklauf des Menschen im 20. Jahrhunderts formt. Tom Ripley, der neurotische Mörder mit dem Engelsgesicht, ist unschwer als Vorfahre von Ellis’ Patrick Bateman zu erkennen: Wie dieser ist Ripley ein Mann ohne Eigenschaften, der von Minderwertigkeitskomplexen getrieben zum eiskalten Mörder wird und bald völlig in seiner neuen Rolle als Philippe Greenleaf aufgeht; so sehr, dass er bald gar nicht mehr bemerkt, dass er diese Rolle nur spielt. Statt in angesagten New Yorker Yuppieclubs bewegt er sich spielerisch an den europäischen Tummelplätzen der US-amerikanischen Elite, gibt sich ganz dem Müßiggang hin, ohne sich Gedanken über ein Morgen zu machen. Eine andere Parallele drängt sich gerade aus deutscher Perspektive auf: Christian Krachts „Faserland“ erzählt von einem juvenilen Barbourjacken-Träger, den es innerhalb weniger Tage vom reichen Sylt bis in die Schweiz verschlägt, dazwischen in den Großstädten der Republik auf den Festen und Partys des Großbürgertums aufschlägt und ansonsten ein vollkommen sinnentleertes Leben führt. Zwar ist Krachts Protagonist letzten Endes viel zu bieder, um selbst zum Mörder zu werden, die Gleichgültigkeit, mit der er den Selbstmord eines Freundes erst passieren lässt und dann regungslos hinnimmt, macht ihn aber zu einem späten Nachfolger Ripleys.

Das größte Kunststück, das PLEIN SOLEIL vollbringt, ist den Zuschauer mit diesem Uncharakter mitfiebern zu lassen: Was ist das für ein grandioser Moment, als sich Ripley in einem Moment der geistigen Abwesenheit gegenüber Philippes Freundin, der von ihm begehrten Marge (Marie Laforêt), auf einen Brief von ihr bezieht, mehr noch, diesen auf sich bezieht, der doch eigentlich an Philippe gerichtet war. Da stürzt man als Zuschauer von einem emotionalen Extrem ins nächste. Überhaupt: Was Cléments Film stilistisch auszeichnet, das ist das Nebeneinander von flirrender Sonnenhitze und erschreckender Gefühlskälte, perfekt eingefangen im Bild des Schüttelfrost verursachenden, heftigen Sonnenbrands, den Ripley zu Beginn erleidet. PLEIN SOLEIL ist ein Film, dessen Methode als dialektisch zu bezeichnen ist: Die Kamera rückt bis zum absoluten Distanzverlust an das makellose Gesicht ihres Protagonisten, „nahe“ kommen wir diesem Ripley dennoch nicht. Er bleibt ein Phantom, ein Monster, dessen Wesen man nicht begreifen kann, weil es sich selbst fremd ist. Eine faszinierende Figur, vielleicht eine der spannendsten Schöpfungen des vergangenen Jahrhunderts, in einem beinahe makellosen Film. Lediglich das das Zuschauerbedürfnis nach einem „gerechten“ Ausgang befriedigende Ende (das es meines Wissens in Minghellas Film nicht gibt) ist ein kleiner Wermutstropfen, der dem Film aber keinen nachhaltigen Schaden zufügen kann.