Mit ‘Renée Soutendijk’ getaggte Beiträge

Paul Verhoevens sechster Langfilm ist auch der letzte, den er in den Niederlanden produzierte. Direkt im Anschluss folgte er dem Ruf Hollywoods, wo zwei Jahre später sein düsterer Historienfilm FLESH & BLOOD erschien. Ich habe Verhoevens Frühwerk leider noch nicht begutachtet, aber wenn man DE VIERDE MAN sieht, ahnt man schon, dass es für den Filmemacher in seiner Heimat nicht mehr viel Luft nach oben gab. Um weiterzukommen, sich neuen Herausforderungen zu stellen und seine Kunst weiterzuentwickeln, musste er fast zwangsläufig über den großen Teich gehen. Das heißt nicht, dass DE VIERDE MAN von irgendwelchen Makeln oder Kompromissen beeinträchtigt würde, im Gegenteil. Er ist nahe dran an der Perfektion, dazu von einer formalen Geschliffenheit und dramaturgischen Pointierung, die man sonst eigentlich mit Hollywood assoziiert. Die provokante subject matter erinnert noch am ehesten daran, dass dieser Film europäischen Ursprungs ist, aber wie wir wissen, half Verhoeven den Amerikanern ja auch in dieser Hinsicht auf die Sprünge. Es grenzt demnach an Ironie, dass ausgerechnet dieser Film, der Verhoevens Sprung über den großen Teich unabwendbar machte, in den Niederlanden weniger Geld einspielte, als seine vorangegangenen Filme.

Für DE VIERDE MAN, der auf dem gleichnamigen Roman von Gerard Reve basiert, vereint der Regisseur Elemente des Künstlerdramas, des Film noir und des Thrillers miteinander. Der bisexuelle, alkoholsüchtige und überaus zynische Schriftsteller Gerard Reve (Jeroen Krabbé) reist für eine Lesung nach Vlissingen, wo er die attraktive Christine (Renée Soutendijk) kennenlernt und sofort mit ihr anbändelt. Sein Interesse an ihr steigt, als er herausfindet, dass sie nicht nur überaus wohlhabend, sondern auch mit dem gutaussehenden Herman (Thom Hoffman) liiert ist. Die Offenbarung, dass Christine bereits dreimal verheiratet war und alle drei Männer unter mysteriösen Umständen ums Leben kamen, stürzt den eh schon von Halluzinationen geplagten Autor vollends in die Krise.

DE VIERDE MAN ist das Porträt eines Künstlers kurz vor dem Zusammenbruch: Reve ringt mit seiner Alkoholsucht, seiner Kunst und seiner finanziellen Situation, dazu kollidiert seine Sexualität hart mit seinem Katholizismus, den er als Grundlage seiner Kunst verteidigt, auch wenn er alles andere als fromm ist. Tagträume, Halluzinationen, Mord- und Todesfantasien sind sein ständiger Begleiter und lassen ihn zunehmend an seinem eigenen Verstand zweifeln, gleichzeitig lässt er sich obsessiv von seinen Trieben leiten. Er stellt sich vor, wie er seinen Liebhaber erwürgt, jagt dann einem jungen Mann nach, dem er im Bahnhofskiosk begegnet. Er tritt ein in das Bild eines Hotels, das in seinem Zugabteil hängt, und wird von der Vision einer blutenden Tür aufgeschreckt: Aus der Reisetasche einer jungen Mutter, die ihm immer wieder über den Weg läuft und die er als Marienerscheinung interpretiert, ist Tomatensaft aus- und über das Bild gelaufen. Bei der Lesung filmt ihn die kühle blonde Christine, entführt ihn dann in ihr riesiges Haus, in dem sie einen Schönheitssalon mit dem Namen „Sphinx“ betreibt: Weil das „h“ und das „x“ der Leuchtreklame defekt sind, lautet das Schild einfach „Spin“ – Niederländisch für Spinne. Während sich Reve von der jungen Frau aushalten lässt, wächst sein Verdacht, dass er in Gefahr schwebt. Er träumt von seiner Kastration, sieht immer wieder Trugbilder und Zeichen seines nahenden Todes. Seine Paranoia nähert sich dem Gipfelpunkt, als er Herman begegnet, für den er eine heftige Leidenschaft verspürt und mit dem er eine heimliche Affäre beginnt. Es ist klar, dass das alles in einer Katastrophe enden muss.

Verhoeven inszeniert diese Geschichte mit viel visuellem Flair und aufdringlicher Symbolik: Er sagte seinerzeit, er habe es mit christlichen Symbolen bewusst übertrieben, um die Kritiker, die ihm zuvor stets nackten Sensationalismus vorgeworfen hatten, an der Nase herumzuführen. Er schafft so eine sehr künstliche Oberfläche, nicht unähnlich den Giallos, die Argento einst so meisterhaft inszenierte, aber mit weniger akademischer Strenge und mehr Humor. Zu seinem Protagonisten hat Verhoeven ein ambivalentes Verhältnis: Er schätzt seinen Witz und seinen ätzenden Zynismus („Es gibt eh bald Krieg“, sagt Reve mehrfach), seine Spontaneität und seine Fantasie, aber er hält ihn auch für einen hoffnungslosen Narziss mit Hang zum Drama und einem auffallenden Mangel an Selbstkontrolle. Jeroen Krabbé gelingt es auf brillante Art und Weise, diesen nun nicht gerade durchschnittlichen Charakter zum Leben zu erwecken und ihn und seine psychische Disposition nachvollziehbar und greifbar zu machen. DE VIERDE MAN ist zunächst ein formal beeindruckendes filmisches Vexierspiel, so schillernd und trügerisch wie ein Spiegelkabinett oder ein Glaslabyrinth, aber dahinter verbirgt sich mehr. Der Film ist auch eine Auseinandersetzung mit einer Generation – der des Regisseurs und seines Hauptdarstellers, Jahrgang 1938 respektive 1944 -, die es gewohnt ist, die Deutungshoheit über die Dinge zu haben und der plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

 

Ich habe mich entschieden: Das Genörgel über Remakes, Sequels oder Reboots, nervt mich mittlerweile mehr als alle Remakes, Reboots und Sequels zusammen. Sicher kann man fragen, ob wirklich jeder gerade mal fünf Jahre alte Film eine Neuauflage braucht, jedem dritten zwangsläufig auch ein vierter Teil folgen muss, vor allem, wenn diese sich durch eine unübersehbare Lust- und Planlosigkeit auszeichnen, aber letztlich gelten für die Bewertung von Remakes und Fortsetzungen exakt dieselben Regeln wie für jeden anderen Film: Es gibt gute und schlechte. Völlig absurd wird das kulturpessimistische Klagen meiner Meinung nach, wenn man sich einen Film wie Guadagninos SUSPIRIA anschaut. Natürlich war der Aufschrei hier besonders laut zu vernehmen, schon als der Neuverfilmungsplan angekündigt wurde, gingen die Horden auf die virtuellen Barrikaden, schließlich steht Argentos Klassiker aus dem Jahr 1977 bei unzähligen Freunden des abseitigen Kinos immens hoch im Kurs, lässt selbst solche Leute erregt von „Kunst“ stammeln, die die Qualität eines Films sonst an der Anzahl abgetrennter Gliedmaßen festmachen. Einen solchen Geniestreich hat man gefälligst nicht zu remaken, warum denn auch, man könne es ja eh nicht besser machen. Diese allem Gemaule implizite Forderung ist das eigentlich merkwürdige an der ganzen Remake-Debatte: Denn es geht ja (meistens) gar nicht darum, es „besser“, sondern vor allem darum, es anders zu machen. Man könnte gut 99,9 Prozent der Kulturerzeugnisse – seien es Filme, Bücher, Kompositionen oder Gemälde – eigentlich wegschmeißen, wenn man nur jene gelten ließe, die etwas Neues in die Welt gebracht haben. Und wenn wir uns in einem so eng abgezirkelten Bereich wie dem Genrekino bewegen, gilt das umso mehr. Der hinter der Kritik stehende Glaube an das „Original“ scheint mir hoffnungslos naiv, vor allem wenn er sich, wie im vorliegenden Fall, einzig an einen Titel klammert. Luca Guadagninos SUSPIRIA hat abseits des Plots – oder sagen wir besser: der Prämisse, oder noch besser: des Settings, denn schließlich wissen wir mittlerweile dank hunderter uninformierter Blogposts, dass SUSPIRIA gar keine Handlung hat, aber dafür tolle Farben und Atmosphäre – weniger mit seinem berühmten Vorgänger zu tun als zwei beliebige andere Genrevertreter miteinander. Dass er existiert, ist keine Blasphemie, kein Affront gegen Argento, sondern die Bestätigung, dass der etwas erschaffen hat, was sich in den Köpfen seiner Betrachter fortpflanzt. Und den Vorwurf der Ideenlosigkeit kann man ihm auch nicht machen, denn dieser SUSPIRIA quillt nun wahrlich über vor Einfällen. Fast so, als meinte sein Schöpfer, etwas kompensieren zu müssen.

Guadagnino unternimmt gar nicht erst den Versuch, Argentos elaboriertes Spiel mit Primärfarben, Architektur und Sound zu kopieren. Er verpflanzt das Märchen um die kulleräugige Suzy, die sich in einer Tanzschule einschreibt, stattdessen aber in einen Hexenzirkel verirrt, in die tristgraue Realität des deutschen Herbstes 1977 an der Berliner Mauer und macht aus der scheuen damsel in distress des Originals eine selbstbewusst-autonome Vorkämpferin des Feminismus. Die Welt, auf die diese Suzy (Dakota Johnson) trifft, ist nicht minder rätselhaft und labyrinthisch als die des Originals, aber man hat das Gefühl, dass sie sich deutlich besser in ihr zurechtfindet als ihre Vorgängerin – vielleicht auch, weil seelische Aufruhr und emotionaler Tumult ihr nicht fremd sind und sich dieses zerrissene Berlin wie das Zuhause anfühlt, das sie nie hatte. Für die Ideologie der Hexen, die deutlich als Widerhall der Nazivergangenheit Deutschlands zu erkennen ist, ist sie entgegen ihren Kommilitoninnen überaus empfänglich. Ihre Mentorin Madame Blanc (Tilda Swinton), zu der sie ehrfurchtsvoll hinaufschaut, propagiert mit ihrer Tanzphilosophie und ihren Aufführungen eine Art Auflösung des individuellen Körpers: Es ist kein Wunder, dass das Stück, das sie mit ihren Schülerinnen zur Aufführung bringt, auf den Titel „Volk“ hört. Es geht um nichts weniger als das faschistische Projekt der Geburt eines Kollektivwesens, in dem der Einzelne sich nur noch über seine Funktion als Rädchen im Getriebe des Ganzen definiert. Im Kampf diverser Schülerinnen gegen die Vereinnahmung durch die Idelogogie spiegelt sich dann die Rebellion von RAF-Terror und Protestbewegungen, die immer auch an den Fensters der Tanzakademie vorüberzieht. Auch das Schicksal von Dr. Klemperer, einem Psychologen, der durch die abtrünnige Patricia (Chloë Grace Moretz) vom geheimnisvollen Treiben an der Akademie erfährt, eigene Nachforschungen anstellt und dabei mit seinen Erinnerungen an den überlebten Holocaust konfrontiert wird, korrespondiert damit. Anscheinend unvereinbare Aspekte und Phänomene, Politik und Magie, Okkultismus und gesellschaftlicher Protest, Kunst und Geschichte, stehen direkt nebeneinander, haben anscheinend nichts miteinander zu tun und sind dennoch untrennbar miteinander verwoben. Tatsächlich führt dieses rhizomatische Geflecht irgendwann in ein tempelhaftes Gewölbe, in dem die Wiedergeburt der Mater Suspiriorum erwartet wird, sowie zur Erlösung des Holocaust-Überlebenden, der endlich erfährt, was einst mit seiner Ehefrau geschehen war.

Ja, manchmal macht dieser SUSPIRIA den Eindruck einer ungeordneten Zettelsammlung. Zeichnete sich das Original neben seinem Expressionismus vor allem durch seine Homogenität aus, dadurch, dass Argento seine Linie mit ungeheurer Zielstrebigkeit und Sicherheit verfolgte, ist Guadagninos Remake ungeordneter, assoziativer, offener. Viel mehr als Argento möchte Guadagnino, dass man seinen Film aufschließt, interpretiert; zumindest deuten die vielen Hinweise und Anspielungen auf zeitgeschichtliche Ereignisse darauf hin. Das kann man durchaus als Makel betrachten: Argento schuf mit SUSPIRIA einen Film, der sein eigenes Universum barg, der ganz für sich allein, völlig autark existierte ohne Bezug zu anderen Werken. Guadagninos Remake ist demgegenüber sehr viel weltlicher und nachrangiger, gewissermaßen die mit Fußnoten versehene Sekundärliteratur zum ursprünglichen Text oder dessen kommentierter Ausgabe. Und manchmal wirkt er etwas angestrengt in dem Bemühen, so ganz anders zu sein als der Film, an den er sich anlehnt. Nun ist Argento beileibe kein Bauch- und Instinktfilmer gewesen, auch seine Filme waren stets sehr akademisch in ihrer Auseinandersetzung mit Architektur, Strukturalismus und Gender, nur verbarg sich das hinter dem rauschhaften Tosen der Form, das der Regisseur entfachte. Guadagninos SUSPIRIA ist viel mehr Kopf- und Ideenfilm: Selbst wenn Guadagnino sich der spektakulären Tanzaufführung und dem buchstäblich dionysischen Rausch zuwendet, bleibt sein inszenatorischer Zugriff immer spürbar. Was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass es hier nicht auch diese Momente gibt, die einem wie Blitze in die Glieder fahren, in denen er einen mitreißenden Sog entwickelt und dieses Prickeln auf der Haut verursacht, das nur Kunstwerke auslösen, die einen zu bislang unbekannten Orte mitnehmen. Denn einzig- und fremdartig ist auch dieser Film. Man muss nur die Bereitschaft mitbringen, sich durch diese ausufernde Zettelsammlung zu wühlen, ein paar hingeworfene Notizen beiseite zu schieben und sich stattdessen auf andere zu konzentrieren. Guadagnino ist ein würdiges Remake gelungen, das sowohl als demütige, aber durchaus selbstbewusste Verbeugung vor dem Original bestehen kann, wie auch als völlig eigenständiger Film. Und das sei allen Meckerfritzen zum Abschluss mit auf den Weg gegeben: Er ist um ein Vielfaches origineller als das Gros dessen, was sich als „Original“ ausgibt.