Mit ‘Richard Donner’ getaggte Beiträge

Diskussionen über THE GOONIES drehen sich üblicherweise um die zentralen Punkte „Nostalgie“ und „Kindheitserinnerung“. Jedenfalls habe ich das jetzt mehrfach erlebt. Auch für mich ist die Spielberg-Produktion mit sehr konkreten Bildern verbunden und das, obwohl ich den Film erst einige Jahre nach seinem Kinostart zu Gesicht bekam. Aber THE GOONIES war damals ein großes Thema, etwa in der Bravo, die, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, einen ihrer „Film-Foto-Romane“ dazu brachten und das Plakatmotiv als Poster veröffentlichten. Dieses – siehe nebenan – war für mich eine Quelle der Faszination: Wie sollten diese Kinder, mit denen ich mich ja unweigerlich identifizierte, aus der dargestellten misslichen Lage entkommen? Das ging ja gar nicht! Höhlenverliese, Wasserfälle und -rutschen, ebenso raffinierte wie archaische Fallen und die Tatsache, dass mit dem Charakter des Sloth auch noch ein waschechtes Monster mitwirkte, machten THE GOONIES für mich zu einem Lieblingsfilm, obwohl er sich vorerst nur in meiner Fantasie abspielte.

Seltsamerweise hielt THE GOONIES bei der späteren Sichtung Stand und beschert mir auch heute noch großes Vergnügen. Nostalgie ist sicherlich ein Faktor und natürlich kann ich nicht beurteilen, wie mir Donners Film gefiele, wenn ich nicht diese Erinnerungen mit ihm verbände. Trotzdem mag ich ihn nicht darauf reduzieren, denn für mich verkörpert er eine bestimmte Art von großem Entertainment, wie es in den Achtzigerjahren (von Spielberg) perfektioniert wurde und auch heute noch ein Ideal darstellt. THE GOONIES ist, das zu verleugnen wäre töricht, ein INDIANA JONES-Rip-off für Kinder, voller Abenteuer, Schätze, comichaft überzeichneter Schurken, Höhlen und Gefahren in fantasievollen Settings, die den Eindruck machen, man habe bei der Konzeption gleich die Adaption als Theme-Park-Ride im Kopf gehabt. Das Drehbuch von Columbus hält sich nicht lang mit Erklärungen auf, stürzt den Zuschauer gemeinsam mit den Protagonisten in die Jagd nach einem legendären Piratenschatz, der den Erhalt des Wohnorts und damit auch der Freundschaft der Jungs und Mädels sichern soll. In die Quere kommen ihnen dabei die schurkischen Fratellis, verkörpert von den herrlich überdreht agierenden Robert Davi und Joe Pantoliano, die von der gewöhnt furztrockenen Anne Ramsey an die Kandarre genommen werden. Die Erkundung der unterirdischen Höhlensysteme ist wie aus einem Guss und kulminiert in einem Kampf auf einem Piratenschiff. Wie soll man das nicht mögen, wenn man sich einen Funken kindlichen Gemüts bewahrt hat? Keine Ahnung, aber es geht offensichtlich.

Was Menschen, die partout nicht verstehen wollen, was an THE GOONIES dran ist, vielleicht helfen mag: So perfekt, glatt und kommerziell der Film auf den ersten Blick wirken mag, er ist das Werk damals noch recht junger Filmemacher, die machten, was sie auch selbst cool und witzig fanden. Wie Sean Astin in diesem Video erklärt, waren Spielberg, Donner und Columbus vermutlich dauerbekifft, als sie den Film erdachten und umsetzten und ließen sich von dem Erfolgsdruck, der mit der Großproduktion ohne Frage verbunden war, nicht den Spaß verderben. Wie auch der mit Anschlussfehlern gespickte TEMPLE OF DOOM zeigt THE GOONIES eine gewisse Laisser-faire, die darin zum Ausdruck kommt, das kleinere Fehler einfach dringelassen wurden. Das Wohnmobil, in dem sich Donner während der Drehpausen aufzuhalten pflegte, steht zu Beginn mehrfach prominent im Bild rum, hörbare Lacher und Versprecher wurden genauso dringelassen wie Hinweise auf Szenen, die am Schneidetisch der Schere zum Opfer gefallen waren. An blöden Ideen, wie den unablässig wackelnden Ohren Sloths, und fehlgeleiteten Gags hielt man fest, als hinge das Leben davon ab. Was man vielleicht als Ausdruck von Gleichgültigkeit, Zynismus oder mangelnden Stil begreifen könnte, verleiht dem Film aber genau die Seele, die andere, nicht weniger am Reißbrett entworfene Eventkino-Blockbuster vermissen lassen und die THE GOONIES auch 30 Jahre später noch zu einem Liebling macht, mit dem warme Erinnerungen verbunden werden. Spielberg und Donner haben einen Film gedreht, der genauso improvisiert, unperfekt, geschmacksverwirrt und ungezogen ist wie seine Protagonsiten und ihr Wohnort. Es ist ein Film, der einem damals sagte, dass man weder ein schickes Haus in einem schnieken Vorort braucht noch teuere Markenspielsachen, besonders intelligente oder wohlerzogene Freunde oder wohlhabende Eltern, um jemand zu sein. Dafür würde ich ihn auch heute noch vehement gegen jede Kritik verteidigen.

 

 

Basic CMYKZugegeben, LETHAL WEAPON 4 ist nicht so öde und lahmarschig wie der direkte Vorgänger, aber dafür so dermaßen übersteuert, dass er kaum weniger nervtötend wirkt. Seinerzeit fand ich ihn wohl ziemlich spektakulär und aufregend, die Melange aus Action und gefühlsduseliger Familienkomödie aber schon damals streitbar, weder wirklich zufriedenstellend noch gar überzeugend. Heute, knapp 15 Jahre später stehe ich dem Film gegenüber wie ein Höhlenmensch, der plötzlich mit Lady Gaga konfrontiert wird: Ich verstehe ihn nicht. Der Film suggeriert mir, dass mir das, was ich da sehe, ein Riesenvergnügen bereiten sollte, aber je überzeugter der Film von seinem Gelingen ist, umso mehr hat er mich befremdet und abgestoßen. Da ist diese wirklich grau-en-haf-te Szene, in der Riggs (Mel Gibson), Murtaugh (Danny Glover) und ihr neuer Partner Butters (Chris Rock – weil dieser Film nichts so sehr braucht wie noch einen Spaßvogel) sich in das Behandlungszimmer einer Zahnarztpraxis schleichen, um einen dort wartenden  Verdächtigen mithilfe von Lachgas zu verhören. Natürlich bekommen auch Riggs und Co. mehr als eine Brise des Betäubungsmittels ab, und die ganze Szene endet in unbändigem Gelächter und Lachkrämpfen, die an die Darbietungen einer mittelmäßigen Impro-Theatergruppe erinnern. Die Differenz zwischen meinem Gemütszustand und dem der Protagonisten hätte während dieser Szene kaum größer sein können. Nicht nur ist das ganze Lachgas-Szenario grauenhaft altbacken ist (es hilft nichts, dass Donner seit LETHAL WEAPON immer und immer wieder die Three Stooges referenziert, um sich abzusichern): Es ist einfach erschreckend unwitzig.

Der sich in dieser Szene niederschlagende Mangel an Selbstreflexion – Richard Donner scheint mir wirklich ein bemerkenswert dummer Mensch zu sein – zeichnet den ganzen Film aus. Hat denn wirklich keiner gemerkt, dass dieser Riggs ein grotesk unsympathisches Arschloch ist, mit seiner Herablassung gegenüber Schwächeren, seinem unverhohlenen Hass auf die Chinesen, die hier das Schurkenpersonal stellen, seiner Bully-Mentalität und seinem Sexismus? Besonders ätzend gerät der unvermeidliche Auftritt der Polizei-Psychologin: Nachdem sie ihm erneut eine Therapie angeraten hat (gähn!), stellt Riggs sie vor versammeltem Polizeirevier bloß, indem er ihr sexuelles Interesse an ihm unterstellt. Klar, dass ein selbstverliebter Geck wie er sich nicht vorstellen kann, dass eine Frau aus einem anderen Grund mit ihm spricht. Und wie idiotisch sich alle verhalten! Riggs erfährt in der Eröffnungsszene von Murtaugh, dass Lorna (Rene Russo) von ihm schwanger ist, weil sie sich nicht getraut hat, es ihm selbst zu sagen. In den folgenden 120 endlosen Minuten vollführen die beiden Endvierziger einen Eiertanz um die Frage, ob sie heiraten sollen: Man fühlt sich wie im Kindergarten. Murtaughs Tochter Rianne hat ihrerseits nicht nur ihre Schwangerschaft vor ihrem Daddy geheim gehalten, sondern gleich auch noch ihre Heirat einschließlich Ehemann. Die Versuche des Inkognito-Schwiegersohns Butters, sich bei Murtaugh beliebt zu machen, missversteht dieser „natürlich“ als die Avancen eines Schwulen. Es ist wirklich beeindruckend, wie würdelos sich Erwachsene verhalten können. Oder vielmehr: Was Donner so alles für lustig hält. Alles aus ist dann am Schluss, wenn es eine rührselige Ansprache von Leo Getz (Joe Pesci) gibt, der nunmehr seit drei Filmen übelste Demütigungen und Beschimpfungen über sich ergehen lassen musste und trotzdem vor lauter Dankbarkeit fast vergeht. Die zwei, drei netten, wirklich witzigen Momente – etwa das Mantra-artig wiederholte „I’m not too old for this shit!“, eine auf-den-Kopf-Stellung von Murtaughs Lieblingsspruch, mit der die beiden ihre unleugbaren Alterserscheinungen wegbeten wollen – fallen bei der Anzahl schmerzhaft-idiotischer Einfälle kaum ins Gewicht.

Von der Actionfront gibt es leider kaum Positiveres zu vermelden. Es kracht, wie erwähnt, etwas mehr als im dritten Teil, aber wirklich mitreißend ist das alles nicht. Der Erfolg einer spektakulären Verfolgungsjagd wird massiv dadurch geschmälert, dass man Gibsons Stunt-Double allzu oft allzu gut erkennen kann, Jet Lis Martial-Arts-Künste sind weitestgehend verschenkt, zumal seine Rolle mit „eindimensional“ noch reichlich wohlwollend beschrieben ist. Nee, nee, das ist alles nichts. Vielleicht ist LETHAL WEAPON 4 einfach schlecht gealtert, vielleicht ist man bei der gerechten Einschätzung des Films auch durch Gibsons Eskapaden in den  letzten Jahren beeinträchtigt. Aus heutiger Warte kann ich mir jedenfalls kaum erklären, warum ich diesen Film nicht damals schon gehasst habe. Ein eindrucksvolles Beispiel, dass Älterwerden mitnichten bloß körperlichen und geistigen Verfall bedeutet, sondern manchmal auch mit einer begrüßenswerten Weiterentwicklung einhergeht.

lethal-weapon-3-pLETHAL WEAPON 3 ist eine Katastrophe. Ein komplett unerträgliche Angelegenheit, die alles, was man schon in den beiden Vorgängern nur ausgehalten hat, weil das Gesamtpaket stimmte, auf epische Breite auswalzt und in noch einmal runtergedummter Version präsentiert – und dabei dann auch noch vergisst, wenigstens ordentlich Rabatz zu machen. Der Film beginnt mit der besten Szene – Riggs (Mel Gibson) jagt bei dem Versuch, eine Bombe entschärfen, ein Hochhaus in die Luft – und hat danach rein gar nichts mehr zu bieten. Jener Auftakt wurde dann damals auch marketingtechnisch weidlich ausgeschlachtet: Dass man eine echte Häusersprengung als Hintergrund benutzte, empfand man seltsamerweise als erwähnenswerte News und nicht etwa als billige Abkürzung der Filmemacher. Von diesem netten Einstieg an geht es nur noch bergab. Die ganz lustige Idee, die beiden Chaos-Cops zum Streifendienst zu verdonnern, wird nach einer kurzen Szene wieder verworfen, bevor sie wirklichen Ertrag eingefahren hat (immerhin dürfen die beiden Helden auf die ihnen eigene „sympathische“ Art einen arglosen Bürger drangsalieren). Der eigentliche Plot um einen Ex-Cop, der sein Insider-Wissen nutzt, um beschlagnahmte Waffen aus der Asservatenkammer zu stehlen, und diese dann samt Teflon-durchschlagender „Cop-Killer“-Munition an Street Kids verhökert, kommt nie in die Gänge. Ständig ist irgendein anderer Schwachsinn wichtiger: Leo Getz (Joe Pesci), der sich nun als geschwätziger Immobilienmakler verdingt, Murtaughs (Danny Glover) Haus verkaufen will und nach einer harmlosen Schussverletzung auf Geheiß seiner beiden feinen Freunde Darmspiegelung und Rektaluntersuchung erhält. Die sich anbahnende Beziehung zwischen Riggs und der Internal-Affairs-Beamtin Lorna Cole (Rene Russo). Das Drama um Murtaugh, der wenige Tage vor seiner Pensionierung in Notwehr einen auf die schiefe Bahn geratenen Freund seines Sohnes erschießt. Der ganze Film ist eine Ansammlung von Satelliten-Ideen, die aufgrund des Verlustes ihres Gravitationszentrums orientierungslos im Nichts schweben, weitab der Umlaufbahn, die ihnen vielleicht einmal Sinn verliehen hat. Der Oberschurke Jack Travis (Stuart Wilson) absolviert hingegen kaum mehr als gelegentliche Gastauftritte, damit man nicht vergisst, dass LETHAL WEAPON 3 ein Actionkrimi sein soll, und gerät zur totalen Non-Entität: Seine Motivation, sein Plan, das alles ist kaum von Interesse und wird dann lediglich zwischen Tür und Angel abgewickelt, weil man es nicht einfach ganz weglassen wollte. Der Showdown in einer nicht fertig gestellten Neubausiedlung wird zwar mit viel Tamtam und Gerumms inszeniert, wirkt aber verglichen mit den Actionszenen der Vorgänger wie aus einer Videopremiere geklaut. Man mag kaum glauben, dass die Köpfe hinter der Serie, die in den vorangegangenen Installationen vielleicht nicht sonderlich inspiriert war, aber für sich doch immerhin in Anspruch nehmen konnte, das Hollywood’sche Achterbahnversprechen ohne Einschränkungen einzulösen, sich zu diesem auf allen Ebenen enttäuschenden Rohrkrepierer hinreißen ließen und dafür noch nicht einmal die entsprechende und verdiente Quittung an den Kinokassen erhielten.

Inhaltlich wird die im Vorgänger schon angedeutete Richtung indessen konsequent weiterverfolgt: Riggs bekommt endlich die Frau zur Seite gestellt, die ihn zügeln und das Wasser reichen kann. Rene Russo absolviert als schlagkräftige Polizeibeamtin fast mehr Actionszenen als Gibson und die Szene, in der die beiden ihre Narben miteinander vergleichen, ist dann auch ein weitestgehend einsamer, wenn auch wenig origineller Höhepunkt des Films. Ein regelrechtes Ärgernis stellt hingegen wieder einmal der Auftritt der Polizeipsychologin Dr. Stephanie Woods (Mary Ellen Trainor) dar, deren unermüdliche, seit dem ersten Teil währenden Bemühungen, Riggs zu einer Therapie zu überreden, mittlerweile deutlich stalkerhafte Züge annehmen. Ein besonders frappierendes Beispiel für den ätzenden Anti-Intellektualismus, Sexismus und Chauvinismus, die die Reihe zwar von Beginn an begleiten, zuvor aber noch offensiv angegangen und daher produktiv zur Wirkung gebracht werden konnten. Der dritte Teil ist nur noch spießig und borniert, dabei aber auch noch jeder kontroversen Härte beraubt (als einziger der Reihe ging er in Deutschland mit 16er-Freigabe durch). Das liegt eben daran, dass die Ausgangsidee der Serie, die Paarung eines braven Familienmanns in den besten Jahren mit einem trainierten und an Depressionen leidenden Killer, im dritten Teil längst passé ist. Klar, Riggs muss sich auch hier mal wieder schmerzhaft die Schulter aus- und wieder einrenken (noch so eine alte, aufgewärmte Idee), und ab und zu darf er noch gefährlich mit den Augen rollen, doch eine tödliche Waffe, eine Bedrohung auch für das eigene Leben, ist er längst nicht mehr. Seine Kanten sind abgeschliffen, sein Schmerz gestillt. Papa hat ihn heim ins Reich geholt, wo der Kleingeist, der er ist, gänzlich reflexionsfrei seinem Omnipotenzwahn nachgehen und seine Polizistenmacht missbrauchen darf, um all jene zu gängeln, die nicht in sein begrenztes Schema passen. Aber das größte Vergehen von LETHAL WEAPON 3 ist noch etwas anderes: Dass Donner noch nicht einmal in der Lage ist, selbst ein Mindestmaß an Interesse für diese Figuren aufzubringen oder seinen Film wenigstens mit einem Tempo zu inszenieren, bei dem einem nicht vor lauter Langeweile die Füße und die Arschbacken einschlafen.

Nach dem Erfolg von LETHAL WEAPON war ein Sequel unvermeidbar. Nach Hollywood-Logik beinhaltet es alles, was den Vorgänger zum Hit machte, in erhöhter Dosis: Der Humoranteil wird durch die Einführung von Joe Pescis Charakter noch einmal gesteigert, die Actionszenen und Stunts sind elaborierter und ausufernder, die Gewalt ist für eine solche Großproduktion von bemerkenswerter Ruppigkeit. Nach den CIA-Schurken des ersten Teils wird eine besonders hassenswerte Antagonistenschar weißer südafrikanischer Rassisten aufgeboten, die unter dem Deckmantel diplomatischer Immunität ihr kriminelles Unwesen treibt. Hier schleicht sich dann sogar Tagesaktualität ein, wird nicht mehr gegen den 1989 schon in der Abwicklung befindlichen Ostblock propagandiert, sondern gegen den noch aktiven Apartheidsstaat. Das geschieht nicht ohne ätzende Polemik – alle weißen Südafrikaner des Films sind groteske Nazikarikaturen –, die durch die Anwesenheit Murtaughs gewissermaßen legitimiert wird (wer im ersten Teil genau aufgepasst hat, hat am Kühlschrank der Familie Murtaugh einen Anti-Apartheid-Free-South-Africa-Aufkleber entdeckt). Die Verwendungen des rassistischen Schmähworts „Kaffer“ sind nicht zu zählen und wirken heute, nach etlichen N-Wort-Debatten und PC-Diskussionen, reichlich zynisch und kalkuliert. Hinsichtlich der Affektsteuerung ist diese Konstellation natürlich Gold wert: Man wähnt sich mit der Sympathie zu Riggs und Murtaugh instinktiv sofort auf der richtigen Seite, auch wenn sich die Methoden, mit denen die Südafrikaner hier kollektiv als Unmenschen verurteilt und die USA als gelobtes Land der Toleranz gefeiert werden, jene so manches vermeintlich antisowjetischen Propagandafilms der mittleren Achtzigerjahre weit in den Schatten stellen. Der Zorn Riggs‘, der sich am Ende gegen die Schurken entlädt, nachdem seine neue Flamme (Patsy Kensit) exekutiert wurde, spiegelt den Amoklauf Rambos nach dem Mord an Co in RAMBO: FRST BLOOD PART II; mit dem Unterschied, dass die eigentlichen Schurken damals in den eigenen Reihen zu suchen waren – und in einem Akt der Selbstbeherrschung verschont blieben. Hier setzen sich Murtaugh und Riggs über geltendes Recht krass hinweg, spucken auf die diplomatische Immunität und richten den ätzenden Popanz Arjen Rudd (Joss Ackland) mit einem Kopfschuss hin, als der ihnen mit triumphierendem Grinsen seinen Diplomatenpass entgegenhält. Man könnte durchaus sagen, dass LETHAL WEAPON 2 mit seinen reaktionären Tendenzen, Gewalt- und Allmachtsfantasien im Gewand der Unterhaltung problematischer ist, als alle „reaktionären“ Actionfilme zuvor.

Auch inhaltlich erzählt LETHAL WEAPON 2 vom Regress: Riggs ist zu Beginn des Films ganz im Schoße der Familie Murtaugh angekommen, geht bei ihnen ein und aus. Der ständig auf des Messers Schneide tänzelnde Psychopath, der er im ersten Teil noch war, ist unter Kontrolle, hat seine Probleme gelöst. So berichtet er Murtaughs Gattin dann auch einmal von jenem Abend, an dem er vom Tod seiner Frau erfuhr: Zwar merkt man ihm an, wie es hinter der betont coolen Fassade brodelt, aber man muss keinen Rückfall in die manische Depression mehr befürchten. Seine an Masochismus grenzende Tollkühnheit nutzt er vor allem, um ein paar Dollar nebenbei zu verdienen: So befreit er sich durch mutwilliges Auskugeln des Schultergelenks gegen Geld von seinen Kollegen aus einer Zwangsjacke und renkt sie sich äußerst schmerzhaft vor den Augen der Polizeipsychologin, die ihn eh am liebsten in Behandlung sähe, wieder ein. Er gleicht einem domestizierten Wolf: Seine Unberechenbarkeit ist in geordnete Bahnen überführt, nutzbar gemacht. Wenn es nötig ist, wird er von der Leine gelassen. Dann zeigen seine Augen wieder dieses gefährliche Blitzen, ist ihm alles zuzutrauen, gleicht er einem Pyromanen in der Feuerwerkskörper-Fabrik. Wie dieser Mann tickt, wird sehr schön in einem eher unauffälligen Moment deutlich: Als er seinen Partner Murtaugh regungslos auf der Toilette sitzend vorfindet, mit ruhiger Stimme sprechend und wie von einer tiefgreifenden Erkenntnis befallen. schleicht sich echte Angst in Riggs Gesicht. Als Murtaugh Riggs jedoch offenbart, dass seine Kloschüssel mit einer Bombe versehen ist, die ihn dort seit Stunden festhält, entfährt diesem ein Stoßseufzer der Erleichterung. Mit einer handfesten lebensgefährlichen Situation kann er umgehen, mit dem Geständnis eines allzumenschlichen Problems wäre er indessen überfordert gewesen. Der weitere Verlauf des Films zeigt dann auch, das es ein frommer Wunsch ist, diesen Mann dauerhaft unter Kontrolle zu halten. Nach dem Tod seiner Liebschaft und der die Glaubwürdigkeit etwas überstrapazierenden Offenbarung, dass die Südafrikaner auch am Tod seiner Ehefrau beteiligt waren, rastet Riggs völlig aus, beginnt einen Ein-Mann-Feldzug gegen die Bösewichter, in den er auch seinen sonst so zivilisierten Freund Murtaugh mit hineinzieht. LETHAL WEAPON 2 macht eindrucksvoll klar, dass es nur eine Sache gibt, die diesen Riggs dauerhaft zähmen kann: Und tatsächlich wird er dann ja im nächsten Film eine gleichberechtigte Partnerin finden.

Die angesprochene Law-and-Order-Mentalität und der kaltschnäuzige Zynismus des Films werden zwar vordergründig durch die liebenswerten Kumpeleien des Films konterkariert, spiegeln sich aber auch in der herablassenden Behandlung, die Riggs und Murtaugh dem ihnen anvertrauten Leo Getz angedeihen lassen. Pesci lässt sich als kleiner Giftzwerg mit Plappermaul inszenieren, als Comic Relief, an dem sich die beiden echten Kerle abreagieren können – sogar der sonst so brave Murtaugh wird ihm gegenüber zum waschechten bully. Da setzt es in einer Tour Backpfeifen, Nasenstüber, verbale Demütigungen und Beleidigungen, die Leo in geradezu hündischer Ergebenheit hinnimmt und fast noch dankbar dafür ist, dass er von diesen beiden gewachsenen Mannsbildern wenigstens irgendwie wahrgenommen wird. Auch wenn Donner seine beiden Helden wahrscheinlich wirklich als dufte Typen verstanden wissen wollte: Eher unabsichtlich gelang ihm ein recht treffendes Bild einer geschlossenen Männergesellschaft, die nur ihresgleichen als gleichberechtigt akzeptieren kann, ihre Zuneigung in kleinen Sticheleien ausdrückt und Außenstehende ausschließlich mit einer Geringschätzung zu behandeln weiß, in der sich die Frustration über den eigenen gesellschaftlichen Status niederschlägt. Auch der Zorn auf die südafrikanischen Diplomaten ist nur indirekt mit deren Machenschaften und ihrer Ideologie zu erklären: Hinter dem Gesicht der Rechtschaffenheit verbirgt sich nichts anderes als die hässliche Fratze des Wutbürgers, der im gegenüber all das verkörpert sieht, was er nicht hat. Ich finde es toll, wie LETHAL WEAPON 2 – ganz wie seinem Protagonisten Riggs – die Kontrolle entgleitet und diese Fratze zum Vorschein kommt, wie der „Spaß für die ganze Familie“ zur verfilmten Bild-Zeitung gerät. Teil 1 war wahrscheinlich zwingender und runder, weniger aufgeblasen mit Albernheiten, aber das Sequel ist einzigartig in seiner Falschheit. Ein Spätachtziger-Masterpiece.

Ich beginne diesen Text über LETHAL WEAPON (über den ich – unglaublich, aber wahr – tatsächlich noch nie geschrieben habe) mit einer Behauptung: Donners Film bedeutet bei seinem Erscheinen vor über 25 Jahren den Startschuss zu einer weitreichenden Veränderung des amerikanischen Actionfilms. Zu seiner Zeit wurde das wahrscheinlich gar nicht so bemerkt, weil man noch nicht ahnte, welche Welle ihm folgen würde. Und betrachtet man ihn gewissermaßen „ahistorisch“, so scheint er doch lediglich ein überdurchschnittlich gut gelungener, überdurchschnittlich erfolgreicher, keinesfalls aber bahnbrechender oder gar besonders innovativer Vertreter des Buddy-Cop-Films, der ja seinerzeit selbst nur existierte, weil Walter Hill wenige Jahre zuvor mit 48 HRS. ein massiver Hit gelungen war. Man könnte zu der Meinung gelangen, LETHAL WEAPON sei ein sehr typisches Produkt seiner Zeit. Diesen Glauben müsste man nur bedingt einer Wahrnehmungsstörung zuschreiben: Donner bereitet den Paradigmenwechsel höchst geschickt vor, legt sein Ei wie der Kuckuck ins gemachte Nest des Achtzigerjahre-Actionfilms und lässt seine neue Brut in der Geborgenheit des Altbekannten aufziehen. Damit sein Jungtier von den Pflegeeltern nicht verstoßen wird, hat es genug Ähnlichkeit mit diesen, dennoch zeigt es bei genauer Betrachtung unverkennbare eigene Züge, der Keim für die genetische Veränderung ist gelegt.

Wurde das Actionkino seines Jahrzehnts bis zu diesem Zeitpunkt weitestgehend von grimmigen, entschlossenen Helden beherrscht, die der bösen Welt am Rande des Dritten Weltkriegs nur wenig zum Lachen abringen konnten, so schleicht sich mit LETHAL WEAPON eine gewisse Lockerheit ein. Zwar gab es auch hier handfeste Gewalt zu bestaunen, aber ihre Wirkung wird zum einen durch einen sehr dominanten Humor und einen soapoperesken Charakter geschmälert. Der Unterschied fällt umso stärker ins Gewicht, als mit Mel Gibsons traumatisiertem, an der Schwelle zum nervlichen meltdown stehenden Ex-Special-Forces-Mann  und Vietnamveteranen Riggs – der titelgebenden „tödlichen Waffe“ – ein Protagonist zur Verfügung steht, dessen Biografie ihn durchaus zu einem Kompagnon der Rambos und Braddocks macht. Was in FIRST BLOOD oder MISSING IN ACTION jedoch noch Ausgangspunkt für menschliches Drama war, dem Zuschauer einen ernüchternden Blick auf die Verkarstungen der Seele ermöglichte, die der Krieg angerichtet hatte, das ist bei LETHAL WEAPON schon zum Klischee geronnen und kann auf der nächsten Metaebene verhandelt werden. Riggs‘ „Macke“, die durch den Unfalltod seiner Frau noch verstärkt wurde, ist hier kein Handicap, sondern befähigt ihn im Gegenteil gerade dazu, es mit Schurken verschiedener Couleur aufzunehmen. Wenn er in einer Szene nicht ohne Stolz erzählt, dass er im Krieg einen Mann auf rund 1.000 Meter bei starkem Wind erschossen habe und damit wahrscheinlich einer der 9, 10 besten Schützen der Welt sei, verleiht das der Figur einen Hauch von Coolness und Verwegenheit. Dass ihn die Ausbildung, die er für diese Befähigung durchlaufen musste, auch eines Stücks seiner Menschlichkeit beraubt hat – etwas, das in Kotcheffs FIRST BLOOD noch ganz offen thematisiert wird –, spielt in LETHAL WEAPON jedoch keine Rolle mehr. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg ist nicht mehr erforderlich, er liefert gewissermaßen nur noch eine Kulisse. Wenn Donner also auf den Vietnamkrieg rekuriert, ist nicht länger der historische Konflikt gemeint, sondern nur noch seine filmische Repräsentation.

Riggs‘ Veteranenstatus und seiner „Psychose“ kommt dennoch eine wichtige erzählerische Funktion zu: Sie werden zur entscheidenden Triebfeder in der Beziehung zu seinem neuen Partner, dem zu Beginn des Films seinen 50. Geburtstag feiernden Familienmann Murtaugh (Danny Glover). Der ist hin und hergerissen zwischen dem Bedürfnis, langsam seinem Ruhestand entgegenzuschippern (die passende Yacht liegt schon in seiner Einfahrt), und der Ernüchterung, schon zum alten Eisen zu gehören. Riggs verstärkt beides mit seinem Draufgängertum und seiner Scheißegal-Haltung und bewirkt noch einmal eine Art Frischzellenkur bei Murtaugh, der seinem asozialen Kollegen seinerseits wieder zu einer gewissen Erdung und Ordnung verhilft. Es ist diese Dynamik, die LETHAL WEAPON bestimmt. Der Krimiplot wird hingegen auffallend lax erzählt, nahezu alle Ermittlungserfolge sind dem Zufall, unerklärlichen Geistesblitzen oder der Arglosigkeit der Schurken geschuldet. LETHAL WEAPON folgt der Beziehung von Riggs und Murtaugh über eine Reihe von Action-Set-Pieces, in deren Verlauf die anfänglichen Antipoden immer mehr zusammenwachsen, bis sie den Killer Mr. Joshua (Gary Busey) schließlich im Verbund, Rücken an Rücken stehend gemeinsam erschießen, der eine aus seiner modernen 15-Schuss-Kanone, der andere mit seinem Altherrenrevolver.

LETHAL WEAPON machte 1987 den Weg frei für ein familienfreundliches Actionkino, eines, dessen Charaktere „sicher“ sind, selbst wenn es sich bei ihnen, wie im Falle von Riggs, um trainierte Killer handelt; dessen Action nicht mehr in erster Linie als Ausdruck dieser Charaktere, sondern viel eher als Attraktion und Schauwert „an sich“ inszeniert wird. In dem alles auf Entertainment und Immersion ausgerichtet ist und das sich nicht mehr so sehr als expliziter Kommentar zu einer wie auch immer gearteten Realität versteht, sondern das gerade seine Künstlichkeit, sein Film-Sein in den Vordergrund stellt. Das klingt jetzt wie ein Verriss und wer meine Haltung zum Actionkino kennt, der weiß ja auch, was ich bevorzuge. Für LETHAL WEAPON mache ich gern eine Ausnahme. Sein Kuckucksei-Charakter verleiht ihm eine zynisch-bittere Note, die in Verbindung mit dem breiten Appeal des Films durchaus als subversiv zu nennen ist. Diese Zwiespältigkeit geht den folgenden Einträgen der Reihe immer mehr ab. Sie zeichnen so nicht nur die Entwicklung des Actionfilms vom brutalen Männerspaß zur familientauglichen Achterbahnfahrt nach, sondern auch die seiner Helden: Auch die „tödliche Waffe“ will irgendwann einmal im Schoß der Familie ankommen. Rambo konnte davon nur träumen.

Der wunderlich-paranoide New Yorker Taxifahrer Fletcher (Mel Gibson) nervt seine Fahrgäste mit haarsträubenden Verschwörungstheorien und gibt auch noch einen Newsletter heraus, den er nach akribischer Recherche scheinbar unbedeutender Zeitungsartikel verfasst. Nebenbei belästigt er die Anwaltsgehilfin Alice Sutton (Julia Roberts) und versucht erfolglos, sie von der Richtigkeit seiner Theorien zu überzeugen. Und tatsächlich: Als er plötzlich von dunklen Schattenmännern überwältigt, gefoltert und verhört wird, erscheinen seine vermeintlichen Märchen in einem anderen Licht …

Verfügte der direkte Vorgänger ASSASSINS (ich berichtete) noch über eine gelungene halbe Stunde zum Ende hin, geht bei CONSPIRACY THEORY bereits nach 20 Minuten alles den Bach runter. Auch hier muss man Donner anlasten, die Möglichkeiten seines Themas nicht im Ansatz erkannt und dem Film mit einer miserablen Schauspielerführung eine zusätzliche Bürde auferlegt zu haben. Statt Banderas ist es diesmal Gibson, der bei der Darstellung des Paranoikers jegliche Zurückhaltung und Subtilität fahren lässt, sich ganz in die Arme des überzogenen Grimassierens und Stammelns flüchtet und damit den ersten Nagel in den Sargdeckel des Films hämmert. Viel entscheidender ist aber das Versagen auf erzählerischer Ebene. Schon nach kurzer Zeit wird die Spannung, die sich aus der Frage ergibt, ob dieser Fletcher nun lediglich ein Spinner ist oder aber doch irgendetwas weiß, mit dem Auftauchen der bösen Buben in dunklen Anzügen zugunsten der Gewissheit geopfert. Aber was ist es, was Fletcher weiß und was ihn zur Gefahr für rätselhafte Staatsbehörden werden lässt? Dieser Frage geht CONSPIRACY THEORY den Rest der mit zwei Stunden viel zu langen Spielzeit nach und verlässt sich somit ganz auf die Zugkraft seiner finalen Auflösung – zu Unrecht. Anstatt also einen Film über die paranoide Wahrnehmung und die konstruktivistische Weltsicht zu machen, wie es das Thema „Verschwörungstheorie“ ja geradezu herausfordert, begnügt sich Richard Donner damit, seinen Stoff auf lange Verfolgungsjagden und die Eskapaden seiner skurrilen Hauptfigur zu reduzieren. Man soll es kaum für möglich halten: CONSPIRACY THEORY ist so missraten, verworren und langweilig, dass man sich noch nicht einmal darüber aufregen kann, dass er im Kern auch noch moralisch verkommen ist und die kleinbürgerlichen Fantasien vom bösen, alles überwachenden Staat bestätigt. Anstatt die paranoide Weltsicht seines Protagonisten – und damit die Existenz von Verschwörungstheorien als reaktionäre Konstruktion –  also zu entlarven und aufzulösen, feiert der Paranoiker in CONSPIRACY THEORY seinen Siegeszug, denn „sie“ sind tatsächlich hinter uns her. Und ich habe die Vermutung, dass sie auch in Donners Hirn herumgepfuscht haben …

Robert Rath (Sylvester Stallone), die Nummer eins unter den Profikillern, will nur noch einen Auftrag ausführen, bevor er sich endgültig aus dem Geschäft zurückzieht. Seinen Platz an der Spitze desselben brachte ihm ein Verrat ein: der hinterhältige Mord an seinem Mentor und Freund Nicolai (Anatoli Davydov). 15 Jahre lebte Rath mit der Schuld, nun wird der Spieß umgedreht: Der heißblütige, hitzköpfige Miguel Bain (Antonio Banderas) kommt Raths Ausstiegsplänen in die Quere. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen, nur dass diesmal Rath die Zielscheibe ist. Doch wer ist der Spieler, der die beiden Figuren auf dem Brett bewegt?

ASSASSINS bildet in Stallones Karriere den Übergang vom Actionhelden der Achtzigerjahre hin zu den das Alter ihres Darstellers reflektierenden ROCKY BALBOA und JOHN RAMBO. Rath ist der alternde, müde gewordene Profi, der vom Mordgeschäft genug hat und endlich in Frieden leben will, Bain repräsentiert die nächste Generation, die eine gänzlich andere Auffassung von ihrem Job hat. Während Rath der kühle, reflektierte, aber stets auch einem ritterlichen Ehrenkodex verpflichtete Killer ist, ist Bain ein Derwisch, ein Adrenalinjunkie, ein Psychopath, dem das Töten den ultimativen Kick beschert. Ihm geht es nicht ums Geld, sondern darum, Geschichte zu schreiben. Rath in einer Duplizierung der Geschehnisse von vor 15 Jahren zu erschießen, seine Position einzunehmen, bedeutet ihm alles. Doch es ist gerade diese Besessenheit, die ihn am Ende scheitern, den alten Hasen erneut als Sieger vom Feld ziehen lässt.

ASSASSINS habe ich – alter Stallone-Fan, der ich bin – kurz nach seinem Erscheinen Mitte der Neunziger auf Video begutachtet und schon damals nie wirklich den Zugang zu ihm finden können. Klar, nach Stallones schrecklich fehlgeleiteten Komödienversuchen OSCAR und STOP! OR MY MOM WILL SHOOT – für deren Scheitern er allerdings keinesfalls allein verantwortlich war, das sollte man der Fairness halber mal erwähnen – und den ebenfalls nur bedingt gelungenen DEMOLITION MAN, THE SPECIALIST und JUDGE DREDD war ASSASSINS wieder ein Schritt in die richtige Richtung, ein guter Film ist er, das kann ich heute mit großer Gewissheit sagen, aber dennoch nicht. Richard Donner, eigentlich ein guter Mann für mundgerecht verpackte Mainstreamware, hat weder das Potenzial des Stoffes erkannt noch einen befriedigenden Timewaster hinbekommen. ASSASSINS ist merkwürdig ziellos. 90 Minuten lang plagt man sich durch einen umständlich erzählten Plot, dessen Figuren mit Ausnahme von Stallones Rath vollkommen fremd und unglaubwürdig bleiben und der streckenweise unerklärlich plump inszeniert ist. Der schwarze Peter geht eindeutig an den Spanier Banderas, der seinen Miguel Bain als hyperaktiven Schmierlappen anlegt und einem mit Augenrollen, Grimassen und schrecklichen Manierismen den letzten Nerv raubt. Der Gedanke dahinter ist sicherlich richtig: Bain spiegelt auch den Zeitenwandel wider, der Rath gerade dazu bewegt, seinem Geschäft den Rücken zu kehren; ein Wandel, der sich auf einer Metaebene auch auf Stallones Genre bezieht: Kühle Zurückhaltung ist nicht mehr gefragt. Aber weil Donner die Zügel, mit denen er Banderas führt, vollkommen schleifen lässt, gerät ASSASSINS nicht zur Reflexion über den Actionfilm im Wandel der Zeit, sondern zum hohlen Kasperletheater. Erst ganz zum Schluss, wenn Bain am Ziel angekommen, nur noch einen Schuss vom Ziel entfernt zu sein scheint, aber vom alten Fuchs Rath an seinem wunden Punkt – seiner Ungeduld – erwischt und so ausgespielt wird, erkennt man, wohin das Drehbuch der Wachowskis ASSASSINS hätte führen können, wenn mit Donner nicht jemand auf dem Regiestuhl gesessen hätte, der gerade knietief in der kreativen Krise steckte (dazu im nächsten Text mehr). Auf einmal ist sie da: Die Spannung, der Nervenkitzel, sind die Figuren an ihrem Platz, ergibt alles einen Sinn, erkennt man auch endlich einen visuellen Stil. Doch die Freude währt nicht allzu lang: Zur finalen Konfrontation wird wieder der Weg des Kintopps beschritten, die Würde der Figuren der Konvention geopfert. Traurig, wirklich traurig.