Mit ‘Richard Eichberg’ getaggte Beiträge

Richard Eichbergs DER GREIFER von 1930 und der ein Jahr später ebenfalls unter Eichbergs Regie entstandene DER DRAUFGÄNGER markieren meine (bewusste) Erstbegegnung mit dem „blonden Hans“. Sicherlich habe ich in meiner Kindheit und Jugend mal Schnipsel von MÜNCHHAUSEN Im Fernshen aufgeschnappt und möglicherweise auch von GROSSE FREIHEIT NR. 7, aber komplett habe ich beide nicht gesehen. Der Einstieg mit diesen beiden Filmen ist, vertraut man den Booklets, die den beiden bei Filmjuwelen erschienenen DVDs beiliegen, gewissermaßen ideal. Zwar begann Albers‘ Filmlaufbahn schon zu Stummfilmzeiten im Jahre 1915 und seine Filmografie umfasst bis 1930 schon annähernd 120 Einträge, doch war er bis dahin noch überwiegend auf Nebenrollen und zwielichtige Charaktere abonniert (wie gesagt: ich referiere hier aus zweiter Hand). Es war Eichbergs DER GREIFER, ein britisch koproduzierter Titel, der im Zuge der ersten Welle von Edgar-Wallace-Verfilmungen entstand, der ihn als den sympathischen Tausendsassa etablieren sollte, mit dem der echte Hans Albers daraufhin weitestgehend verschmolz. Der Film erwies sich als so bedeutend für Albers‘ Karriere, das er 1958 noch einmal aufgelegt wurde.

Albers, zu dessen habichtartigem Gesicht der Spitzname deutlich besser passt als zu Belmondos Boxernase, spielt in DER GREIFER den Londoner Polizisten Harry Cross. Er fahndet nach dem verbrecherischen „Messer-Jack“, der mit seinen dreisten Raubüberfällen die Oberen Zehntausend der englischen Metropole in Atem hält. Die Spur führt ihn zu der Revuesängerin Dolly Moorehead (Charlotte Susa), die mit dem Ganoven unter einer Decke steckt. Cross bändelt mit ihr an, um Informationen zu erhalten, während Dolly gleichermaßen bemüht ist, ihn für ihren Partner in die Falle zu locken. Am Ende hält Cross natürlich alle Fäden in der Hand, doch dafür muss er erst einen Bühnenauftritt mit Dolly absolvieren, einen weiteren Überfall vereiteln, Gauner hoch unter dem Dach des Theaters verfolgen, diversen Mordanschlägen entgehen und am Ende den Kampf mit „Messer-Jack“ höchstpersönlich bestehen.

DER DRAUFGÄNGER versetzt Albers zur Hamburger Hafenpolizei, wo er als Hans Röder (hier beginnt schon namentlich die Auflösung der Trennung zwischen dem Schauspieler und seiner Figur, die Albers‘ weitere Karriere durchzieht) mit einem Juwelenraub, einer Rachegschichte und der schönen Trude (Martha Eggerth) zu tun bekommt, die in den Kriminalfall hoffnungslos verstrickt ist. Das Beruflich vermischt sich recht bald mit dem Privaten: Hans verliebt sich in die (nicht ganz so) unschuldige Trude und muss diverse Morde aufklären, bevor er sie am Ende in die Arme schließen kann.

Eichberg inszeniert beide Filme gerade in den Actionszenen überraschend modern, temporeich und unter fachkundiger Verwendung dessen, was ihm damals an „Spezialeffekten“ zur Verfügung stand. In DER GREIFER nutzt Cross während seines Theaterauftritts die Tatsache, dass er an Seilen hängt (seine Rolle soll gewissermaßen vor Verliebtheit in die Luft gehen), um in den Oberrang zu springen, wo „Messer-Jack“ gerade einen Überfall begeht. Die anschließende Verfolgung über die Lichttarversen des Theaters ist ebenso zupackend wie sein Schlusskampf mit dem Gangster. Auch der Schnitt weiß immer wieder kleine Überraschungen zu setzen, etwa wenn Cross nach seinem Theaterauftritt gesteht, dass er Dollys echten Partner überrumpelt habe, und Eichberg zum Illustrierung des Gesagten daraufhin in einem nur wenige Sekunden dauernden Insert zu besagtem Pechvogel schneidet, der gefesselt auf dem Boden seiner Kabine liegt. In DER DRAUFGÄNGER gibt es einen schönen Stunt, wenn Röder von einem Pferd kopfüber durch eine Luke und in ein Zimmer und eine frische Leiche stürzt. Der Film macht außerdem schönen Gebrauch von seinem Hafensetting und stürzt den Helden im Finale gemeinsam mit dem Schurken von einer Yacht ins dunkle Wasser.

Doch täuschen diese Momente nie darüber hinweg, dass es hier in allererster Linie darum geht, dem Star eine geeignete Bühne zu bieten. Albers regiert beide Filme, er ist gewissermaßen das Gravitationsfeld, auf dessen Umlaufbahnen sich alles andere einzuordnen hat. Er spricht mit der ihm eigenen Schnodderschnauze, geprägt von einer aufreizend lässigen Artikulation, macht den deutlich jüngeren Damen schöne Augen (ohne auch nur einmal an seiner Anziehungskraft zu zweifeln), hält ihnen Ständchen, singt vor sich hin, verspottet seine hässliche Kollegin (DER DRAUFGÄNGER), verteilt Fausthiebe, ballert herum und ist ganz allgemein die Inkarnation maskulinen Selbstbewusstseins. Seine immense Präsenz ist nicht zu leugnen: Albers ist – vielleicht vergleichbar mit seinen US-amerikanischen Kollegen John Wayne und Humphrey Bogart – gewiss kein brillanter Schauspieler, aber er hat wie die Genannten das unvergleichliche Talent, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und in jeder Einstellung das Zentrum zu bilden. Es gibt diese Menschen, die wohl dazu geboren wurden, vor der Kamera zu agieren. Hans Albers ist ohne Zweifel einer von ihnen. Dabei ist diese Form der Selbstdarstellung für den heutigen Zuschauer nicht immer leicht zu ertragen: Gerade die amourösen Elemente beider Filme gleiten aufgrund Albers‘ onkelig-aggressiver Art häufig in den Bereich des Sleaze ab. Bei der Szene in DER GREIFER, in der er mit Dolly auf dem Rücksitz eines Taxis herumflirtet, kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass da der Schauspieler der Sängerin Avancen macht, statt seines Charakters. Und wie Albers da neben ihr im Sitz hängt, scheint es, als versuchte er verzweifelt, eine gewaltige Erektion zu verbergen, ohne dabei allzu uncool auszusehen. (Ich nehme außerdem an, dass er beide Filme nicht nüchtern absolviert hat.) In DER DRAUFGÄNGER, in der sein Interesse dem „gefallenen“ Mädchen Trude gilt kommt noch so ein unguter paternalistischer Aspekt hinzu, der feministisch oder auch nur emanzipatorisch eingestellten Menschen heute nicht mehr zu verkaufen ist. Hans Röders Zuneigung zu dem unglücklichen Mädel wird da fast als humanitärer Dienst dargestellt und die Möglichkeit, dass sie auch kein Interesse an ihm haben könnte, ist einfach gar nicht vorgesehen. Da sitzt er in einer Hafenkneipe neben ihr und singt zum Liedchen des Schifferklavierspielers „Kind, du brauchst nicht weinen/Du hast ja einen/Und das bin ich“. Wenn man von Hans Albers angesabbert wird, sind alle anderen Sorgen tatsächlich passé.

Das Phänomen Hans Albers ist nach diesen beiden Filmen für mich immer noch nicht wirklich zu begreifen, aber doch etwas transparenter geworden. Ein geborener Entertainer, ohne Zweifel, dazu sicherlich jemand, der die Möglichkeiten schauspielerischen Ausdrucks mit seiner Art, sich zu bewegen und zu arikulieren für nachfolgende Generationen erheblich erweitert hat. Der Grad seines Ruhms ist für den heutigen Zuschauer aber nicht mehr zu verstehen. Wenn man etwa liest, wie Atze Brauner diesen Mann in seiner Autobiografie vergöttert, sich gar zu der Aussage versteigt, Albers habe „nicht sterben dürfen“, ist das heute nicht mehr annähernd nachvollziehbar. Vielleicht macht das aber gerade den Reiz aus, sich auch heute noch mit Albers zu beschäftigen.