Mit ‘Richard Harrison’ getaggte Beiträge

Die armen Bürger von Seriphos stehen im Clinch mit dem Königreich Argos: Wenn sie zum Meer wollen, um dort Handel zu treiben, werden sie von den Soldaten Argos‘ mit Waffen empfangen und geraten dabei entweder in die Fänge eines gefräßigen Sumpfmonsters oder der Medusa. Es scheint nur eine Möglichkeit zu geben, den Konflikt beizulegen: Andromeda (Anna Ranalli), die Tochter des Königs von Serephos, an den fiesen Galenor (Leo Anchóriz) zu verheiraten, seinerseits Thronfolger von Argos. Doch in einem Turnier, in dem Galenor seine Eignung beweisen will, wird ervon Perseus (Richard Harrison) besiegt: Und den weist ein Muttermal als dazu bestimmt aus, Galenor zu töten …

PERSEO L’INVINCIBILE hat zwei Stars: das Sumpfmonster, ein Dinosaurier, das von Effektpionier Carlo Rambaldi geschaffen wurde und noch so manches 20 Jahre später entstandene Gummimonster hinsichtlich Größe und Beweglichkeit in den Schatten stellt. Und dann die Medusa, die hier aussieht wie ein Lovecraft’sches Krakenmonster mit Spinnenbeinen und Zyklopenauge. Ihr Design ist tatsächlich sensationell, weil es absolut fremdartig wirkt: Ich mag gar nicht daran denken, wie mich dieses groteske Biest verstört hätte, wenn ich den Film damals im Abendprogramm aufgeschnappt hätte. Dazu kreierte Mario Bava ihr via grandiosem Glas-Matte den passend apokalyptischen Lebensraum, eine von versteinerten Menschen übersäte Einöde mit einem Vampirzahnbewehrten Höhleneingang am Horizont. Toll! (Die versteinerten Figuren stammten von Marios Vater Eugenio, der im Gegensatz zum Sohnemann dann auch in den Credits genannt wird.)

Leider begeht der Film einen folgenschweren Fehler: Er verheizt seine beden großartigen Spezialeffekte schon in den ersten zehn Minuten und beraubt sich so selbst eines echten Höhepunkts. Machen wir uns nichts vor: Die Story um den zu Großem berufenen Helden Perseus, der die Unterdrückten rettet, die Schurken bestraft, nebenbei zwei Monster abschlachtet und am Ende die Schöne in die Arme schließen darf, ist ganz nett, recht actionreich in Szene gesetzt, aber nichtsdestotrotz völlig vorhersehbar. Und der Kampf des Helden gegen die beiden Ungetüme wird eben dadurch erheblich an Wirkung beraubt, weil man beide Biester schon vorher in voller Pracht zu Gesicht bekommen hat. Ich habe mich dann auch über weite Strecken königlich gelangweilt, nachdem ich zu Beginn schier frohlockt habe. Ich würde PERSEO L’INVINCIBILE Fans des fantastischen Films auch dennoch empfehlen, denn diese Medusa muss man einfach gesehen haben. Einfach grandios unheimlich …

 

 

Die drei Angehörigen der britischen Armee in Indien, Sergeant Frankie Ross (Richard Harrison), der alkoholabhängige Arzt Burt Wallace (Ugo Sasso) und der Jungspund Sergeant John Foster (Nazzareno Zamperla), werden aufgrund anhaltender Disziplinlosigkeit zu einer Himmelfahrtsmission abkommandiert. Sie sollen der geschwächten Garnison im abgelegenen Fort Madras zu Hilfe eilen, der ein Angriff der Bandenführers Sikki Dharma (Aldo Sambrell) bevorsteht. Auf dem Weg dorthin sind viele Gefahren zu überstehen, bevor man sich eine Taktik überlegen muss, wie man der angreifenden Übermacht Herr wird …

Umberto Lenzi inszenierte diesen Abenteuerfilm in einer anderen Zeit: Helden konnten wie Frankie Ross noch totale Unsympathen sein und trotzdem die uneingeschränkte Bewunderung sowohl aller anderen Figuren wie auch des Publikums für sich verbuchen. Dasselbe galt für die Vertreter kolonialistische Mächte überhaupt, deren ethische Überlegenheit gegenüber einheimischen Halsabschneidern und primitiven Fanatikern stets unhinterfragt blieb. Eine schnittige Uniform wirkte wahre Wunder. I TRE SERGENTI DEL BENGALA kann mit dem Monumental- und Abenteuerkino amerikanischer Provenienz rein materiell natürlich nicht mithalten – das Indien des Films dürfte irgendwo in Spanien das Indien des Films lag wahrscheinlich in Sri Lanka, die obligatorische Elefantenstampede wurde mit Stock Footage realisiert -, aber dafür kommt er schnell zur Sache und lässt es in der zweiten Hälfte ordentlich krachen. Die zahlreichen Attraktionen sind von Lenzi genau so über den 90-Minüter verteilt, dass keine Langeweile aufkommt, es wird immer was geboten. Vor allem in der großen Actionszene am Ende, dem Überfall auf Fort Madras , wird geballert und gestorben, dass es eine wahre Freude ist. Die Squib Shots, die ein paar Jahre später in Mode kommen sollten, sucht man hier noch vergebens, allein der Enthusiasmus der Darsteller trägt das muntere Sterben. Ich fühle mich bei diesen Filmen ja unweigerlich an meine Kindheit und das Kriegsspiel auf dem nahe gelegenen Truppen-Übungsplatz erinnert, bei dem wir auch immer alles gaben, wenn uns eine imaginäre Kugel traf. Die knalligen rot-blauen Uniformen der Helden, die emotionale Klarheit des Ganzen, die Kameradschaft der drei markigen Männer, die schnarrige Schurkigkeit Sikki Dharmas: Das alles spricht die kindliche Fantasie an und ist nicht weit weg vom reinen Märchenfilm, trotz des realen politischen Hintergrunds.

Wie unschuldig (mit Vorbehalten natürlich) das alles ist, zeigt sich vor allem, wenn man beim Aufeinandertreffen der Helden mit einem Stamm von Kopfjägern an Lenzis filmische Zukunft erinnert wird. Es reicht der Begriff „Kopfjäger“ und ein paar Bilder wilder Maskentänze, um das Drohpotenzial hervorzurufen, wo die Kamera 15 Jahre später lüstern auf die blutverschmierten Münder Menschenfleisch fressender Kannibalen zoomen würde. Und wenn Burt gezwungen wird, den Häuptlingssohn zu operieren, wird der Zuschauer durch einen gnädigen Schnitt, der direkt zu den freudig ihre Befreiung aus der misslichen Lage feiernden Helden überleitet, vor den drastischen Bildern des Eingriffs verschont, über den sich die Protagonisten nun stattdessen lachend unterhalten. Wem die hier kurz angerissenen Handlungelemente verflucht bekannt vorkommen: I TRE SERGENTI DEL BENGALA ist reines Epigonenkino, aus standardisierten Versatzstücken zum Zwecke der maximalen Kurzweil zusammengestoppelt. Nix ist hier neu oder unbekannt, man weiß eigentlich immer gleich, was als nächstes kommt. Es macht nichts, weil sich Lenzi nirgends lang aufhält, immer gleich schon wieder auf dem Weg zum nächsten Set Piece ist. Das macht einfach Laune, sogar in der englischen Synchro. Zu gern würde ich I TRE SERGENTI DEL BENGALA mal auf Deutsch sehen …

 

thunderboltWenn ich spontan zwei Filme nennen müsste, die mich in diesem noch jungen Jahr am meisten gekickt haben, dann wären das MENG LONG ZHENG DONG und eben NINJA THUNDERBOLT, beide gesehen als wunderschöne 35-mm-Kopien in Düsseldorf, beide Hongkong-Martial-Arts-Actioner vom eher unteren Ende des Preisspektrums, beide komplett wahnsinnig, Actionkino in Hyperspeed, ohne Airbag und Seitenaufprallschutz, beide von einer räudigen Power, die man wohl nur im Kino so richtig mitbekommt.

NINJA THUNDERBOLT (die IMDb gibt als O-Titel ZI ZHUN SHEN TOU an, aber ihre Inhaltsangabe stimmt nicht mit dem Film überein, den ich gesehen habe, deshalb halte ich mich an die OFDb) so gesehen zu haben, ist zudem ein besonderer Glücksfall, denn der Film ist in Deutschland eigentlich nie gelaufen, sondern – wie alle Ninja-Klopper von Godfrey Ho – direkt auf Video ausgewertet worden, wo sein prachtvolles Scopeformat auf ein karges 4:3 beschnitten wurde, das die Protagonisten schon einmal hinter dem rechten und linken Bildrand verschwinden ließ. Die vorliegende, synchronisierte Kopie war also nicht für den Kinoverleih bestimmt, sondern nur das Master, von dem dann das Video gezogen wurde. Und da stellt sich dann schon die Frage, warum man diese Blendgranate nicht einfach auf die Leinwände gebracht hat, wenn sie schon in dieser herrlichen Fassung vorlag. Hatte man vielleicht Angst vor der zersetzerischen Kraft, die dieses Werk entfachen würde, vor durch die Großstädte tobenden Jugendlichen, die alles in Schutt und Asche legen? Vor dem Dawn of the German Ninja? Wer wollte es den Verleihern in Zeiten von PAPA, MAMA, ZOMBIE verdenken?

DER NINJA, wie er bei uns hieß, ist der erste von rund 20 Ninjafilmen Godfrey Hos (die Angaben variieren), in denen Richard Harrison auftrat. Und wenn man Harrison Glauben schenken mag, war es auch der einzige, den er mit ihm zusammen drehte und für den er bezahlt wurde. Dummerweise hatte Harrison keine Ahnung, mit wem er es zu tun hatte: Ho wurde berühmt-berüchtigt für seine Cut&Paste-Technik, die es ihm erlaubte, selbst gedrehtes Material immer wieder neu (und oft ziemlich geschickt) mit anderswo geklautem Material zu kombinieren und so Dutzende von Filmen in kürzester Zeit auf den Markt zu schmeißen. Das Ninagenre, das für einige wenige Jahre in den Achtzigern die Videotheken einnahm, bestritt er zu wahrscheinlich weit mehr als 90 % selbst und in etlichen seiner Vertreter tauchte eben Harrison auf, der heute noch klagt, Ho habe ihm mit dieser dubiosen Methode die Karriere ruiniert (worüber man streiten kann). Sicherlich unstrittig ist hingegen, dass Ho aufgrund seiner Masche selbst keinen guten Ruf genießt, vielmehr bis heute als zynischer Ramschfilmer verschrien ist. Dass er neben dem ausgebufften Geschäftsmann tatsächlich ein verdammt guter Handwerker war, sieht man daran, dass er heute als Dozent an der Filmhochschule von Hongkong tätig ist, aber auch an NINJA THUNDERBOLT, der mit ziemlich geringen Mitteln ein rasendes Actionfeuerwerk entfacht. Die Fights sind hyperkinetisch und ultradynamisch, wahnwitzig schnell und überdies brillant geschnitten, gleiches gilt für die diversen Verfolgungsjagden. Selbst, wenn es mal ruhiger zueght, sprich: nicht geschossen oder gefightet wird, wird man da in einem Tempo mit Attraktionen beworfen, dass man kaum Zeit hat, in Deckung zu gehen. Von der fastpornösen Sexszene mit sichtbarem Sackansatz im Tittenzelt bis zur Synchronschwimmeinlage reicht das vielseitige Spektrum und fliegt teilweise so schnell an einem vorbei, dass man sich nur noch verwundert die Augen reiben kann.

NINJA THUNDERBOLT dürfte tatsächlich ganz „traditionell“ gedreht worden sein: Zwar stand Harrison wohl nur für wenige Drehtage zur Verfügung  – mit einigen seiner Kollegen ist er nie gemeinsam zu sehen, der Großteil des Films muss ohne ihn auskommen, Auftakt und Finale mit ihm wirken wie angeklebt und passen inhaltlich kaum zum Rest -, aber immerhin wurden nicht fremde, ganz anders aussehende Filme geplündert und mit Selbstgedrehtem verschnitten, vielmehr zeichnete Ho recht offenkundig komplett selbst für sein Werk verantwortlich. So sucht man zwar auch diese höchst faszinierenden Momente vergebens, in denen da zwei völlig verschiedene Filme und die in ihnen beheimateten Figuren miteinander in Kontakt treten, aber dafür wirkt NINJA THUNDERBOLT wie aus einem Guss (plus Harrison). Der ellenlange, sich in eine wahre Prügelorgie hineinsteigernde Finalkampf raubte mir fast den Atem und hätte von mir aus ewig weitergehen dürfen, der bizarre Schluss lässt einen von einem Universum träumen, in dem Ho ein großes, krawalliges Harrison-Ninja-Franchise begründet und so Aberhunderte von japanischen Mittelklassewagen auf fantasievolle Art und Weise geschrottet hätte, die Fotografie fängt herrlich abgerissene Ecken Hongkongs in spannungsreichen Kompositionen ein und findet immer den perfekten Background für die nächste Keilerei. Geiler geht es nicht. DER NINJA? Die Offenbarung.

41071Das Genre des Swashbucklers, des Piratenfilms, aber auch seiner weniger maritimen Variante, des Mantel-und-Degen-Films, sind bei mir im Blog, das muss ich unumwunden eingestehen, fürchterlich unterrepräsentiert. Die Freude, die mir Paolellas wunderbarer IL GIUSTIZIERE DEI MARI – deutscher Titel RÄCHER DER MEERE – bereitet hat, hat mir sehr deutlich gemacht, dass dieser untragbare Zustand dringend behoben werden muss. Es gibt Situationen im Leben, da gibt es wahrscheinlich nichts Besseres als einen Piratenfilm voller strahlender Helden, verkommener Schurken, betörender Schönheiten, gut gelaunter Freibeuter und stolzer Schiffe, die aus allen Rohren durch die Gegend ballern. Samstag, 12 Uhr Mittags, in einem Kino voller begeisterungsfähiger Menschen, ist definitiv eine solche Situation. Schwermütig wünscht man sich dann in Zeiten zurück, als es noch regelmäßig Matineen in den Kinos gab, die bevorzugt bunte Abenteuerfilme für ein jugendliches Publikum zeigten und Jungs mit dem gebotenen Programm den glühenden Traum implantierten, Piratenkapitän, Räuberhauptmann oder Musketier zu werden. Zugegebenermaßen waren die Rollenvorbilder für die Mädchen nicht ganz so reizvoll. Trotzdem muss es eine bessere Welt gewesen sein: Die Farben waren bunter, die Welt größer, die Abenteuer aufregender, die Frauen schöner, Gut und Böse auf den ersten Blick unterscheidbar. In einer solchen Welt spielt auch IL GIUSTIZIERE DEI MARI und man ist sofort drin, wenn man sich dieses Quäntchen Naivität bewahrt hat, tummelt sich zwischen wilden Freibeutern und Haudraufs, kämpft mit ihnen gemeinsam gegen die Schurken, die unter britischer Flagge segeln, und möchte da nie mehr da weg.

Paolellas Film spielt ausnahmsweise nicht in der Karibik, sondern begibt sich in die Gewässer um Australien. Dort fristet eine Gesellschaft ehemaliger Sträflinge auf einer Insel mittlerweile ein trauriges Dasein. Sie riskieren ihr Leben beim Einsatz als Perlentaucher und das, was sie verdienen, wird ihnen regelmäßig von dem britischen Kommandanten Redway (Roldano Lupi) abgeknöpft. Einer von Redways Offizieren ist David Robinson (Richard Harrison), der, was Redway nicht weiß, auch der Sohn des „Anführers“ der Perlentaucher ist – Paolella zaubert diese nicht ganz unwichtige Enthüllung ganz plötzlich aus dem Hut und ich glaube, selbst der Papa war von der Existenz eines Sohnemanns recht überrascht. Die Grausamkeit Redways gegenüber den armen Teufeln und die Interventionen Robinsons sorgen natürlich dafür, dass letzterer aus der Armee geschmissen wird und schließlich bei einer Truppe von Piraten landet, angeführt von dem bärigen wie bärtigen Van Artz (Walter Barnes), deren Vertrauen er nach und nach gewinnt – und natürlich die Liebe der schönen Piratentochter Jennifer (Michelle Merciér). Er will ihnen helfen, Redway den großen Perlenschatz abzuluchsen und dann einen Teil davon seinem Vater als Wiedergutmachung übergeben. Die Geschichte sorgt mit vielen Wendungen stets für Überraschungen: So landen einige der freundlichen Piraten nach einigem Hick und Hack als Gefangene bei einem Eingeborenenstamm, wo sie für ein rätselhaftes Ritual an einen Baum gebunden werden, der sich als fleischfressende Pflanze mit Vorliebe für weißes Fleisch entpuppt.

Besonders toll ist aber der Schurke Redway: Seine ständige Sauferei begründet er gleich zu Beginn mit den Worten „Wenn ich saufe, muss ich nicht denken“ und im weiteren Verlauf unterstreicht er seinen „Genuss“ bei jedem Schluck mit einem herrlich angewiderten Blick und gutturalem Grunzen, die eine perfekte Illustration der Redensart abgeben, die besagt, dass man auch ohne Spaß betrunken sein kann. Redway hat sich außerdem eine anhängliche Mulattin namens Nike angelacht – eine mit Schuhcreme angemalte Marisa Belli –, die von ihm unbedingt in die feine Londoner Gesellschaft eingeführt werden will und sich rührend um ihn sorgt, der er aber nur mit äußerster Geringschätzung und zunehmender Genervtheit gegenübertritt. Was würde ich für ein Spin-off von IL GIUSTIZIERE DEI MARI geben, in dem ihr Wunsch erfüllt wird, ihre Anwesenheit in London ihn vor Scham noch häufiger zur Flasche greifen und zu einem noch größeren Ekel werden lässt, während sie zum Liebling der oberen Zehntausend reift. Das wäre ein Film, der sämtliche Hosen zum Bersten brächte, ein großes Sittenmelodram mit Tränen, Suff, großzügig verteilten verbalen Demütigungen und geplatzten Träumen, und am Ende lägen alle am Boden, Redway, Nike und der Zuschauer. Hach.

Aber zurück zur Realität, die kaum weniger schön ist. Es ist ja nur eine der vielen Leistungen Paolellas, dass IL GIUSTIZIERE DEI MARI solche Fortschreibungen überhaupt ermöglicht, innerhalb des formelhaft abgewickelten Films Platz bleibt für kleine Nebengeschichten, die ihn größer machen als er tatsächlich ist. Paolellas Swashbuckler kann vom Budget her zwar nicht mit vergleichbaren Filmen aus Hollywood mithalten, natürlich nicht, aber das fällt nie ins Gewicht: Erstens weil der Aufwand dennoch beträchtlich ist, zweitens weil er die vielen Schlachten und Scharmützel stets zu optimalem Effekt zu inszenieren weiß. Nur Richard Harrison fehlen einige Fässer Charme und Charisma, um zu jemandem wie Errol Flynn aufschließen zu können: ein gutaussehender Mann, ohne jeden Zweifel, aber sein stets etwas trüber Blick verrät auch, dass er nicht unbedingt die hellste Kerze am Baum ist. Dafür verbreitet Walter Barnes mal wieder Laune für Zehn, wenn er sich mit schallendem Gelächter in die Schlacht wirft. Ein wunderbarer Film, ich sagte es schon, und für mich ein Höhepunkt des Festivals.

Der gemeingefährliche Verbrecher Nanni Vitali (Helmut Berger) bricht mit einigen Kumpanen aus dem Gefängnis aus und beginnt sofort, eine Spur der Verwüstung und der Gewalt hinter sich herzuziehen. Sein erstes Ziel ist der Informant, der einst verantwortlich für seine Inhaftierung war: Dessen Geliebte Giuliana (Marisa Mell) kommt Vitali gerade recht. Ihr Vater ist Sicherheitsbeamter in einer Fabrik, die genug Geld im Tresor hat, um Nannis die Flucht ins Ausland zu finanzieren. Indessen ist Kommissar Giulio Santini (Richard Harrison) dem hochaggressiven Mann dicht auf den Fersen. Und das muss er auch sein, denn der vergreift sich als nächstes an Santinis Vater, dem Richter, der ihn verurteilte, und seiner Schwester …

Vor ein paar Wochen sorgte Helmut Berger mal wieder für einen dieser „Skandale“, die zu produzieren mittlerweile die Hauptfunktion unserer Qualitätsmedien zu sein scheint. Mehr oder weniger leicht angeschickert saß der ehemalige Weltstar in einer grauenvollen Talkshow, in der minderbegabte Promis Werbung für Film/CD/Buch machen und sich aufgrund einer daherkonstruierten Befähigung (meist neuer Film, neue CD, neues Buch) zu aktuellen Themen äußern dürfen, und ließ es sich nicht nehmen, seine Verachtung für die um ihn versammelten Hackfressen demonstrativ zur Schau zu stellen. Ich habe die Sendung nicht gesehen, aber nach dem, was man so lesen konnte, hat er wohl Jasmin „Blümchen“ Wagner beleidigt und Jörg Knör angegangen. Na und? (Ich hatte mal das zweifelhafte Vergnügen, Jörg Knör bei der Arbeit erleben zu dürfen, als Mensch gewissermaßen, und kann daher nur sagen, dass er jede erdenkliche Demütigung verdient hat.)

In der großen Aufregung über das „mangelhafte Benehmen“ Bergers ging leider unter, dass so mancher dieser „Prominenten“, die man im Fernsehen regelmäßig zugemutet bekommt, eigentlich viel häufiger beleidigt werden sollte; dass außerdem keine dieser Bratwürste auf eine mit Bergers Schaffen vergleichbare Leistung zurückblicken kann; dass er hundertmal interessantere Geschichten zum Besten geben könnte, bekäme er denn die Gelegenheit dazu, als Nullnummer Blümchen und Oberlangweiler Knör, der seit mittlerweile 20 Jahren mit den immergleichen Boris-Becker-, Inge-Meysel- und Papst-Johannes-Paul-II.-Imitationen nervt; und dass Berger nicht zum ersten Mal in dieser Art und Weise auffällig geworden war, dass man sogar davon ausgehen muss, dass er genau wegen solcher „Ausfälle“ eingeladen wird, damit man sich danach künstlich darüber aufregen und als Bewahrer guter Manieren und Umgangsformen aufspielen kann. Hätte man ernsthaft Interesse an diesem Mann, würde man ihn dann neben Nichtskönner und Hilfsamöben wie Jasmin Wagner und Jörg Knör setzen? Eben. Alle Halbgebildeten, die es sich nicht nehmen ließen, in diversen Internetforen und Kommentarspalten ihren unqualifizierten Senf zum „Skandal“ und zum „peinlichen“ Berger abzugeben, sollen froh sein, dass Berger nur als Person des öffentlichen Interesses und nicht als sein alter ego Nanni Vitali aufgetreten war. Dann wäre Knör nämlich mit ungelöschtem Kalk übergossen, Jasmin Wagner vergewaltigt und verprügelt, Markus Lanz verschleppt und erschossen worden.

Womit LA BELVA COL MITRA schon recht treffend zusammengefasst ist: Der Film ist von Anfang an eine schauspielerische Tour de force Bergers, der sich als sadistischer Choleriker Nanni Vitali aller einengenden Zwänge befreit und seinen augenrollenden Psychopathen mit dem Feingefühl eines Folterknechts und dem zarten Humanismus einer Horde volltrunkener Hools ausstattet. Er verteilt schlagringbewehrte Maulschellen mit einer Verve, als habe er ein heiliges Gelübde darüber abgelegt, ballert wüst in der Gegend rum und stellt seinen Eltern auch mit seinem sonstigen Betragen kein gutes Zeugnis aus. Als Erzieher brauchen die sich bestimmt nicht mehr zu bewerben. Ein Vollblutasi, wie er im Buche steht, tobt Nanni unaufhaltsam auf sein Ende zu, jeder Mensch, der ihm begegnet, wird entweder als potenzieller Stolperstein betrachtet und aus dem Weg geräumt oder aber als Sprosse zum Erfolg und demzufolge hoffnungslos ausgebeutet. Da fragt man sich, wie er, mit solch gewinnender Persönlichkeit ausgestattet, andere überhaupt ohne Gewalt davon überzeugen kann, sich ihm anzuschließen. Der Nachwuchsverbrecher, der ihm am Ende hilft, behauptet gar, Nanni sei ein Vorbild für ihn: Da bekommt man es wirklich mit der Angst zu tun.

Vitali ist die lauthals rausgerotzte Absage an alle romantisierten edlen Verbrecher, an den Glauben an eine „honor among thieves“: Er ist die Negation des Sozialen, sein Lebensweg ein einziger, alles zerstörender Egotrip, von Leichen und geschundenen Körpern gesäumt. Da mutet es umso verstörender an, dass Grieco dem Schuft mit seiner Inszenierung eine Art animalischer Sexualität verleiht. Klar, Berger war auch 1977 noch ein ziemlich ansehnlicher Mann mit markant-durchdringendem Blick, sein Ruhm gründete ja nicht zuletzt auf seinem guten Aussehen und androgynen Charme. Aber Giulianas Blick – eine Mischung aus panischer Angst und bebender, unkontrollierbarer Lust – ist schon mehr als provokant, wenn man bedenkt, dass er sie erst verdroschen und dann in einer Kiesgrube vergewaltigt hat; wohlgemerkt nach dem Zusammenschlagen und vor der Ermordung ihres Geliebten. Diese erotische Faszination ist umso beunruhigender, als sie nie ganz explizit wird: Das Drehbuch lässt Giuliana immer nur von ihrer Angst sprechen, auch in den beiden Sexszenen bleibt sie passiv-versteinert, durchaus anders als in anderen Exploitern, in denen die Frauen nur auf eine ordentliche Vergewaltigung gewartet zu haben scheinen. Ihr Begehren liegt einzig in ihrem Blick, wird nie weiter thematisiert. Trotzdem vibriert der ganze Film förmlich vor entfesselter Geilheit, vor der Lust, die Zwänge der Zivilisation abzuwerfen und sich wie eine richtige Wildsau zu benehmen. Man muss sich nur mal anschauen, wer der „Bestie mit dem Maschinengewehr“ aus dem Originaltitel als Held gegenübergestellt wird: Richard Harrison darf optisch zwar als Inbegriff des kernigen Machos gelten, aber neben dem stets kurz vor der Explosion und dem vorzeitigen Samenerguss stehenden Berger hat er den Sexappeal eines Astlochs. Steif, hölzern und völlig asexuell stapft er durch den Film und wenn er der aufgelösten Giuliana eine Kippe aus seiner Schachtel anbietet, erwartet man fast, dass er sie für diese schamlose Anzüglichkeit um Verzeihung bittet. Das letzte Bild des Films gehört dann auch nicht ihm, sondern dem von ihm gestellten und bezwungenen Nanni. Blutig geschlagen, verdreckt und mit zerrissenem Hemd bleibt er dennoch unbezähmbare Naturgewalt und darf noch einmal einen seiner geilen, feurigen Blicke in die Kamera werfen. Ein Standbild lässt dem Betrachter keine Chance, ihm zu entkommen.