Mit ‘Richard Jenkins’ getaggte Beiträge

Machen wir es kurz: INTOLERABLE CRUELTY ist der zehnte Film und die erste Hollywood-Auftragsarbeit der Coens. Das Drehbuch von Robert Ramsey und Matthew Stone wurde von den Coens fertig gestellt und kursierte dann mehrere Jahre durch Hollywood, wo es unter anderem von Ron Howard und Jonathan Demme adaptiert werden sollte, bevor es schließlich wieder bei den Coens landete, deren teuerste Produktion der Film wurde.

Man kann die Handschrift der Brüder herauslesen, am meisten in den rasanten, von der Screwball-Komödie beeinflussten Dialogschlachten, aber auch in der generell eher desillusionierten Haltung zu Liebe und Ehe, doch am Schluss wirkt der ganze Film vor allem schrecklich kompromittiert. Die Idee, einen zynischen Scheidungsanwalt die Liebe finden und gegen jede Vernunft eine notorische Heiratsschwindlerin ehelichen zu lassen, ist eigentlich sehr schön und George Clooney und Catherine Zeta-Jones sind zumindest auf dem Papier die Idealbesetzung für den Stoff. Aber dann ist alles eine ganze Nummer flacher und platter, als es in einem „echten“ Film der beiden wohl gewesen wäre. Der Funke springt einfach nicht recht über, vieles bleibt in Ansätzen stecken, der Film versagt dabei, seine Charaktere glaubwürdig zu gestalten und die zynischen Impulse der Coens mit der romantischen Botschaft zu versöhnen. Es gibt keinen richtigen Flow und es fehlt der Rhythmus, der bei einer solchen Komödie absolut entscheidend ist. Eine klischeehafte und schmerzhaft peiliche Szene wie jene, in der Clooneys erfolgreicher Anwalt Massey bei einem Kongress von Scheidungsanwälten statt einer Eröffnungsrede ein flammendes Plädoyer auf die Kraft der Liebe hält und nach verhaltenem Applaus schließlich der ganze Saal in stehende Ovationen ausbricht, kann unmöglich auf dem Mist der Coens gewachsen sein. Und auch die Gastauftritte von Geoffrey Rush und Cedric the Entertainer haben etwas unangenehm Marktschreierisches, das die Brüder sonst immer sehr geschickt vermieden haben.

Ich mochte INTOLERABLE CRUELTY damals tatsächlich ganz gern und frage mich heute, was ich wohl an dem Film gefunden habe. Sicher, er ist immer noch besser als 95 Prozent der RomComs, allein die Fotografie vonRoger Deakins hebt ihn schon über den Durchschnitt, aber im direkten Vergleich mit dem sonstigen Output der Coens treten seine Mängel gnadenlos hervor. Schade, denn ich glaube, das hier definitiv mehr drin gewesen wäre. So bleibt es eben eine zu vernachlässigende Auftragsarbeit, die nicht ganz und gar missraten ist und die man daher ganz gut ignorieren kann.

 

bonetoma1Der Versuch, den Western mit dem Horrorfilm zu kreuzen, ist in der Filmgeschichte einige Male unternommen worden. Mehr als ein paar kleine Kuriositäten sind dabei bislang aber leider nicht entstanden. BONE TOMAHAWK ist der jüngste Beitrag zu dieser Tradition und er hat gegenüber vorangegangenen Crossover-Bemühungen schon einmal den Vorzug einer exzellenten Besetzung. Kurt Russell spielt den grummeligen Sheriff Hunt, der mit seinem greisen Deputy Chicory (Richard Jenkins), dem Revolverheld Brooder (Matthew Fox) und dem durch eine Beinverletzung gehandicappten Arthur (Patrick Wilson), dessen Gattin Samantha (Lili Simmons) von einer Gruppe von kannibalistischen Höhlenmenschen entführt wurde, auf Rettungsmission geht. Nach einer beschwerlichen Reise dringen die Männer in das Jagdgebiet der Menschenfresser ein und werden von ihnen blutig erwischt. Ihre Hoffnungen ruhen auf Arthur, den sie nach einer Operation zurückgelassen hatten …

Debütant S. Craig Zahler setzt auf Ruhe und einen langsamen, geduldigen Spannungsaufbau. Nach einen Horrorfilm-typischen Auftakt, der einen Vorgeschmack auf den Schrecken liefert, der den Zuschauer am Ende des über zweistündigen Films erwartet (und David Arquette und Sid Haig als jämmerliche Strauchdiebe aufweist), führt er in aller Ruhe die Protagonisten ein und schickt sie dann auf ihre beschwerliche Reise. Mehr als vom Adrenalin, das die Jäger vor ihrer Schlacht aufpeitscht, von einer unerschütterlichen Kameradschaft, die auch größte Unterschiede zwischen ihnen überwindet, oder von der Aussicht auf männliche heroics wird BONE TOMAHAWK von einem fast greifbaren sense of dread bestimmt, von der nagenden Angst der Männer, die schon viel zu viel gesehen und erlebt haben, um sich noch in gutgelauntem Zweckoptimismus üben zu können. Ihre Reise, das wissen sie, wird für einige von ihnen eine Reise ohne Wiederkehr, echte Hoffnungen darauf, die Entführten überhaupt noch lebend aufzufinden, haben sie nicht, stattdessen wappnen sie sich insgeheim für ein Grauen, das ihre Vorstellungskraft noch übersteigen wird. BONE TOMAHAWK konzentriert sich sehr auf diese Reise, die fast mythologischen Charakter annimmt, an antike Sagen erinnert, in denen sich der Held geradewegs in die Hölle oder ins Totenreich begibt. Und es sind kleine Details, die die Charaktere zum Leben erwecken, mehr als wortreiche Dialoge oder schillernde Zwischenepisoden. Chicory fragt sich vor dem Einschlafen, wie es ihm wohl gelingt, in der Badewanne zu lesen, ohne dass das Buch nass wird. Brooder, ein kaltblütiger Killer, schläft immer etwas abseits vom Rest der Gruppe. Und Arthur durchläuft auf seinem langsam vor sich hin faulenden Bein eine ganz eigene Passionsgeschichte. Wenn die Männer im blutigen Showdown auf die vertierten Kannibalen treffen, löst sich die angespannte Atmosphäre des Films in einem Ausbruch blitzschneller Attacken und bestialischer Gewalt. Die Skalpierung und Halbierung eines bemitleidenswerten Opfers sticht hervor, das Herausschneiden eines mutierten Kehlkopfes mutet dagegen fast schon liebevoll an. Doch echte Befreiung verschafft auch dieses Finale nicht. Sekundenlang wird das Schwarzbild gehalten, bevor die Credits zu laufen beginnen, der letzte Krampf eines Films, der nur von Schmerzen handelt.

Wenn sich die Reaktionen auf BONE TOMAHAWK in Lobeshymnen und eher etwas enttäuschte Stimmen einteilen lassen, falle ich wohl genau dazwischen. Nachdem, was ich gelesen hatte, hatte ich einen stilistisch etwas eigenständigeren, vor allem altmodischeren Film erwartet, mehr Western als Splatter. Zahlers Film ist aber in erster Linie ein moderner Schocker und fügt sich gut ein in die in den letzten Jahren etwas ausgedünnte Riege ultrabrutaler, um Realismus bemühter Horrorfilme. Die Farben sind ausgeblichen und trist, die Stimmen werden kaum einmal erhoben, der Soundtrack wird wenn überhaupt sehr sparsam eingesetzt, verstummt meist ganz. Die Kamera ist eng dabei, wahrt trotzdem Distanz wie ein Kriegsberichterstatter, die Gewalt kommt schnell und heftig, Erklärungen gibt es ebensowenig wie ein lösendes Happy End. Ein sehenswerter Film durchaus, aber doch weit weg von der Neuerfindung des Rades. Der ultimative Western-Horror-Crossover lässt weiter auf sich warten.