Mit ‘Richard Lynch’ getaggte Beiträge

Es ist gut, wenn ein Film, über den man rein gar nichts weiß, den man einfach mal so angeworfen hat, weil er gerade da war und einem nicht besseres eingefallen ist, damit beginnt, dass Richard Lynch mit Hüfthose, Hosenträgern und Ballettschuhen aus einem Kirmeswohnwagen steigt und Gymnastikübungen im Sonnenaufgang macht. THE PREMONITION hatte danach annähernd Narrenfreiheit bei mir oder zumindest einen solchen Bonus, dass ich es ihm manche Schwäche gern verziehen habe – was zugegebenermaßen immer schwieriger wurde, je näher er sich dem Ende zuneigte. THE PREMONITION ist nicht nur ein Beitrag zum Mitte/Ende der Siebzigerjahre populären New-Age-Parapsychologie-Metaphysik-Schwurbelspukfilm, eines sowieso schon ziemlich schwer tolerierbaren Genres, sondern auch noch eine echte Überzeugungstat von Director-Producer-Writer Robert Allen Schnitzer, dessen Imdb-Profil ohne Zweifel von ihm selbst geschrieben wurde, anders lassen sich solche Sätze nicht erklären: „Robert Schnitzer is Founder/CEO of Sedona, Arizona-based Elation Media, Inc., owner-operator of streaming content channels serving the Body Mind holistic consumer market.“ Äh, ja. Wenn man das liest, wundert er einen gleich viel weniger, dass THE PREMONITION jede gute Idee mit zwei immens blöden auskontert, inhaltlich ziemlich idiotisch ist und das dadurch auszugleichen versucht, dass er seinen pseudowissenschaftlichen Mumbojumbo noch bedeutungsvoller und ernsthafter behandelt als ebenfalls schon ziemlich bedeutungshuberische Filme wie etwa AUDREY ROSE. Laut der zitierten Schnitzer-Bio soll THE PREMONITION auch einen Award gewonnen haben, aber weder Imdb noch Wikipedia geben Aufschluss darüber, welcher das gewesen sein könnte. Interessant immerhin: In Schnitzers Spielfilmdebüt REBEL spielte niemand Geringeres die Hauptrolle als der damals gerade 24-Jährige Sylverster Stallone.

Zurück zu THE PREMONITION: Der geht nach der beschriebenen Eröffnung ziemlich interessant weiter. Richard Lynch ist Jude, der Geliebte und Partner Andreas (Ellen Barber), die auf der Suche nach ihrer leiblichen Tochter Janie (Danielle Brisebois) ist, die vor fünf Jahren zur Adoption freigegeben wurde. Janie wohnt bei Sheri und dem Wissenschaftler Miles Bennett (Sharon Farrell und Edward Bell): Sheri leidet unter seltsamen Albträumen und Visionen, in denen eine Frau – Andrea – ihr versucht, ihr Janie wegzunehmen. Eines Tages entdeckt sie die Frau aus ihren Träumen eines Tages an Janies Schule, wie sie versucht Kontakt mit dem kleinen Mädchen aufzunehmen. Die Situation eskaliert, als Andrea eines Nachts im Haus der Bennetts auftaucht, um Janie zu entführen und von Sheri ertappt wird. Es gelingt ihr, Andrea ohne Janie in die Flucht zu schlagen, doch einige Tage später verschwindet ihre Tochter nach einem Autounfall Sheris spurlos. Als dem Kriminalbeamten Denver (Jeff Corey) die Ideen ausgehen, zieht Miles seine Kollegin Dr. Kingsley hinzu, eine Expertin auf dem Gebiet der Parapsychologie …

Schnitzer macht zunächst sehr viel richtig: Er schenkt sich jegliche Exposition und gibt dem Zuschauer nur nach und nach die Informationen, die der braucht. Das hält das Interesse wach, weil man wissen will, was es mit Andrea und Jude eigentlich auf sich hat. Die rätselhaften Vorgänge, die man aufgrund dieses Mangels an Wissen nicht einzuordnen weiß, werden durch die sehr effektive Inszenierung, Bildsprache und Musik noch unterstützt: THE PREMONITION ist kein glatter Parapsychologiethriller, sondern bemüht eher avantgardistische Verfremdungs- und Überrumplungsstrategie, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Immer wieder brechen da Bilder über einen ein, die nicht mehr zum „objektiven“ Erzählstrang gehören, sondern einen in die Subjektive der von unverständlichen Träumen gepeinigten Sheri zwingen. Und Andrea und Jude geben ein superbes Außenseiterpärchen ab, das einen lange darüber rätseln lässt, ob man nun mit ihnen mitfühlen oder sich vor ihnen fürchten muss. Vor allem Andrea, ein Ausbund mütterlicher Neurosen, hinter deren prinzessinnengleichem Antlitz sich eine wahre Furie verbirgt, gräbt sich tief ins Gedächtnis. Leider bleibt Schnitzer nicht bei diesen beiden, sondern verlegt den Fokus gerade in der zweiten Hälfte des Film ganz auf die Bennetts und ihre Versuche, hinter die Visionen Sheris zu kommen. Das ist leider oft unangenehm melodramatisch und außerdem deutlich weniger faszinierend als Schnitzer glaubt: Ziemlich schlimm wird es immer, wenn Dr. Kingsley auftritt und mit bierernster Miene über parapsychologische und „spirituelle“ Phänomene doziert, vor allem weil man merkt, das hinter diesen Szenen auch noch so eine Art aufklärerische Intention steckt. Das Finale ist dann wirklich der Gipfelpunkt dieser Entwicklung. Was schade ist, weil THE PREMONITION mit ein bisschen mehr Zurückhaltung und weniger missionarischem Eifer wirklich das Zeug zu einem bizarren kleinen Klassiker gehabt hätte. Bizarr ist er auch so noch, allein deshalb auch ziemlich interessant, aber das Gefühl der Enttäuschung kann ich am Ende nicht ganz abschütteln. Da war so viel mehr drin. Aber wie gesagt: Der Film legt die Messlatte mit seiner Auftaktszene auch verdammt hoch …

baddreams_posterBAD DREAMS ist einer von zwei Filmen, über die ich mich mit Patrick Lohmeier für seinen Bahnhofskino-Podcast unterhalten habe, der nächste Woche am Freitag, 03. Juni, online geht. Weil ich dem Gespräch nicht allzu sehr vorgreifen möchte, halte ich mich an dieser Stelle etwas zurück und hoffe, dass ihr am kommenden Freitag alle einschaltet.

BAD DREAMS erschien 1988, es handelte sich um eine relative große Produktion der Fox, für die niemand Geringeres als Gale Ann Hurd verantwortlich zeichnete, und die auch in Deutschland einen Kinostart erhielt. Der vom damals gerade einmal 23 Jahre alten Debütanten Andrew Fleming inszenierte Horrorfilm ist ein relativ typisches Kind seiner Zeit und vielleicht auch deshalb etwas in Vergessenheit geraten. Er ist zwar überdurchschnittlich sauber gestaltet und gespielt, ungewöhnlich erwachsen (keine nervenden Teenies) und nimmt auch eine durchaus originelle Storywendung, aber auf dem Weg dahin integriert er Versatzstücke aus so ziemlich jedem damals erfolgreichen Genrefilm. Die augenfälligste Vergleichsgröße entbirgt sich schon im nur mäßig einfallsreichen Titel: Unter bösen Träumen litten zur selben Zeit zahlreiche Teenager sehr prominent auf der Elm Street und gerade an den zum Zeitpunkt der Entstehung von BAD DREAMS aktuellen dritten Teil der Reihe, A NIGHTMARE ON ELM STREET 3: THE DREAM WARRIORS, erinnert Flemings Film massiv. Wie dort spielt sich ein Großteil der Handlung in einer psychiatrischen Anstalt und den dort abgehaltenen Gesprächsrunden einer Therapiegruppe ab, deren Mitglieder anscheinend einem untoten – und verbrannten – Bösewicht zum Opfer fallen, der auch die Träume der nach 13 Jahren aus dem Koma erwachten Cynthia (Jennifer Rubin) bevölkert. Dass die Protagonistin in einer ganz ähnlichen Rolle schon im genannten Vorbild zu sehen war, war wahrscheinlich die Parallele, die den Goodwill der Kritiker überstrapazierte. BAD DREAMS wird vielerorts als bloßes NIGHTMARE-Rip-off gehandelt; ein Vorwurf, der wie gezeigt nicht aus dem Nichts kommt, aber eben auch verkennt, dass Steven E. de Souzas Drehbuch einige interessante Volten schlägt.

Bis zum unerwarteten Twist kann man sich an der gediegenen Optik, der Darbietung des geliebten Schurkendarstellers Richard Lynch oder einigen blutigen Effekten erfreuen (die deutsche Fassung war/ist geschnitten) sowie die vielen bekannten Motive enttarnen. Die Sektenbackstory erinnert sowohl an die Manson-Family, der auch einige entsprechende Sixties-Songs auf dem Soundtrack Rechnung tragen, als auch an den Massenselbstmord der Mitglieder des Peoples Temple um den Sektenführer Jim Jones im Jahr 1978. Bruce Abbott ist seit RE-ANIMATOR vom Chirurgen zum Psychologen aufgestiegen, eine Szene in einem Luftschacht hat de Souza zur gleichen Zeit auch in DIE HARD untergebracht, das Zombie-Make-up von Lynch – der nach Cohens GOD TOLD ME TO zum zweiten Mal einen Sektenführer spielt – konnte man so ähnlich auch in Tony Randels HELLBOUND: HELLRAISER II bewundern, der darüber hinaus ja auch in einer „Irrenanstalt“ spielte, in der ein Oberarzt finstere Pläne verfolgte. Ein Amoklauf wird zu Sid Vicious‘ Version von Sinatras „My Way“ choreografiert, der Abschlusssong ist Guns N‘ Roses Superhit „Sweet Child O‘ Mine“. Die volle Achtzigerdröhnung also, die einen kleinen Ausflug lohnt, wenn man seine Erwartungen etwas im Zaum hält. Mehr nächste Woche.

MAXIMUM FORCE ist ein Film zum Träumen und Liebhaben. Er hat drei „coole“ Protagonisten, einen extrafiesen Schurken und eine gerechte Mission. Er hat eine Storyline, die Achtjährige sich beim Räuber-und-Gendarm-Spiel kaum besser hätten ausdenken können, ist voller markiger Klischees, expressiv ausgeleuchteter Bilder sowie geiler Momente und One-Liner. Man möchte während der Sichtung fortwährend niederknien und dem lieben Gott dafür danken, dass er den DTV-Actionfilm erfunden hat. Alle Ärgernisse der Welt – Neonazis mit ihren hässlichen Hackfressen und verkümmerte Gehirnen, feige, rückgratlose Politiker, unfähige Arbeitgeber, der Verbleib des HSV in der ersten Bundesliga – treten für 90 scheißegeile Minuten in den Hintergrund.

Merhis Film beginnt mit dem Cop Rick Carver (Jason Lively, Sohnemann Rusty aus EUROPEAN VACATION), der von einer Brücke aus mit einem ganzen Arsenal von Hightech-Gerätschaften einen Waffendeal finsterer Anzugtypen beobachtet. Als ein Landstreicher ihn in ein Gespräch verwickelt, wird er entdeckt und mit einem Hubschrauber verfolgt, den er jedoch mit seinem Maschinengewehr vom Himmel pustet. Als nächstes sehen wir den Cop Michael Crews (Sam Jones), Typ: Lederjacke, Wifebeater-Unterhemd, Dreitagebart und große Klappe, der sich Zugang zu einem dubiosen Nachtklub verschaffen will, vom Türsteher jedoch erkannt und aufgefordert wird, seine Waffe abzugeben. Crews gibt als faulen Kompromiss sein Magazin ab (er hat noch ein Ersatzmagazin in der Tennissocke) und verursacht drinnen, wo illegale Kickboxkämpfe ausgetragen werden, direkt eine Keilerei. Die nächste Person, die in den Fokus rückt, ist Cody Randal (Sherrie Rose), die als Prostituierte getarnt als Undercover-Ermittlerin unterwegs ist. Bei einer Auseinandersetzung mit einem fiesen Zuhälter (Sonny Landham) zückt sie kurzentschlossen die Waffe und ballert den Finsterling über den Haufen. Diese drei Episoden werden immer wieder unterbrochen von der Rede des schurkischen Geschäftsmannes Tanabe (Richard Lynch), dessen kriminellen Unternehmungen den Bullen ein Dorn im Auge sind. In seinem durch die Jalousien in ein noireskes Licht getauchten Konferenzraum gibt er sein Verständnis des amerikanischen Traums zum besten und sich als Brutalkapitalisten zu erkennen, der alles verkauft, wonach eine Nachfrage besteht: Droge, Waffen, Nutten, Kickboxfights (für die Yuppies in Beverly Hills, wie er behauptet). Am Ende seiner Rede muss natürlich einer der Zuhörer dran glauben, damit auch der Letzte, dem der diabolische europäische Fantasieakzent und das vernarbte Gesicht noch nicht reichen, begreift, dass mit diesem Mann nicht zu spaßen ist.

Die drei Cops bekommen schließlich einen geheimnisvollen Brief, dessen Absender sie in ein finsteres Lagerhaus bestellt. Er entpuppt sich als Captain Fuller (John Saxon) und weiß über seine Gäste genauestens Bescheid. Sie alle haben persönliche Gründe, aus denen sie Tanabe zur Strecke bringen wollen, doch bislang waren sie damit erfolglos (siehe Intro). Fuller will ihre Kräfte bündeln und ein schlagfertiges Team aus ihnen machen, das mit vereinten Kräften gegen den Bösewicht in die Schlacht zieht. Dass ausgerechnet ein abgerissenes, wenig einladendes, mies beleuchtetes und wahrscheinlich hochgradig asbestverseuchtes Lagerhaus als ihre Einsatzzentrale dienen soll, schreckt die Kämpfer für Gerechtigkeit nur kurz ab. Zu überzeugt sind sie davon, als neu formierte Strike Force endlich ihr Ziel erreichen zu können. Doch zunächst gilt es zu trainieren. Es folgt eine wahrhaft herz- und hirnerweichende Sequenz, in der man die von Fuller vollmundig als die „Besten“ ihres jeweiligen Fachs Bezeichneten beim sinn- und  planlosen Verdaddeln ihrer Zeit beobachtet. Rick, seines Zeichens „Technik- und Waffenexperte“, hat einen Computer, schraubt in seinem schimmligen Kabuff an irgendwelchen selbst gebauten Bomben rum, ballert wild durch die Gegend oder spielt mit ferngesteuerten Autos und Flugzeugen. Dieser „Kinderkram“ weckt erwartungsgemäß die Bully-Qualitäten von Crews, der stets einen Kippenstummel im Maul hat und viel lieber auf seinen Sandsack einprügelt oder Liegestützen auf den Fingerknöcheln macht. Und was treibt Cody, während die Männer „arbeiten“? Sie sitzt im Schneidersitz auf einer Yogamatte und meditiert. Zu guter letzt erhebt aber auch sie sich und tritt dann einige Bretter durch. Done! Zur Belohnung darf sie sich fortan mit den schmierigen Anmachen der beiden Kollegen herumschlagen, die beide Morgenluft wittern, denn so nah sind sie schon lang keiner Frau mehr gekommen. Ihre Denke erinnert mich an die Grundschulzeit, wo die bloße Gegenwart eines Mädchens in Rufweite Anlass genug war, sie zu fragen, ob sie mit einem „gehen“ wollte. Und Rick und Crews wirken trotz ihrer coolen Männernamen und ihrem Gehabe wie große Jungs, die am liebsten noch Spielzeugsoldaten im Sandkasten hochjagen würden. Man versteht die Genervtheit Codys nur zu gut, weil sie eigentlich nur einer von den „Jungs“ sein will. Nach einem lustigen Kinderstreich der Drei unterbricht plötzlich Tanner das ausgelassene Gelächter, um zu fragen, welche Fortschritte die Spezialeinheit mit ihrer Ausbildung gemacht habe. Von ihren Fähigkeiten absolut überzeugt, entgegnen sie ihm, dass sie die absolut Besten seien, vom Herumsitzen langsam die Schnauze voll haben und es kaum erwarten können, Tanabe ein neues Arschloch zu reißen. Daraufhin knipst Tanner das Licht aus und hetzt drei Ninjas auf die Supercops, die in der folgenden Keilerei schmerzhaft erkennen müssen, dass zur „Bündelung der Kräfte“ etwas mehr gehört, als im selben abbruchreifen Haus zu wohnen. Um Tanabe zu besiegen, müssten sie agieren wie „one body“ und denken wie „one mind“, weiß Tanner. Sie setzen das dann auch sofort um, stellen sich Rücken an Rücken und siehe da: Sie schlagen die Angriffe der Ninjas mit dieser Strategie nieder. Tanner ist zufrieden: Sie sind bereit zum Einsatz!

MAXIMUM FORCE ist auch deshalb so geil, weil er eine sattsam bekannte Formel verfolgt, die für seine Storyline typischen Plotpoints sklavisch abhakt, ohne sie jedoch wirklich jemals richtig auszufüllen. Wie oben skizziert, bleibt alles Behauptung. Warum die stulligen Übungen aus den Einzelkämpfern Rick, Michael und Cody ein Team gemacht haben, bleibt genauso unklar, wie der plötzliche Erfolg, den sie nach ein paar Festnahmen kleiner Dealer und Prostituierten feiern. Tanabe sieht sein Geschäft wegen dieser Lappalien bedroht und beschließt die Plagegeister mit Maßnahmen zu belegen. Die Erwähnung von Crews‘ Exfrau und Kind führt zu einer Exekutionsszene, die sich aber als Albtraum von Crews entpuppt. Geistesgegenwärtig ruft er seine Frau an, um ihr zu befehlen, wegzufahren. Man sieht sie danach tatsächlich nie wieder, aber das eindringliche Telefonat voller vielsagender Pausen, dass er mit ihr führt, zieht ein ebenso eindringliches und vielsagendes Zwiegespräch mit Cody nach sich, das in der obligatorischen Sexszene resultiert. Rick, der plötzlich hineinplatzt, ist aber nicht eifersüchtig, vielmehr gönnt er Crews den Erfolg. Tanabe setzt als nächstes den korrupten Polizeichef (Mickey Rooney in einem dieser typischen DTV-Auftritte: Er ist in zwei Szenen zu sehen, in denen er auf dem Rücksitz einer Stretchlimo sitzt) auf Tanner an, weil Plan Nummer 1 nicht funktioniert hat. Doch der lässt sich nicht kaufen. Bei der folgenden Ballerei im Lagerhaus sterben daher sowohl Tanner als auch Rick. Crews und Cody hatten zuvor kugelsichere Westen von ihrem Kumpel erhalten. Als Cody den sterbenden Rick fragt, warum er keine getragen habe, antwortet der nur: „Ich hatte nur zwei. Und ich wollte, dass ihr sie habt.“ Die Szene ist auch deshalb so rührend, weil die tiefe Freundschaft, die angeblich zwischen den drei Cops entstanden sein soll, buchstäblich aus dem Nichts kommt. Anstatt das jedoch schadenfroh als Versäumnis des Films zu betrachten, sehe ich es eher als Aussage über die Charaktere: Die sind so ausgehöhlt und einsam, dass schon die bloße Gegenwart anderer Menschen eine Seelenverwandtschaft konstituiert.

Der Tod der beiden Vertrauten ist natürlich der letzte Schritt, der zum unweigerlichen Showdown nötig ist, und weil ich bis hierhin schon genug gespoilert habe, hülle ich mich über den Ausgang desselben in Schweigen und komme zum Fazit. Als Actionfilm ist MAXIMUM FORCE sehr durchschnittlich: Es gibt ein paar Explosionen samt durch die Luft fliegender Menschen, ein paar Autostunts und Schießereien, aber noch nichts von der durchdrehenden Lebensmüdigkeit und Größe späterer PM-Exzesse. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, dass MAXIMUM FORCE damals auf Video keinerlei Eindruck außer Enttäuschung bei mir hinterlassen hat. Es hat bei dieser Sichtung Ewigkeiten gedauert, bis mir wieder eingefallen ist, dass ich ihn tatsächlich schon einmal gesehen habe. Die Kunst besteht wohl darin, ihn nicht als knalligen Actioner, sondern als naives Nachahmen der großen Vorbilder zu schauen, als Direct-to-Video-Neo-Noir, der bis unter die Hutkrempe mit artifziellen Bildern von trockeneisnebligen Straßenecken oder stahlblauer Räumlichkeiten vollgestopft ist oder als prall gefüllte Wundertüte putziger Einfälle. MAXIMUM FORCE ist einer jener Filme, die förmlich überlaufen vor Spinnereien, bizarrer Eingebungen und niedlicher Details, dass sie darüber ganz vergessen, eine Geschichte zu erzählen. Merhi hat einen immens kurzweiligen, aber niemals auch nur annähernd spannenden Filme gedreht, der nebenbei eine totale Augenweide ist. Auf den Trichter mit dem Orange and Teal sind die Filmemacher erst 20 Jahre später gekommen. Dabei hatte MAXIMUM FORCE schon alles zum Thema gesagt.

Während des Zweiten Weltkriegs versucht Professor Hess (Ian Abercrombie) für die Nazis ein Serum zu entwickeln, mit dem man Tote wiederbeleben kann – ohne Erfolg. Als die Aufmerksamkeit der Nazis auf den systemkritischen Puppenspieler Toulon (Guy Rolfe) fällt, kommen sie ihrem Wunsch jedoch ein Stück näher. Denn dessen Puppen scheinen tatsächlich zu leben. Major Krauss (Richard Lynch) will ihm sein Geheimnis um jeden Preis abjagen …

Heute würde man PUPPET MASTER III: TOULON’S REVENGE als „Prequel“ bezeichnen. 1991 war man da weniger akribisch und freute sich lediglich über eine Fortsetzung, die einem etwas Vorgeschichte zum Puppenspieler Toulon lieferte. Man erfährt zwar nichts wirklich essenziell Neues – was die Nazis von ihm im ersten Teil wollten, war ja klar –, dennoch ist es – ausgerechnet!, möchte ich hinzufügen – DeCoteau tatsächlich gelungen, den bislang besten Film der Reihe vorzulegen. Schon vom ersten Blick auf die optimistisch als „Berlin, 1941“ bezeichnete Pappmaché-Stadt hebt die Stimmung an. Zwar wurde PUPPET MASTER III zu 100 % in muffigen Studiosettings realisiert (IMDb weist als Drehort „Backlot, Universal Studios“ aus), doch das historische Setting, die Anwesenheit schurkischer Nazis, allen voran Richard Lynch, und missglückter Zombieexperimente, lässt dieses Manko leicht vergessen. Richtig spannend ist auch dieser Teil wieder nicht, aber eben auch nicht so beliebig und generisch wie sein direkter Vorgänger.

Am wichtigsten ist wohl, dass einem die Figuren nicht mehr so schrecklich wurst sind wie in den Teilen zuvor: Guy Rolfe – der seine Rolle aus DOLLS wiederholt – füllt den Part des Toulon mit jenem Leben, lässt den Zuschauer in einigen Szenen wirklich mitleiden, macht den Schmerz des Puppenspielers nachvollziehbar. Zum ersten Mal hatte ich in dieser Serie das Gefühl, dass der Puppenspieler nicht nur erfunden wurde, um einen Grund für seine lustigen Kreationen zu haben, sondern dass diese Figur wirklich Potenzial hat. Die tragischen Untertöne stehen PUPPET MASTER III: TOULON’S REVENGE sehr gut zu Gesicht. Am Ende, wenn Toulon Deutschland mit seinen Puppen im Gepäck verlässt, kam wirklich etwas Vorfreude auf Teil 4 auf. Die wurde durch die stussige Ankündigung von PUPPET MASTER 4: WHEN BAD PUPPETS TURN GOOD auf typisch Full-Moon’sche Art unterlaufen, aber immerhin. In einer nicht unwichtigen Nebenrolle als General Müller ist übrigens Walter Gotell, der KGB-Russe aus unzähligen Bond-Filmen, zu sehen. Er scheint seinen Spaß gehabt zu haben: Kein Wunder, darf er doch in der obligatorischen Tittenszene mitwirken.

Bei einer unautorisierten Razzia wird Jakes (John Matuszak) Partner Pete (Sam Jones) von südamerikanischen Drogendealern erschossen. Der nachfolgende Amoklauf Jakes bringt ihm zwar keine Erkenntnisse über den Verbleib der Täter, dafür aber die Suspendierung durch seinen Vorgesetzten McCoy (Ronny Cox). Wenig später wendet sich ein Mann an Jake, der sich als Manager der entführten Popsängerin Leah (Stacey Q) ausgibt und Jake beauftragt, sie wiederzufinden. Als dieser Auftraggeber wenig später ebenfalls tot ist, wächst in Jake der Verdacht, beide Fälle könnten etwas miteinander zu tun haben. Die Spur führt ihn zum Wirtschaftsboss Adams (Richard Lynch) …

Wenn sich obige Inhaltsangabe etwas rätselhaft liest, so mag das auch daran liegen, dass ich weder den Verwicklungen des Drehbuchs noch den Gedankenwindungen des Supercops Jake so recht folgen konnte. ONE MAN FORCE versucht dabei keineswegs besonders clever zu sein, überschätzt seine Möglichkeiten aber dennoch mehr als nur ein kleines Bisschen. Besonders augenfällig wird das in der Besetzung Jakes mit dem Ex-Footballstar und -Kraftprotz John Matuszak, der für Rollen wie Sloth aus THE GOONIES prädestiniert gewesen sein mag, als Protagonist und Sympathieträger aber durchaus etwas überfordert ist. Der Mann erinnert mich etwas an Joe Bugner, der in etlichen Spencer/Hill-Filmen als tumber Haudrauf mitwirkt und eine Fetischklub-Schlägerei aus ONE MAN FORCE erinnert dann auch mit ihren slapstickartigen Einsprengseln an genannte Prügelfilme, mit dem Unterschied, dass sie hier wohl ernst gemeint sein soll. Matuszak, der kurz nach Fertigstellung des Films an einem Herzanfall – Spätfolge seines Steroidmissbrauchs – starb, ist mit seinem Vollbart und der bärenhaften Statur für gutmütige Kumpeltypen oder hirnlose Schläger sicherlich wie gemacht, aber als Kriminalpolizist? Der Mann findet noch nicht einmal passende Klamotten, geschweige denn einen Verbrecher! Erstere These wird belegt durch zahlreiche eingelaufene Sportblousons, Jogginghosen mit Hochwasser und über nacktem Oberkörper getragene Ballonseide-Trainingsjacken, letzteres durch einen Bodycount, der sich gewaschen hat. Jake kommt entweder zu spät oder schlecht vorbereitet und ist so förmlich dazu gezwungen einfach jeden umzulegen, was sein Boss reichlich konsterniert zur Kenntnis nimmt. Das ist nun nichts besonderes für einen Actionfilm, eher schon lieb gewonnener Standard, aber wenn der „Held“ so jeden Glamours entbehrt wie Matuszak, dann beginnt man, die Eigenarten des Actionfilms mit ganz anderen Augen zu sehen. Wenn sich Jake hier in strikter Leugnung jedes sachlich vorgetragenen Arguments über die Bürokratie aufregt, die ihn in Ketten legt, bloß, weil er sich nicht an Vorschriften halten mag, die Bürger vor Amokläufern wie ihm schützen sollen, dann bringt er die hinter solchem Tatendrang stehende Einfalt ausgesprochen nachdrücklich zum Vorschein.

ONE MAN FORCE ist eigentlich alles andere als Pflichtprogramm: mäßig inszeniert, aber bis auf Matuszak gut besetzt, recht schwungvoll, aber ohne wirklich herausstechende Highlights, butal, aber nicht allzu blutig, dumm, aber ohne die ganz großen Brüller. Mittelmaß halt. Trotzdem hat mir der Käse einigen Spaß gemacht und als Actionkomplettist mit Achtzigerjahre-Fetisch stelle ich mir auch diesen ungeschlachten Raufbold gern ins Regal. Kann schließlich nicht immer COBRA sein.

CUT AND RUN, so lautet der internationale Verleihtitel dieses Films. Cut and run, schneiden und rennen. Das darf man als Beschreibung des modus operandi der Schurken des Films begreifen, aber auch als Anleitung für den Zuschauer: Greif dir die besten Stellen und vergiss den Rest. Immer wieder gibt es mal eine packende Szene oder Sequenz, aber deren Verbindung über eine schlüssige, durchgehende Dramaturgie ist Deodato einfach nicht gelungen. Nein, CUT AND RUN (wie ich ihn jetzt der Einfachheit halber nenne) ist wirklich kein besonders guter Film und Deodatos Behauptung, er habe einen neuen Ansatz für „sein“ Kannibalenthema gesucht, weil er keine Lust auf ein CANNIBAL HOLOCAUST-Sequel gehabt habe, darf man auch als nachgereichte Entschuldigung verstehen. CUT AND RUN ist wie fast alle italienischen Filme dieser Zeit von dem Bedürfnis geprägt, es dem US-amerikanischen Blockbusterkino gleichzutun: Die Darstellerriege ist gespickt mit internationalen Semistars, die derben Effekte sind etwas publikumsfreundlicher aufbereitet als in Deodatos früheren Schockern, der Horror wird von melodramatischen Aspekten und Actionsequenzen überlagert, der Simonetti-Score drückt mit dampfenden Synthies ausschließlich auf die Tube und die zuvor noch wütende Medien- und Zivilisationskritik bietet hier lediglich ein dünnes Deckmäntelchen, das kaum mehr als ein modebewusstes Accessoire darstellt.

Es ist natürlich Spekulation, inwieweit die Orientierung an Übersee den Niedergang des italienischen Kinos nicht noch beschleunigt hat, anstatt ihn zu verhindern. Es scheint mir aber eine ziemlich unübersehbare Tatsache zu sein, dass die Anlehnung an die Trends und Eigenheiten des US-Kinos sogar noch die positivsten Eigenheiten des Italokinos als Defizite erscheinen lässt bzw. dessen Stärken neutralisiert. CUT AND RUN wäre gern rasantes Actionkino der Marke Hollywood, doch schon beim Fundament versagt Deodato, weil seine Protagonisten einfach unglaubwürdig bleiben. Eine kleine Lokalreporterin (Lisa Blount) will zum Amazonas reisen, um dort Brian Horne (Richard Lynch), einen ehemaligen US-Soldaten zu interviewen, der abtrünnig wurde, dem fehlgeleiteten Sektenführer Jim Jones als rechte Hand diente und später gar seinen eigenen Tod fingierte, wohl um seine Verwicklung in diverse groß angelegte Drogengeschäfte zu kaschieren, die sich in der Gegenwart des Films in einigen handfesten Massakern niederschlägt? Dieser Grad von mit Naivität gepaarter Lebensmüdigkeit ist auch für den gleichgültigsten Zuschauer eine enorm schwer zu schluckende Pille. Selbst der – vor allem im Tötungshandwerk – doch um keinen kreativen Einfall verlegene Horne kann so viel Dummheit kaum fassen, als er der Reporterin schließlich gegenübersteht. Und man meint der Schauspielerin Lisa Blount den Ärger darüber, ein mit einer solch armseligen Motivation ausgestattetes Dummchen spielen zu müssen, förmlich anzusehen.

Fairerweise muss man sagen, dass CUT AND RUN nun auch beileibe keine Katastrophe ist. Technisch ist er sauber gemacht, aber das dürfte einem Regisseur, der einen formal so aufregenden und zukunftsweisenden Film wie CANNIBAL HOLOCAUST vorzuweisen hat, kaum schmeicheln. Dass er in CUT AND RUN deutlich Bezug auf dieses Meisterwerk nimmt – wieder sind Reporter die Protagonisten, wieder wird schockierendes Material in ein Fernsehstudio übertragen, wieder gibt es einen kurzen zivilisationskritischen Vortrag – verleiht dem Film dann zwar das Quäntchen Tiefgang, das ihn über den reinen Timewaster hinaus noch interessant macht, verdeutlicht aber auch schmerzlich, wie groß die Distanz zu diesem genannten Meisterwerk ist. Selbst in seinen schockierendsten Momenten – hier sei die lustige Booby Trap erwähnt, die den armen John Steiner halbiert und die auch in Fulcis drögem Spätwerk DEMONIA von 1990 zum Einsatz kommt – kommt CUT AND RUN nicht über letztlich schnödes Genrekino mit Geisterbahnambitionen hinaus. Es wäre bestimmt mehr drin gewesen, aber 1985 war es für große Ambitionen wohl einfach zu spät.