Mit ‘Richard Townsend’ getaggte Beiträge

 

Richard Pryor, der Godfather schwarzer und zeitgenössischer Stand-up Comedy , und Eddie Murphy, seinerseits Film- und Show-Superstar, muss man eigentlich bei einem ihrer Auftritte gesehen haben, um zu verstehen, welche Bedeutung ihnen tatsächlich zukommt. Ihre Persona, die für ihre Filme immer nur etwas kanalisiert und gefiltert wurde (und wird), kommt erst bei einem ihrer Bühnenauftritte ungebremst ans Tageslicht.

151210__raw_l.jpgDie vor kurzem in Aussies Kommfred geführte Diskussion über Homphilie vs. Homophobie in den ersten beiden BEVERLY HILLS COP-Filmen lässt sich nach einer Sichtung von EDDIE MURPHY RAW dahingehend forcieren, dass Murphy tatsächlich ein androgynes Kunstwesen ist, dass zwischen den Extremen schwarzer Supermacker und schwarzer Tunte pendelt. Murphy betritt die Bühne in einem hautengen Lederanzug und passenden Schuhen mit Absätzen und inszeniert sich als advocatus diaboli in Sexfragen. Ob er nun Frauen erklärt, dass alle Männer fremdgingen, weil es in ihrer Natur liege, und man einen Schwanz bräuchte, um die Unausweichlichkeit ihres Handelns zu verstehen, oder er Partei für die betrogene Frau ergreift und den Männern erklärt, dass diese sich nicht wundern müssten, wenn ihre hintergangene Frau irgendwann einmal zurückschlage – etwa während eines Kurztrips auf die Bahamas mit dem gut ausgestatten „Dexter St. Jacques“ –: Eddie Murphy lässt keinen Zweifel daran, dass seine Informationsquellen erstklassig sind. Eddie hat Männer und Frauen durchschaut und kann deswegen auch auf beiden Ufern Erfolge verzeichnen; zumindest kann man sich dieses Eindrucks nach EDDIE MURPHY RAW kaum noch erwehren. Wüsste man nicht, dass Murphy eine Ikone der Achtzigerjahre war, würde man es hier unschwer ablesen können: sein glamouröser Auftritt – zunächst sieht man nur seine Silhouette durch eine rote Wand –, sein Outfit, seine aufgeputschte Art, die unweigerlich an Kokainmissbrauch denken lässt und inhaltlich seine Exkurse über die materialistische Frau, den sexuell verunsicherten Mann und die konservative Sparmentalität der Elterngeneration sind untrennbar mit der Dekade verbunden, in der Murphy zu Pryors legitimem Nachfolger wurde. Vordergründig kann Murphy noch fantasievoller fluchen und so schnell sprechen wie eine Langspielplatte auf 45 Umdrehungen, seine Kunst auf diese Reize zu reduzieren, ist nach der Betrachtung dieses schlicht beeindruckenden Auftritts nicht mehr möglich. Wer Murphy nach Genuss seiner Filme zwar witzig findet, aber seinen Superstarstatus nie ganz verstanden hat, der muss diesen Film sehen. Erst im Kontext seines Auftritts werden seine Impersonations und Parodien wirklich lebendig. Murphy als Bill Cosby, Murphy als Pryor, Murphy als Michael Jackson, Murphy als schwarze Bitch oder als Brother, als Stallone- und Rocky-verehrender Italiener oder einfach als konservativer Cracker: Wie sicher er sich in diesen Rollen bewegt, Körpersprache, Duktus, Mimik, Gestik und Geisteshaltung imitiert, ist schlicht Extraklasse. Dieses wichtige Zeitdokument der Achtzigerjahre kann man sich komplett auf Youtube ansehen. Eigentlich Pflichtprogramm.

richardpryor.jpgRichard Pryor – unzweifelhaft der Vorreiter moderner Stand-up Comedy – hat einen anderen Ansatz als Murphy: Pryor erzählt über sich. Der schlaksige, mit seinen Pockennarben eher unscheinbar wirkende Pryor schlendert hektisch die Bühne auf und ab, monologisiert in einem konstanten Fluss und unterbricht sich immer wieder mit seinem eigenen hechelnden Lachen. Seine Flüche erhalten ihre Wirkung nicht dadurch, dass sie besonders kreativ wären, sondern eher durch ihre Allgegenwart. Pryor hat jeden Scheiß gesehen, ihn wirft so leicht nichts aus der Bahn: Er rechnet mit allem. Pryor hatte ein bewegtes Leben, sein Vater war Zuhälter, sein Sohn Richard hn wuchs quasi im Puff auf, was die Drogenkarriere beinahe unweigerlich nach sich zog. Selbstmordversuchen – Pryor versuchte unter anderem sich anzuzünden – folgten Entziehungskuren und neue Abhängigkeiten. Zu den Anekdoten, die Pryor erzählt, gehören demnach nicht nur amüsante kleine Geschichten über sein Zwergpony, seinen Hund und seine beiden Äffchen, sondern auch ernstere: Wenn Pryor die Erfahrung seines Herzanfalls in einem Dialog zwischen ihm und seinem Herz einfängt, sich in Schmerzen auf dem Bühnenboden wälzt, dann wird deutlich, dass diese Shows auch eine Art Exorzismus für Pryor waren, der sich mit der „Normalität“ nie abfinden konnte und wollte. Pryor erzählt keine Witze, er lädt etwas von seiner Seele ab. Auf seinem Gesicht erkennt man den Schmerz und die anhaltende Unsicherheit und Verletztheit, das Grinsen trägt immer eine Spur Verzweiflung in sich: „Was bin ich nur für ein Freak?“ Dennoch verkommt sein Auftritt niemals zur Mitleid heischenden Nabelschau oder zur Ausstellung von sozialem Elend für weiße Mittelschichtler. Pryor hat sich zum Objekt seiner Späße gemacht, um sich selber aushalten zu können. Wenn er davon berichtet, wie er sein Auto mit einer .44er Magnum „getötet“ hat, nur damit seine Frau den Wagen nicht benutzen kann, er diese Tat mit einem Kopfschütteln quittiert, wird die Spaltung Pryors offensichtlich: Da ist ein Mann, der sich in der Hitze des Gefechts immer wieder selbst vor Probleme stellt, die sein alter ego später lösen muss. Aber er trägt dieses Schicksal mit Würde; letzten Endes ist auch er nur ein weiterer Nigger, der sich damit abfinden muss, in der weißen Gesellschaft auf die Rolle des Outcasts abonniert zu sein. Neben Pryors Bühnenpersona, die gleichermaßen komisch wie traurig und somit im ganz klassischen Sinne clownesk ist, überzeugt natürlich sein Repertoire an Stimmimitationen und überhaupt sein Flow. Pryors Auftritt gliedert sich nicht mehr in Sinnabschnitte, in Kapitel, die durch einen größeren Spannungsbogen verbunden wären, das alles zusammenhaltende Element ist Pryor selbst, dem man stundenlang zuhören möchte. Im Vergleich zu aktuellen Stand-up Comedians und vor allem den deutschen Schmierenkomödianten, die mit ihren peinlichen Ausflügen in die Niederungen des Humors zur Fremdscham zwingen, offenbart sich die ganze Größe dieses Mannes: Ihm gelang es, das harmlose Witzeerzählen zu einer ebenso subversiven wie emotionalen kollektiven Erfahrung zu verwandeln.