Mit ‘Rip Torn’ getaggte Beiträge

Jim Brown ist eine amerikanische Footballlegende: Während seiner Zeit in der NFL, von 1957 bis 1965, wurde er in jedem Jahr für den ProBowl nominiert, das jährliche All-Star-Spiel, brach reihenweise Rekorde und gilt vielen als bester Footballspieler aller Zeiten – was ihn automatisch zu einem der größten Sportstars überhaupt macht. Für einen Deutschen ist Browns Popularität, vor allem bei Afroamerikanern, die in den Sechzigern ja noch ganz akut von der Segregation betroffen waren, kaum annähernd einzuschätzen und zu bewerten. Seine Beliebtheit mündete unmittelbar nach seinem Karriereende in eine neue Laufbahn als Leinwandheld, in der aber – da sind wir wieder beim alltäglichen Rassismus – zunächst die zweite Geige als Sidekick weißer Stars spielen musste, etwa in THE DIRTY DOZEN, DARK OF THE SUN, ICE STATION ZEBRA. Ein paar Hauptrollen in kleineren Produktionen fielen auch ab, z. B. in KENNER, 100 RIFLES, TICK … TICK … TICK … oder RIOT, aber es war dann SLAUGHTER, der seinen Ruf als einer der großen Blaxploitationhelden zementierte. Der billig runtergekurbelte Film war ein Hit, dem kurze Zeit später ein Sequel sowie weitere ähnliche Engagements folgten: BLACK GUNN, THREE THE HARD WAY sowie der von Antonio Margheriti inszenierte TAKE A HARD RIDE.

SLAUGHTER gilt mithin als einer der großen Hits seines problematischen Genres, aber so richtig warm geworden bin ich mit ihm auch bei dieser zweiten Sichtung nach vielen Jahren nicht. Wer auf ruppige Gewalt steht – und wer tut das nicht? -, der wird hier durchaus fündig, aber sowohl erzählerisch wie auch schauspielerisch und inszenatorisch ist Starretts Film kaum anders als als holprig und steif zu bezeichnen. Der Regisseur sollte im weiteren Verlauf seiner kurzen Karriere deutlich stärkere Arbeiten vorlegen, etwa das Horror-Roadmovie RACE WITH THE DEVIL oder den tragikomischen Heist-Film THE GRAVY TRAIN. SLAUGHTER, der eine sehr banale und schmucklose Rache- und Crime-Geschichte erzählt, hat hingegen nicht viel mehr zu bieten als die Präsenz Browns, die dicken Titten von Stella Stevens und eben die splatterigen Einschüsse. Auch Starrett selbst scheint nicht allzu überzeugt von der Potenz seines Scripts gewesen zu sein, was man daran erkennt, dass jede Gewaltszene mithilfe einer kruden Fischaugenlinse aufgemotzt wird. Es fallen ein paar schöne Aufnahmen ab, das Finale drückt ganz gut aufs Gas, Rip Torn gibt einen herrlich widerlichen Schurken und wirklich langweilig ist SLAUGHTER nun auch nicht, weil er sehr verlässlich nach zwei bis drei öden Dialogszenen, die das Nichts an Handlung sehr unbeholfen vorantreiben, eine Keilerei einschiebt, aber fesselnd ist definitiv was anderes. Die bunte Funk-geschwängerte Absurdität, die die besseren der kommerziellen Blaxploiter jener Tage an den Tag legen, geht ihm ebenfalls völlig ab: SLAUGHTER ist noch sehr in den Sechzigerjahren verhaftet und wirkt teilweise ziemlich altbacken. Vielleicht klappt’s beim nächsten Mal besser …

a-stranger-is-watching-movie-poster-1982-1020437597A STRANGER IS WATCHING, EYES OF A STRANGER, SOMEONE’S WATCHING ME: Drei Filme, die ich immer durcheinanderbringe. Letzterer ist ein von Carpenter fürs Fernsehen inszenierter Thriller, EYES ein Serienmörderfilm mit garstigen Effekten von Tom Savini. Cunninghams direkter Nachfolger des megaerfolgreichen FRIDAY THE 13TH, die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Mary Higgins Clark, liegt ziemlich genau zwischen den beiden. Man merkt ihm an, dass Cunningham nach dem von der Kritik weitgehend als Bodensatz verrissenen Vorgänger etwas „Respektables“ vorlegen wollte, aber auch, dass er einen „Ruf“ zu verteidigen und Erwartungen zu erfüllen hatte. A STRANGER IS WATCHING ist ein Großstadtthriller, der sich bei Hitchcock, dem Meister des Genres bedient, aber sich die Gewaltspitzen nicht ganz verkneifen mag.

Die kleine Julie (Shawn von Schreiber) musste vor zwei Jahren mitansehen, wie ihre Mutter, die Gattin des Zeitungsverlegers Steve Peterson (James Naughton), von einem Eindringling vergewaltigt und umgebracht wurde. Der damals festgenommene Ronald Thompson (James Russo) beteuerte seine Unschuld, erwartet nun aber die Exekution – die erste seit mehreren Jahrzehnten in New York vollstreckte. Während eine heiße mediale Diskussion um die Todesstrafe tobt, in die auch die Journalistin Sharon Martin (Kate Mulgrew) involviert ist, pikanterweise die Geliebte von Peterson, taucht der Mörder von einst wieder auf. Artie Taggart (Rip Torn) verschafft sich erneut Zugang zum Haus der Petersons und verschleppt Julie und Sharon in einen Kellerraum irgendwo im New Yorker U-Bahnnetz …

A STRANGER IS WATCHING ist ein kompetent gemachter Thriller, dessen Reiz auch darin besteht, dass er nicht alles ausformuliert. Wer ist dieser Taggart eigentlich? Mit Lederkappe und -jacke weckt er Assoziationen zur damals sehr aktiven schwulen Lederszene (siehe CRUISING oder auch NEW YORK CITY INFERNO), auch das verliesartige Untergrundszenario passt dazu, aber inhaltlich wird die sexuelle Komponente nie wirklich ausformuliert, aber sie schwingt immer mit. Das Drehbuch konzentriert sich auf die Gegenüberstellung des hilflos wartenden Vaters und dem Kampf der beiden Opfer, die verzweifelt versuchen, aus ihrer misslichen Lage zu entkommen. Am Ende ist es dann auch nicht die Polizei, die dem Killer ein Ende setzt, sondern weibliche Entschlossenheit und Tatkraft. Irgendwie ist A STRANGER IS WATCHING auch ein Rape-and-Revenge-Film (in der Romanvorlage wurde kein Mädchen, sondern ein Junge entführt), in dem es um tief im Inneren verborgene männliche Aggression und sexuelle Frustration geht: In einer Szene wird Taggart auf einer öffentlichen Toilette von den Mitgliedern einer Gang verdroschen. Ein guter Thriller, dem man lediglich etwas mehr Mut gewünscht hätte, offener mit seinen Implikationen umzugehen.

Die schönsten Filme übers Spielen handeln vom Verlieren. Nicht nur, weil in der Niederlage mehr als im Sieg die Chance zur Veränderung, zur Reife, zum persönlichen Wachstum liegt und ein Film über das Verlieren mithin über sein eigenes Ende hinausweist. Nein, gerade das unbedingte Festhalten am und das Bekenntnis zum Spiel trotz der stets lauernden Möglichkeit einer tragischen, schmerzhaften Niederlage verdeutlichen uns, was Spielen für das Menschsein eigentlich bedeutet, welche Kraft und Versuchung von ihm ausgehen. Verlieren kann nach alter Redensart nur, wer sich etwas traut, etwas riskiert, den Schritt über die eigenen, ihm in einem konkreten Moment in der Zeit gegebenen Fähigkeiten hinaus macht. Wer sich stets nur schwächere Gegner sucht, wird immer gewinnen, aber niemals wachsen. Die bittere Niederlage, das große Scheitern sind deshalb so wunderbar filmisch: Im Moment der Erkenntnis, im Blick der Enttäuschung und Ernüchterung ist ein unendliches Potenzial für Geschichten enthalten. Der Sieger kennt nur die Freude und den Taumel, die für sich betrachtet „leer“ sind. Ihnen folgt nichts, sie bergen kein Geheimnis.

Eric Stoner (Steve McQueen), von allen nur „The Cincinnati Kid“ genannt, ist ein geborener Sieger. In der Welt der Pokerspieler hat er sich einen Namen gemacht, in der Szene gilt er als derjenige, der dem noch amtierenden Champion, dem alternden Lancey Howard (Edward G. Robinson) als einziger die Stirn bieten, ihn vom Thron stürzen kann. Und Cincinnati ist hungrig, er glaubt fest an sein Talent, daran, die Chance verdient zu haben, fühlt sich nahezu unfehlbar, will nichts mehr, als endlich zu beweisen, was er längst schon weiß: Dass er der Beste ist. McQueen verleiht Stoner die Arroganz, Aufmüpfigkeit und Selbstherrlichkeit der Jugend, marschiert zielstrebig durch den Film, ohne nach links und rechts zu schauen, stets Herr der Lage, und in der Gewissheit, dass nur die Zeit ihn vom großen Triumph trennt. Aber genau in dieser Sicherheit, in seinem Mangel an Demut liegt auch seine Verwundbarkeit, jene Achillesferse, die Lancey im Finale aufspürt und dann mitleidlos zuschlägt. Stoner verlässt den Spieltisch nicht nur als Verlierer: Sein ganzes Selbstbild ist eingestürzt, die jugendliche Arroganz ist wie weggeblasen und statt des ewigen Sonnenscheins hängt nun eine schwarze Gewitterwolke über ihm. Vielleicht ist diese Niederlage nur eine Lektion auf dem Weg zur Meisterschaft. Vielleicht hat Cincinnati die Leichtigkeit, die ihn auszeichnete, aber auch für immer verloren.

Doch THE CINCINNATI KID passt nicht wirklich in jene Reihe von Filmen, die das „große Scheitern“ thematisieren und das Heroische in der Niederlage suchen. Denn Cincinnati verliert nicht, weil er sich einer zu großen Herausforderung gestellt hat. Er ist kein Held, auch kein tragischer, sondern ein Narr. Er hat ganz ohne Zweifel das Potenzial, die Fähigkeiten, den Veteran zu bezwingen, kommt diesem Ziel auch ganz nah. Was ihn am Ende scheitern lässt, ist nicht ein Mangel an Können, an Technik. Es ist die Gier nach Erfolg, der Leichtsinn, die Überzeugung, an der Reihe zu sein, der Glaube, in diesem Moment das Schicksal auf seiner Seite zu haben, der unbedingte Wunsch, Geschichte zu schreiben. Cincinnati fällt auf seinen eigenen, noch gar nicht geschriebenen Mythos herein, hört zu sehr auf die Einflüsterungen vermeintlicher Freunde und verliert darüber jede Vorsicht. THE CINCINNATI KID teilt mit jenen Filmen über das Scheitern die Thematisierung der Hybris, aber ihre Folgen äußern sich hier auf sehr banale Art und Weise. Am Ende ist es simple Wahrscheinlichkeitsrechnung, die ihm das Genick bricht. Der Zufall zeichnet sich eben dadurch aus, dass er auf keiner Seite steht. Er gehört niemandem. Auch Cincinnati nicht.

Die Auseinandersetzung zwischen dem aufstrebenden Jungspund und dem alternden Veteranen, von der der Film auch handelt, spiegelt sich auch auf einer ganz anderen Ebene ab. Mit McQueen und Robinson standen sich zwei Vertreter gänzlich unterschiedlicher (Schauspiel-)Generationen gegenüber und der Film handelt mithin auch davon, wie die ältere von der neueren abgelöst wird. Wie im Pokerspiel scheint auch hier Robinson der Gewinner zu sein: Mit seiner wunderbar abgezirkelten Performance, in der er die ganze Weisheit des Alters ausspielt, mit seinen punktgenau und höchst effizient gesetzen Bewegungen beherrscht er das Bild, ein Monument des Selbstbewusstseins und der Stilsicherheit. McQueen spielt sich mehr oder weniger selbst: Das streetwise kid ohne Bildung und echte Zukunft, aber eben auch ohne Respekt und Angst, angetrieben von einem unerschütterlichen Ehrgeiz und dem Willen, es zu schaffen. In der Szene, in der seine Freundin Christian (Tuesday Weld) ihm etwas erzählt und er sich noch nicht einmal die Mühe macht, sein Desinteresse zu verbergen, meint man auch ein Stück vom Privatmann McQueen sehen zu können, der nicht gerade als Feminist durchging. Er zeigt hier schon, was ihn groß machen sollte: Diese eisige Ökonomie und Authentizität – und dieser Blick, der in einem Wimpernschlag offenbart, wofür andere lange Monologe brauchen. Er zahlte für den Film gewiss kein Lehrgeld wie Cincinnati, vielmehr handelte es sich nach drei Flops, die das mit THE GREAT ESCAPE aufgebaute Momentum bremsten (SOLDIER IN THE RAIN, LOVE WITH THE PROPER STRANGER und BABY THE RAIN MUST FALL), um den Auftaukt zu einem beispiellosen Aufstieg, aber er war eben auch noch nicht am Ziel angelangt. Die Spannungen zwischen McQueen und Robinson, die genau wussten, dass sie jederzeit Gefahr liefen, vom anderen an die Wand gespielt zu werden, tragen das finale Kartenduell ganz wesentlich mit.

Ursprünglich war Sam Peckinpah für die Regie des Filmes vorgesehen, wurde aber nach nur vier Drehtagen Hals über Kopf rausgeschmissen. Hatte Produzent Ransohoff dem Wunsch des enfant terribles, den Film in Schwarzweiß zu drehen, noch entsprochen, zog er sofort die Reißleine, als er erfuhr, dass Peckinpah aufwändige Szenen gedreht hatte, die überhaupt nicht im Drehbuch standen. Für Peckinpah der Auftakt einer vierjährigen Durststrecke, in der ihn niemand mehr engagieren wollte. Ersatzmann Norman Jewison hatte nach einigen Fernsehfilmen lediglich Komödien gedreht, ohne mit diesen wirklich aufgefallen zu sein, und galt als Risiko, wurde vor allem von McQueen kritisch beäugt, der genau wusste, dass ein weiterer Flop alle Hoffnungen auf eine Weltkarriere beenden würde. Aber auch für Jewison erwies sich THE CINCINNATI KID als Glücksfall, bildete den Auftakt zu einer überaus erfolgreichen Karriere, die ihn einige Jahre später, für THE THOMAS CROWN AFFAIR noch einmal mit McQueen zusammenbrachte (diesmal war es Jewison, der McQueen nicht haben wollte). Für den Schnitt verantwortlich war Hal Ashby, der in diesen frühen Jahren ein treuer Wegbegleiter Jewisons war und mit ihm auch THE RUSSANS ARE COMING! THE RUSSIANS ARE COMING!, IN THE HEAT OF THE NIGHT und genannten McQueen-Film machen sollte.