Mit ‘Robert Carlyle’ getaggte Beiträge

the-world-is-not-enoughTHE WORLD IS NOT ENOUGH war der erste und bislang auch einzige Bondfilm, den ich im Kino gesehen habe, und ich habe ihn damals gehasst. Es war eine schwere Zeit, die der Geheimagent und ich durchmachten, von gegenseitiger Entfremdung und zunehmender Ablehnung geprägt. Der Film konnte bei mir nur verlieren und das tat er dann auch. Dass er mir heute besser gefallen würde, stand für mich außer Frage: Beim ersten Mal tat’s noch weh, beim zweiten Mal nicht mehr so sehr, man kennt das ja. Allzu viel Hoffnung hatte ich dennoch nicht: THE WORLD IS NOT ENOUGH ist bei Fans nicht besonders wohl gelitten und nimmt in Rankings meist einen der unteren Plätze ein. Er hat definitiv seine Probleme, zum Beispiel die etwas blasse, unentschlossene Inszenierung Apteds, aber auch ein paar missratene CGI-Effekte. Sein Hauptmanko dürfte aber sein, dass ihm die Pointe fehlt, das Zwingende, das, was ihn als logische Weiterentwicklung, als neuen Gipfel der Reihe auswiese. Gegenüber TOMORROW NEVER DIES wirkt er zurückgenommen, gegenüber GOLDENEYE wieder deutlich wärmer. Es fehlen auch die spektakulären Settings oder die irrwitzigen Stunts, über die man danach unbedingt sprechen müsste. Aber wenn man darüber einmal hinweggekommen ist, dann fesselt er mit seiner ungewöhnlichen Schurkenkonstellation und einer subtilen Tragik.

Statt eines Schurken sind es hier zwei, die sprichwörtlich Hand in Hand arbeiten: zum einen der Terrorist Renard (Robert Carlyle), durch eine durch sein Gehirn wandernde Pistolenkugel zum baldigen Tod verdammt, bis dahin aber von Tag zu Tag stärker, belastbarer und schmerzunempfindlicher werdend, zum anderen die Millionenerbin Elektra King (Sophie Marceau), die jedoch zunächst das Opfer in einem recht typischen Plot zu sein scheint. Hinter den vorgetäuschten Anschlägen auf ihr Leben und ihre Ölpipeline, die von Aserbaidschan durch die Türkei nach Westeuropa führt, steckt jedoch lediglich ein Ablenkungsmanöver Kings selbst, mit dem sie von ihrem eigenen Monopolvorhaben ablenken will: Zur Vollendung ihrer Pläne will sie mithilfe von Renard eine Atombombe im Schwarzen Meer zünden. Die beiden Verbrecher unterhalten eine höchst faszinierende Beziehung zueinander: Elektra King war einst als Geisel in Renards Gewalt. Bond vermutet, dass sie dem Stockholm-Syndrom zum Opfer fiel und sich in ihren Peiniger verliebte, doch das Gegenteil erweist sich als richtig. Der vom britischen Geheimdienst als Köder zur Festsetzung Renards missbrauchten Elektra gelang es, den Terroristen auf ihre Seite zu ziehen und zum Verbündeten in ihrem Racheplan zu machen, als sie merkte, dass sie nicht auf Hilfe durch den Staat zu hoffen brauchte. So vollendet sie schließlich nicht nur die Prophezeiung ihres Namens, ihre Verletzung schlägt auch in unstillbaren Hass um, für den sich wiederum Renard verantwortlich fühlt, der Elektra als junges, verwundbares Mädchen kennenlernte und ihre Verwandlung zur verbitterten Rächerin miterleben musste. Zum ersten Mal in einem Bondfilm kann man Mitleid mit den Schurken empfinden, zum ersten Mal handelt es sich auch um Opfer der tragischen Umstände. Das verschafft dem Film auch einige grandiose, ungewohnt emotionale Momente: Die Erschießung Elektras durch den Geheimagenten ist geradezu grausam in ihrer unausweichlichen Härte, Renards Blick, wenn Bond ihm gesteht, dass seine Vertraute tot ist, absolut niederschmetternd.  Ich weiß noch, dass ich vor allem von Renard damals enttäuscht war, aber die Figur ist in Wahrheit eine der faszinierendsten der ganzen Reihe, von einer tiefen Traurigkeit geprägt und paradoxerweise höchst verletzlich in seiner Schmerzunempfindlichkeit. Und Carlyle ist großartig.

In dieser Konstellation kommt auch die Selbstkritik wieder zum Tragen, die mit GOLDENEYE Einzug in die Serie gehalten hatte: Das Wirken des britischen Geheimdienstes befreit die Welt mitnichten vom Bösen, sie schafft es mitunter selbst. Diese Erkenntnis legt sich bleischwer über den Film, dem sowohl das Zelebratorische der Connery- und Moore-Jahre als auch die technokratische Kälte der ersten beiden Brosnan-Bonds abgeht. THE WORLD IS NOT ENOUGH wirkt gehemmt, in seinen Actionszenen macht sich keine Freude breit, der breite Humor ist seltsam fehl am Platze (vor allem John Cleeses Auftritt als Nachfolger von Q ist eher schmerzhaft). Das gilt auch für die Figur von Denise Richards‘ Kernphysikerin Dr. Christmas Jones, die meist herangezogen wird, wenn es darum geht, die Fehlleistungen des Films aufzuzählen. Aber mal ganz davon abgesehen, dass sie in dieser Rolle weitaus weniger albern ist, als man zunächst glauben mag, weiß ich nicht, was sexistischer ist: eine Atomphysikerin mit einer drallen Blondine mit Schmollmund zu besetzen, oder anscheinend zu glauben, dass Atomphysikerinnen nicht aussehen könnten wie Denise Richards? Dürfen etwa nur hässliche Frauen intelligent sein? Wie dem auch sei: Mir gefällt THE WORLD IS NOT ENOUGH immer besser, je mehr ich über ihn nachdenke, und er dürfte die vielleicht größte Überraschung meiner Retrospektive sein. Ein ungewöhnlicher Bond, ganz sicher, aber auch ein ungewöhnlich starker.

 

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