Mit ‘Robert Kerman’ getaggte Beiträge

Von den „klassischen“ Kannibalenfilmen fand ich MANGIATI VIVI! immer am enttäuschendsten. Nicht zuletzt der endlos geile deutsche Titel LEBENDIG GEFRESSEN, eigentlich ja nur eine sehr korrekte Übersetzung des Originaltitels, aber eben um einiges härter, animalischer, atavistischer und sensationalistischer klingend, hat in mir immer Erwartungen geweckt, die er dann nie so recht zu erfüllen vermochte. Das hat sich leider auch nach über 20 Jahren nicht geändert, auch wenn ich nach Lenzis Tod vor knapp vier Wochen gern zu einer anderen Ereknntnis gekommen wäre. Sein Reißer, mit dem er nach einigen fulminanten Poliziotteschi in den Siebzigern sein nicht mehr ganz so ruhmreiches Spätwerk einleitete, ist ein heute vergleichsweise zahm anmutender Kannibalen-/Abenteuerfilm, der aus seiner reizvollen Story nicht wirklich viel zu machen weiß.

Nach einigen rätselhaften Morden in New York – die Opfer werden von einem dunkelhäutigen Mann mithilfe von Giftpfeilen getötet – begibt sich die junge Amerikanerin Sheila (Janet Agren) ins Amazonas-Gebiet, um dort ihre Schwester Diana (Paola Senatore) wiederzufinden. Sie soll sich der Purifikationssekte von Jonas Melvin (Ivan Rassimov) angeschlossen haben, der auch die Mordopfer angehört haben. Mit dem Abenteurer Mark (Robert Kerman) reist sie in den Urwald, wo sie von Kannibalen attackiert, aber von Jonas‘ Leuten gerettet werden. Der führt ein hartes Regiment gegen seine Jünger: Wer gegen die Regeln verstößt, wird verbannt, was bedeutet, als Mittagessen der Kannibalen zu enden …

Die Geschichte um die Sekte ist unschwer erkennbar an den damals noch recht aktuellen Fall des Guyana-Massakers angelehnt, bei dem der Sektenführer Jim Jones die Angehörigen des Peoples Temple in den Massenselbstmord trieb, und dann mit Motiven des damals massiv erfolgreichen Kannibalenfilm-Genres angereichert, das Lenzi selbst acht Jahre zuvor mit seinem IL PAESE DEL SESSO SELVAGGIO aus der Taufe gehoben hatte. Es hatte danach ein paar Jahre gedauert, bis sich Deodato an ein Sequel begab: Sein ULTIMO MONDO CANNIBALE war der eigentliche Startschuss für einen wenige Jahre anhaltenden Boom, an dem Lenzi dann auch wieder partizipieren wollte. Sein Film beinhaltet alles, was das Genre auszeichnet: Die Kulisse des idealtypisch für die Zivilisation und den „Grußstadtdschungel“ stehenden Manhattans als Ausgangspunkt für eine von Tiersnuff, Splattereffekten, „primitiven“ Ritualen, softem Sex und sexualisierter Gewalt gesäumten Weg in die sprichwörtliche grüne Hölle, an deren Ende die Erkenntnis steht, dass der westliche Mensch nicht viel besser ist als der Wilde aus dem Wald, aber dafür wenigstens mit Messer und Gabel isst.

Es ist nicht so, dass kein Potenzial in dem Film steckte: Es ist eigentlich toll, dass sich Lenzi nicht auf seine Kannibalengeschichte verlässt, sondern die Gekrösemampfereien eher in der Peripherie stattfinden lässt, nur leider wird die Purifikationssekte nie wirklich so lebendig, dass sie das Interesse, das er ihr widmet, rechtfertigen würde. Das Problem: Neben Jonas und ein paar Schergen bleiben die Sektenhuber reine Staffage, keiner von ihnen hat auch nur einen erkennbaren Charakterzug, von einer Persönlichkeit ganz zu schweigen. Warum sie Jonas anbeten und sich dazu an diesen gottverlassenen Ort begeben haben, warum sie ihm bereitwillig in den Tod folgen, bleibt völlig unklar, und demnach verpufft auch der Massenselbstmord am Ende ziemlich wirkungslos. OK, MANGIATI VIVI! ist nicht unbedingt der Film, an dem ich mit der Erwartung feinsinniger Charakterzeichnung herantrete, aber Gematsche wird eben auch nicht viel geboten. Viele der alten Reißer, deren Effekte mich damals noch massiv beeindruckt und geschockt haben, kommen heute eher zahm und albern daher, aber MANGIATI VIVI! hat besonders viele Federn gelassen. Der Schluss, wenn die arme Diana und eine andere Frau den Menschenfressern zu Opfer fallen und ihre gut sichtbar unter Sandhaufen verborgenen Unterarme und -schenkel abgetrennte Gliedmaßen simulieren, während die Kannibalen an Gummiextremitäten nagen, schlägt auf der Schäbigkeitsskala ziemlich hoch aus. Dass MANGIATI VIVI! im Jahre des Herrn 2002 beschlagnahmt wurde, ist geradezu rührend. Jede moderne Geisterbahn ist furchteinflößender als Lenzis Film.

Deshalb spare ich es mir auch, hier über Rassismus zu sprechen, was natürlich mehr als angebracht wäre. Oder über Sexismus: Tatsächlich muss ich zugeben, dass ich die Szene, in der die schöne blonde Sheila über eine Fressorgie stolpert und von Chauviebolzen Mark per furztrockenem Kinnhaken vor dem Anblick erlöst wird, der ihr zartes Frauenseelchen todsicher nachhaltig zerrüttet hätte, sehr lustig fand. Er geizt eh nicht mit erzieherisch eingesetzten Maulschellen für das Weibchen, wohl wissend, dass es genau das ist, was die Frauen wollen. Irgendwann kann sie dann auch nicht mehr anders, als ob des drohenden Todes vor ihm auf die Bettstatt zu sinken. Wenigstens einmal noch bumsen, bevor man von Kannibalen gefressen, einem Sektenfuzzi ermordert oder amoklaufenden Krokodilen gefressen wird, das wär’s doch! Meine Lieblingsszene im ganzen Film ist aber jene, in der sich ein Kroko todesmutig per Kopfsprung auf einen nichts Böses ahnenden Eingeborenen stürzt und ihn ins Wasser zerrt. Was für ein Aggressionspotenzial! Wäre MANGIATI VIVI! durchgehend mit solchem Kokolores angefüllt, würde er mir deutlich besser munden.

Wenn es einen Anlass gibt, mit einem hyperbolischen Superlativ zu beginnen, dann ist es Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST, vielleicht der ehrlichste Film aller Zeiten und wahrscheinlich der einzige, den ich kenne, der eine kritische Haltung einnimmt, ohne sich dabei bequem auf einen archimedischen Punkt zurückzuziehen, von dem er mit dem Finger auf die Dummen und Nixblicker zeigen kann. Deodato wusste es schon 1980: Die Welt ist in einem solch verheerenden Zustand, dass niemand sich herausreden kann. Wir stecken alle drin, partizipieren alle an einem System, das auf der Ausbeutung der Schwächeren basiert. Die einzige Form der Kritik ist die Selbstanklage, der Rundumschlag, den Deodato mit CANNIBAL HOLOCAUST vorlegte. Wenn ich ihn richtig verstehe, hat er keinen Spaß an dem Film gehabt.

CANNIBAL HOLOCAUST ist auch fast 40 Jahre nach Erscheinen noch berüchtigt und für nicht wenige Horrornerds und Gorebauern, denen sonst keine Schweinerei zu viel ist, überschreitet dieser Film eine Grenze, die sie nicht übertreten wollen. Nicht etwa, weil sich fast alle Gewalt gegen Frauen richtet und immer sexuell konnotiert ist, nicht weil die „Kannibalen“ als grunzende Primitive gezeichnet werden oder weil der Film die Zivilisation als Lüge enttarnt und uns allen ein äußerst schlechtes Zeugnis ausstellt: Nein, wegen der drei Tiersnuffszenen, die natürlich mal gar nicht gehen. So verständlich die Reaktion auch ist – die Szenen sind ohne Zweifel grausam und ekelhaft und sollen auch genau das sein -, so verlogen ist die moralische Entrüstung darüber angesichts der Millionen von Tiere, die Jahr für Jahr industriell zerlegt werden, um als Bärchenwurst im Kühlregal zu landen. Deodato tut nichts anderes als uns ein Stück Realität vorzuhalten, die wir sonst so gern verdrängen, und unsere Sensationsgeilheit zu stören, die wir von dem Film sonst bedient sehen wollen. Im Unterschied zu anderen Filmen, die eine ähnliche Strategie fahren, macht Deodato aber eben ernst: Er macht sich selbst schuldig, um zu zeigen, wie weit es mit uns gekommen ist, anstatt uns Haneke-Style zu hintergehen, uns mit Gewalt zu ködern und uns dann dafür zu geißeln, dass wir seinen Film angeschaut haben. Er sagt nicht: „Das seid ihr“, sondern „Das sind wir“.

Der Titel ist auch nur ein Trick. CANNIBAL HOLOCAUST hat mit Kannibalen eigentlich nichts am Hut. Es geht um den Westen, den Kapitalismus, wenn man das Wort benutzen will, darum, wie wir unsere Werte mit großer Aggressivität in die Welt hinaus tragen, sie zerstören oder infizieren. Film ist nur eines „unserer“ Mittel und Deodato führt uns mit großer technischer Brillanz vor, welche Macht er hat, wie uns Film Dinge über die Welt erzählt, die wir sofort glauben, obwohl sie totaler Bullshit sind. Ich weiß nicht, ob Deodato den „Found Footage“-Film wirklich erfunden hat, wie oft kolportiert wird, aber ganz sicher hat er die mit ihm verbundenen Authentifizierungsstrategien bereits zu einem Zeitpunkt definiert, entwickelt, ausgereizt und zu technischer Vollendung geführt, als es den Begriff noch gar nicht gab und nicht daran zu denken war, dass sich aus dieser Idee mal ein veritables Subgenre formen würde. CANNIBAL HOLOCAUST ist ein Meisterwerk der Manipulation und diese Manipulation ist nicht nur schnödes Mittel, den Zuschauer glauben zu lassen, er habe Dinge gesehen, die gar nicht da sind: Es steckt mehr dahinter. Wir werden andauernd belogen und hinters Licht geführt, ohne es zu bemerken. Wir wollen das sogar. Es ist bequem. Wir können nicht alles hinterfragen. Woher kommen die Bilder, die wir sehen? Wer sind die Menschen, die sie produzieren? Was ist das Weltbild, das sie uns verkaufen? Das hat nichts mit Lügenpresse zu tun, sondern mit Medienkompetenz. Deodato zwingt uns genau hinzusehen, während wir eigentlich nichts mehr wollen, als uns die Augen zuzuhalten.

Ich hatte CANNIBAL HOLOCAUST als bestialischen Film in Erinnerung und das ist er auch, aber hinsichtlich seiner Effekte ist er tatsächlich relativ zurückhaltend. In der Abtreibungsszene hält die Kamera eben nicht voll drauf, sie scheut sogar davor zurück, uns alles zu zeigen. Trotzdem haben wir das Gefühl, hier massiv überfordert zu werden. Der Grund ist, dass diese Gräueltaten nicht durch eine Dramaturgie gerechtfertigt sind: Die Menschen, die da gequält und geschändet werden, sind Fremde, sie haben keine Namen und keine Persönlichkeit, sie haben nichts getan und wir verstehen nicht, warum man ihnen dieses Leid zufügt. Da wird eine filmische Konvention verletzt. Dann ist da natürlich diese unfassbare Musik von Riz Ortolani, einer der tollsten Scores aller Zeiten, der einem abwechselnd Angst einjagt und einem dann wieder die Tränen in die Augen treibt. CANNIBAL HOLOCAUST geht gegen alles, was wir für menschlich halten, und zwingt uns dann, einzusehen, dass wir Teil dieser Unmenschlichkeit sind. Erst am Schluss gibt er uns die Möglichkeit, uns ein Stück zu distanzieren: wenn wir mit Professor Monroe (Robert Kerman) und den Fernsehleuten in einem Vorführraum sitzen und gezwungen werden, uns auch die letzten Szenen des geborgenen Materials zu sichten, von denen wir bereits ahnen, dass sie das grausame (aber gerechte) Ende des Filmteams zeigen, das zuvor die Indianer gequält hatte, um seinen Film aufzupimpen. Aber auch das ist mit einem fiesen Trick verbunden: Es ist der Tod der weißen Amerikaner, der die Entscheidung herbeiführt, das Material zu vernichten.

CANNIBAL HOLOCAUST ist ein schwieriger und komplizierter Film, dabei aber gleichzeitig von äußerster Klarheit (und immer wieder auch großer Poesie). Wenn man kein Psychopath ist, kann es nur eine Reaktion auf ihn geben: die Verachtung für die brutalen Filmemacher, die ihre Fakten inszenieren, um einem nach Sensationen dürstenden Publikum die geilen Bilder zu geben, die Trauer mit den Unschuldigen, die sie quälen und umbringen, den Ekel vor dieser Form von Selbstermächtigung, mit der sie sich  über vermeintlich schwächere, weniger „zivilisiertere“ und wohlhabende Menschen stellen. Aber er gibt uns nicht die Genugtuung, mit dem Finger auf die Schuldigen zu zeigen, weil wir alle mit drin hängen. Siehe Sensationalismus: Was hat die meisten wohl zuerst dazu bewogen, einen Film mit dem Titel CANNIBAL HOLOCAUST zu schauen? Die Verachtung und Entrüstung, die dem Film weitestgehend entgegenschlägt, ist Beweis dafür, dass seine Einschläge zu nahe an unserer Komfortzone liegen. Aber so sehr wir uns auch von ihm distanzieren mögen: Wir kommen nicht raus aus der Nummer. Die politischer Aufruhr der letzten Jahre ist vielleicht ein Zeichen dafür, dass wir irgendwann alle die Quittung dafür bekommen, dass wir unseren Reichtum auf der Armut der Dritten Welt aufgebaut haben.Wir haben erst ihre Hütten verbrannt und dann vor ihren Augen eine Orgie gefeiert.