Mit ‘Robert Morley’ getaggte Beiträge

Man weiß, dass man alt ist, wenn man einen Film zum letzten Mal vor rund 30 Jahren gesehen hat und sich trotzdem noch an ihn erinnern kann. THE AFRICAN QUEEN ist mir vor allem wegen seiner ekligen Blutegel-Szene im Gedächtnis geblieben, der Rest verschwamm bis zu diesem Wiedersehen zugegebenermaßen zu einem diffusen Bildergemisch aus Urwaldvegetation, Schmutzwasser, dem dreitagebärtigen Humphrey Bogart, Schweiß und einem riesigen See, aber ich weiß noch, dass mir der Film als Kind sehr zugesagt hatte. Es ist einer dieser Filme, die einen unmittelbar in ihren Bann ziehen, die in ihrer rohen Perfektion so ursprünglich wirken, dass es schwer fällt, an ihre Gemachtheit zu glauben. Er kündet heute von einer längst vergangenen Zeit, in der Hollywood solche magischen Werke mit beängstigender Souveränität aus dem Ärmel schüttelte und kernige, bärbeißige Säufer- und Abenteurertypen wie John Huston von ihren Reisen nicht bloß Fotos mitbrachten, sondern gleich ganze Filme. Filme, die sie unter katastrophalen Bedingungen drehten, um sich zu beweisen, dass sie es konnten. Filme, von einer unwiderstehlichen körperlichen Präsenz, einer beeindruckender Klarheit und Einfachheit, dabei höchster stilistischer und erzählerischer Kunstfertigkeit. Filme, die schon im Moment ihrer Erstaufführung zu Mythen gerannen und heute wie das Äquivalent zu einer seit Jahrtausenden weitergereichten Volkserzählung anmuten. THE AFRICAN QUEEN, mit seiner archetypischen Geschichte von der gemeinsamen Schifffahrt zweier einander diametral gegenüberstehenden Charaktere, dürfte ca. 100.000 andere, vergleichbare Filme inspiriert haben, die dem Grundrezept jedoch nichts Entscheidendes mehr hinzufügen konnten, weil John Huston, ausgestattet mit einem Drehbuch von James Agee, in seiner Reduktion aufs Wesentliche bereits alles gesagt hatte, was durch das Zufügen weiterer ornamentaler Schlenker nur verdeckt und verwässert werden musste.

THE AFRICAN QUEEN ist nicht ausschließlich wegen der wunderbaren Chemie so toll, die Katharine Hepburn und Humphrey Bogart gemeinsam entwickeln und damit die unwahrscheinliche Liebe zwischen der strengen Methodistin Rose und dem einfachen Bootsmann Charlie mehr als nur glaubwürdig, nämlich magisch machen, auch nicht nur wegen Jack Cardiffs toller Kameraarbeit, auch wenn die freilich sehr wichtig ist: Neben dem traumhaften Urwaldlicht vor allem im ersten Drittel des Filmes gibt es ein paar wahrhaft mystische Momente, in denen die gestochene Schärfe des Blu-ray-Bilds einer authentisch wirkenden Unschärfe weicht, die einen glauben lässt, alte restaurierte und liebevoll nachkolorierte Dokumentaraufnahmen zu sehen; und über die grandiosen Rückprojektionen, die die Gesichter von Bogart und Hepburn in Heiligenikonen verwandeln, will ich gar nicht anfangen zu sprechen, weil ich dann kein Ende finde (überhaupt ist die Rückprojektion ein Stilmittel, das ich immer mehr zu schätzen lerne). Nein, es sind die realistischen Umstände des Films, die Entbehrungen, die die Schauspieler und Crew auf sich nehmen mussten, die sich in den Gesichtern und auf den Körpern abzeichnen und den Zuschauer zum Leidensgenossen und Partner machen. Die Anekdoten, die sich um THE AFRICAN QUEEN ranken, sind zahlreich, und die bekannteste dreht sich um die heftigen Magenerkrankungen, die alle Beteiligten außer die in Alkohol eingelegten Huston und Bogart heimsuchten. Die Hepburn hatte immer einen Eimer in Reichweite, in den sie sich zwischen den Takes übergab und man sieht ihr an, wie sehr sie da gelitten haben muss. Umso beeindruckender sind die Lebendigkeit und der Witz, den sie im Zusaamenspiel mit Bogart an den Tag legt.

Es ist ein bisschen unangemessen, einzelne Szenen aus dem Film herauszupicken, weil er so unglaublich rund ist und trotz seines episodischen Handlungsverlaufs sehr gleichmäßig fließt. Aber ich tue es trotzdem und wähle als Höhepunkt nicht die Stromschnellen, den Wasserfall oder das Schilf (obwohl gerade letztere Sequenz natürlich absolut unfasslich ist). Nein, die Schönheit des Filmes und der wunderbaren Liebe zwischen den beiden so gegensätzlichen Menschen kommt am besten in dem kurzen Dialog zur Geltung, den Rose und Charlie vor der Reparatur der „African Queen“ haben. Beim Sturz vom Wasserfall hat sich die Antriebswelle des Bötchens verbogen und ein Blatt der Schraube ist abgebrochen. Charlie sieht keine Chance, diese Schäden mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu beheben. Rose stellt Fragen, macht Vorschläge, ermutigt und schiebt ihn so sehr behutsam, mit weiblicher Empathie, aber auch mit viel sanftem Nachdruck in die Position, in der er sich in der Lage fühlt, die nötigen Reparaturen selbst durchzuführen. Am Ende scheint alles ganz einfach und Charlies Freude darüber, nach gelungenem Handwerk die Fahrt wieder aufnehmen zu können, wird noch von jener übertroffen, über seinen Schatten gesprungen zu sein, sich selbst übertroffen zu haben. Es ist das Idealbild einer Beziehung: Den anderen durch den unbedingten Glauben an seine Fähigkeiten dazu zu ermutigen, das zu tun, was er sich allein nicht zutrauen würde. Die beiden sind in diesem Moment das glücklichste Liebespaar der Welt.

Eine sehr gute, lesesnwerte Analyse des Films kann man hier lesen.