Mit ‘Robert Pattinson’ getaggte Beiträge

Vielleicht werde ich wirklich langsam alt. THE LOST CITY OF Z ist klassisches Erzähl-, Ausstattungs- und Schauspielerkino, das man (auch ich) gern vorschnell als altmodisch, behäbig und gestrig abschreibt. In gemäßigtem Tempo und erlesenen Breitwandbildern (gedreht wurde anachronistisch analog) erzählt der Film von den Südamerika-Expeditionen des britischen Soldaten Percy Fawcett (Charlie Hunnam), der Anfang des 20. Jahrhunderts eine Landvermessungsmission in Bolivien annahm, weil er sich davon Aufstiegschancen im Militär erhoffte, die ihm sonst verwehrt waren, und dann sowohl dem Zauber der unnachgiebigen Natur erlag als auch der Idee, eine versunkene Zivilisation der vom Westen als „Wilde“ diffamierten Ureinwohner zu finden. Fawcett verschwand 1925 bei seiner insgesamt siebten Reise zusammen mit seinem Sohn Jack (Tom Holland) spurlos, doch seine Idee beschäftigt die Wissenschaft heute noch – zumindest behauptet das die den Film abschließenden Texttafel. James Gray deckt mit THE LOST CITY OF Z einen Zeitraum von ungefähr 20 Jahren ab: Er beginnt mit dem Auftrag, den die Royal Geographic Society Fawcett unterbreitete, und endet kurz nach seinem Verschwinden, das zu zahlreichen ergebnislos verlaufenen Rettungsmissionen führte. Die sieben Reisen, die Fawcett ins Amazonas-Gebiet führten, reduziert der Film auf drei, unternimmt zwischenzeitlich einen Abstecher auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges, auf denen sich der Brite ebenfalls behaupten musste. Und vor diesem epischen historischen Hintergrund beschäftigt er sich mit so unterschiedlichen Themen wie dem rigiden britischen Klassensystem, dem Konflikt zwischen dem ambitionierten Entdecker und seiner Gattin Nina (Sienna Miller), die als intelligente Frau auf die undankbare Rolle der für Jahre allein zurückbleibenden Mutter festgelegt war, den Grenzen im Denken hinsichtlich des Rollenverständnisses, die selbst einem fortschrittlicher Mann wie Fawcett auferlegt waren, der Arroganz der westlichen gegenüber der Dritten Welt und schließlich – und am wichtigsten – der Macht der Träume, die einen Mann bis ans Ende der Welt führen und ihn sich dort unaussprechlichen Gefahren aussetzen lassen. „A man’s reach should exceed his grasp or what’s heaven for?“: Um Großes zu erreichen, muss man versuchen, das Unmögliche möglich zu machen. Auch wenn man den Versuch mit dem Leben bezahlt.

THE LOST CITY OF Z ist ein Film starker Bilder, aber mindestens ebenso sehr wird er von seiner lebendigen Soundkulisse getragen. Der Urwald nimmt vor dem Auge und Ohr des Betrachters Gestalt an als unergründliche Tiefe, als Raum unendlicher, geheimnisvoller Verlockungen, der in dieser Qualität auch als Gleichnis für das Kino selbst fungiert, deren undurchdringliche, zweidimensional Projektionsfläche sich im besten Falle öffnet, um dahinter ganze Kosmen zu offenbaren. Voraussetzung dafür ist aber immer zuerst die Offenheit des Betrachters: Für die Betonköpfen der Royal Geographical Society, die immer schon wussten, dass der weiße Mann das Maß der Dinge ist, sind die archäologischen Funde, die für Fawcett der Beweis dafür sind, dass es am Amazonas eine Zivilisation gab, die unserer vorausging, bloß „pots and pans“ von „savages“; für den feigen Hochstapler Murray (Angus Macfadyen) ist der Urwald ein Schlammloch, das sich Fawcett dazu herablässt, mit Ureinwohnern zu sprechen, stellt „Wahnsinn“ dar, ein untrügliches Zeichen, dass der Forscher den Verstand verloren hat. Aber für Fawcett wird die Idee einer versunkenen Stadt im Urwald zum alles beherrschenden Motiv seines Lebens, zum Antrieb, zur Quelle der Inspiration, zu einem gleichnishaften Bild für die Kraft des Lebens selbst (so wie THE LOST CITY OF Z eines für das Kino ist). Als wir ihn zum letzten Mal lebend sehen, wird er von den Indianern, die ihn zuvor unter Drogen gesetzt haben, weggetragen. Die Kamera schaut von oben auf ihn herab, sein Blick ist schläfrig, glasig, aber doch erfasst er etwas, das ihn seine Hand ausstrecken und ins Leere greifen lässt. Die versunkene Stadt Z hat er (wahrscheinlich) nicht gefunden, aber die Erlebnisse und Erfahrung, die er und sein Sohn auf gesammelt haben, haben ihre „Herzen mit tiefem Verständnis erfüllt“, wie er seinem Sohn in ihren letzten gemeinsamen Momenten tröstend erklärt. En Verständnis, das im Idealfall als Idee weiterlebt, der dann andere Menschen folgen.

Aber Grays Film ist, das sollte längst klar geworden sein, nicht nur in seiner Erkundung einer fremden Welt faszinierend und ergreifend, sondern vor allem in der Zeichnung seiner Charaktere,, darin, wie er die psychologische Grundlage für Fawcetts Streben herausarbeitet und all die verschiedenen Facetten seiner Erzählung zu einem dichten Wurzelgeflecht verbindet. Hunnam ist großartig als Fawcett und ich hätte ihm noch stundenlang zuhören können, wie er seine messerscharf gescripteten, dabei niemals gekünstelt wirkenden Dialogzeilen mit der Präzision eines Mannes artikuliert, der weiß, dass jedes seiner Worte auf die Goldwaage gelegt wird. Bitter der Satz eines hohen Militärs, der ohne jeden Anflug der Ironie Fawcetts „Wahl seiner Vorfahren“ kritisiert: Eine hohe Militärkarriere wird ihm deshalb verwehrt, weil sein Vater ein Trinker und Spieler war. Was musste es für einen ambitionierten, talentierten Mann bedeuten, aufgrund der Taten des Vaters, auf die er nie Einfluss hatte, als Versager, als gebrandmarkt abgestempelt zu sein? „A man’s reach should always exceed his grasp“: Das bedeutet in Fawcetts Fall auch, sich gegen die Zwänge einer gesellschaftlichen Determination zu stemmen, die ihn von Anfang an in Ketten schlägt, die Limitierungen, die ihm durch sein Blut auferlegt sind zu durchbrechen. Fawcett stemmt sich mit allem, was er hat, nicht nur gegen die Natur sowie fest stehende, unverrückbare Vorurteile, sondern gegen im hierarchisch fest gefügten Empire bestehende gesellschaftliche Konventionen. Kraft seines Willens und seiner Taten erschafft er sich ein neues Schicksal.

THE LOST CITY OF Z evoziert fast zwangsläufig Vergleiche mit großen Filmen: Coppolas APOCALYPSE NOW fällt einem ein, Herzogs AGUIRRE, DER ZORN GOTTES oder FITZCARRALDO. Alle handeln sie von einer Reise an die äußerste Randbereiche der menschlichen Zivilisation und des Verstandes, da wo er graduell in den Wahnsinn, in den Traum übergeht. Und er stellte ein beinahe ebenso selbstmörderisches Unterfangen dar wie die Reisen seines Protagonisten. Der Dreh auf 35 mm – „an act of hubris“, wie Gray zu Protokoll gab – bedeutete zwar eine große Herausforderung, war aber nicht nur ästhetisch die richtige Wahl, denn alle digitalen Geräte versagten angesichts der großen Feuchtigkeit den Geist. Konfrontationen mit Spinnen, Schlangen, Insekten und anderem unfreundlichem Getier standen an der Tagesordnung, Hunnam und Pattinson verloren unter den Strapazen des Drehs mehrere Kilo Gewicht. Das alles trug zur Authentizität des Filmes bei, die nicht zuletzt die Darsteller ihm verliehen. Hunnam, Pattinson, Miller, Holland und Macfadyen sind allesamt großartig, man könnte ihnen noch stundenlang zusehen. Ein Gastauftritt von Franco Nero als Besitzer einer Kautschuk-Farm, der sich eine kleine Oper in den Urwald gebaut hat, ist eine kleine Herzog’sche Exzentrik, die sich dieser sonst hoch konzentrierte, dabei aber nie unangenehm kontrollierte Film erlaubt. Ich habe ihn innerhalb von zwei Tagen gleich zweimal gesehen, das kommt nur noch sehr selten vor. Ein rares, funkelndes Kleinod, das an den Kinokassen leider Schiffbruch erlitt, aber an das man sich erinnern wird.

Den Karriereweg, den Cronenberg beschreitet, finde ich immer faszinierender, je mehr Filme er dreht. Mit ganz wenigen Ausnahmen ist es ihm bislang stets gelungen, auch dann unverkennbar Cronenberg zu bleiben, wenn er etwas ganz Neues versuchte. MAPS TO THE STARS ist auch so etwas Neues, selbst wenn man eingesteht, dass der Kanadier die Zeiten, in denen man ihn mit einiger Berechtigung als „Genreregisseur“ bezeichnen konnte, längst hinter sich gelassen hat. Es gibt eigentlich keinen Film mehr, den ich ihm überhaupt nicht zutrauen würde und wäre gespannt, wie zum Beispiel eine reinrassige Komödie von ihm aussähe. Komische Untertöne hat auch MAPS TO THE STARS (wie auch COSMOPOLIS zuvor), doch das Lachen bleibt einem dann doch mehr als einmal im Halse stecken. Cronenbergs neuester Film wird in Rezensionen gern als seine „Abrechnung“ mit Hollywood, Starsystem und Filmindustrie bezeichnet, und das ist er in gewisser Hinsicht auch, aber hinter der Geschichte um Inzucht, Mord, Wahnsinn, Missbrauch und Kindsverbannung in zwei Schauspielerfamilien verbirgt sich auch ein Mystery- bzw. Geisterfilm, eine esoterische Wiedergeburtsspekulation und eben eine schwarze Komödie. MAPS TO THE STARS bleibt dabei seltsamerweise ultrahomogen und zwingend, ist von jener kristallinen, fast analytischen Klarheit geprägt, die Cronenbergs Filme auch dann noch auszeichnet, wenn sie auf der Inhaltsebene völlig bizarr werden. Und immer schwingt da dieser perverse Unterton mit, den man von Cronenberg kennt, von dem man als Zuschauer aber nie so genau weiß, wo er eigentlich herkommt.

MAPS TO THE STARS verwebt die tragische Geschichte zweier Hollywood-Familien: Die Schauspielerin Havana Segrand (Julianne Moore), die Tochter einer großen, bei einem rätselhaften Hausbrand ums Leben gekommenen Hollywood-Legende, kämpft mit dem Alter und dem damit einhergehenden Desinteresse der Studios, hofft inständig darauf, ausgerechnet in einem Biopic über ihre Mutter die Hauptrolle übernehmen zu dürfen – ein Akt, der umso verzweifelter und selbstzerstörerischer wirkt, als ihre Mutter sie als Kind zu missbrauchen pflegte. Für die Familie Weiss scheint indessen fast alles in Butter: Sohn Benjie (Evan Bird) ist schon mit 13 ein Superstar, hat zwar eben seine erste Entziehungskur hinter sich gebracht, befindet sich mit dem Sequel zu seinem Erfolgsfilm aber auf dem Weg zurück ins Geschäft, und Papa Stafford (John Cusack) verdient sich eine goldene Nase als Therapeut, Selbsthilfe-Guru und Buchautor. Doch da ist immer noch der Schatten aus der Vergangenheit, der mit schwarz behandschuhten Fingern in die Gegenwart eingreift: Nach sieben Jahre in einer Heilanstalt kehrt Tochter Agatha (Mia Wasikowska) zurück, die von den Eltern verstoßen wurde, als sie mit einer Brandstiftung Benjies Leben in Gefahr brachte und sich selbst schwerste Verbrennungen zuzog. Nun ist sie in Hollywood, um eine eigene Karriere zu beginnen und sich mit ihrer Familie zu versöhnen. Sie heuert bei Havana als persönliche Assistentin an und stößt eine Kette von zerstörerischen Ereignissen an …

Cronenberg greift für seinen Metafilm auf gängige, in über 100 Jahren Hollywood-Gossip etablierte Klischees der Dekadenz zurück: Seine Charaktere sind oberflächlich, vulgär, materialistisch und seelisch vollkommen zerrüttet, dazu medikamenten- und drogenabhängig, narzisstisch bis ins Mark und von Grund auf falsch und verlogen. Havana, über das mögliche Ende ihrer Karriere verzweifelt und am Boden zerstört, empfängt Agatha mit offenen Armen, nur um sie wüst von oben herab zu beschimpfen, als sich das Blatt zu ihren Gunsten gewendet hat. Dieser plötzliche Wandel ist auch mit dem härtesten Schlag Cronenbergs in die Magengrube seiner Zuschauer verbunden: Havana erhält ihre Traumrolle, weil der kleine Sohn der eigentlich besetzten Konkurrentin bei einem Badeunfall ertrunken ist. Diesen Tod – der für Havana eine Wiedergeburt bedeutet (Spiegelung, Kontrastierung und Wiederholung sind die bestimmenden erzählerischen Mittel in Cronenbergs Film) – feiert die Schauspielerin mit einem Freudentanz auf ihrer Veranda und einer Spontan-Darbietung des alten Steam-Gassenhauers „Na Na Hey Hey Kiss Him Goodbye“. Staffords Menschlichkeit heuchelndes New-Age-Geschwafel über Buddhismus und den Dalai Lama verbirgt die absolute Kälte und Grausamkeit, mit der er seiner Tochter gegenübertritt und ihr nicht nur jede Liebe sondern auch jede Chance auf eine Aussprache versagt. Sohn Benjie hat sich schon mit 13 einen absolut widerlichen Zynismus angeeignet, und der brave Jerome Fontana (Robert Pattinson), der sich sein Geld als Chauffeuer verdient, wird mir nichts dir nichts zum Autorücksitz-Starfucker, kaum dass er eine Chance sieht, seine brachliegende Autoren- und Schauspielerkarriere voranzutreiben.

Der Titel bezieht sich vordergründig natürlich auf die in Hollywood erhältlichen Stadtpläne, auf denen die Häuser der Stars verzeichnet sind, und die dazugehörigen Rundfahrten, doch Cronenberg verwendet ihn eher bildlich. „Menschen treten nicht zufällig in unser Leben, sie werden von uns gerufen“, sagt Stafford einmal und diese Auffassung teilt auch der Film. Die Schicksale seiner Protagonisten scheinen vorgezeichnet, in einer endlosen Verkettung von Fehlschlüssen und Affekthandlungen, und Cronenberg zeichnet diesen Weg akribisch nach. Er nähert sich der Esoterik von Stafford mit dieser Schicksalsgläubigkeit anscheinend an, doch in seinem ungeschönten Erzählstil und dem distanzierten Blick, den er auf das Geschehen wirft, lässt der Regisseur ohne Zweifel erkennen, dass er mit quasireligiösen Erklärungsmodeelen herzlich wenig anfangen kann. Bei ihm ist alles psychologisch motiviert, und dass sich die Geschichte für seine Protagonisten wiederholt, ist nicht dem Ästhetikverständnis einer übergeordneten spirituellen Macht geschuldet, sondern schlicht der Tatsache, dass auch psychische Krankheiten vererbbar sind. Und so ist auch MAPS TO THE STARS eine mehr als würdige Fortsetzung einer Filmtradition, die solche Werke wie SUNSET BOULEVARD, WHAT EVER HAPPENED TO BABY JANE?, THE LEGEND OF LYLAH CLARE, MOMMIE DEAREST, THE PLAYER, MULHOLLAND DRIVE oder INLAND EMPIRE hervorgebracht hat.

New York während eines Besuchs des US-Präsidenten: Auf den Straßen tobt der Mob, doch der 28-jährige Multimillionär Eric Packer (Robert Pattinson) besteht auch gegen die Empfehlung seines Bodyguards Torval (Kevin Durand) darauf, ans andere Ende der Stadt zu fahren, um sich dort die Haare schneiden zu lassen. Abgeschirmt in seiner luxuriösen Stretchlimo trifft er sich mit Geschäftspartnern, hält unterwegs an, um mit seiner Frau (Sarah Gadon), mit der er seit Ewigkeiten keinen Sex mehr hatte, essen zu können, lässt sich von seinem Arzt die Prostata abtasten, bekommt die ersehnte neue Frisur und bereitet sich auf die Begegnung mit einem ehemaligen Angestellten (Paul Giamatti) vor, der ihn umbringen will …

David Cronenbergs neuester Film stellt nach den letzten Ausflügen in das klassische Erzählkino eine Rückkehr zu den eher künstlerischen Literaturverfilmungen dar, die sein Schaffen ab den späten Achtzigerjahre prägten. Diesmal hat es also Don DeLillos Novelle „Cosmopolis“ getroffen und auch wenn ich das Buch nicht mehr wirklich präsent habe (ich habe einige Werke des Autors gelesen), so komme ich nicht umhin, Cronenbergs Adaption als eine der werkgetreuesten zu bezeichnen, die ich jemals gesehen habe. Dabei ist DeLillo gewiss nicht einfach zu fassen: Die deutschen Klappentexte seiner Romane suggerieren oft Genrestoffe, doch dann ist man als Leser verblüfft, nicht so sehr mit Handlungen im klassischen Sinne, sondern eher mit Gedankenströmen, Ideen und Bildern konfrontiert zu werden. DeLillos Welt ist vollkommen dinglich und gleichzeitig doch beunruhigend mystisch. Seine Protagonisten – allesamt Spezialisten auf ihrem jeweiligen Gebiet – geraten immer wieder an einen Punkt, an dem sie die Welt nicht mehr begreifen: Obwohl sie den Schlüssel zum Verständnis doch eigentlich fest in den Händen halten. De Lillo hat ganz genau und schon sehr früh verstanden, welchem Bann der Kapitalismus die Welt unterworfen hat, wie er in die kleinste Faser unseres Lebens eindringt und sie verwandelt. „Money makes time“ sagt etwa Packers „Director of Theory“: Minuten, Sekunden und Nanosekunden sind für uns erst deshalb von Bedeutung, weil sie wirtschaftlich zu Buche schlagen. Bevor es Geld gab, war diese Fragmentierung der Zeit vollkommen sinnlos. Und so stellt auch der Finanzjongleur Packer, der Börsenkurse lesen kann wie andere Leute die Supermarktbeilage ihrer Zeitung, fest, dass die Welt noch deutlich komplexer ist, als er sie sich ausgemalt hatte; oder genauer: dass nicht alles tatsächlich mit einem Grund geschieht.

COSMOPOLIS ist ein Film, der einen in einen seltsam halbwachen Zustand versetzt. Ich habe ihn nach einem langen, heißen Tag in der Spätvorstellung im Original ohne Untertitel gesehen und musste bald ernüchtert bemerken, dass ich den Dialogen nicht so genau folgen konnte, wie ich mir das gewünscht hätte. Sätze flogen an mir vorbei, an anderen, die ich verstand, hielt ich mich dafür umso stärker fest. Ähnlich verhielt es sich mit der Handlung, wenn man sie denn so nennen will: Menschen steigen in Erics Auto ein, unterhalten sich mit ihm, das Auto hält an, er steigt aus, trifft jemanden. All das, während er doch eigentlich ein ganz anderes Ziel hat: einen Friseur. Diese Begegnungen fließen ineinander, einige sind bedeutsamer als andere, manche hinterlassen einen Eindruck, während andere an einem vorbeifliegen. Manchmal ist es nur ein Satz, ein Blick, der die Aufmerksamkeit erregt, ohne dass man genau wüsste, ob die überhaupt gerechtfertigt ist. Das „Finale“, die Auseinandersetzung mit dem Attentäter, ist ein langer Dialog, in dem äußerst abstrakte Ideen verhandelt werden. Es ist eine jener Schlussszenen, während denen man ungeduldig auf die Uhr schaut, unruhig hin und her rutscht, sich insgeheim wünscht, der Regisseur hätte das anders aufgelöst, weniger dialogisch, weniger ausführlich, pointierter vielleicht oder mit einer knackigen Schießerei. Aber es ist hier, in diesem Film, total richtig. COSMOPOLIS hinterlässt ein Gefühl wie es ein Jetlag verursacht: Körperlich ist man total erschlafft, todmüde außerdem, aber trotzdem scheinen die Sinnesorgane noch einmal Eindrücke von besonderer, absoluter Schärfe zu produzieren. Die Welt tritt einem in äußerster Klarheit entgegen, doch man kann sie nicht festhalten.

Das ist genau das, was DeLillo erzählt. Dass es Cronenberg gelingt, das einzufangen, liegt zum einen an den Dialogen des Films: Hier sprechen keine Menschen miteinander, hier werden Ideen und Konzepte artikuliert. Die Sprache ist von absoluter Klarheit, jeden ornamentalen Schnörkels befreit, und dennoch enigmatisch und nahezu hermetisch. Die Worte fliegen wie aus dem Nichts in den Raum, ohne jede Bindung zu einer individuelen Erfahrung: Wohl auch, weil hier jeder nur noch Figur und nicht mehr – oder: noch nicht? – Charakter ist. „Hermetisch“ ist ein gutes Stichwort: Die Diskrepanz zwischen der durch die Straßen gleitenden Stretchlimo Packers – wo parken die eigentlich nachts? – und der absoluten Stille in ihrem Innenraum ist nicht nur das bestimmende Bild für das detachment Packers, das gleichzeitige In- und Außerhalb-der-Welt-Sein, sondern auch die Ursache für die Desorientierung des Zuschauers, der hier bald nicht mehr sicher sein kann, ob er noch dem Film zuschaut oder nicht längst seinen eigenen Gedankenbildern nachhängt. Das ist DeLillo in Reinkultur: Wo die Bedienungsanleitung eines Fernsehers plötzlich Poesie wird und im Kopf des Lesers ein Eigenleben beginnt. Ist das das Neue Fleisch?