Mit ‘Robert Siodmak’ getaggte Beiträge

Die Jubiläumsausgabe des 35mm Retro-Filmmagazins – seit immerhin fünf Jahren gibt es das Magazin jetzt schon, da sage noch einer, Print sei tot! – kann jetzt bestellt werden. Der Themenschwerpunkt liegt auf den Filmadaptionen von Edgar Allan Poes literarischen Werken: Unter anderem befasst sich Robert Zion mit Ulmers THE BLACK CAT und Louis Friedlanders THE RAVEN sowie mit dem Poe-Zyklus von Roger Corman. Die Beziehung französischer Regisseure zum amerikanischen Schriftsteller beleuchtet Martin Abraham, Alexander Schultz befasst sich mit filmischen Darstellungen des Autors selbst. Neben einem tollen Cover-Artwork gibt es viele weitere spannende Geschichten von Autoren wie Christian Kessler und Ingo Strecker sowie die bekannten Kolumnen. Ich persönlich setze meine Noir-Reihe mit einem kurzen Artikel über Robert Siodmaks exzellentem Zwillingsschwester-Psychothriller THE DARK MIRROR fort. Viel Spaß!

Die Fortsetzung von DER SCHATZ DER AZTEKEN greift die zuvor liegen gelassenen Handlungsfäden auf und führt die Geschichte auf ihr Ende zu. Dass das spannender ist als  Vorgänger, der die undankbare Aufgabe hatte, sich an der Exposition abzuarbeiten, zudem mit mehr Action und Schauwerten einhergeht, liegt auf der Hand. Trotzdem müht sich Regisseur Siodmak auch in DIE PYRAMIDE DES SONNENGOTTES an einem furchtbar umständlich strukturierten Drehbuch ab. Die vielen Charaktere des Films haben einen ganzen Berg von Handlung abzuarbeiten und das Hin und Her von Intrigen und Kontra-Intrigen verhindert ein konsequentes Voranschreiten der Geschichte, die eine gute Stunde lang auf der Stelle tritt, nach jedem Fortschritt wieder zwei zurückgeht. Dafür versöhnt dann die letzte halbe Stunde für die 1 2/3 Filme zuvor, die zwar schön anzusehen, aber eben nur mäßig aufregend waren. Da darf sich der geneigte Zuschauer am zauberhaften Interieur der titelgebenden Pyramide erfreuen, die mit vielen Details realisiert wurde und die man am liebsten gleich selbst erkunden würde. Und das Finale in der Schatzkammer der Azteken, wenn die gierigen Schurken bekommen, was sie verdienen, lässt auch keine Wünsche offen.

Mit ein bisschen mehr Arbeit hätte man aus dem Stoff, aus dem Siodmak zwei nur halb befriedigende Filme gemacht hat, einen rundum beglückenden Zweistünder hinbiegen können. So aber bleibt der Gesamteindruck zwiespältig. Das größte Manko ist wahrscheinlich, dass es keine echte Identifikationsfigur für den Zuschauer gibt. Nominell ist das Dr. Sternau (Lex Barker), doch der ist noch mehr als die anderen deutschen Protagonisten der Karl-May-Filme irgendwie unbeteiligter Zuschauer, gerät in DIE PYRAMIDE DES SONNENGOTTES über weite Strecken zudem völlig aus dem Blick. Wesentlich interessanter ist sein Gegner Verdoja: Rik Battaglia liefert vielleicht seine beste Vorstellung im Rahmen der Karl-May-Filme ab, bringt mit seinen weit ausgestellten Hosen, der hüftlangen Militärjacke über offenem Hemd und der lässig ins Gesicht fallenden Haarsträhne jede Menge maskulinen swagger mit und zieht mit seinem diabolischen Grinsen die Sympathien auf seine Seite. Vollends einnehmend ist der epische Score von Erwin Halletz, der einerseits die Bedeutungsschwere der Geschichte mit angemessenem Pathos unterstreicht, die fantastischeren Elemente mit sphärischen Klängen begleitet und sonst bei den richtigen Vorbildern klaut: Dann und wann schleicht sich Elmer Bernsteins Titelthema aus THE MAGNIFICENT SEVEN in den Film.

Merkt man bei genauem Hinsehen auch, dass DIE PYRAMIDE DES SONNENGOTTES vor allem verdammt clever hingeschummelt ist – etwa wenn der ach so stolze Indianerhäuptling Schwarzer Hirsch (Vladimir Popovic) reichlich ungalant auf sein Pferd kraxelt, erst bäuchlings auf dessen Rücken verharrt, bevor er seinen Hintern nach oben wuchtet, oder ein und derselbe Fausthieb Lex Barkers gleich viermal hintereinander Verwendung findet –, so nötigt einem die Überzeugung, mit der man diese Stoffe in Jugoslawien realisierte, dabei mit viel Lehm und Spucke wunderbare Settings aus dem Boden stampfte, doch höchsten Respekt ab. Und so kann ich den beiden streng genommen nur mittelmäßigen Mexiko-Karl-Mays absolut nicht böse sein.

Die Installation des Erzherzogs Maximilian von Österreich als Kaiser von Mexiko durch Napoleon III. verursacht einen Bürgerkrieg: Die Truppen von General Benito Juárez (Fausto Tozzi) stellen sich gegen die Machthaber, um für eine Demokratie zu kämpfen. Doch dafür brauchen sie Geld. Der deutsche Arzt Dr. Karl Sternau (Lex Barker) wird von Abraham Lincoln (Jeff Corey) beauftragt, Juárez dessen generelles Wohlwollen zu versichern. Sternau ist außerdem gut mit dem Großgrundbesitzer Graf Rodriganda (Friedrich von Ledebur) befreundet, der die Revolution finanzieren könnte. Doch auf dessen Vermögen hat es auch der spielsüchtige Sohn Alfonso (Gérard Barray) abgesehen, der hoch verschuldet ist. Nachdem er seinen Vater unter Mithilfe seiner intriganten Geliebten Josefa (Michéle Girardon) in ein Duell mit seinem Gläubiger getrieben hat, ändert der noch auf dem Sterbebett das Testament und ernennt Sternau zum Vollstrecker. Nur der sagenumwobene Schatz der Azteken kann Alfonso jetzt noch den Reichtum bringen, den er sich erhofft. Unterdessen wird Sternau als feindlicher Spion von den Franzosen festgenommen. Und der abtrünnige Soldat Verdoja (Rik Battaglia) läuft auch noch frei herum und will Rache am deutschen Arzt, der mitverantwortlich für seinen Rauswurf aus Juárez‘ Armee ist …

Vielleicht merkt man es schon anhand des mäandernden Versuchs einer Inhaltsangabe: DER SCHATZ DER AZTEKEN ist eigentlich nur ein halber Film, den Artur Brauner beschloss, über zwei Teile zu Strecken. Es fällt dann auch schwer, diesen ersten Teil fair zu bewerten: Produktionstechnisch trumpft er wieder einmal mit tollen Bildern und eindrucksvollen Bauten auf, mit denen tatsächlich das kleine Wunder gelingt, Mexiko an den Balkan zu holen (nur einige wenige Aufnahmen wurden einer an Originalschauplätzen gedrehten Dokumentation entlehnt), inhaltlich besteht er aber zu zwei Dritteln aus reiner Exposition und ist daher nur wenig aufregend. Just in dem Moment, in dem man als Zuschauer das Gefühl hat, dass es jetzt endlich losgeht, macht ein gemeiner Cliffhanger der Freude ein jähes Ende. Insofern sollte man DER SCHATZ DER AZTEKEN wahrscheinlich im Zusammenhang betrachten und ein abschließendes Urteil erst nach der Sichtung von DIE PYRAMIDE DES SONNENGOTTES fällen. Ob die damaligen Kinozuschauer das allerdings auch so entspannt gesehen haben?

Um hier dann doch noch etwas zu hinterlassen, würde ich behaupten, dass es sich bei diesem Karl-May-Film um einen reiferen Beiträge zur Serie handelt. Die vor konkretem historischem Hintergrund angesiedelte Story ist relativ komplex mit ihren verschiedenen Konfliktparteien und Interessengruppen und man merkt das Bemühen, die politische Situation differenziert darzustellen. Auch wenn die Sympathie des Films aufseiten Juárez‘ liegen, kommt DER SCHATZ DER AZTEKEN ohne übertrieben schurkische Franzosen aus. Ja, man kann sagen, dass die für einen Abenteuerfilm notwendige Schwarzweißmalerei ganz auf die Subplots verlegt wird: Die Feindschaft Sternaus mit dem rachsüchtigen Verdoja hat mit dem übergeordneten Handlungsbogen nur am Rande zu tun und gleiches gilt für das Intrigenspiel des verräterischen Alfonso und seiner Josefa. Als unvermeidliches Comic Relief tritt wieder einmal Ralf Wolter als schwäbischer Kuckucksuhrenvertreter Andreas Hasenpfeffer auf, dessen Idiom fast exotischer anmutet als die am Balkan errichteten Pyramiden und Haciendas. Es liegt nahe, diese Figur als reines Strukturelement abzustempeln, aber nachdem fast alle Karl-May-Filme einen Touristen als Fish out of Water anboten – und Old Shatterhand/Kara Ben Nemsi/Dr. Sternau ja streng genommen selbst ein solcher ist –, möchte ich annehmen, dass dem deutschen Autor diese Figuren deutlich wichtiger waren. Die Reise, das Abenteuer werden in den Werken Mays zum way of life und die Konzentration auf die Taten gerade dieser Außenseiter bringt das Konzept von „Heimat“ als einem festgelegten biografischen Ort deutlich ins Wanken. Nicht nur fühlen sich die Abenteurer in der Ferne zu Hause – man vergleiche Old Shatterhand nur einmal mit einem anderen Weltenbummler des deutschen Kinos, Freddy Quinn, der die Ferne vor allem braucht, um sein Deutschsein zu retten –, sie gestalten die Geschichte ihrer Wahlheimat aktiv mit. Das hat bei Karl May aber nur wenig mit Kolonialismus oder Chauvinismus zu tun: Die Reisenden sind nicht gekommen, um den Segen in Form der Zivilisation zu den „Wilden“ zu bringen, vielmehr geht es ihnen gerade darum die „Fremdheit“ der Fremde zu bewahren, sich den Bemühungen der Kolonialisten entgegenzustellen. (Dass die Vorstellung von „Fremdheit“ selbst natürlich wieder eine kolonialistische Projektion ist, steht auf einem anderen Blatt.) Dieser Hasenpfeffer mag mit seinem schwäbischen Akzent, dem mantraartig vorgetragenen Fakt der 99 Katholiken in seinem Heimatort am Neckarstrand und dem Koffer mit den Kuckucksuhren eine Karikatur auf provinzielle Spießer sein, aber sein Handeln steht dem deutlich entgegen. Gleich zu Beginn beweist er großes Herz, wenn er sich den Banditen in die Hände wirft, um Sternau zu retten, obwohl er bereits in Sicherheit war. Es spricht einiges dafür, dass es gerade diese kleinen „Spießerfiguren“ waren, die Karl May am Herz lagen und damit näher waren als seine strahlenden Helden, die immer wie ein weit entferntes Ideal, weniger wie Menschen aus Fleisch und Blut erscheinen. Lex Barker verkörpert gewissermaßen die Utopie, während Ralf Wolter für die Realität steht.

Karl Mays Roman „Der Schut“ bildet eigentlich den Abschluss seiner sechsbändigen Orientreihe, doch Artur Brauner entschloss sich, ihn als zweiten Beitrag seines Karl-May-Engagements zu verwirklichen. Als Regisseur nahm er den deutschen Regieveteran Robert Siodmak unter Vertrag, der zehn Jahre zuvor aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrt war, an den dort mit Noir- und Krimistoffen erworbenen Ruf aber nicht mehr hatte anknüpfen können. Die Besetzung bestand überwiegend aus mittlerweile Karl-May-erprobten Darstellern: Neben Lex Barker, dessen Kara Ben Nemsi mit Old Shatterhand identisch ist, agierten Ralf Wolter als Comic Relief Hadschi Halef Omar und Rik Battaglia erneut als Schurke. Marie Versini hatte ebenso wie Chris Howland ein Jahr zuvor in WINNETOU 1. TEIL Erfahrungen sammeln dürfen und auch die diversen jugoslawischen Nebendarsteller wussten genau, was zu tun war. Die Tatsache, dass die jugoslawische Berglandschaft im Unterschied zu den Westernfilmen in DER SCHUT tatsächlich als Originalschauplatz bezeichnet werden konnte, dürfte nicht nur die Dreharbeiten erheblich erleichtert haben, der Film erscheint auch dem Zuschauer als deutlich authentischer und, ja, auch ein bisschen reifer. Auf mich haben Karl Mays Orientromane allein mit ihren bildhaften Titeln wie „Durchs wilde Kurdistan“, „In den Schluchten des Balkan“ oder „Durch das Land der Skipetaren“ immer immensen Reiz ausgeübt, und Siodmaks DER SCHUT übersetzt alle meine Vorstellungen und Assoziationen in einen prachtvollen und bildgewaltigen Abenteuerfilm.

Doch so gut mir DER SCHUT gefallen hat, so wenig habe ich eigentlich über den Film zu sagen. Die Geschichte ist angenehm einfach, eine Reise durch die Berglandschaft des Balkans auf der Suche nach dem Schurken, gesäumt von diversen kleinen Begegnungen, Nebenkriegsschauplätzen und Actionszenen, die allesamt professionell inszeniert wurden und zielstrebig auf die finale Auseinandersetzung mit dem Bösewicht hinauslaufen. Für komische Einsprengsel sorgen neben dem trotteligen Hadschi Halef Omar, der beim Abendschmaus im Hause der Galingrés bedauert, dass er als Moslem kein Schweinefleisch essen darf und die listigen Pläne seines Freundes stets missversteht, der britische Sir David Lindsay (Dieter Borsche) und sein Diener Archibald (Chris Howland), die sich auch angesichts größter Not und Gefahr nicht aus der Ruhe bringen lassen. In einem Kerkerloch des Schuts gefangen, machen sie es sich mit dem in einer anscheinend bodenlosen Tasche mitgebrachten Equipment – von der Klappliege über den Sitzhocker und den Teekessel bis hin zur Hängematte ist alles da, was man zum Leben braucht – erst einmal gemütlich und freuen sich verzückt über das aufregende Abenteuer, das sie da erleben dürfen. Eine Episode, die den Film im letzten Drittel eigentlich komplett ausbremst, die ihm aber trotzdem keinen Schaden zufügt, weil sie so endlos entspannt umgesetzt wurde: Borsche und Howland sind großartig. Battaglia versieht den Schut, der sich die Frauen aus den umliegenden Dörfern klaut, gemeinsame Sache mit der Polizei macht, ganze Armeen gedungener Mörder befehligt und in einem palastartig eingerichteten Unterschlupf haust, mit vampiresk-öligem Charme: Auch wenn er sich in der ersten Hälfte des Films als Teppichhändler Nirwan ausgibt, der Schut nur als gestaltloses Phantom durch die Dialoge geistert, besteht eigentlich kein Zweifel an seiner wahren Identität. Vielleicht ein Drehbuchmanko, aber es fällt nicht wirklich ins Gewicht, da DER SCHUT sein Hauptaugenmerk auf die bildgewaltige Inszenierung der schroffen Balkanlandschaft und auf Tempo legt, weniger auf trickreiche Wendungen und raffinierte Plottwists. Hier geht es in jeder Sekunde um nichts anderes, als dem Zuschauer etwas zu bieten, die Zeit an ihm vorbeirauschen zu lassen, um farbenfrohen, die Fantasie anregenden Eskapismus. Lässt DER SCHUT manchesmal auch den dramaturgischen roten Faden vermissen, so vernachlässigt er diese eine übergeordnete Mission doch niemals.

In mir hat DER SCHUT unweigerlich das Bedürfnis nach Mehr geweckt. Leider produzierte Brauner nur noch DURCHS WILDE KURDISTAN aus Karl Mays Orientzyklus: Schade, denn DER SCHUT offenbart doch gerade hinsichtlich seiner Schauplätze endloses Potenzial und zudem eine Bilderwelt, die in dieser Form kaum erschlossen wurde. Die Szene, in der Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar in ein winziges, von windschiefen Häusern und kargen Fassaden bestimmtes Bergdorf einreiten, der religiöse Scharlatan Mübarek (Friedrich von Ledebur) – der seine Geener angeblich in Raben verwandeln kann – die dunkel gewandeten Frauen durch die schmutzigen Gassen führt, quillt über vor Atmosphäre, und die wettergegerbten Charakterfressen der jugoslawischen Statisten sehen gleich doppelt so eindrucksvoll aus, wenn sie nicht unter Indianerperücken und Faschings-Kriegsbemalung versteckt werden. Man ahnt, welche Geschichten, Legenden und Abenteuer hier an jeder Wegbiegung, in jeder Schlucht und hinter jedem Gesicht darauf warten, enthüllt und entdeckt zu werden, und auch nach zwei Stunden hat diese Welt nichts von ihrem fast erotischen Reiz verloren. Ein toller Film, der leider nicht den Ruf genießt, der ihm eigentlich zustünde.