Mit ‘Robert Tessier’ getaggte Beiträge

Die Zweitsichtung dieses Wunderwerks, diesmal nicht im Heimkino, sondern auf der großen Leinwand in wunderschönem, entspanntem Rahmen, mit einem Publikum, dessen tosender Schlussapplaus erahnen ließ, dass der farbenfrohe Unfug da oben manches Herz erobert hatte. Es ist aber auch wahrlich schwer, sich der einlullenden Liebenswürdigkeit des Films zu entziehen, so schwer, dass selbst der abgebrühteste Zuschauer irgendwann die Waffen strecken und sich dem vor seinen Augen entfachten Zauber ergeben muss. Nie zuvor habe ich einen Film gesehen, in dem die Protagonisten – Pilotin Stella Star (Caroline Munro), Navigator Akton (Marjoe Gortner) und der treue Roboter Elle (Judd Hamilton) – so viel platonische Zuneigung für einander übrig haben, an einen Konflikt zwischen ihnen ist noch nicht einmal im Entferntesten zu denken. Sie lieben und verehren sich, und kein einziger böser Gedanke kommt ihnen in ihrer harmoniebeseelten Stimmung in die Quere. Immer wieder versichern sie sich ihren Respekt und ihre Sympathie, bedanken sich artig für die Hilfe des anderen, loben sich für die geleistete Arbeit und freuen sich wie kleine Kinder, wenn sie mal wieder eine besonders aussichtslose Situation gemeistert hat. Es ist klar, dass der böse Zarth Arn (Joe Spinell), der seine gesichtslosen Vasallen immer nur im Befehlston anblafft, keine Chance gegen so viel bedingungslose Liebe hat. Als Akton stirbt, überwiegt nicht die Trauer darüber, nun Abschied von seinen Freunden nehmen zu müssen, nicht die Angst vor dem Unbekannten, das ihm bevorsteht, sondern unendliche Dankbarkeit für die gemeinsam erlebten Abenteuer. Und wahrscheinlich zeigten viele der Zuschauer mit laufender Spielzeit des Films einen ähnlich entrückt-beseelten Gesichtausdruck wie der gute Akton. Mein Grinsen wurde jedenfalls immer breiter, und als der Emperor (Christopher Plummer) am Schluss mit der Seelenruhe, die nur ein Herrscher des Universums aufbringen kann, der schon alles gesehen hat, verkündet, dass nach der in letzter Sekunde abgewendeten Gefahr alle erst einmal wieder entspannen können, da wäre ich am liebsten für immer in meinem Sessel sitzengeblieben. STARCRASH ist, da muss ich der So-bad-it’s-good-Fraktion leider rüde übers Maul fahren, einer der schönsten Filme ever, ein absoluter Rausch, buchstäblich von einem anderen Stern, aus einem anderen Bewusstseinszustand zu uns herübergebeamt. Ein Film, mit dessen Protagonisten man sich anfreunden will, den man zum Kuscheln am liebsten mit ins Bett nehmen möchte. Oder, weil das natürlich etwas unpraktisch ist, wenigstens Stellar Star in ihrem geilen Fetischfummel, ihr wisst, was ich meine.

Die beiden Weltraumschmuggler Akton (Marjoe Gortner) und Stella Star (Caroline Munro) werden von dem intergalaktischen Polizisten Thor (Robert Tessier) und seinem Roboterhelfer Elle (Judd Hamilton) gefangen genommen und erhalten vom Emperor (Christopher Plummer) einen Auftrag: Sie sollen die Vernichtungswaffe des bösen Zarth Arn (Joe Spinell) finden und zerstören und auf der Suche Ausschau nach Simon (David Hasselhoff), dem Sohn des Kaisers, halten, der mit seinem Raumschiff Opfer eines Angriffs des Schurken geworden war …

Viel hatte ich von diesem Film gehört, jetzt habe ich ihn endlich gesehen, und, oh boy, das Warten hat sich gelohnt, denn STARCRASH dürfte wohl eines der beknacktesten jener Science-Fiction-Märchen sein, die im Gefolge von Lucas‘ Sternenoper die Kinos fluteten, aber gleichzeitig wahrscheinlich auch das wildeste, bunteste, psychedelischste und schlicht und ergreifend schönste – lediglich Mike Hodges‘ FLASH GORDON stellt noch ernsthafte Konkurrenz für ihn dar. Gleich zu Beginn beschleunigen Stella Star und Akton ihr Raumschiff auf Hyperspeed und anscheinend wird davon auch Cozzis Film erfasst, denn der jagt in den folgenden 90 Minuten von einem irrwitzigen Set Piece zum nächsten, ohne auch nur mal kurz Luft zu holen oder innezuhalten und sich zu fragen, ob das alles noch Sinn ergibt. Ein kurzer Abriss gefällig? Das Raumschiff von Simon wird von „roten Monstern“ (eigentlich eher rote Blubberblasen, die per Doppelbelichtung über das Bild gelegt werden) zerstört, Schnitt zu Akton und Stella, die von der Polizei verfolgt werden. Beide finden das führerlos treibende Raumschiff und bergen einen Verwundeten, der von den roten Monstern faselt, bevor Stella und Akton dann von der Polizei geschnappt und zu Strafarbeit verdonnert werden. Stella arbeitet in einem Reaktor, zettelt aber nach nur wenigen Stunden eine Meuterei an, sodass sie entkommen kann und schließlich in einem Maisfeld von einem Raumschiff abgeholt wird: An Bord sind wieder ihre Ankläger, die es sich jedoch anders überlegt zu haben scheinen, und ihr und Akton nun den oben beschriebenen Auftrag erteilen. Die Suche nach den Überresten des Raumschiffs führt Stella und Elle erst an einen Strand, wo sie von berittenen Amazonen gefangen genommen werden und schließlich vor einem riesigen Roboter fliehen müssen. Die nächste Reise führt auf einen Eisplaneten, wo Elle und Stella sich einschneien lassen müssen und nur von Elles Roboterenergie am Leben gehalten werden können. In einer Höhle findet Stella am Schluss schließlich den Prinzen Simon, der beiden im Kampf gegen Zarth Arn hilft, alles explodiert, Ende.

Diese rasante Aneinanderreihung von Episoden wird vor allem durch den Look des Films zusammengehalten: Als habe ihm eine Low-Budget-Version von 2001: A SPACE ODYSSEY vorgeschwebt, kleistert Cozzi nämlich jede Einstellung mit preisgünstigen Spezialeffekten zu – Rückprojektionen, Doppelbelichtungen, Stop-Motion, Miniaturmodelle – und hüllt seine Protagonisten in die neueste Fetischmode: alles, was das Nerdherz begehrt. Die Effekte sind natürlich ziemlich fadenscheinig und leicht zu durchschauen, doch tut das ihrem Gelingen keinen Abbruch, im Gegenteil: Die Ästhetik von STRACRASH unterstreicht das Artifizielle des Films, markiert ihn als Popfantasie und verleiht ihm erst seinen surreal-psychedelischen Charme, der jede Kritik an technischen Unzulänglichkeiten als das Geläster herzloser Erbsenzähler erscheinen lässt. Wer will sich denn allen Ernstes über mäßige Spezialeffekte beklagen, wenn unterm Strich ein Ergebnis wie eben STARCRASH herauskommt, ein Film, dem man die Liebe, Begeisterung, den Enthusiasmus und die ungezügelte Fabulierfreude seines Machers in jeder Sekunde anmerkt? Cozzi hat sich seine Vision nicht von miesepetrigen Machbarkeisterwägungen kaputtmachen lassen und das sollte man meines Erachtens entsprechend würdigen, als ihn mit nüchtern durchgerechneten Hochglanzprodukten zu vergleichen, deren Macher sich für das Budget von STARCRASH wahrscheinlich noch nicht einmal aus ihrem Bett erhoben hätten. Viel zu viele Filme kranken an fehlendem Mut, an der Abwesenheit jeglichen Wahnsinns und vor allem an der über allem stehenden technischen Perfektion, die doch oft ziemlich langweilig ist – wenigstens aber nicht allein einen guten Film ausmacht. STARCRASH ist mit seinem herrlichen kreativen Chaos ziemlich heilsam und mir tausendmal lieber als der inspirations- und kantenlos runtergekurbelte, dafür aber mit absurden Riesenbudgets aufgemotzte Retortenkäse, der einem heute als Eventkino verkauft wird.

Jaja, ich weiß, auch das ist im Grunde eine ziemlich miesepetrige und kulturpessimistische Haltung, aber wenn ich sehe, wie STARCRASH allerorten verlacht wird – selbst auf Seiten, von denen man eigentlich mehr erwarten könnte -, dann ruft das bei mir eben entsprechende Reflexe hervor. Ich finde es einfach nur traurig, wie die zunehmende Perfektionierung von Spezialeffekten den kindlichen sense of wonder fast völlig abgetötet hat: Dass man Kino – und Fiktion überhaupt – mit der suspension of disbelief begegnen, dass man dem Erzähler mit einem Vertrauensvorschuss begegnen, sich ihm überantworten sollte, diese Bereitschaft scheint ziemlich aus der Mode gekommen. Schade, schade, schade, denn lässt man sich auf Cozzis STARCRASH ein, nimmt man ihn mit seiner wahnwitzigen Ausstattung, seiner Krachbummpeng-Dramaturgie, seinen haarsträubenden Dialogen und seinen Netzhaut-ablösenden Spezialeffekten at face value, fährt man eindeutig besser – und darf sich auch mit 35 mal wieder wie ein staunender Sechsjähriger fühlen, der noch ein ganzes Leben voller Abenteuer vor sich hat: Vielleicht ja eines als Weltraumschmuggler mit einer Stella Star oder, für die Damen, einem schmucken Akton im Arm. Wer wird da nicht schwach?