Mit ‘Robert Vincent O’Neill’ getaggte Beiträge

Dank der Hilfe von Detective Hugh Andrews (Robert F. Lyons) hat Molly Stewart (Betsy Russell) es geschafft, dem Rotlichtmilieu zu entkommen und eine Karriere als Rechtsanwältin einzuschlagen. Doch als ihr väterlicher Freund bei einem Einsatz in L. A. erschossen wird, schlüpft sie wieder in Minirock und Trägertop, um als „Angel“ mit ihren alten Freunden Kit Carson (Rory Calhoun) und Solly (Susan Tyrrell) gemeinsam herauszufinden, wer hinter dem Mord steckt. Der Straßenkünstler Johnny Glitter (Barry Pearl) kann ihnen dabei als Augenzeuge behilflich sein, doch auch die Killer sind bereits hinter ihm her …

AVENGING ANGEL hat ein ganz großes Problem: den Vorgänger. War es Regisseur O’Neill mit ANGEL noch bravourös gelungen, die Geschichte der minderjährigen Prostituierten mit viel Respekt, Einfühlungsvermögen, Sympathie und Menschlichkeit zu erzählen, sich potenziell darbietende Untiefen – Sexismus, Voyeurismus, Kitsch – zu umschiffen und so ein bewegendes, authentisch wirkendes und vom Exploitationfilm weitestgehend emanzipiertes Drama vorzulegen, stürzt er sich mit dem Sequel umso euphorischer in die Arme des Kintopps. Heraus kommt dabei ein Film, dem man seinen Unterhaltungswert nicht absprechen kann, der aber ständig vom Schatten des um ein Vielfaches besseren Vorgängers überragt wird. Alles, was ich von ANGEL eigentlich erwartet hatte, bevor ich dann positiv überrascht wurde, findet sich in AVENGING ANGEL: Der klischeehafte Selbstjustiz-Plot wirkt allein durch die Kontrastierung mit dem ersten Teil schon unglaubwürdig und Angels Rückkehr ins alte Gewerbe, von der sie sich erhofft, an exklusive Informationen heranzukommen, ist vollkommen unmotiviert und unnötig, weil sie eh von allen Bekannten wiedererkannt wird und jeder bereit ist, ihr zu helfen. Man liegt vermutlich nicht falsch, wenn man hinter ihrer Motivation, wieder in den Nuttenfummel zu schlüpfen, nicht so sehr die Erfordernisse der Geschichte, sondern eher kommerzielle Aspekte vermutet. Wahrte ANGEL stets schamvoll Distanz zu seiner minderjährigen Protagonistin, werden ihre Beine hier gleich mehrfach aufreizend in Szene gesetzt und genau jener Voyeurismus bedient, dem sich der erste Teil noch beharrlich verweigerte. Wäre AVENGING ANGEL nicht dennoch ziemlich zahm, man könnte meinen, O’Neill habe es kaum erwarten können, die Fortsetzung mit der erwachsenen Angel zu drehen, um darin endlich alles das unterbringen zu können, was ihm vorher verboten war.

Auch Angels Freunde Kit, Solly und der anstelle Maes hinzugekommene Johnny Glitter sind nur noch ein Schatten der ersten Filminkarnation. Vorbei ist es mit der behutsamen Charakterisierung und der Differenzierung, hier werden alle zu reichlich eindimensionalen Karikaturen gemacht. Zwar bewahrt O’Neill auch im zweiten Teil das Außenseitertum seiner Figuren und sympathisiert mit ihrem nonkonformen Lebensstil, doch wird dieser kaum noch weiter von ihm ergründet: Stattdessen reicht ihm das äußere Erscheinungsbild aus, um Kit, Solly und Johnny als „Freaks“ zu kennzeichnen. Was sie antreibt, was sie sich erhoffen, wohin sie wollen, bleibt unklar. So fuchtelt der aus dem Altersheim befreite Kit wieder mit seinen Knarren rum, was hier, wo es um gefährliche Schwerverbrecher geht, reichlich albern wirkt, und Solly verkommt zigarrenstummelkauend zur weiblichen Beatnik-Antwort auf Kater Karlo. Die Freude über das Wiedersehen wird mächtig getrübt, weil alles das, was die Charaktere zuvor ausfüllte, nun fast völlig weg ist.

Anhand meiner Kritik, die vor allem aus dem Vergleich von AVENGING ANGEL mit ANGEL entsteht, sollte klar geworden sein, was ich mit meinem einleitenden Satz sagen wollte: AVENGING ANGEL wäre deutlich besser, wenn man nicht immer seinen Vorgänger im Kopf hätte. Als flotter 90-minütiger Timewaster ist O’Neills Sequel nämlich durchaus zu gebrauchen: Die Story ist flott, die Originalschauplätze verleihen dem Film jenen authentischen Straßenlook, der für mich jeden Film aus dieser Zeit aufwertet, einige äußerst blutige Schießereien sorgen immer wieder für Oho!-Momente (auch wenn O’Neill definitiv kein Action-Regisseur ist) und der Schluss, bei dem Angel und ihre Freunde vor dem Problem stehen, dass die Geisel, die sie im Tausch gegen ein entführtes Baby herausgeben sollen, bereits tot ist und sie die Leiche deshalb geknebelt und gefesselt im Rollstuhl ankarren, ist von genau jener hübschen Abseitigkeit, die einen den Umschwung vom ernsten Drama zum Exploiter viel leichter hätte verschmerzen lassen können, aber leider viel zu selten angestrebt wird. Das allergrößte Manko ist aber sicherlich, dass die Art und Weise, wie sich das Sequel seinem Sujet nähert, die Aufrichtigkeit des Vorgängers nachträglich in Frage stellt. Wenn eine minderjährige Prostituierte Angel im Knast mal eben so gesteht, dass sie von ihrem Vater missbraucht wurde, dann ist das genau in jenem Maße platt und theatralisch, in dem es der erste Teil nicht war. Dort benötigte Angel fast den ganzen Film, um ihre Scham zu überwinden und jemandem anzuvertrauen, dass sie von ihren Eltern verlassen wurde und nun ganz allein lebt; ein Schicksal, dass dadurch umso glaubwürdiger erschien, weil es mit spürbarem Schmerz verbunden war. In AVENGING ANGEL haben die Figuren keine echte Geschichte und damit auch keinen Schmerz mehr, nur noch eine Dialogzeile oder ein Etikett, die sie vollständig umreißt. Sie sind dem Zweck unterworfen, prostituiert.

Die 15-jährige Musterschülerin Molly Stewart (Donna Wilkes) hat ein Geheimnis: Seit ihre Eltern sie verlassen haben, lebt sie allein und kommt für ihren Lebensunterhalt auf, indem sie nachts als „Angel“ auf den Straßen Hollywoods anschaffen geht. Neben ihren Kolleginnen kümmern sich vor allem der alternde Transvestit Mae (Dick Shawn) und der Cowboy und Kunstschütze Kit Carson (Rory Calhoun) um sie. Als ein Serienmörder (John Diehl) im Rotlichtmilieu umgeht und Prostituierte umbringt, gerät auch Angel in Gefahr …

Die Geschichte, die jedem RTL-Fernsehfilm zur Ehre gereichen würde, das Plakat, auf dem das brave bezopfte Schulmädchen ihrem aufgebrezelten Alter ego gegenübersteht, der kitschige Titel, der das Nymphenhafte von Nabokovs Lolita mit dem klassischen Bild der „Hure und Heiligen“ vereint, und schließlich das Wissen, dass ANGEL noch drei Sequels nach sich zog, lassen eine Sleazegranate erster Klasse erwarten. Doch wie schon beim ganz ählich gelagerten STREETWALKIN‘ wird man als solchermaßen voreingenommener Zuschauer eines Besseren belehrt. Anstatt sich im Dreck zu wälzen, Klischees und Vorurteile auszubeuten und zu bedienen, ist O’Neill nämlich tatsächlich um Differenzierung bemüht: Es gibt keine einzige Sexszene in ANGEL, die Titelheldin wird nie zur schmutzigen Männerfantasie degradiert, sondern als gleichermaßen bemitleidens- und bewundernswerter Mensch gezeichnet, dem die bitteren Umstände keine andere Wahl ließen und der von einem Tag auf den nächsten lernen musste, erwachsen zu werden, und auch ihre Freunde Mae und Kit, die anderswo zu grellen Witzfiguren aufgeblasen worden wären, werden vollkommen ernst genommen. Mehr noch: Das Transvestitendasein Maes wird nie auch nur ansatzweise hinterfragt oder als schnödes Kuriosum missbraucht, vielmehr als vollkommen selbstverständlich dargestellt – es gehört zu diesem Menschen einfach dazu. So wird ANGEL auch nicht zum „Abstieg in die Gosse“, wie ihn andere, thematisch ähnlich gelagerte Filme vollführen. Nie hat man den Eindruck, sich dem Regisseur anvertrauen zu müssen, um nicht im Sündenpfuhl unterzugehen. O’Neill öffnet einem vielmehr die Augen dafür, hinter den gezeigten Außenseitern die ganz gewöhnlichen Menschen zu erkennen, die vom Leben auch nichts anderes erwarten als die vermeintlich Normalen. Mae und seine Freundin, die alternde New-Wave-Künstlerin Solly (Susan Tyrrell mit aufgemalten Augenbrauen und Punkfrisur), mögen beide nicht ganz dem Durchschnitt entsprechen, doch wenn sie zusammensitzen und Gesellschaftsspiele spielen, dann unterscheiden sie sich nicht von einem ganz gewöhnlichen Ehepaar.

O’Neill hatte zuvor unter anderem das Drehbuch für den von mir schon oft gelobten VICE SQUAD geschrieben, der den Zuschauer ebenfalls mitnahm auf eine Reise durch die Großstadt-Nacht und in dem ihm ebenfalls schon das Kunststück gelungen war, aus episodischen Einzeleindrücken ein ungemein dichtes Gesamtbild zu schaffen. ANGEL ist noch ein ganzes Stück flockiger als jener und mir schien es so, als habe O’Neill den Serienmörderplot erst nachträglich eingefügt, um seinem Film eine klare Richtung zu geben. Das gelingt ihm, weil der Zuschauer erkennt, dass auch dieser Killer nur einer jener Verlorenen ist, die die Gesellschaft übersehen hat, weil sie nicht der Norm entsprachen. Wenn er am Ende tot zu Boden sackt, in seinen Blick die Ernüchterung darüber Einzug hält, dass sein sinnloses Leben jetzt einfach vorbei ist, sagt er seine ersten und letzten Worte des Films „It hurts.“ Besser ließe sich ANGEL kaum zusammenfassen. Ein Meisterwerk des düsteren Großstadtkinos der Achtzigerjahre.