Mit ‘Roel Reiné’ getaggte Beiträge

hard-target-2-poster123 Jahre hat es gedauert, bis jemand auf die Idee gekommen ist, ein Sequel zu John Woos US-Debüt HARD TARGET zu drehen. Seltsam eigentlich, bietet dessen Menschenjagd-Thematik doch eigentlich optimalen und immer wieder beliebten Stoff für ein Update. Nun waren DTV-Sequels in den Neunzigern noch nicht ganz so gebräuchlich wie sie das heute sind – und einen Mann wie Roel Reiné, der sowas wie ein Spezialist auf diesem Gebiet ist, gab es damals auch nicht. Nach Sichtung dieses Films kann man die lange Wartezeit jedenfalls nur begrüßen. HARD TARGET 2 ist eine runde, zudem sehr ansehnliche Sache geworden. Reiné kann mit den elaborierten Choreografien von Woo auf dem Gipfel seines Schaffens erwartungsgemäß zwar nicht mithalten,  aber es gelingt ihm trotzdem, den Zuschauer am Schlafittchen zu packen und ihn bis zum Ende in seinem Griff zu halten.

Der Auftakt ist der Schlüssel zum Erfolg: Nach kurzem Menschenjagdprolog widmet sich Reiné seinem Protagonisten, dem Martial Artist Wes Baylor (Scott Adkins), der in einem Kampf eine Chance auf den Titel bekommt. Der Haken: Sein Gegner ist sein bester Freund. Es kommt, wie es kommen muss: Baylor kämpft sich in einen Rausch und schickt den Kumpel mit einer solch vernichtenden Reihe von Tritten zu Boden, dass der nicht mehr aufsteht. Baylor ist danach ein gebrochener Mann, hängt an der Pulle, verdient sich sein Geld mit schäbigen Hinterhofkämpfen in Bangkok. Diese Zeichnung Baylors ist nun nicht sonderlich originell, aber seine Geschichte bietet im weiteren Verlauf eine effektive Spiegelung des Menschenjagd-Plots: Die Typen, die da später ihre „Männlichkeit“ unter Beweis stellen wollen, indem sie einen Menschen jagen und töten, die den Rausch der Jagd und des Mordes suchen, sind ihm viel weniger fremd, als sie das sein sollten.  Ein kleiner Kniff nur, aber einer, der den Film über seine kinetischen Schauwerte hinaus interessant macht.

Ansonsten gibt es keine außergewöhnlichen Überraschungen in HARD TARGET 2, lediglich sauberes action filmmaking: Reiné spult sein Programm mit viel Drive und handwerklichem Können ab, hält das Tempo konsequent hoch und weiß sein attraktives Dschungel-Backdrop und die schmierige Schurkenschar (u. a. Robert Knepper in der Lance-Henriksen-Rolle, Temuera Williamson in der Arnold-Vosloo-Rolle und Rhona Mitra in der Sadistische-Schlampe-Rolle) effektiv einzusetzen. Und Adkins ist eben Adkins, ein authentischer Typ, mit dem man mitfiebert, ohne das dafür große Psychologisierungen nötig wären. Die Gewalt ist dem Stoff angemessen ruppig, dass es überwiegend CGI-Blut ist, dass da spritzt, fließt und suppt, fällt nicht weiter negativ ins Gewicht, weil HARD TARGET 2 sonst angenehm down to earth ist und ganz ohne überkandidelten Kintopp auskommt. Ein bisschen Eso-Kitsch und in Zeitlupe fliegende weiße Tauben sind eine sympathische Verbeugung vor dem Meister, dem wir die in mid air abgefeuerten Schüsse zu verdanken haben, die auch Baylor hier ein paar mal den Arsch retten. Das Ende hätte man vielleicht ein bisschen straffen können, die Vielzahl von Showdowns, die dann doch keine Showdowns sind, ermüdet ein wenig. Aber den positiven Gesamteindruck kann diese Tatsache auch nicht schmälern. HARD TARGET 2 ist ein DTV-Sequel, wie man es sich wünscht. Schön, dass es sowas gibt.

 

 

Während eines Urlaubs begleitet der in Südostasien stationierte Marine Joe Linwood (Ted DiBiase) seine Frau Robin (Lara Cox) zur Einweihung eines Luxus-Urlaubsresorts in Thailand, das ihr Chef Darren Conner (Robert Coleby) sehr zum Missfallen einer Gruppe terroristischer Separatisten hat errichten lassen, die den amerikanischen Imperialisten einen Denkzettel verpassen wollen. Sie stürmen die Anlage, nehmen die Gäste als Geisel und erpressen ein Lösegeld. Doch sie haben die Rechnung ohne Joe gemacht, der fest entschlossen ist, seine Frau aus den Fängen der Schurken zu befreien …

DIE HARD im Robinson Club: So oder ähnlich könnte man THE MARINE 2 in eine griffige Formel fassen. Die spektakuläre Kulisse wird von Reiné in tollen Bildern eingefangen, die denkbar einfach zusammenzufassende Handlung verkommt demgegenüber fast zur Staffage. Und am Ende der 90 Minuten wundert man sich, wie Reiné es geschafft hat, anlässlich dieser doch geradezu idealtypisch auf die Gelegenheit, viel kaputtzumachen, hinkonstruierten Handlung, der Versuchung zu widerstehen, THE MARINE 2 lediglich als endlose Ballerorgie zu inszenieren.

Ausufernde Actionszenen sucht man demzufolge vergebens, es dauert gut 25 Minuten, bis Reiné die Exposition hinter sich gebracht hat, und trotzdem darf man THE MARINE 2 als kleinen Triumph des B-Actionfilms ansehen, weil er Bilder von beeindruckender Klarheit schafft. Die Zeitlupensequenz, in der der Protagonist und ein weiterer Kämpfer zwischen explodierenden Handgranaten hindurch flüchten und ein wahrer Funkenregen über ihnen herniedergeht, kann ich nicht anders als „poetisch“ nennen. Solche Momente gibt es einige, die diesen kleinen Film im Rückblick als ziemlich groß erscheinen lassen. Genau erklären kann ich das auch nicht. Genauso wenig wie den Charme übrigens, der von Ted DiBiase ausgeht: Eigentlich könnte man dem böswillig unterstellen, auszusehen, als sei er von zu viel Anabolika verblödet. Ein Beefhead, wenn es jemals einen gab. Aber dann strahlt er auch wieder eine lausbubenhafte Unschuld aus – ein bisschen so, als hätte man den Kopf von Judge Reinhold auf den Körper von Ralf Möller verpflanzt –, die perfekt für den Film ist, dem die nihilistische Grimmigkeit anderer Actionfilme der letzten Jahre total abgeht. Rätselhaft, aber wunderschön.

Der Gangster Carl Lucas (Luke Goss) erhält von seinem Chef Marcus Kane (Sean Bean) den Auftrag, eine Bank zu überfallen. Das Ding geht schief und so landet Lucas wegen Polizistenmords auf Terminal Island, einem Hochsicherheitsknast auf hoher See. Dort hat der Fernsehsender der Weyland Corporation unter der Leitung der ehrgeizigen September Jones (Lauren Cohan) eine neue Gameshow namens „Death Match“ installiert, bei der sich die Häftlinge in einer Arena in Kämpfen auf Leben und Tod gegenüberstehen. Als die Quoten sinken, wird aus „Death Match“ spontan „Death Race“: ein quer über die Insel laufendes Autorennen mit aufgemotzten Boliden. Dem Gewinner winkt die Amnestie. Carl kommt eine wichtige Rolle bei diesem Rennen zu, doch muss er nicht nur gegen seine Kontrahenten antreten, sondern auch gegen die Killer Marcus Kanes, der befürchtet, sein Schützling können gegen ihn aussagen …

Viel Plot für einen kleinen Neunzigminüter. DEATH RACE 2 hält sich demzufolge nicht lange mit seinen vielen Ideen auf, rast ähnlich schnell und unaufhaltsam durch die Twists und Turns des Drehbuchs wie die martialischen PS-Schleudern im klimaktischen Autorennen. Das geht zulasten der Charaktere, die ziemlich eindimensional geraten sind und nur wenig von sich preisgeben. Ein Makel, der sich aber leicht verschmerzen lässt, weil Roel Reiné, der sich in den letzten Jahren zu einer echten Größe auf dem Sektor der DTV-Action gemausert hat, weiß, wie man krachige Actionszenen zu inszenieren hat. Wer die Schnauze voll hat von pixeligen Explosionen oder billigem CGI-Pfusch, wo er echte Materialschlacht erwartet, der wird an DEATH RACE 2 jedenfalls seine helle Freude haben. Hier darf Mann noch Mann sein, Autos werden mit unheiliger Lust in ihre Bestandteile zerlegt oder feurig in einen anderen Aggregatszustand überführt und die Kamera ist damit beschäftigt, von dieser Zerstörungsorgie die schönsten Bilder zu liefern. Ein Fest fürs Auge.

Die Frage, wie sich das Sequel des Remakes von Paul Bartels Exploitationklassiker DEATH RACE 2000 zu diesem verhält, ist vor diese Hintergrund durchaus zu vernachlässigen, zumal ich sie eh nicht beantworten kann, da ich mich bislang erfolgreich um P. W. Andersons Film gedrückt habe. Wie die Einführung des Frankenstein-Charakters (David Carradines Rolle in Bartels Film), die Roel Reiné in den letzten zehn Minuten Film noch vornimmt, einzuordnen ist, weiß ich also auch nicht. Aber das ist auch egal, weil das in diesem Fall einfach eine schöne, das Original angemessen wüdigende Verbeugung ist, die ich kaum erwartet hatte, wo sich die meisten der in den vergangenen Jahren veröffentlichten Remakes doch eher geschichtsvergessen gegenüber ihren Inspirationsquellen gegeben haben. Das Fazit kann also nur lauten: Dicke Empfehlung für Action-Enthusiasten. (Und Fans der Achtzigerjahre-Boygroup Bros können zudem mal gucken, wie sich einer ihrer Schwärme von einst als Actionhauptdarsteller so schlägt.)

Matt Conner (Steven Seagal) wurde einst aus dem Polizeidienst entlassen, weil er in einen Unterschlagungsfall verwickelt war und man ihn außerdem verdächtigte, seinen Partner ermordet zu haben. Die Entlassung trieb ihn in die Arme des Alkohols und des Glücksspiels, entfremdete ihn außerdem von seiner Frau, die sich von ihm scheiden ließ und sich seinem Kollegen Steve (Mark Elliott Wilson) zuwendete, und stürzte ihn tief in die Schulden. Als ihm der dubiose „Old Man“ (Lance Henriksen) verspricht, alle Schulden zu tilgen, wenn Matt für ihn eine Reihe von Auftragsmorden ausführt, schlägt der widerwillig ein. Doch sein drittes Opfer ist niemand geringeres als Steve und die Konfrontation mit diesem lässt Matts Vergangenheit in einem anderen Licht erscheinen …

Es verwundert schon ein wenig, dass Seagal, der wie kein anderer Actiondarsteller daran gearbeitet hat, von seinen Filmfiguren nicht getrennt werden zu können, erst so spät sein eigenes Altern thematisiert hat. Als er 2007 mit dem großen URBAN JUSTICE zum ersten Mal den über die im Staatsdienst jahrelang verübten Gräueltaten müde gewordenen Profi gab, nahm er eine (dringend nötige) Kurskorrektur vor, die schon zehn Jahre zuvor angebracht gewesen wäre, als nur noch der glühendste Fan dem beträchtlich angeschwollenen Schauspieler den mit allen Wassern gewaschenen Martial-Arts-Spezialisten abnehmen konnte (und Regisseure daher gezwungen waren, auf die Kampfszenen, mit denen Seagal einst berühmt geworden war, ganz zu verzichten, sie in sekundenkurzen Einstellungen aufzulösen, in denen man eh nichts mehr erkennen konnte, oder aber den Star doubeln zu lassen). Andererseits ist diese Weigerung, sich das eigene Altern einzugestehen, dann auch irgendwie symptomatisch für einen Schauspieler, dem man stets anmerkte, wie geil er sich selbst fand (das belegt auch das absurde DVD-Cover, auf dem man Seagal auch jene Falten via Photosshop-Zauberei entfernt hat, die einem Gesicht überhaupt erst Kontur verleihen) und der schon in seinem Debüt ABOVE THE LAW mit einer schier unerträglichen Altvorderen-Weisheit agierte, als sei er bereits 100 Jahre alt und nicht erst 37. Seagal hat sich immer als zwar noch agilen, aber doch auch irgendwie müde gewordenen, souverän und enthoben über den Dingen stehenden Elite-Soldaten inszeniert, den kein Übel der Welt mehr wirklich schocken konnte, der zudem gänzlich unverdächtig war, dem Leichtsinn, den man gemeinhin als Privileg der Jugend beschreibt, zu verfallen oder gar seinen niederen Instinkten nachzugehen: Wenn ein Jean-Claude Van Damme sein Sonnyboy-Lächeln auf- und zum Spagat ansetzte, die Frauen mit dem sich deutlich in seinen Stretchhosen abzeichnenenden Gemächt verzückte und nach vollendeter Arbeit mit der Nase im Koksberg einschlief, da zog sich Seagal immer lieber ins Dojo zurück und probte die Triebabfuhr via ausgiebiger Meditation.

Zurück zu PISTOL WHIPPED: Hier setzt Seagal also die mit URBAN JUSTICE eingeschlagene Richtung fort, gibt den auf dem Boden der Tatsachen angekommenen Cop, der – ein badass, der er als echter Kerl nunmal ist – in seinem Leben die ein oder andere falsche Entscheidung getroffen hat. (Wie im echten Leben: Ich kenne ein Zitat, nach dem er einmal über sich gesagt haben soll, dass er viele Dinge in seinem Leben getan habe, für die er „very, very sorry“ sei, Auftragsmorde und Schlimmeres suggerierend.) Über die Erpressung durch den „Old Man“ und dessen henchman Blue (Paul Calderon als wichtiger Schlüssel zum Erfolg des Films) wird er zunächst noch tiefer in die Scheiße geritten, weil er sich den Schandtaten, die er bitter bereut, nun nicht mehr länger entziehen kann und stattdessen sogar gezwungen ist, dieses „Werk“ fortzusetzen. Ein Drama shakesspeare’schen Ausßmaßes spielt sich ab: Seagal säuft, verprellt seine Tochter, verliert sein Haus, seine Würde … und sieht dabei so gut gelaunt aus wie eh und je. Das Problem des Films liegt auf der Hand: Weil Seagal Schicksalsschläge dieses Ausmaßes gänzlich fremd sind, tut er schwer damit, sie zu spielen (vielleicht gaukelt er dieses Unvermögen auch nur vor, um nahezulegen, er kenne sie nicht, wer weiß). Aber auch wenn Seagal als ausgebrannter Cop immer noch aussieht wie aus dem Ei gepellt, seine Probleme deutlich weniger drastisch erscheinen, als es das Drehbuch eigentlich erfordert, ist PISTOL WHIPPED wie schon der Vorgänger endlich auch für Normalsterbliche nachvollziehbar, stößt nicht vor den Kopf und verwirrt, wie seine zahlreichen Agententhriller der Jahre 2001 bis 2006, bietet hingegen tatsächlich Möglichkeiten der emotionalen Anknüpfung. Die Szene etwa, in der Matt mit seiner Tochter ein Aquarium besucht, die beiden vor einem Haifischbecken ein kurzes Vater-Tochter-Gespräch führen, ist eine der stärksten Szenen in Seagals ganzem Schaffen, weil er endlich einmal als Mensch erscheint und nicht als amerikanische Reinkarnation eines ostasiatischen Religionsstifters. Ja, der Mann wirkt zum allerersten Mal richtig sympathisch.

Auf dem Weg zum zweiten wirklich großen Seagal-Film der Nullerjahre (BELLY OF THE BEAST wäre vielleicht eine Nummer drei) ist allerdings der Niederländer Roel Reiné die treibende Kraft. Obwohl auch er die formalen Mittel nutzt, mit denen der gemeine DTV-Regisseur seine Billigproduktionen am Avid aufzupeppen hofft, spürt man bei ihm, dass er stets die Kontrolle über die Technik behält, der sich andere einfach nur ausliefern. Der Wechsel von Zeitlupen und Zeitraffern, der Einsatz von Reißschwenks und Farbfiltern, das Ineinandergreifen von extremen Totalen und Nahaufnahmen sind nicht bloß optische Spielerei, sondern formen einen eigenen visuellen Stil, der PISTOL WHIPPED ordentlich Dampf unterm Arsch macht. (Am schönsten ist sicher die Einstellung durch die sich kräuselnde Wasseroberfläche eines Weihwasserbeckens auf den sich darüber bekreuzigenden Conner.) Die innere Spannung des Films entlädt sich zum Schluss in einem tollen Shoot-out auf einem Friedhof, bei dem die Grabsteine ebenso dekorativ zerplatzen wie die Brustkörbe der Bösewichter.  Ein Happy End gibt es für Matt Conner in diesem Film hingegen nicht: Der Weg zurück ins Bürgertum ist endgültig versperrt. Das macht Hoffnung für weitere böse, desillusionierte Actionthriller Seagals. Wer hätte das gedacht?