Mit ‘Roger Corman’ getaggte Beiträge

Bei einer gemeinsamen Landpartie berichte das Glamour-Girl Iris (Susan Blakely) ihrem Liebhaber, dem Gangsterboss Capone (Ben Gazzara), mit dem sie lieert ist, von einer Freundin, deren Freund sie betrogen habe. Ob er da nicht „etwas“ tun könne? Natürlich, gibt Capone, zu verstehen, keinen Zweifel daran lassend, dass er jedereit einen ihm völlig Unbekannten umbringen lassen würde. Iris ist kurz schockiert und fragt noch einmal nach. „Es ist eine Freundin von dir, du bist eine Freundin von mir und Freunden hilft man“, bestätigt Capone seine klaren Prinzipien. Ihr Erschrecken weicht einem teuflischen Lächeln: „Darf ich zuschauen?“

Die beste Szene des Films lässt erahnen, warum Corman in den Siebzigerjahren mit seinen Period Pieces offene Türen einrannte: Die Faszination der Gewalt trägt weit, vor allem in den USA, deren Reichtum in nicht unerheblichem Maße auf Blut gegründet ist (wahrscheinlich gilt das sogar für allle Industrienationen). Sie erklärt aber auch, warum Carvers CAPONE gar nicht erst versucht, den Mann hinter dem weltberühmten Namen als Individuum aus Fleisch und Blut begreiflich zu machen, sondern sich damit begnügt, die Legende vom blutrünstigen, machtgeilen Narbengesicht weiterzuerzählen. Was Capone antreibt, warum er selbst Freunde mit Eiseskälte über die Klinge springen lässt, bleibt sein Geheimnis. Sind es vielleicht schon die Vorboten der Sipyhlis, die ihn 1947 im Alter von 48 Jahren tötete? Angeblich hatte er sich aber erst 1928 mit der Krankheit infiziert.

So begnügt sich der Film damit, den Aufstieg und die Bluttaten von Capone in episodisch-rasanter Folge nachzuerzählen, mit einiger Freiheit gegenüber den verbrieften Fakten außerdem. Das trägt nicht nur, weil die Geschichte gut ist, CAPONE perfekt besetzt und von Sparfuchs Corman schön ausgestattet, sondern eben auch, weil gerade die Weigerung, den Protagonisten irgendwie psychologisch aufzuschlüsseln, den Faktor der Faszination unterstützt. Müssen wir uns einfach damit abfinden, dass es Menschen gibt, die brutal sind, Freude an der Gewalt haben und kein Mitleid kennen? Es scheint so. Schon Capones erste Bluttat des Films, der Angriff auf zwei Polizisten, die einen Einbruch vereiteln wollen, folgt keiner echten Motivation, er geht einfach seinem Impuls nach. Auch sein Mentor Johnny Torrio (Harry Guardino), der Capone unter seine Fittiche und mit nach Chicago nimmt, kann diesen „Straßenköter“, der keine Manieren kent, nur den Rausch der Macht, nicht austreiben. Und in einem System der Gewalt obsiegt der, der am skurpellosesten ist. Das sich über mehrere Jahre erstreckende Blutregime gipfelt in der Hinrichtung von sieben Männern aus der Bande von Bugs Moran im Jahr 1929: Dem sogenannten „St. Valentine’s Day Massacre“ hatte Corman einige Jahre zuvor schon einen eigenen Film gewidmet (mit Jason Robards in der Rolle Capones) und es ist interessant, das hier noch einmal zu sehen, in Bildern, die sich von der älteren Variante kaum unterscheiden (ein paar Szenen aus ST. VALENTINE’S DAY MASSACRE werden in CAPONE erneut verwendet).

Es ist der Zeitpunkt, an dem sich auch die Untergebenen endgültig von ihrem Chef abwenden, sogar der treue Bodyguard Frank Nitti (Sylvester Stallone), der aber den Teufel tun und Capone konfrontieren wird: Stattdessen gibt er den Obrigkeiten den Hinweis, der Capone schließlich in den Bau bringt und ihm die Führung des Chicagoer Outfits. Von Elliott Ness und seinen „Unbestechlichen“ felt in Carvers Film jede Spur. CAPONE endet mit einem Besuch Nittis bei seinem alten Boss, der aber, von der Siphylis gezeichnet, nur noch wüste Tiraden gegen die „Bolschewiken“ ablässt und sonst nicht mehr ansprechbar ist. Seinem eigenen Helfer gibt Nitti noch auf den Weg, dass man sich als Boss nicht vor den Feinden, sondern vor den engsten Vertrauten schützen muss. Der so Belehrte schaut ominös in die Kamera, aber Nitti wählte den Zeitpunkt seines Todes selbst. 1943 erschoss er sich selbst, warum ist bis heute ungeklärt.

CAPONE ist durchweg unterhaltsam und bereitet seinem Hauptdarsteller natürlich eine wunderbare Bühne: Mit Wattepfropfen in den Backen dreht Gazzara mächtig auf, schreit, geifert, heult und spuckt. Er gibt dem Verbrecher das manische Lächeln einer Hyäne, zeichnet ihn als lüsternen Psychopathen, der nie ein anderes Mittel kannte als die Gewalt. In weiteren Rollen sind u. a. John Cassavetes als Frankie Yale zu sehen, Martin Kove als Morans Killer Frank Gusenberg, etliche wunderbare italoamerikanische Charakterfressen und natürlich Dick Miller als korrupter Bulle, der einmal gegen Capone gewinnen darf, aber daraufhin eine nachhaltige Warnung bekommt.

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Der Amerikaner Cliff Adams (John Schneider) arbeitet als Pilot für den kolumbianischen Drogenboss Reyes (Federico Luppi), der die Militärpolizei auf seiner Seite weiß. Tatsächlich steht Cliff aber im Dienste der DEA und versucht, dem Verbrecher das Handwerk zu legen. Die Reporterin Janet Meade (Kathryn Witt), pikanterweise seine Exfreundin, sowie der Demokrat Vilalba (Juan Vitali) stehen ihm in seinem Kampf bei …

Einer von vielen kleinen, aber dennoch mit guten Production Values ausgestatteter Actionfilme, die in den Achtzigern in die Kinos kamen oder wenigstens in den Videotheken landeten. COCAINE WARS, in Deutschland unter dem Titel AMERICAN SCORPION auf VHS erschienen, ist einer von ihnen: In seinen Actionszenen etwas unspektakulär, aber dafür an Originalschauplätzen gedreht und gleichermaßen mit guten Darstellern besetzt wie mit einem Drehbuch ausgestattet, das die ganze Story durchaus authentisch erscheinen lässt. Dreh- und Angelpunkt des Films ist aber John Schneider, der als Cliff eine Riesenshow abzieht: Der ehemalige „Duke of Hazzard“ rennt mit zauseliger Struwwelmähne, buschig ausgewachsenem Schnauz und ausgelatschten Nikes rum, hat ständig eine Kippe in der Fresse und verliert Coolness und große Klappe auch dann nicht, wenn er von Reyes‘ Schergen mit Elektroschocks behandelt wird. Ihm zusehen zu können, ist schon die halbe Miete. Das übersieht man auch gern, dass COCAINE WARS mit der Action eher sparsam umgeht. Eigentlich kracht es erst zum Showdown so richtig, aber mich hat das gestern nicht gestört, weil der Film trotzdem gut Tempo macht. Selbst wenn nicht pausenlos rumgeballert wird, ist doch immer irgendwas los. Es ist einer dieser Filme, bei denen man Lust bekommt, eine Fluppe zu rauchen und Schnaps aus der Pulle zu saufen.

Mir hat das gut gefallen. Klar, einen Teil seines Charmes verdankt COCAINE WARS der Tatsache, dass es einfach herrlich ist, diese alten Videothekenfilme heute in HD-Qualität sehen zu können, sich darüber zu freuen, dass man überhaupt die Gelegenheit hat, solchen Kram lang nach Überschreitung des Verfallsdatums zu Gesicht zu bekommen. Und wenn solches Comfort Food einem dann auch noch einen John Schneider beschert, der seine Rolle vereinnahmt, als wäre er geboren worden, sie zu spielen, dann ist das schon mehr als genug. Irgendwie geil.

Roger Cormans Film über eines der wichtigsten und blutrünstigsten Kapitel der Gangster-Ära ist auch eine der wenigen Regiearbeiten, die er für ein großes Studio ablieferte, ausgestattet mit einem großzügigen Budget von 2,5 Millionen Dollar und einem Drehplan, der ihm ausreichend Zeit ließ. Der „King of the Bs“ begriff das jedoch nicht etwa als Luxus, wenn man den Berichten traut: Er hielt das alles für enorme Verschwendung und gab am Ende sogar eine knappe halbe Million weniger aus als eigentlich budgetiert war. Aus heutiger Sicht kann man auch über den vollen Betrag nur schmunzeln: Zwar entstand THE ST. VALENTINE’S DAY MASSACRE ausschließlich in Studiokulissen (der nahtlose Übergang zwischen Kulissen und Matte Paintings allein ist schon ein Fest), trotzdem ist Cormans Film ein Ausstattungs-Overkill, der heute ein Vielfaches verschlingen würde.

Romantische Verklärung ist Cormans Sache aber nicht: Er bemüht einen dokumentarischen Tonfall für seine Inszenierung und versucht gar nicht erst, Spannung über den Ausgang aufzubauen. Paul Frees, „The man of thousand voices“ übernimmt die Voice-over-Narration, schaltet sich immer wieder ein, um Figuren einzuführen, Zeitsprünge zu erklären oder Kontext zu liefern. Das sowie die Tatsache, dass man den Ausgang der Geschichte ja bereits kennt, schafft eine gewisse Distanz: Es gibt kein Mitfiebern mit den Charakteren, die auch nicht unbedingt Mitleid oder Mitgefühl evozieren, lediglich dieses Kribbeln, das sich einstellt, wenn man sieht, wie die einzelnen Puzzleteile alle an den für sie vorgesehenen Platz fallen und sich zu dem Bild zusammenfügen, das man bereits kennt. Der von Corman gewählte Ansatz macht Sinn. Das titelgebende Ereignis ist, wenn auch von maßgeblicher historischer Bedeutung, ein eigentlich eher undankbares Sujet für einen Film: Das Massaker war nicht etwa eine wüste Schießerei zweier verfeindeter Banden, sondern er feiges Erschießungskommando, bei dem zudem überwiegend kleine Fische ins Gras bissen. Es richtete sich gegen Gangsterboss George „Bugs“ Moran (Ralph Meeker), einen erbitterten Rivalen von Al Capone (Jason Robards), der zum Zeitpunkt des Anschlags jedoch gar nicht anwesend war und mit dem Leben davonkam. Stattdessen starben Leute wie Johnny May (Bruce Dern), ein kleiner Automechaniker, oder Reinhardt Schwimmer (Mickey Deems), ein Optiker, dessen Verbindung zu den Gangstern eher lose war. Das großzügige Sterben und Morden ging danach noch eine Weile weiter, aber zum großen Vergeltungsschlag kam es nicht.

THE VALENTINE’S DAY MASSACRE ist kurzweiliger als er es eigentlich sein sollte: Es gelingt Corman einen Eindruck davon zu vermitteln, was für eine wilde Zeit das damals gewesen sein muss, als wild um sich ballernde Schwerverbrecher sich offene Kämpfe auf den Straßen Chicagos lieferten, in feinen Hotelsuiten große Geschäfte von Männern gemacht wurden, die tatsächlich nichts anderes als brutale Killer waren. Hervorstechend sind Jason Robards, der Capone als unberechenbaren Choleriker interpretiert, der nur die Stimme zu erheben braucht, um seine Untergebenen zum Schweigen zu bringen, und George Segal, der als Morans henchman Peter Gusenberg unerwartetes Talent für Psychopathen an den Tag legt. Wie es sich für einen Corman-Film gehört, ist natürlich auch Dick Miller dabei, als als Polizist getarnter Todesschütze, sowie Jack Nicholson, den ich aber nicht entdeckt habe. Weil es eine der hervorstechenden Eigenschaften aller am Geschehen involvierten Figuren ist, eher früher als später ins Gras zu beißen, treten viele der bekannteren Namen bereits wieder ab, bevor man sie richtig registriert hat: In Mininebenrollen gibt es u. a. John Agar sowie Regisseur Gus Trikonis zu sehen, dazu setzt sich die Besetzungsliste aus wunderbaren Charakterfressen und -darstellern wie Frank Silvera, Joseph Campanella, Richard Bakalyan, David Canary, Joe Turkel, Charles Dierkop oder Alex Rocco zusammen, um nur ein paar zu nennen. Dieser Aufzählungscharakter, den mein Text hier in den letzten Sätzen angenommen hat, verdeutlicht schon, was das Problem, aber eben auch die Stärke von THE ST. VALENTINE’S DAY MASSACRE ist: Emotional hinterlässt er nicht unbedingt Spuren, weil er eben eher eine bebilderte Geschichtsstunde darstellt. Aber ich wünschte mir, mein Geschichtsunterricht auf der Schule wäre nur halb so unterhaltsam, kurzweilig und reich an Höhepunkten gewesen …

Beim Filmgeschäft mit der Katastrophe durfte Roger Corman mit seiner New World Pictures natürlich nicht fehlen. Erwartungsgemäß kann er mit dem Schaulaufen der Stars, das andere aufboten, nicht mithalten, aber sein Hauptdarstellertrio ist dennoch recht beachtlich. Rock Hudson war in jener Zeit wohl recht verzweifelt und bereit, bei allem mitzumachen – EMBRYO anyone? -, trotzdem reicht seine bloße Präsenz, AVALANCHE aufzuwerten.

Bevor ich auf den Film selbst eingehe, muss ich mich um die Tücken des Katastrophenfilms kümmern. Vor allem die Naturkatastrophen erweisen sich immer wieder als pain in the ass. Sie kommen, wann sie wollen, oft ohne erkenn- oder wenigstens beeinflussbare Ursache, brechen herein, ohne dass man viel dagegen tun kann, und sind dann wieder vorbei. Spannung? Fehlanzeige. Auch bei AVALANCHE ist das das größte Manko: Da kann der Fotograf und Umweltkenner Nick Thorne (Robert Forster) noch so sehr vor der Lawinengefahr warnen und die Bausünden von Davis Shelby (Rock Hudson) kritisieren, am Ende ist es ein durch menschliches Versagen verursachter Flugzeugabsturz, der die Lawine auslöst und jede Illusion von dramaturgischer Kausalität zerstört. Irgendwann muss der Schnee halt runterkrachen, der Anlass ist da fast egal und alles, was dem Spektakel vorausgeht, ist bloß Makulatur. Was wiederum gut zu New World Pictures passt: Es gibt ein bisschen Melodrama und Sex (natürlich ohne die Stars) und viel Wintersport, um die Zeit zu überbrücken, wobei es Regisseur Allen vor allem die haarsträubenden Stürze angetan haben, von denen es eine ganze Reihe gibt, die mitunter unweigerlich das Gesicht verziehen lassen.

Es dauert eine geschlagene Stunde, bevor die Lawine auftritt, viel Zerstörung anrichtet und Tote fordert – und dann ist sie – anders als der Film – auch schon wieder vorbei. Die letzten 15 Minuten widmen sich den diversen Rettungsaktionen, bei denen sich alle möglichst panisch und unorganisiert verhalten, damit noch der ein oder andere Autocrash dabei abfällt. Man spürt förmlich die Befreiung und die Lust an Action, Zerstörung und Verwüstung, nachdem zuvor krampfhaft 60 Minuten lang auf ernstes Drama gemacht und ein ernstes Gesicht aufgesetzt wurde. Das Ende ist auch hübsch, wie Hudsons Shelby da inmitten seines zerstörten Urlaubsparadieses steht, auch seine Ex-Frau Caroline (Mia Farrow) nicht zurückgewinnen konnte und einen Schluck aus der Chamapgnerbuddel nimmt. Wahrscheinlich ist es auch deshalb so schön, weil man solche Zurückhaltung hier beim besten Willen nicht erwarten konnte.

In bester New World Pictures-Tradition trägt das Poster deutlich dicker auf als der Film selbst: Wer sich beim Lösen des Tickets nicht ganz unberechtigte Hoffnungen darauf machte, einen Blick auf die Oberweiten der Hauptdarstellerinnen Susan Howard (später die „Donna“ in DALLAS), Claudia Jennings oder BRADY BUNCH-Star Maureen McCormick zu erhaschen, kam wahrscheinlich mit langem Gesicht wieder aus dem Kino. Alle bleiben sie zugeknöpft, MOONSHINE COUNTY EXPRESS hat ein PG-Rating abbekommen und ist dementsprechend züchtig, zumindest hinsichtlich Sex, denn in der Gewaltdarstellung ist er nicht ganz so zimperlich. Aber so ist er halt der Ami: Töten hui, Titten pfui. Ich will mich gar nicht beschweren: Gus Trikonis‘ Hillbilly-Actioner ist mit seinem Sujet, wie meine Leser wissen, right down my alley, und selbst wenn er mit den Highlights des Subgenres nicht mithalten kann und relativ schnell wieder vergessen ist, so ist er für einen leicht verkaterten Sonntagvormittag doch ziemlich ideal, um wieder auf die Beine zu kommen.

MOONSHINE COUNTY EXPRESS beginnt mit einem Massaker: Papa Hammer (Fred Foresman), ein Moonshiner, wird mit seinen Helfern beim Schnapsbrennen umgelegt, und hinterlässt die erwachsenen Töchter Dot (Susan Howard) und Betty (Claudia Jennings) sowie die etwas jüngere Sissy (Maureen McCormick). Jeder im Ort weiß, dass der Hotelbesitzer und Geschäftsmann Starkey (William Conrad) hinter den Morden steckt, aber alle halten sie dicht, auch Sheriff Larkin (Albert Salmi), der es stattdessen auf den Autorennfahrer und Gelegenheitsgauner JB (John Saxon) abgesehen hat. Als die Hammer-Töchter das Erbe ihres Vaters antreten, gibt es Stunk im County und JB muss sich für eine Seite entscheiden …

Die Story bietet nichts wesentlich Neues, aber genug, um 95 Minuten ohne große Längen durchzubringen. Die Mischung aus Humor, Schießereien, Verfolgungsjagden und dem Hin-und-Her zwischen JB und Dot ist ganz amüsant, auch weil Lokalkolorit und Darsteller einfach stimmen. Die Besetzung, zu der sich auch noch Peckinpah- und Westernveteran Dub Taylor als versoffener Onkel der Schwestern sowie die Veteranen Morgan Woodward und Jeff Corey hinzugesellen, vereint ein paar tolle Charakterfressen, die Trikonis‘ Fernsehinszenierung deutlich aufwerten. Lediglich John Saxon selbst passt hier nicht so recht rein: Den Versuch, einen Südstaaten-Akzent vorzutäuschen, gibt der gebürtige Brooklynite schon nach wenigen Dialogzeilen verzweifelt auf, aber auch so ist der damals bereits 42-Jährige für die Rolle des jungen, unverantwortlichen Hallodris, der durch Dot auf den Pfad der Tugend gebracht wird, einfach nicht die Idealbesetzung, um es mal freundlich auszudrücken. Er macht das Beste aus der Situation und eine schlechte Leistung habe ich von ihm sowieso noch nicht gesehen. Eine kleine Enttäuschung ist auch das Finale, das ausgerechnet vor dem Oberschurken Starkey haltmacht und sich an die staatliche Gewlatenteilung erinnert, nachdem seine Lakaien zuvor im Dutzend plattgemacht worden sind. Ums also kurz zu machen: Harmloser Spaß, der besser, aber auch deutlich schlechter sein könnte.

BLOODY MAMA, eine von  Roger Cormans berühmtesten Regiearbeiten (und eine der von ihm selbst meistgeliebten), verdankt ihre Entstehung wohl nicht zuletzt dem Erfolg von Arthur Penns epochemachendem BONNIE & CLYDE, seinerseits von vielen Filmhistorikern als Geburtsstunde des New Hollywood ausgemacht und natürlich massiv beeinflusst von den Gangsterfilmen der Dreißiger-, Vierziger- und Fünfzigerjahre. Aber genauso darf BLOODY MAMA als maßgeblich für die im Verlauf der Siebzigerjahre gerade von kleinen Produktionsfirmen wie Arkoffs AIP (die BLOODY MAMA produzierte) oder Cormans New World Pictures in Auftrag gegebenen und in der Depression angesiedelten Gangsterfilme sowie zahlreiche Hillbilly- und Schwarzbrenner-Filmen angesehen werden. Filme wie BIG BAD MAMA, DILLINGER, THE LADY IN RED, MACON COUNTY LINE, JACKSON COUNTY JAIL oder LOLLY-MADONNA XXX, um nur einige zu nennen, die mir spontan einfallen, dürften dem Erfolg von Cormans Gangsterepos einiges zu verdanken haben. Dabei hat er mich, vom Lokalkolorit einmal abgesehen, fast noch mehr an einen anderen, weitaus berühmteren Film erinnert: an keinen geringeren als Francis Ford Coppolas Jahrhundertwerk THE GODFATHER.

Wie dieser handelt auch BLOODY MAMA nämlich von einer Verbrecherfamilie, die hier nicht von einem protektiven Vater, sondern von der Mutter angeführt wird. Das „Geschäft“, das Ma Barker (Shelley Winters) führt, ist weitaus weniger sauber und noch weniger einträglich als das von Don Vito Corleone, aber auch sie hält immer ihre schützende Hand über ihre Brut. Ihr gewalttätiger Sohn Herman (Don Stroud) könnte auch von James Caan gespielt werden, der psychotische, drogenabhängige Lloyd (Robert De Niro) hingegen nimmt einige Eigenschaften des später von John Cazale verkörperten, unglückliche Fredo vorweg. Die Parallelen enden nicht bei solchen kosmetischen Details: BLOODY MAMA schließt nach der Tötung des gesamten Barker-Clans durch die Kugeln des FBI mit einer Widmung an die „Mütter der Vereinigten Staaten“, womit er mehr als nur andeutet, dass die Wurzeln des US-amerikanischen Verbechens tief in die Keimzelle der Gesellschaft hineinreichen, die Familie, eine Aussage, die ja auch Coppolas Film macht.

An der epischen Aufbereitung, die Coppola für THE GODFATHER bemühte (und die seinen Film inmitten des New Hollywood wie einen konservativen backlash erscheinen ließ), ist Corman hingegen nicht interessiert – und natürlich hatte er auch gar nicht die Mittel dafür. Den Aufstieg der Barkers von einem Haufen Kleinkrimineller zur gefürchteten Verbrecherbande zeichnet er weniger akribisch nach, als er ihn schlaglichtartig in mehreren kleinen Episoden nachvollziehbar macht. Ein kurzer Prolog zeigt, wie die junge Kate Barker von ihrem Vater und ihren zwei Brüdern erst vergewaltigt wird und dann schwört, ihre eigenen Kinder niemals im Stich zu lassen. Jahre später packt sie ihre Söhne Herman, Lloyd, Fred (Robert Walden) und Arthur (Clint Kimbrough), die sich kurz zuvor selbst an einem jungen Mädchen vergangen haben, ins Auto und nimmt Abschied von George (Alex Nicol), ihrem Ehemann und dem Vater ihrer Kinder. Seinen ersten Mord verübt Herman aus nacktem Sadismus, es folgen kleinere Gaunereien, die Herman und Fred ins Gefängnis bringen. Bei einem Banküberfall erwirtschaftet der Rest des Barker-Clans die nötige Kaution und zementiert damit den Ruf als „public enemy“. Die Entführung des Unternehmers Pendlebury (Pat Hingle) soll das große Geld bringen, doch es zeigen sich bereits die ersten Risse in der vordergründigen Harmonie: Ma Barker hat ein Verhältnis mit Kevin (Bruce Dern), dem Geliebten ihres Sohnes Fred, zeigt nur Verachtung für Mona (Diane Varsi), die Gattin Hermans, und verkennt die Drogensucht von Lloyd. Ihre Fürsorge entpuppt sich immer mehr als unüberwindbares Gefängnis für ihre Söhne. Wie auch das „Vorbild“ BONNIE & CLYDE endet BLOODY MAMA mit der Erschießung des Clans und einer Reihe von Freeze Frames.

Cormans Film ist nicht unbedingt „spannend“: Der Handlungvserlauf ist sowohl durch die historischen Eckdaten – die allerdings heftig umstritten sind, vor allem, was die Involvierung der Mutter selbst betrifft – und natürlich durch die Konvention vorgegeben. Die erwähnte elliptische Erzählweise, bei der nie ganz klar ist, wie viel Zeit eigentlich zwischen den einzelnen Sequenzen vergangen sein soll, macht eine tiefe Immersion zudem ziemlich unmöglich. Und da ich viele der oben genannten, zum Teil von Corman produzierten Filme vorher gesehen habe, die sich von diesem in Look & Feel nur sehr marginal unterscheiden, hatte ich erst recht den Eindruck, das alles schon zu kennen. Wenn also auch die ganz große Begeisterung ausblieb, so ist BLOODY MAMA doch fraglos ein sehenswerter und auch bedeutender Film. Wahrscheinlich braucht er mehrere Sichtungen: Viele Details fliegen so an einem vorbei, weil Corman es vermeidet, seine Zuschauer mit der Nase darauf zu stoßen – das Verhältnis von Fred zu Kevin ist so eines: Als  die beiden da zusammen in einem Bett lagen, habe ich das zunächst einfach auf die beengten Platzverhältnisse und einen durch die Not bedingten Pragmatismus geschoben; erst als Ma Barker Kevin dann allerdings zu sich ruft, weil sie die Nacht nicht allein verbringen will, und der sich äußerst provokativ über Fred rollt, wurde mir klar, dass es da womöglich um mehr geht. BLOODY MAMA ist also ein „Reißer“, wie man ihn von Corman erwarten darf: Man unterschätzt ihn massiv, wenn man ihn darauf reduziert.

 

die filme von stephanie rothman

Veröffentlicht: März 12, 2017 in Film, Zum Lesen
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Auf critic.de widmet sich eine Textreihe dem überschaubaren Werk von Stephanie Rothman, die in den frühen Siebzigerjahren zum Stall von Roger Cormans New World Pictures gehörte und ihm unter anderem den Riesenhit THE STUDENT NURSES bescherte. Wenn Cormans Filme aus jener Zeit heute als „subversiv“ bezeichnet werden, weil sie unter dem Deckmantel der Exploitation avancierte Ideen über den Stand der Gesellschaft verhandelten, dann muss Rothman in dieser Hinsicht als eine treibende Kraft bezeichnet werden. Kolleginnen und Kollegen wie Silvia Szymanski, Lukas Foerster und Michael Kienzl werden sich in den nächsten Tagen ihrer gesamten Filmografie  widmen. Mein Text ist soeben erschienen: Es handelt sich um einen kleinen Aufsatz zum erotischen Vampirfilm THE VELVET VAMPIRE, über den ich mich auch hier schon einmal ausgelassen habe.