Mit ‘Roger Corman’ getaggte Beiträge

In bester New World Pictures-Tradition trägt das Poster deutlich dicker auf als der Film selbst: Wer sich beim Lösen des Tickets nicht ganz unberechtigte Hoffnungen darauf machte, einen Blick auf die Oberweiten der Hauptdarstellerinnen Susan Howard (später die „Donna“ in DALLAS), Claudia Jennings oder BRADY BUNCH-Star Maureen McCormick zu erhaschen, kam wahrscheinlich mit langem Gesicht wieder aus dem Kino. Alle bleiben sie zugeknöpft, MOONSHINE COUNTY EXPRESS hat ein PG-Rating abbekommen und ist dementsprechend züchtig, zumindest hinsichtlich Sex, denn in der Gewaltdarstellung ist er nicht ganz so zimperlich. Aber so ist er halt der Ami: Töten hui, Titten pfui. Ich will mich gar nicht beschweren: Gus Trikonis‘ Hillbilly-Actioner ist mit seinem Sujet, wie meine Leser wissen, right down my alley, und selbst wenn er mit den Highlights des Subgenres nicht mithalten kann und relativ schnell wieder vergessen ist, so ist er für einen leicht verkaterten Sonntagvormittag doch ziemlich ideal, um wieder auf die Beine zu kommen.

MOONSHINE COUNTY EXPRESS beginnt mit einem Massaker: Papa Hammer (Fred Foresman), ein Moonshiner, wird mit seinen Helfern beim Schnapsbrennen umgelegt, und hinterlässt die erwachsenen Töchter Dot (Susan Howard) und Betty (Claudia Jennings) sowie die etwas jüngere Sissy (Maureen McCormick). Jeder im Ort weiß, dass der Hotelbesitzer und Geschäftsmann Starkey (William Conrad) hinter den Morden steckt, aber alle halten sie dicht, auch Sheriff Larkin (Albert Salmi), der es stattdessen auf den Autorennfahrer und Gelegenheitsgauner JB (John Saxon) abgesehen hat. Als die Hammer-Töchter das Erbe ihres Vaters antreten, gibt es Stunk im County und JB muss sich für eine Seite entscheiden …

Die Story bietet nichts wesentlich Neues, aber genug, um 95 Minuten ohne große Längen durchzubringen. Die Mischung aus Humor, Schießereien, Verfolgungsjagden und dem Hin-und-Her zwischen JB und Dot ist ganz amüsant, auch weil Lokalkolorit und Darsteller einfach stimmen. Die Besetzung, zu der sich auch noch Peckinpah- und Westernveteran Dub Taylor als versoffener Onkel der Schwestern sowie die Veteranen Morgan Woodward und Jeff Corey hinzugesellen, vereint ein paar tolle Charakterfressen, die Trikonis‘ Fernsehinszenierung deutlich aufwerten. Lediglich John Saxon selbst passt hier nicht so recht rein: Den Versuch, einen Südstaaten-Akzent vorzutäuschen, gibt der gebürtige Brooklynite schon nach wenigen Dialogzeilen verzweifelt auf, aber auch so ist der damals bereits 42-Jährige für die Rolle des jungen, unverantwortlichen Hallodris, der durch Dot auf den Pfad der Tugend gebracht wird, einfach nicht die Idealbesetzung, um es mal freundlich auszudrücken. Er macht das Beste aus der Situation und eine schlechte Leistung habe ich von ihm sowieso noch nicht gesehen. Eine kleine Enttäuschung ist auch das Finale, das ausgerechnet vor dem Oberschurken Starkey haltmacht und sich an die staatliche Gewlatenteilung erinnert, nachdem seine Lakaien zuvor im Dutzend plattgemacht worden sind. Ums also kurz zu machen: Harmloser Spaß, der besser, aber auch deutlich schlechter sein könnte.

BLOODY MAMA, eine von  Roger Cormans berühmtesten Regiearbeiten (und eine der von ihm selbst meistgeliebten), verdankt ihre Entstehung wohl nicht zuletzt dem Erfolg von Arthur Penns epochemachendem BONNIE & CLYDE, seinerseits von vielen Filmhistorikern als Geburtsstunde des New Hollywood ausgemacht und natürlich massiv beeinflusst von den Gangsterfilmen der Dreißiger-, Vierziger- und Fünfzigerjahre. Aber genauso darf BLOODY MAMA als maßgeblich für die im Verlauf der Siebzigerjahre gerade von kleinen Produktionsfirmen wie Arkoffs AIP (die BLOODY MAMA produzierte) oder Cormans New World Pictures in Auftrag gegebenen und in der Depression angesiedelten Gangsterfilme sowie zahlreiche Hillbilly- und Schwarzbrenner-Filmen angesehen werden. Filme wie BIG BAD MAMA, DILLINGER, THE LADY IN RED, MACON COUNTY LINE, JACKSON COUNTY JAIL oder LOLLY-MADONNA XXX, um nur einige zu nennen, die mir spontan einfallen, dürften dem Erfolg von Cormans Gangsterepos einiges zu verdanken haben. Dabei hat er mich, vom Lokalkolorit einmal abgesehen, fast noch mehr an einen anderen, weitaus berühmteren Film erinnert: an keinen geringeren als Francis Ford Coppolas Jahrhundertwerk THE GODFATHER.

Wie dieser handelt auch BLOODY MAMA nämlich von einer Verbrecherfamilie, die hier nicht von einem protektiven Vater, sondern von der Mutter angeführt wird. Das „Geschäft“, das Ma Barker (Shelley Winters) führt, ist weitaus weniger sauber und noch weniger einträglich als das von Don Vito Corleone, aber auch sie hält immer ihre schützende Hand über ihre Brut. Ihr gewalttätiger Sohn Herman (Don Stroud) könnte auch von James Caan gespielt werden, der psychotische, drogenabhängige Lloyd (Robert De Niro) hingegen nimmt einige Eigenschaften des später von John Cazale verkörperten, unglückliche Fredo vorweg. Die Parallelen enden nicht bei solchen kosmetischen Details: BLOODY MAMA schließt nach der Tötung des gesamten Barker-Clans durch die Kugeln des FBI mit einer Widmung an die „Mütter der Vereinigten Staaten“, womit er mehr als nur andeutet, dass die Wurzeln des US-amerikanischen Verbechens tief in die Keimzelle der Gesellschaft hineinreichen, die Familie, eine Aussage, die ja auch Coppolas Film macht.

An der epischen Aufbereitung, die Coppola für THE GODFATHER bemühte (und die seinen Film inmitten des New Hollywood wie einen konservativen backlash erscheinen ließ), ist Corman hingegen nicht interessiert – und natürlich hatte er auch gar nicht die Mittel dafür. Den Aufstieg der Barkers von einem Haufen Kleinkrimineller zur gefürchteten Verbrecherbande zeichnet er weniger akribisch nach, als er ihn schlaglichtartig in mehreren kleinen Episoden nachvollziehbar macht. Ein kurzer Prolog zeigt, wie die junge Kate Barker von ihrem Vater und ihren zwei Brüdern erst vergewaltigt wird und dann schwört, ihre eigenen Kinder niemals im Stich zu lassen. Jahre später packt sie ihre Söhne Herman, Lloyd, Fred (Robert Walden) und Arthur (Clint Kimbrough), die sich kurz zuvor selbst an einem jungen Mädchen vergangen haben, ins Auto und nimmt Abschied von George (Alex Nicol), ihrem Ehemann und dem Vater ihrer Kinder. Seinen ersten Mord verübt Herman aus nacktem Sadismus, es folgen kleinere Gaunereien, die Herman und Fred ins Gefängnis bringen. Bei einem Banküberfall erwirtschaftet der Rest des Barker-Clans die nötige Kaution und zementiert damit den Ruf als „public enemy“. Die Entführung des Unternehmers Pendlebury (Pat Hingle) soll das große Geld bringen, doch es zeigen sich bereits die ersten Risse in der vordergründigen Harmonie: Ma Barker hat ein Verhältnis mit Kevin (Bruce Dern), dem Geliebten ihres Sohnes Fred, zeigt nur Verachtung für Mona (Diane Varsi), die Gattin Hermans, und verkennt die Drogensucht von Lloyd. Ihre Fürsorge entpuppt sich immer mehr als unüberwindbares Gefängnis für ihre Söhne. Wie auch das „Vorbild“ BONNIE & CLYDE endet BLOODY MAMA mit der Erschießung des Clans und einer Reihe von Freeze Frames.

Cormans Film ist nicht unbedingt „spannend“: Der Handlungvserlauf ist sowohl durch die historischen Eckdaten – die allerdings heftig umstritten sind, vor allem, was die Involvierung der Mutter selbst betrifft – und natürlich durch die Konvention vorgegeben. Die erwähnte elliptische Erzählweise, bei der nie ganz klar ist, wie viel Zeit eigentlich zwischen den einzelnen Sequenzen vergangen sein soll, macht eine tiefe Immersion zudem ziemlich unmöglich. Und da ich viele der oben genannten, zum Teil von Corman produzierten Filme vorher gesehen habe, die sich von diesem in Look & Feel nur sehr marginal unterscheiden, hatte ich erst recht den Eindruck, das alles schon zu kennen. Wenn also auch die ganz große Begeisterung ausblieb, so ist BLOODY MAMA doch fraglos ein sehenswerter und auch bedeutender Film. Wahrscheinlich braucht er mehrere Sichtungen: Viele Details fliegen so an einem vorbei, weil Corman es vermeidet, seine Zuschauer mit der Nase darauf zu stoßen – das Verhältnis von Fred zu Kevin ist so eines: Als  die beiden da zusammen in einem Bett lagen, habe ich das zunächst einfach auf die beengten Platzverhältnisse und einen durch die Not bedingten Pragmatismus geschoben; erst als Ma Barker Kevin dann allerdings zu sich ruft, weil sie die Nacht nicht allein verbringen will, und der sich äußerst provokativ über Fred rollt, wurde mir klar, dass es da womöglich um mehr geht. BLOODY MAMA ist also ein „Reißer“, wie man ihn von Corman erwarten darf: Man unterschätzt ihn massiv, wenn man ihn darauf reduziert.

 

die filme von stephanie rothman

Veröffentlicht: März 12, 2017 in Film, Zum Lesen
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Auf critic.de widmet sich eine Textreihe dem überschaubaren Werk von Stephanie Rothman, die in den frühen Siebzigerjahren zum Stall von Roger Cormans New World Pictures gehörte und ihm unter anderem den Riesenhit THE STUDENT NURSES bescherte. Wenn Cormans Filme aus jener Zeit heute als „subversiv“ bezeichnet werden, weil sie unter dem Deckmantel der Exploitation avancierte Ideen über den Stand der Gesellschaft verhandelten, dann muss Rothman in dieser Hinsicht als eine treibende Kraft bezeichnet werden. Kolleginnen und Kollegen wie Silvia Szymanski, Lukas Foerster und Michael Kienzl werden sich in den nächsten Tagen ihrer gesamten Filmografie  widmen. Mein Text ist soeben erschienen: Es handelt sich um einen kleinen Aufsatz zum erotischen Vampirfilm THE VELVET VAMPIRE, über den ich mich auch hier schon einmal ausgelassen habe.

angels_die_hard_poster_01Biker- und Rockerfilme gab es zwar auch schon vor EASY RIDER und THE WILD ANGELS, doch für die Renaissance des Genres zum Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre waren diese beiden natürlich maßgeblich. Man sieht das an ANGELS DIE HARD, der die wesentlichen Elemente beider Filme – den Kampf mit den Spießern und ein wenig christliches Rockerbegräbnis – aufgreift, sie mit einem dünnen roten Faden verbindet und den Rest der Zeit mit Impressionen des wilden Rockerlebens auffüllt.

In einer kalifornischen Kleinstadt wird die Rockergang um Tim (William Smith) in eine Massenkeilerei mit entrüsteten Rednecks verwickelt. Der Sheriff verweist sie des Ortes, behält nur Seed (R. Michael Stringer) zurück, den er zwei Tage später aus dem Knast entlässt. Doch Seed  erreicht seine Kumpels nicht mehr: Kurz hinter der Countygrenze wird er von seinem Chopper geschossen. Der Wunsch, ihn angemessen zu beerdigen, führt die Rocker zurück ins County, wo man nur auf sie gewartet hat. Auch ihre Hilfsbereitschaft, als es darum geht, einen Jungen aus einem Minenschacht zu befreien, kann an der grundsätzlichen Ablehnung der Bürger nichts ändern. Als auch noch die Tochter des Sheriffs verletzt wird – nicht von den Bikern, sondern von ihrem eifersüchtigen Freund – eskaliert die Situation …

Die allgemeine Feindseligkeit der Spießer gegenüber den freiheitsliebenden Rockern, die mit bürgerlichen Wertvorstellungen nichts am Hut haben, führt im Bikerfilm regelmäßig zu lynchmobartigen Szenen, feigen Exekutionen und hinterhältigen Schuldzuweisungen. Mit dem organisierten Verbrechen, in das die Hell’s Angels bekanntermaßen involviert waren, haben die Protagonisten dieser Filme selten etwas zu tun. Zwar geht es bei ihnen etwas rauer zur Sache, eine zünftige Prügelei gehört zur Freizeitgestaltung ebenso dazu, wie die stets in Reichweite befindliche Bierdose und natürlich der abgenudelte Joint, dessen kargen Überreste im „Notfall“ mit schlafwandlerischer Sicherheit aus der Jeansjackentasche geborgen werden, aber im Grunde ihres Herzens sind es gute Typen. Ihr Leben ist eine Utopie mit dem Makel, dass sie keinen eigenen, autonomen Raum besitzt. Schon ihre bloße Existenz wird somit von den „Normalos“ als Provokation empfunden. Das war in EASY RIDER so und ist auch in ANGELS DIE HARD nicht anders, der sich kaum Mühe macht, den etablierten Motiven etwas eigenes hinzuzufügen. So wird Comptons Film weniger von klassischer Narration als von dokumentarischem Impressionismus und Improvisation charakterisiert, die über die gesamte Laufzeit mehr als nur etwas ermüdend sind. ANGELS DIE HARD ist ein Zeitdokument, nicht zuletzt, weil es sich um den ersten Film von Cormans neu gegründeter Produktionsschmiede New World Pictures handelte, dessen Bedeutung sich einem heute aber kaum noch erschließen mag. Erstaunlich hingegen ist der Sprung, den der Regisseur zwischen diesem, seinem zweiten Film und dem nur ein Jahr später folgenden, um Lichtjahre besseren WELCOME HOME, SOLDIER BOYS hinlegte. Man mag kaum glauben, dass da derselbe Mann verantwortlich zeichnete.

 

Es gibt Filme, die wollen einfach nicht klicken. BIG BAD MAMA habe ich jetzt wohl zum dritten Mal eingeschmissen, nachdem ich ihn bislang immer nach kürzester Zeit wieder ausgemacht habe. Ich war besten Willens, aber es funktioniert einfach nicht. Ich finde die geschäftige Aufregung des Films, die unermüdliche Aneinanderreihung heiterer Episoden, die kundenorientierte Verbindung von Sex und Crime nicht etwa unterhaltsam und temporeich, sondern hochgradig öde und nervtötend.

BIG BAD MAMA erzählt, wahrscheinlich inspiriert vom Erfolg von Cormans eigenem BLOODY MAMA, von der Karriere von Wilma McClatchie (Angie Dickinson), die ihren beiden Töchtern Billie Jean (Susan Sennett) und Polly (Robbie Lee, bekannt aus SWITCHBLADE SISTERS) während der Depression ein sorgenfreies Leben ohne Armut ermöglichen will und sie deshalb auf eine verbrecherische Tour gen Westen mitnimmt. Sie verdingen sich erst als Moonshine Runner, nehmen dann kleinere Etablissements und Banken aus – mithilfe der unterwegs aufgelesenen Ganoven Fred Diller (Tom Skerritt) und William J. Baxter (William Shatner) –, bis sie ihren großen Coup planen: die Entführung einer Millionärstochter.

Das Problem ist wohl, dass dem von Steve Carver (der bei Chuck-Norris-Filmen deutlich besser aufgehoben war) mit dem erzählerischen Talent eines Buchhalters realisierten Film jeder dramaturgische Überbau fehlt. Mama McClatchie will also, das es ihren Töchtern gut geht. Das war’s und muss als Motivation für ihre Verbrechen ausreichen. Die Töchter sind ähnlich unterentwickelt und ihre Rolle erschöpft sich im weiteren Verlauf des Films darin, in regelmäßigen Abständen blank zu ziehen. Carver bemüht für seinen episodenhaft zerfallenden Film dabei eine slapstickartige quirkiness, die einfach nur billig und in Verbindung mit dem spekulativen Inhalt auch etwas abstoßend wirkt. Was man mit mehr Talent aus dem Stoff machen kann, hat Jonathan Demme ein Jahr später mit CRAZY MAMA bewiesen. Dass Corman nur ein Jahr nach BIG BAD MAMA bereits ein Quasi-Remake in Auftrag gab, sollte hinsichtlich der Qualität dieses Films zu denken geben. Aber wie gesagt: Vielleicht ist das ja auch nur mein ganz persönliches Problem.

Die Zweitsichtung dieses Wunderwerks, diesmal nicht im Heimkino, sondern auf der großen Leinwand in wunderschönem, entspanntem Rahmen, mit einem Publikum, dessen tosender Schlussapplaus erahnen ließ, dass der farbenfrohe Unfug da oben manches Herz erobert hatte. Es ist aber auch wahrlich schwer, sich der einlullenden Liebenswürdigkeit des Films zu entziehen, so schwer, dass selbst der abgebrühteste Zuschauer irgendwann die Waffen strecken und sich dem vor seinen Augen entfachten Zauber ergeben muss. Nie zuvor habe ich einen Film gesehen, in dem die Protagonisten – Pilotin Stella Star (Caroline Munro), Navigator Akton (Marjoe Gortner) und der treue Roboter Elle (Judd Hamilton) – so viel platonische Zuneigung für einander übrig haben, an einen Konflikt zwischen ihnen ist noch nicht einmal im Entferntesten zu denken. Sie lieben und verehren sich, und kein einziger böser Gedanke kommt ihnen in ihrer harmoniebeseelten Stimmung in die Quere. Immer wieder versichern sie sich ihren Respekt und ihre Sympathie, bedanken sich artig für die Hilfe des anderen, loben sich für die geleistete Arbeit und freuen sich wie kleine Kinder, wenn sie mal wieder eine besonders aussichtslose Situation gemeistert hat. Es ist klar, dass der böse Zarth Arn (Joe Spinell), der seine gesichtslosen Vasallen immer nur im Befehlston anblafft, keine Chance gegen so viel bedingungslose Liebe hat. Als Akton stirbt, überwiegt nicht die Trauer darüber, nun Abschied von seinen Freunden nehmen zu müssen, nicht die Angst vor dem Unbekannten, das ihm bevorsteht, sondern unendliche Dankbarkeit für die gemeinsam erlebten Abenteuer. Und wahrscheinlich zeigten viele der Zuschauer mit laufender Spielzeit des Films einen ähnlich entrückt-beseelten Gesichtausdruck wie der gute Akton. Mein Grinsen wurde jedenfalls immer breiter, und als der Emperor (Christopher Plummer) am Schluss mit der Seelenruhe, die nur ein Herrscher des Universums aufbringen kann, der schon alles gesehen hat, verkündet, dass nach der in letzter Sekunde abgewendeten Gefahr alle erst einmal wieder entspannen können, da wäre ich am liebsten für immer in meinem Sessel sitzengeblieben. STARCRASH ist, da muss ich der So-bad-it’s-good-Fraktion leider rüde übers Maul fahren, einer der schönsten Filme ever, ein absoluter Rausch, buchstäblich von einem anderen Stern, aus einem anderen Bewusstseinszustand zu uns herübergebeamt. Ein Film, mit dessen Protagonisten man sich anfreunden will, den man zum Kuscheln am liebsten mit ins Bett nehmen möchte. Oder, weil das natürlich etwas unpraktisch ist, wenigstens Stellar Star in ihrem geilen Fetischfummel, ihr wisst, was ich meine.

Ein illegales Straßenrennen von Los Angeles nach New York lockt mit 100.000 $. Teilnehmen darf jeder, der einen fahrbaren Untersatz hat. Entsprechend bunt gemischt ist das Fahrerfeld: Als Favorit gilt der Rennfahrer Coy „Cannonball“ Buckman (David Carradine), der nach einem Unfall mit Todesfolge eigentlich gar nicht mehr ans Steuer darf. Seine Freundin, die Polizistin Linda (Veronica Hamel), ist wenig begeistert, dass er sich darüber hinwegsetzt und noch weniger, dass er sie als Copilotin mitnimmt. Auf Coys Sieg hat sein Bruder Bennie (Dick Miller) eine große Summe gesetzt, die er nun dem gemeinen Mafiaboss Lester Marks (Paul Bartel) schuldet. Coys größter Rivale ist der skrupellose Cade Redman (Bill McKinney), der den Countrymusiker Perman Waters (Gerrit Graham) an Bord hat, dessen improvisierten Rennsongs die Radioübertragung des Rennens untermalen. Weitere Teilnehmer sind unter anderen das Studentenpärchen Jim (Robert Carradine) und Maryann (Belinda Balaski), eine Krankenschwester (Mary Woronov) mit ihren beiden Freundinnen sowie Coys Mechaniker Zippo (Archie Hahn), der als Coys Double unterwegs ist und so für Verwirrung mit tragischem Ausgang sorgt. Auf dem Weg zum Ziel sind etliche Hindernisse zu überwinden, unfaire Angriffe der Rivalen zu überstehen und Opfer zu beklagen …

Das Carsploitation-Subgenre, das in den Siebzigerjahren seinen Höhepunkt erlebte, ist eine der vielen filmischen Kuriositäten, die der Zeitgeist irgendwann dem Mülleimer der Geschichte überantwortete. Vor rund 40 Jahren hatte vor allem Roger Corman erkannt, welches kommerzielle Potenzial in der ungebremsten Zelebrierung des Automobils und seiner Zerstörung steckte. Seine Produktionen DEATH RACE 2000, EAT MY DUST!, GRAND THEFT AUTO und eben CANNONBALL! avancierten zu Superhits, genauso wie Konkurrenzprodukte à la GONE IN 60 SECONDS oder SMOKEY AND THE BANDIT: allesamt Filme, die US-amerikanischen Freiheitsdrang und Pioniergeist mit neuzeitlichem Materialismus und Warenfetischismus kreuzten, die Pferde des Westerns durch Pferdestärken ersetzten und der lähmenden Angst vor Öl- und Wirtschaftskrise mit entfesselter Zerstörungswut begegneten. Vorbilder dürften neben den Slapstick-Orgien der Stummfilmzeit, wahrscheinlich vor allem Stanley Kramers IT’S A MAD, MAD, MAD, MAD WORLD und die um stoische Helden in Muscle Cars gebauten Polizeifilme der Sechziger gewesen sein: BULLITT war mit seiner epochemachenden Verfolgungsjagd sicher eine Initialzündung. CANNONBALL!, durch den Erfolg des Vorgängers DEATH RACE 2000 inspiriert, zog bis Mitte der Achtzigerjahre noch zwei prominent besetzte nominelle Quasi-Sequels nach sich (THE CANNONBALL RUN und CANNONBALL RUN II), aber alle weiteren Versuche, das Carsploitation-Genre aufleben zu lassen, blieben wenig erfolgreiche Einzelfälle. Mit etwas gutem Willen lässt sich die mittlerweile sechs Filme umfassende FAST & FURIOUS-Reihe mit dem Etikett „Carsploitation“ versehen, doch letztlich sind die Autos dort auch nur schmückendes Beiwerk, das im Verlauf der Serie mehr und mehr in den Hintergrund rückt. Dass diese Reihe eine solche Entwicklung genommen hat, sagt aber durchaus auch etwas über die dem Subgenre inhärenten Schwierigkeiten aus: Die Möglichkeiten, wie man eine begrenzte Anzahl Autos zu Schrott verarbeiten kann, sind beschränkt, und spektakuläre Stunts allein machen noch keinen guten Film. Der Erfolg des Carsploitation-Films ist eng mit den Charakteren hinter dem Steuer und der Kreativität des Drehbuchs verbunden. Dessen wichtigste Aufgabe ist es dann auch nicht, ausufernde Actionszenen zu erdenken, sondern vor allem Wege zu finden, die Isolation der Fahrer aufzulösen und sie miteinander in Interaktion treten zu lassen.

CANNONBALL! wird dann auch immer dann richtig interessant, wenn die Teilnehmer ihre Wagen entweder verlassen müssen oder wenn er sich den Konflikten innerhalb der Autos zuwendet. Die einzelnen Stunts setzten kleine Akzente, aber sie sind nicht in der Lage, das Ganze zu tragen. Es fällt auch auf, wie schwer es überhaupt ist, ein Rennen filmisch abzubilden, das nicht auf einem abgesteckten Kurs ausgetragen wird: Wer da zu welchem Zeitpunkt auf welchem Platz liegt und in welcher Relation die einzelnen Autos zueinander stehen, wird bestenfalls klar, wenn zwei oder mehr Wagen gleichzeitig im Bild zu sehen sind, was höchst selten passiert. Und da Sparfuchs Corman sein Cross-Country-Rennen ausschließlich in Kalifornien ablichtete (abgesehen vom Finale in New York), gibt es auch keine äußeren Anhaltspunkte, die einem Aufschluss darüber geben würden, in welchem Stadium des Rennens man sich gerade befindet. Eigentlich ist in CANNONBALL! alles interessanter als das titelgebende Rennen: Mir haben zum Beispiel die Auftritte von Paul Bartel als Jazzpiano spielender Gangsterboss eindeutig am besten gefallen. Ein unerwartet cleverer erzählerischer Kniff hängt mit der Einbindung einer Traumsequenz zusammen, mit der der Film eröffnet und die längst schon wieder vergessen ist, wenn sie spät im Film wieder aufgegriffen und überraschend gewendet wird. Süß ist auch das Finale, in dem mit dem Studentenpärchen genau jene Teilnehmer den großen Preis absahnen, die sich als einzige stets vollkommen fair verhalten haben. Andere lustige Episoden drehen sich um den mogelnden Familienvater, der sein Auto noch in Los Angeles in ein Flugzeug nach New York verladen lässt und sich bis zum Eintreffen der Rivalen mit seiner Geliebten im Bett vergnügt, und den Afroamerikaner, der seinen Rennwagen eigentlich für ein altes Ehepaar an die Ostküste überführen soll. Der Gag mit der Übergabe einer komplett zu Schrott gefahrenen Karre ist keineswegs neu, aber immer wieder für ein Grinsen gut. Für Freunde des Exploitationkinos der Siebzigerjahre und speziell des New-World-Katalogs gibt es natürlich auch wieder etliche Cameos und Gastauftritte zu bewundern: Martin Scorsese und Sylvester Stallone sind als Mafiosi zu sehen, Joe Dante spielt einen nerdigen Mechaniker und Roger Corman absolviert einen Auftritt als Staatsanwalt. Superproduzent Don Simpson und die von Corman protegierten Jungregisseure Allan Arkush und Jonathan Kaplan machen ebenfalls mit. Insgesamt sicherlich kein Meisterwerk, aber ein netter Timewaster mit eingebauter Geschichts- und Nostalgiestunde.