Mit ‘Roger Fritz’ getaggte Beiträge

Nach MÄDCHEN MIT GEWALT ist Roger Fritz‘ MÄDCHEN MÄDCHEN nicht nur der zweite Film mit dem Wort „Mädchen“ im Titel, sondern auch der zweite, in dem ein Steinbruch eine wichtige Rolle spielt. In einer Filmografie, die insgesamt nur vier Kinofilme umfasst, kann man da nur schwer von Zufall sprechen. (Dass Helga Anders in drei der vier Filme mitwirkte, war auch kein Zufall, sondern liegt darin begründet, dass Fritz mit ihr liiert war.)

MÄDCHEN MÄDCHEN (Drehbuch: Eckhart Schmidt) scheint zunächst mal ein gänzlich anderer Film als MÄDCHEN MIT GEWALT: Der Film ist in Schwarzweiß gedreht, viel ruhiger, erzählerischer, psychologischer als der eruptive GEWALT, der im englischsprachigen Ausland als CRY RAPE oder THE BRUTES treffend vermarktet wurde, weniger parabelhaft und reduktionistisch, emotionaler und wärmer, liebevoller seinen Charakteren gegenüber. Er kommt dem Zuschauer mehr entgegen, obwohl Fritz sich auch hier davor hütet, alles totzuerklären oder auch nur auszuerzählen. Und wenn man es genau nimmt, ist sein Ende sogar deutlich bitterer und trauriger als das provokante Happy End von MÄDCHEN MIT GEWALT.

Eine Frage, die sich stellt: Wie würde MÄDCHEN MÄDCHEN wirken, wenn er ohne die Texteinblendung zu Beginn auskommen müsste? Ein Absatz aus dem Deutschen Gesetzbuch klärt den Zuschauer darüber auf, was es mit sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen auf sich hat: Dazu wird die junge Andrea (Helga Anders) aus einer Erziehungsanstalt entlassen und macht sich mit der Bahn auf den Heimweg. Der Versuch, Zeit zu sparen, scheitert und so landet sie erst in einem Lkw und dann in der Fabrik des Mannes (Hellmut Lange), mit dem sie einst im Bett landete. Während der noch die letzten Tage seiner Haftstrafe absitzt, trägt sein Sohn (Jürgen Jung) die Verantwortung für den Betrieb – er hatte damals selbst ein Auge auf Andrea geworfen, bevor sein Vater ihm zuvorkam, und wittert nun seine Chance.

MÄDCHEN MÄDCHEN zeigt den von der bevorstehenden Rückkehr des Vaters überschatteten Flirt der beiden jungen Leute, der nicht unbedingt ein gutes Gefühl hinterlässt. Sie, von den Eltern vernachlässigt, orientierungslos und ohne echtes Selbstwertgefühl oder ein Rechtsempfinden, dass ihr klar machte, was ihr da einst widerfuhr, er, mit dem übergesunden Selbstvertrauen des Vaters gesegnet, auf dem besten Wege dahin, alles für selbstverständlich und sich selbst für unwiderstehlich zu halten, dazu mit latenter Aggression gegen Andrea, die „Nutte“, wie er sie in seinen Ausbrüchen nennt, die sich eigentlich gegen den Vater richten sollten. Der Film endet in einem unerträglichen Schwebezustand: Der Junior ist unfähig, dem Vater mitzuteilen, was er für Andrea empfindet, aus Angst, ihn zu verprellen, und arrangiert sich mit der Situation. Die beiden Männer werden, so ahnt man, sich die jungen Frauen, die von ihrem Erfolg und ihrem Machismo angezogen werden wie die Motten vom Licht, gegenseitig zuschanzen, die Erinnerung an Andrea, die ja nur eine von vielen gewesen sein wird, wird verblassen, abgelöst werden von Erlebnissen mit Dutzenden andere Mädchen-Mädchen, die kommen und gehen. Und Andrea, die das eigentliche Opfer ist, wird eine Verliererin bleiben, die einzige in diesem Spiel, ohne Ziel, ohne Fürsprecher. Wenn es den Männern, denen sie begegnet, zupass kommt, wird sie als Betthupferl dankend angenommen, wenn sie Ansprüche anmeldet, ist sie eine „Nutte“, die viel zu leicht zu haben ist. Ihre Eltern sind nur Geister in diesem Film, man sieht sie einmal schlafend, ob sie an ihre Tochter überhaupt denken – man weiß es nicht.

So bitter und desillusionierend das alles ist, so umwerfend und in Teilen auch wieder sehr schön und anziehend ist der Film. Es gibt eine schlicht fantastische Liebesszene in einem Wald, in der sich die Kamera zum Song „Reach out I’ll be there“ von den Four Tops verselbstständigt und erst durchs Blattwerk fährt und dann über eine Böschung auf die beiden Liebenden herabblickt, die einen Sog entwickelt, der für den doch immer sehr kontrollierten deutschen Film absolut ungewöhnlich ist. Eine ans Surreale grenzende Verfolgungsjagd zu Fuß, wird zu einem rauschhaften Taumel, der irgendwann ein idyllisches Ende in einem magisch leuchtenden Weiher findet. Die Gegenüberstellung der Schweizer Natur mit der schroffen, monolithischen Architektur der Fabrik trägt MÄDCHEN MÄDCHEN schon fast allein und in der Mitte gibt es eine wunderbare Auszeit in München, zu der eine flotte Sohle aufs vor Beatmusik dampfende Parkett gelegt wird. Dazu die umwerfende Kameraarbeit von Klaus König, der sehr impressionistisch Arbeitet und unheimlich viel Schönheit zwischen dem Gestein birgt.

MÄDCHEN MÄDCHEN vermittelt viel von dieser rastlosen, jugendlichen Unruhe, die überall hin drängt, mit dem Ziel möglichst viel von sich auf einmal zu verschwenden, fängt aber auch immer wieder das dumpfe Gefühl ein, dass sich einstellt, wenn man merkt, dass man am Ende immer noch da ist und nichts vorbei oder leichter. MÄDCHEN MÄDCHEN ist ein Jugendfilm einer Jugend, die von den Eltern bereits geebnet worden ist. Das deprimierende Ende ist für Junior und Andrea wahrscheinlich eine Erleichterung. Mit Freiheit muss man eben auch umgehen können.

Advertisements

37280_230Mehr als ein Jahr habe ich MÄDCHEN MIT GEWALT vor mir hergeschoben: Ich wusste nicht so recht, was ich von dem Film erwarten sollte, trotz der lobenden Worte meiner Freunde von Eskalierende Träume, die auch in die Erstellung des Bonusmaterials auf der Subkultur-Veröffentlichung involviert waren. Nur dass es um Vergewaltigung gehe, wusste ich, was ein zusätzliches Problem darstellte, da ich Filme für gewöhnlich mit meiner lieben Gattin zusammen schaue, die eine exploitative Herangehensweise an das Thema nachvollziehbarerweise eher nicht so gut verkraftet. Es gab in meiner Vorstellung genau zwei Möglichkeiten: Entweder, MÄDCHEN IST GEWALT war ein richtig harter Diskursstreifen, für den man sich wappnen muss, oder ein provokanter Exploitationbolzen, der nicht ehefrauentauglich ist. Vorsichtshalber habe ich ihn daher allein geschaut und bin mir heute ziemlich sicher, dass er auch Leena gefallen hätte.Glücklicherweise liegt MÄDCHEN MIT GEWALT nämlich ziemlich genau in der Mitte der beiden Pole, nimmt eindeutig die Position der Frau ein, ohne aber zum lahm-aufklärerischen Sozialdrama zu verkommen. Der Film hat seine Untiefen, und das ist gut so, aber man muss keine ideologischen Verrenkungen vornehmen, um ihn schätzen zu können.

Die Protagonisten sind die Angestellten Werner (Klaus Löwitsch) und Mike (Arthur Brauss). Beide hängen ständig zusammen rum, scheinen außer einander keinerlei Freunde zu haben: Kein Wunder, beide sind ziemlich Soziopathen und gehen regelmäßig gemeinsam auf Frauenjagd, wobei der Begriff sehr wörtlich zu nehmen ist. Frauen sind keine gleichberechtigten Partner für sie, es geht ihnen nicht um die Eroberung, den Kitzel des Flirts, das Schaffen einer Verbindung, sondern um Erniedrigung, Bedrohung und Unterwerfung. Auf einer Go-Kart-Bahn lernen sie Alice (Helga Anders) kennen, die mit ihren Freunden (darunter Rolf Zacher) da ist. Gemeinsam beschließt man, zum nächtlichen Nacktbad und Grillen einen Baggersee aufzusuchen. Doch Werner und Mike hängen Alice‘ Freunde ab und sind nun mit dem Mädchen allein. Die muss bald feststellen, dass die beiden Typen besondere Pläne mit ihr haben …

MÄDCHEN MIT GEWALT spielt sich innerhalb eines Zeitraums von etwa 24 Stunden ab, die meiste Zeit davon während der Nacht und des anbrechenden Morgens, und konzentriert sich dabei nach einer etwa halbstündigen Exposition ganz auf die Dynamik zwischen den drei Hauptfiguren. Man glaubt, dass es zu einem Kippen des zunächst etablierten Machtgefüges kommen wird, dass die beiden fiesen Vergewaltigerschweine ihr Fett wegbekommen und sich die fragile Alice als Rächerin behauptet, aber Regisseur Fritz ist an den Konventionen des Genrefilms nicht interessiert. Es gibt am Ende keine eindeutigen Sieger und Verlierer, keine Moral von der Geschicht und keine Katharsis, nur Fragen. Und das ist gut so, macht Fritz‘ Film zu einer Ausnahmeerscheinung. Es ist aber wohl auch der Grund dafür, dass der Film von der Kritik missverstanden und verrissen wurde, an der Kinokasse unterging und danach für gut 45 Jahre in der Versenkung verschwand. Es war Fritz‘ letzter Kinofilm, bevor er seine Regiekarriere 1981 mit FRANKFURT KAISERSTRASSE für die LISA-Film beendete. Die Fähigkeiten Fritz‘ erkannte man wohl: So bescheinigte ihm etwas das Hamburger Abendblatt gönnerhaft, „dazugelernt“ zu haben, aber ansonsten wollte man vor allem brutal ausgespielte Gewaltszenen und Geschmacklosigkeiten gesehen haben. Mit einem Kino, das keine eindeutigen Handlungsanweisungen gibt oder mit einer griffigen Lebensweisheit endet, hat man sich in Deutschland schon damals schwer getan.

Dabei gibt es in MÄDCHEN MIT GEWALT nicht nur viel zu entdecken für einen Drei-Personen-Film, der in einer Kiesgrube spielt, sondern auch jenen entspannten Erzählflow, der sonst eher nicht so die Stärke des deutschen Films ist. Anders als vergleichbare „Kammerspiele“ wirkt MÄDCHEN MIT GEWALT eben nicht überkonstruiert und parabelhaft-künstlich, sondern absolut natürlich in seiner Handungsentwicklung, die weniger einem genialischen Plotkonstrukt, sondern dem zufälligen Zusammentreffen der einzelnen Charaktere entspringt. Vor allem die Dynamik, die Werner und Mike entwickeln, ist faszinierend und spannend, ständig in Bewegung und verhindert so, dass man den weiteren Verlauf schon im Vorfeld absehen kann. Zunächst scheint es nämlich so, als habe Werner die Hosen an: Er ist im Job der Ranghöhere, derjenige, der bei den gemeinsamen Raubzügen die Initiative ergreift, den etwas schüchtern anmutenden Mike anschubst. Aber dieses Bild muss bald relativiert werden: Werners Aggression ist auch Zeichen einer tiefen Unsicherheit, während Mikes abwartende Haltung aus dem Selbstbewusstsein und der daraus resultierenden Ruhe entspringt. Als die beiden mit Alice allein in der Kiesgrube sitzen, ist es Mike, der das Spiel bestimmt, Werner zügelt, wenn es nötig ist. Aber diese Konstellation ist es auch, die ihr Spielchen beinahe eskalieren lässt. Denn Werner wittert bald Morgenluft, hat keinen Bock mehr, immer nur die zweite Geige zu spielen und meint, in seinem Wahn, es könne tatsächlich eine gemeinsame Zukunft für ihn und Alice geben. Am Ende haben sich beide blutig geprügelt, versucht sich abzustechen und sich gegenseitig umzubringen. Als die Polizei anrückt, sieht es so aus, als gingen die beiden doch noch in den Bau. Aber dazu kommt es nicht: Zu dritt fahren die drei ab wie eine neue, schwer dysfunktionale, aber irgendwie auch perfekte Familie. Die beiden Männer, die sich brauchen, um sich über ihre Schwächen hinwegzutäuschen, die junge Frau, der sie sich überlegen fühlen, die aber das Ruder heimlich in den Händen hält aus Mitleid mit diesen armen, schwanzgesteuerten Tröpfen, aber auch in dem Wissen, dass der Tag der Frau erst in Zukunft anbrechen wird.

 

 

 

62397_fZur Abwechslung nach so viel hemmungsloser Euphorie über MAD MAX: FURY ROAD mal was anderes – obwohl wir (dem Vernehmen nach) im Bereich der Meisterwerke bleiben: Morgen erscheint nach mehreren Jahren Pause endlich die lang erwartete No. 4 der „Edition Deutsche Vita“ aus dem Hause Subkultur (zuvor gab es FLUCHTWEG ST. PAULI, ZINKSÄGE FÜR DIE GOLDJUNGEN und WENN ES NACHT WIRD AUF DER REEPERBAHN): Roger Fritz‘ MÄDCHEN MIT GEWALT mit Klaus Löwitsch und Arthur Brauss. Ich kenne den Film noch nicht, habe die Scheibe aber selbstverständlich schon vorbestellt, und das solltet ihr auch tun, so ihr ein Interesse daran habt, dass die vergessenen Perlen der deutschen Filmgeschichte eine Chance auf Bewahrung haben. MÄDCHEN MIT GEWALT wird vor allem von den Protagonisten hinter Eskalierende Träume – allen voran der unermüdliche Christoph Draxtra – als Sternstunde eines alternativen deutschen Kinos gefeiert, was Freunden des psychotronischen Films Kaufgrund genug sein sollte. Christoph und der nicht minder umtriebige Sano Cestnik hatten auch die Ehre, sich den Film für einen von zwei enthaltenen Audiokommentaren zusammen mit dem Regisseur und Arthur Brauss im Münchener Werkstattkino anzuschauen. Für die auf 1.000 Exemplare limitierte Scheibe hat das Label Subkultur weder Kosten noch Mühen gescheut und ist dafür ein erhebliches finanzielles Risiko eingegangen. Das sollte meiner Meinung nach unbedingt honoriert werden. Wem das deutsche Filmerbe und ungewöhnliches, mutiges, unangepasstes Kino am Herz liegen, der weiß, was zu tun ist. Danke für eure Aufmerksamkeit.

138552_fErster auswärtiger Sondergipfel des Hofbauer-Kommandos, Kongressort Frankfurt. Auch ich bin, wie angekündigt, wieder angereist, nachdem ich den Sommergipfel leider verpassen musste. Mein Hotel für die bevorstehenden Tage befindet sich wenige hundert Meter vom Frankfurter Hauptbahnhof entfernt, an der Ecke Kaiserstraße und Weserstraße. Es handelt sich um eine belebte Gegend mit vielen Snackbars, Imbissbuden, aber auch Restaurants und natürlich Geschäften. Es ist keine hervorstechend gute oder gar vornehme Gegend, aber man sieht die Bemühungen der Städteplaner, hier ein „angesagtes“ Szeneviertel entstehen zu lassen. Auffällig ist vor allem, dass sich diese Straße kaum von vergleichbaren Gegenden in vergleichbaren deutschen Großstädten unterscheidet.

Der erste Film, der die Kongressteilnehmer abends im doch ziemlich weit vom Zentrum entfernten Höchst erwartet, heißt FRANKFURT KAISERSTRASSE, und ist für mich verständlicherweise doppelt verheißungsvoll. Es ist ein Film, den der in den Sechzigerjahren mit einigen Autorenfilmen in Erscheinung getretene Roger Fritz für die umtriebige Lisa-Film inszeniert hat, einer ihrer typischen Kommerzfilme, irgendwo zwischen Komödie, Teenieromanze, Sex- und Milieufilm angesiedelt, das Frankfurter Pendant zum Berliner DIE SCHULMÄDCHEN VOM TREFFPUNKT ZOO gewissermaßen oder auch ein verspäteter Nachfahre von HEISSES PFLASTER KÖLN und den St.Pauli-Filmen nicht nur von Rolf Olsen. Und die Rolle vom Bahnhof Zoo oder der Reeperbahn nimmt hier eben die Kaiserstraße ein, vor 30 Jahren noch ein nicht nur nächtlich brodelnder Sündenpfuhl voller ranziger Bierschwemmen, Nacktlokale, Peep-Shows, Sexshops und Bordelle. Am Straßenrand stehen die leichten Mädchen und Johnny Klewer (Hanno Pöschl), der „Wiener Johnny“, regiert mit eiserner Hand.

Die Kaiserstraße ist der Dreh- und Angelpunkt verschiedener kleiner, zunächst unverbundener Geschichten, die dann im Laufe des Films schicksalsträchtig zusammengeführt werden. Die Hauptfiguren sind Susanne (Michaela Karger) und Rolf (Dave Balko), ein Liebespaar an der Grenze zum Erwachsenwerden. Beide haben das spießige Leben in ihrem hessischen Dörfchen und die Schikanierung durch die Eltern satt, wollen ihre Freiheit genießen, am liebsten im großen, aufregenden Frankfurt, wo das Leben reich, voller Überraschungen und Chancen zu sein scheint. Doch erst muss Rolf seinen Wehrdienst ableisten, zum Glück in Frankfurt-Höchst, nicht weit von Susanne, die wiederum bei ihrem schwulen Onkel Ossi (Kurt Raab) einzieht. Der betreibt mit seinem Lebensgefährten ein Blumengeschäft auf der Kaiserstraße, lebt dort auch und tritt nachts in einer Varietéshow auf. Während Susanne sich langsam in der Großstadtwelt zurechtfinden muss, erlebt Rolf den rauen Ton beim Bund, der ihn in die Arme der Kantinenangestellten Chris (Ute Zielinski) treibt. Die beiden kommen einander näher, Susanne erfährt davon und landet voller Eifersucht bei Johnny, der in ihr ein neues Zugpferd für seinen Stall sieht. Natürlich bemerkt sie das nicht, hält seine einschmeichelnde Art für echt, seine Zuwendungen und Geschenke für ein Zeichen von Zuneigung. Bis sie durch Zufall miterlebt, wie er einen Mord begeht.

FRANKFURT KAISERSTRASSE ist Kolportagestoff, vollgestopft mit kleinen, aber lebendigen Nebenfiguren und ihren Geschichten, ein Film wie ein Bild aus einem Wimmelbuch, wo man an jeder Ecke etwas entdecken kann. Auch wenn er sich mit seiner Milieubetrachtung in die Reihe deutscher „Sittenreißer“ einfügt, gelingt es Fritz doch, dieses Bild einigermaßen differenziert zu halten. „Für jedes Stück Freiheit, das man sich erobert, muss man an anderer Stelle ein Stück Freiheit aufgeben“, heißt es einmal, und so hat hier (fast) alles seine Licht- und Schattenseiten. Fritz bedient in seiner Zeichnung des Stadtviertels als Sündenpfuhl zwar das Bedürfnis nach lasterhaften Sensationen, das diese Stoffe damals so kassenträchtig machte, zeigt die Bewohner der Kaiserstraße aber auch als verschworene Gemeinschaft, die aufeinander aufpasst, Freud und Leid miteinander teilt. Das schwule Pärchen hat nicht etwa unter Vorurteilen von außen zu leiden, sondern eher unter inneren Spannungen zwischen nonkonformistischem Lebenwandel und dem Bedürfnis nach Bürgerlichkeit und Familiengründung. Von anderem Kaliber sind da die Geschäftsleute in ihren gläsernen Wolkenkratzern, die sich Ganoven wie den Wiener Johnny als Vollstrecker halten, aber auch den eiskalt abservieren, wenn er ihnen nicht mehr in den Kram passt. Eine faszinierende, schillernde Welt, die nicht nur mit Blick auf die heutige, (fast) aller zwielichtigen Attraktionen beraubten Kaiserstraße (an der Ecke Elbestraße, wo der Film überwiegend spielt, befindet sich heute sehr bezeichnenderweise eine Rossmann-Filiale) meilenweit entfernt scheint. Leider.