Mit ‘Roger Livesey’ getaggte Beiträge

Nach A MATTER OF LIFE AND DEATH ist dies das zweite leuchtende Meisterwerk, das ich von Powell und Pressburger zu sehen bekommen habe, und wie dieser drei Jahre später entstandene ein Denkmal an Witz, Intelligenz, Wärme, Weisheit, Schönheit, Eleganz und Eloquenz. Angesichts des mit großer Finesse gespannten, vier Jahrzehnte überbrückenden Erzählbogens, der schieren formalen Opulenz und epischen Form wäre es vermessen zu sagen, dass THE LIFE AND DEATH OF COLONEL BLIMP „leicht“ ist – aber es gelingt Powell und Pressburger ihn so erscheinen zu lassen. Wie raffiniert und zielstrebig dieser anscheinend bloß entspannt mäandernde Film tatsächlich ist, habe ich wirklich erst zum Schluss gemerkt, als sich der Kreis der Erzählung schloss und sich auf einmal Dimensionen eröffneten, deren Größe sich mir vorher gar nicht wirklich erschlossen hatte. Der Eindruck, der sich am Ende einstellte, ist tatsächlich vergleichbar mit einer spirituell-religiösen Epiphanie: Plötzlich scheint alles ganz klar, als hätten Powell und Pressburger eine Tür aufgestoßen, von deren Existenz man zuvor gar nichts wusste. Das ist umso erstaunlicher, als THE LIFE AND DEATH OF COLONEL BLIMP thematisch mit beiden Füßen fest am Boden steht – was ihn dann wohl auch am meisten von A MATTER OF LIFE AND DEATH unterscheidet.

Die Kühnheit des erzählerischen Entwurfs wird offenkundig, wenn man sich vor Augen ruft, auf welcher Idee der Film eigentlich beruht. Der titelgebende Colonel Blimp, dessen Name im Film aber nie genannt wird, war eine Comic-Strip-Figur, mit der ihr Schöpfer, der Zeichner David Low, sich in den 1930er-Jahren in den Ausgaben des Evening Standards über britischen Konservatismus und Imperialismus lustig machte. In den Strips schwang der Colonel, ein dicker, glatzköpfiger, älterer Mann mit beeindruckendem Schnurrbart, in der Geborgenheit eines türkischen Dampfbads große Reden und steigerte sich mit hochrotem Kopf in schwachsinnige, teilweise widersprüchliche Dampfplaudereien zur weltpolitischen Lage, die seine Aus-der-Zeit-Gefallenheit und seine Unfähigkeit, sich mit der Weltordnung der Gegenwart zu arrangieren, zum Ausdruck brachten. Powell und Pressburgers Film lässt sich nun als gelungener Versuch verstehen, diese zweidimensionale Karikatur retroaktiv wieder mit Leben zu füllen, nachvollziehbar zu machen, wie sie möglicherweise zu ihren Ansichten kommen konnte, welche Vergangenheit, welche Geschichte sie hinter sich gebracht hatte , um so das Gestern mit dem Heute zu versöhnen.

THE LIFE AND DEATH OF COLONEL BLIMP erzählt die Geschichte des britischen Soldaten Clive Candy (Roger Livesey), der vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 1940er-Jahre in drei kriegerische Konflikte verwickelt ist, den Burenkrieg sowie den Ersten und den Zweiten Weltkrieg, und einen Zeitenwandel erlebt, den er nicht mehr mitgehen kann und so zum „Relikt“ wird, zur untragbaren Witzfigur, für die im Militär kein Platz mehr ist. Der Film eröffnet mit einer Übung im Jahr 1942, bei der junge Soldaten schon vor dem eigentlichen Übungsbeginn zum Angriff blasen und so die Gegenseite, die von Candy angeführte Home Guard, völlig unvorbereitet treffen. Candy ist erbost über diese Unsportlichkeit, doch sein jüngerer Gegner erwidert, dass Regeln im Krieg außer Kraft gesetzt seien, man sich ja auch beim echten Feind nicht auf Absprachen verlassen könne. Die folgende Keilerei der beiden mündet in eine lange Rückblende, die das Gros des Films ausmacht, und in der man erfährt, was Candy in seiner Militärlaufbahn erlebte. Er wuchs in einer Zeit auf, in der Krieg eine streng ritualisierte Auseinandersetzung von Ehrenmännern war und sogar die tiefe Freundschaft von Feinden ermöglichte. So findet Candy in dem Preußen Theo Kretschmar-Schuldorff (Anton Walbrook), dem er zum ersten Mal in einem Duell begegnet, einen Vertrauten, der ihn durch die Jahrzehnte begleitet. Er ist es auch, der Candy am Ende die Augen öffnet: Ritterlichkeit und Ehre sind in einer Welt, in der der Gegner – die Nazis – solchen Werten längst den Rücken gekehrt hat, nicht nur überkommen, das Festhalten an ihnen würde gar den Triumph des Bösen entscheidend begünstigen. Das alte philosophische Problem, dass sich eigentlich gute Ideen ins krasse Gegenteil verkehren, wenn man sie verabsolutiert.

Candy ist ein Vorfahre all jener alten Seelen aus dem (Spät-)Western, dem Gangster-, Kriegs-, Action-, Schwertkämpfer- und Samuraifilm, die bemerken, dass sie zu alt sind, um mit den im Umbruch begriffenen Verhältnissen noch mitgehen zu können. Doch wo jene meist voller Nostalgie und Melancholie zurückblicken, in einer Verweigerungshaltung erstarren und den Tod im letzten Gefecht wählen, da gelingt es Candy in der letzten Szene des Films seinen Frieden mit der ihm fremden neuen Welt zu machen, sich als Mensch zu behaupten und trotzdem einzusehen, dass er sich dem Lauf der Dinge beugen muss. Diese Haltung von Powell und Pressburger kennen wir schon aus A MATTER OF LIFE AND DEATH, in dem sie die beiden Welten – die der Ratio und die der Seele – genauso miteinander versöhnten wie hier Gegenwart und Vergangenheit. „Versöhnung“ ist sowieso ein gutes Stichwort: 1943, noch während des tobenden Krieges also, einen Deutschen nicht nur zum Freund eines Briten, sonden diesen gar als ausgesprochene Stimme der Vernunft zu besetzen, ist nicht nur höchst ungewöhnlich, sondern wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass THE LIFE AND DEATH OF COLONEL BLIMP erhebliche Probleme von offizieller Seite bekam, massiv gekürzt wurde und erst 1983 wieder zu seiner ursprünglichen Länge restauriert wurde. Ein Schicksal, das dieses Prunkstück des britischen Kinos mehr als verdient hat.

THE LIFE AND DEATH OF COLONEL BLIMP ist eine Augenweide, das vielzitierte Fest für die Sinne, ein Monument des Humanismus, ein bewegender, überraschender, inspirierender, schlicht alle Sinne ansprechender und überwältigender Film. Zunächst fand ich ihn etwas weniger genial als A MATTER OF LIFE AND DEATH, doch mittlerweile halte ich ihn für sogar noch brillanter als dieses an Wundern auch schon nicht gerade arme Meisterwerk. Einzelne Szenen aus dem Ganzen hervorzuheben, erscheint mir als geradezu unfair, sind die knapp 150 Minuten von THE LIFE AND DEATH OF COLONEL BLIMP doch absolut geschlossen und voller feinster Nuancen, die jede für sich genommen besondere Aufmerksamkeit verdienten. Es klingt vielleicht übertrieben, aber es ist mir ein Rätsel, wie zwei Menschen dieses Maß an Perfektion erreichen konnten – und das nicht nur einmal. THE LIFE AND DEATH OF COLONEL BLIMP hat in den 70 Jahren seit seiner Entstehung rein gar nichts von seiner überwältigenden Kraft verloren. Ein Film für die Ewigkeit.

A MATTER OF LIFE AND DEATH beginnt im Weltall. Die Kamera schwenkt mit großer Ruhe an Gasnebeln und fernen Galaxien vorbei, bis endlich die Erde ins Blickfeld rückt. Eine Überblendung führt den Betrachter näher heran, an ein Europa des Zweiten Weltkriegs, in dem ganze Städte brennen, und schließlich an Großbritannien, das – wie könnte es anders sein – unter dichtem Nebel verborgen liegt. Durch diesen Nebel fliegt ein von den Geschossen der Boden-Luft-Geschütze arg in Mitleidenschaft gezogenes britisches Flugzeug, dessen letzter Überlebender, der Schriftsteller und Pilot Peter Carter (David Niven) sich auf den Tod vorbereitet. Er hat keinen Fallschirm mehr und so kommt der amerikanischen Funkerin June (Kim Hunter), mit der er in Kontakt steht, die schwere Aufgabe zu, seine letzten Worte an seine Familie aufzuzeichnen. Aber während dieses kurzen, aber doch intensiven Gesprächs passiert noch mehr: Die beiden Menschen, die sich noch nie gesehen haben, die nichts voneinander wissen, und sich vermutlich auch nie wieder sehen werden, verlieben sich ineinander. Und ihre Liebe wird vielleicht sogar de Welt verändern. – Diese kurze Zusammenfassung der ersten Minuten scheint mir eine überaus treffende Einleitung, um über A MATTER OF LIFE AND DEATH zu schreiben: Denn Powells und Pressburgers in diesem Film eindrucksvoll zum Vorschein kommende Gabe, innerhalb kürzester Zeit und ohne jede Brüche vom Großen, Allgemeinen, Universellen zum Kleinen, Speziellen, Individuellen zu gelangen, ist die herausragende Eigenschaft dieses Meisterwerks, das mich gestern in ein staunendes Kind verwandelte, mein Zwerchfell und meinen Geist gleichermaßen kitzelte und nicht zuletzt mein Herz förmlich in Brand steckte. Wahrhaft großes, nein, allergrößtes Kino.

Die Geschichte von Peter Carter und June spielt sich im Folgenden auf zwei Ebenen ab: In „unserer“ Welt, auf der Peter nach seinem unerwarteten Überleben von Kopfschmerzen und Visionen geplagt wird, in denen ihn ein Jenseitsbote (Marius Goring) darüber aufklärt, dass er eigentlich nur durch einen Fehler noch am Leben ist und „abberufen“ werden soll, und in eben jenem Jenseits, in dem in einer finalen Gerichtsverhandlung über das weitere Schicksal Carters entschieden wird. Der Pilot ist nämlich der Meinung, dass seine Liebe zu June – die er nur durch jenen Fehler überhaupt kennen lernen konnte – ihm das Recht gibt, weiterzuleben. Vertreten wird er durch den Psychologen Dr. Reeves (Roger Livesey), der davon überzeugt ist, dass Peters Disposition den Spätfolgen einer Gehirnerschütterung zu verdanken ist, vor dessen überlebensnotwendiger Operation aber selbst bei einem Unfall ums Leben kommt. Das Handlungskonstrukt von A MATTER OF LIFE AND DEATH ist durch und durch „modern“, die Gegenüberstellung von Wissenschaft und Glaube ein auch heute noch beliebtes Thema. Aber nur selten habe ich gesehen, dass es so konsequent und intelligent umgesetzt wurde. Während sich vergleichbare Filme für eine der beiden Optionen – meist für den Glauben und die Emotion – entscheiden, lassen Powell und Pressburger sie bis zum Schluss gleichberechtigt nebeneinander bestehen.

So wird nie geklärt, warum Peter den Absprung aus dem Flugzeug überlebte: Es könnte tatsächlich auf einen Fehler der „Jenseitsverwaltung“ zurückzuführen sein, und seine Visionen wären dann „echt“. Aber auch an der Richtigkeit von Reeves‘ Diagnose besteht kein Zweifel (es ist überaus auffällig, wie genau und differenziert der ganze medizinisch-psychologische Teil behandelt wird: kein Vergleich zur typischen Hollywood’schen Vulgärpsychologie) und eine einleitende Schrifteinblendung konstatiert sogar, dass die Jenseitswelt nur in der Vorstellung des Piloten existiert. Es ist konsequent, dass der Überlebenskampf Peters an zwei Fronten geschlagen wird: im Operationssaal und vor dem Jenseitsgericht. Hier wird mit dem grenzüberschreitenden Humanismus ein weiteres wichtiges Thema des Films evident. Die Verhandlung über das Leben Peters wird nämlich zur Auseinandersetzung mit dem rassistischen amerikanischen Anwalt Farlan (Raymond Massey), der die Briten hasst, seit er von einer englischen Kugel im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg aus dem Leben gerissen wurde. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, war es ein offenes Anliegen von Powell und Pressburger, die britisch-amerikanischen Beziehungen zu stärken, auch wenn dies nicht von offizieller Stelle in Auftrag gegeben oder gar finanziell gefördert wurde. Der Streit zwischen dem Briten und dem Amerikaner steht so vor allem im Dienste der universellen Botschaft von A MATTER OF LIFE AND DEATH: nämlich der so banalen wie einleuchtenden, dass die Menschen lernen müssen, sich in ihren Differenzen zu lieben. Die Beziehung zwischen dem englischen Piloten und der amerikanischen Funkerin hat gewissermaßen Symbolcharakter. Sie weist nach den Verheerungen des Krieges den Weg in eine hoffentlich friedliche Zukunft.

Das Duo Powell und Pressburger ist nicht zuletzt für die opulente Technicolor-Bildsprache solcher Werke wie BLACK NARCISSUS und THE RED SHOES bekannt, die noch heute von den großen Filmemachern als Quelle der Inspiration genannt werden. Auch A MATTER OF LIFE AND DEATH überwältig nicht nur mit seiner feinsinnigen Erzählung und den poetischen Dialogen, sondern auch mit seiner wunderschönen Fotografie vom Altmeister Jack Cardiff. Die Erdenszenen strahlen in der üppigen Technicolor-Farbpalette, begeistern mit pfiffigen Inszenierungseinfällen (das Tischtennis-Match!) und überraschenden Spezialeffekten, während die Jenseitsszenen in modernistischem Schwarzweiß gehalten sind, das sich – überaus passend – durch ein geheimnisvolles Leuchten auszeichnet. Man weiß gar nicht, wo man hinschauen soll, und vertieft man sich zu sehr in die wunderbaren Bildwelten, so verpasst man garantiert einen schlagfertig geführten Dialog oder einen der zahlreichen Verweise auf Kunst, Politik und Geschichte. Bei all dieser Schwärmerei für die technische Seite des Films soll aber nicht vergessen werden, dass A MATTER OF LIFE AND DEATH zuallererst von ungewöhnlicher Warmherzigkeit ist. Es gibt keinen „Bösewicht“ im Film, selbst dem antagonistischen Farlan wird mit Verständnis und sachlicher Argumentation begegnet. Auch die Liebe zwischen Peter und June, die in einem weniger brillanten Film zur leeren Behauptung und zum mechanischen Plotvehikel verkommen wäre, erscheint uns dank des wunderbaren Spiels von Niven und Hunter von Anfang an als absolut zwingend. Diese beiden gehören zusammen, dagegen kann nicht einmal der Lauf des Universums etwas ändern.