Mit ‘Roger Spottiswoode’ getaggte Beiträge

Damals, in den Achtzigern, da dachte ich, diese Art von professionell gefertigten, routiniert, aber mit im besten Sinne „unsichtbarer“ Handschrift inszenierten Action-Thriller-Komödien, zu denen auch SHOOT TO KILL gehört, würde es ewig geben, gewissermaßen als solides Fundament des Hollywood-Outputs. Ein Irrglaube: Heute ist diese Spielart des bodenständigen, rundum unterhaltsamen, aber niemals überkandidelten Kinos beinahe völlig ausgestorben. Spottiswoodes Film habe ich damals schon geliebt, aber dann irgendwann aus den Augen verloren. Anlässlich von ENEMIES CLOSER, dem aktuellen Film von Spottiswoodes altem Eighties-Regie-Kollegen Peter Hyams, ist er mir wieder eingefallen und sofort auf meine imaginäre Rewatch-Liste gewandert.

Wahrscheinlich ging SHOOT TO KILL damals sogar als „high concept“ durch: Er verbindet das immer beliebte Fish-out-of-water-Thema mit dem typischen Buddy-Movie-Kniff zweier unterschiedlicher Typen, die gegen ihre anfängliche Abneigung zusammenarbeiten müssen, verpflanzt eine Verbrecherjagd aus ihrem natürlichen Großstadtsetting in die Bergwelten des pazifischen Nordwestens. Als zusätzliches Mittel der Spannungserzeugung wird der Schurke mit einer Gruppe unschuldiger Angler zusammengebracht und seine Identität zunächst geheimgehalten. So arbeitet der Film zunächst an zwei Fronten: Der FBI-Agent Warren Stantin (Sidney Poitier), ein typischer Stadtmensch, muss sich in der Verfolgung gegenüber dem mürrischen Bergmann Jonathan Knox (Tom Berenger) als echter Kerl erweisen und ihn gleichzeitig im Zaum halten, die tapfere Bergführerin Sarah (Kirstie Alley), Knox‘ Freundin, in deren Gruppe sich der Killer eingeschlichen hat, sich gegen diesen zur Wehr setzen. Spottiswoode inszeniert mit der sicheren Hand des versierten Handwerkers, immer zielstrebig und mit dem sicheren Gespür dafür, wann sein Film eine Prise Humor vertragen kann, Poitier und Berenger agieren ohne Firlefanz und Manierismen, Michael Chapmans Kamera (u. a. RAGING BULL, HARDCORE, DEAD MEN DON’T WEAR PLAID) fängt die majestätische Landschaft ein und schlägt gekonnt die Brücke zum Abenteuerfilm und Western und John Scott lässt in seinem Score die Synthiedrums pumpen, dass es eine wahre Freude ist. Es ist erstaunlich, dass man Filme dieser Effizienz und Perfektion früher für identitätslos und anonym halten konnte: Heute vermisst man sie an allen Ecken und Enden, wünscht sich einen Auftragsregisseur wie Spottiswoode herbei, der solche von der ersten bis zur letzten Sekunde packenden Hundertminüter ohne Ausfall und Peinlichkeit über die Rampe schickt.

In der schönsten Szene des Films werden Stantin und Knox beim Erklimmen eines Berggipfels von einem Schneesturm überrascht und müssen sich eine Schneehöhle graben, um sich zu schützen. In der gebärmutterartigen Geborgenheit der engen Höhle zieht Knox seines nassen Klamotten aus, fordert Stantin auf, es ihm gleichzutun, und beginnt den vor Kälte zitternden Cop mit den Händen zu reiben und mit seinem eigenen nackten Körper aufzuwärmen. Die Szene wäre heute ganz gewiss Anlass für dumm-homphobe Witzchen, aber hier wird sie ganz straight ausgespielt. Es ist ein wunderbarer, ungeheuer menschlicher Moment, der ein Interesse für die Charaktere offenbart, das man so kaum noch gewohnt ist.

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TOMORROW NEVER DIES ist eine eher flüchtige Affäre. Mit einer Laufzeit von knapp unter zwei Stunden ist es der kürzeste Bondfilm seit YOU ONLY LIVE TWICE, und die düsteren Anflüge, die GOLDENEYE in der Interpretation seiner Hauptfigur an den Tag gelegt hatte, werden hier ganz außen vor gelassen. Was der Film an Tiefe vermissen lässt, macht er durch nahezu ununterbrochene Action und einen gesteigerten Camp-Appeal wett. Sichtlich vom damals zu internationaler Popularität gelangten Hongkong-Kino inspiriert, präsentiert er mit Michelle Yeoh nicht nur einen überaus schlagkräftigen Partner für Bond, sondern wartet im Mittelteil auch mit einer unglaublichen Motorradverfolgungsjagd auf, in der sich ein halsbrecherischer Stunt an den nächsten reiht. Im ausgedehnten Finale an Bord eines „Stealth-Bootes“ (nee, is klar) wird das wahrscheinlich sündhaft teure Setting komplett in handliche Einzelteile zerlegt und eine Vielzahl von Schurken effektvoll ins Jenseits befördert. So krawallig und rasant war bis dahin kein Bond-Film.

An der Darbietung von Jonathan Pryce und an seinem Schurken Elliot Carver, einem Rupert Murdoch nachempfundenen Medienmogul, der sich nicht mehr damit begnügt, nur das zu berichten, was passiert, sondern seine eigenen Nachrichten macht, werden sich die Geister scheiden. Wie er da in Schallgeschwindigkeit auf dem Vorläufer eines Tablets herumtippt und vor seiner riesigen Bildschirmwand enthemmte Monologe über seine Monopolideen hält, wird sein Superschurke zur grellen Karikatur, wie TOMORROW NEVER DIES überhaupt deutlich satirische Züge trägt. Die Bondfilme waren mit dem Begriff „realistisch“ zwar nur selten wirklich zutreffend beschrieben, meist auf tagesaktuellen Entwicklungen fußende und dann über die Grenzen zur Science Fiction hinaus betriebene Gedankenspiele (oder eben – wie in MOONRAKER – offensichtlicher Blödsinn), aber sie verkauften ihre Spinnereien mit einem Pokerface. TOMORROW NEVER DIES krankt indes daran, dass man nicht recht zu wissen schien, wie man einen Bondfilm um einen Medienmann konstruieren sollte, dessen Waffen ja gewissermaßen immateriell sind: Er arbeitet mit gezielt geschalteten oder zurückgehaltenen Informationen, eignet sich mithin nur mäßig als Schurke für einen Actionfilm, der auf Körperlichkeit, Materialität und Konkretion fußt. Die Autoren begegnen diesem Problem, indem sie Carver zum typischen Bondschurken machen: Sein Plan – einen Krieg zwischen Großbritannien und China zu provozieren, um so am Ende einer langen Kausalkette die alleinigen Fernsehrechte in China zu erhalten – ist nicht nur reichlich umständlich, er kommt auch einer Trivialisierung seines eigentlichen Drohpotenzials gleich. Das Furchterregende an Medienmännern wie Carver ist ja gerade, dass sie in der Realität gar keine drastischen Mittel benötigen, um zu ihrem Ziel zu gelangen, dass ihre Manipulation schleichend und unbemerkt geschieht, ohne physischen Kollateralschaden. Zur Ehrenrettung der Verantwortlichen sei gesagt, dass sie ihren „Fehler“ selbst bemerkten und Carver demnach zum augenrollenden Irren machten. Wenn man das akzeptieren mag, ist TOMORROW NEVER DIES durchaus witzig. Als Diskussionsbeitrag zum Thema „Medienmanipulation“ eignet er sich eher weniger.

Wunderschön finde ich den Finalmoment, wenn Bond nach erbittertem Kampf gegen Carvers deutschen Kettenhund Stamper (Götz Otto) ins Wasser springt, wo die gefesselte Wai Lin (Michelle Yeoh) kurz vor dem Ertrinken steht. Sie, eine toughe, selbstständige chinesische Agentin, hat bis zu diesem Zeitpunkt alle Avancen des britischen Agenten an sich abprallen lassen, doch jetzt vereinen sich beide unter Wasser unter dem Vorwand der Beatmung in einem innigen Kuss. Es ist eine perfekt getimete, gleichermaßen pulpige wie wunderschöne Pointe eines turbulenten Showdowns, und zudem ein traumhaftes Bild, wie die beiden da schwerelos im Wasser treiben, das von den über der Oberfläche tosenden Flammen illuminiert wird. Es ist auch ein schöner, romantischer Kontrapunkt zur sonst auffallenden Technokratie. Die Technik spielt natürlich in allen Bonds eine überaus wichtige Rolle, aber in TOMORROW NEVER DIES steht sie besonders im Vordergrund. In der Erinnerung spielt der Film fast ausschließlich in von flackernden Bildschirmen beleuchteten Innenräumen, Natur gibt es fast gar nicht zu sehen. Mit etwas mehr Ambitionen würde ich jetzt versuchen, das als Paradigma des Films zu interpretieren, aber Spottiswoode inszeniert so auf den vordergründigen Thrill hin, legt einen innerhalb der nun nicht gerade für Tiefsinn bekannten Reihe solch seichten Film vor, dass exegetische Hohenflüge ein bisschen zu sehr den Methoden Carvers glichen: „Mit Kanonen auf Spatzen schießen“, nennt man das, glaube ich.

Bei einem Streich der Sigma-Phi-Omega-Fraternity wird ein Junge schwer verletzt. Ein Jahr später begeben sich die Studenten zur großen Abschlussparty an Bord eines Zuges. Auch die für den vergangenen Unglücksfall Verantwortlichen – u. a. die hübsche Alana (Jamie Lee Curtis) und der Zyniker Doc (Hart Bochner) – sind mit von der Partie. Und natürlich hat sich ein Killer an Bord geschlichen, der bald beginnt, sein blutiges Handwerk zu verrichten …

Wie PROM NIGHT ist auch TERROR TRAIN ein weiterer früher Slasher aus dem Werk der Noch-Scream-Queen Jamie Lee Curtis und wie jener folgt auch dieser weitestgehend uninspiriert der bekannten Formel. Der Body Count ist gering, die Morde unblutig, die Identität des Killers von Beginn an klar: Trotzdem gelingt Spottiswoode das Kunststück, die karge Handlung auf 97 Minuten auszuwalzen. Die Auftritte des jungen David Copperfield, der als geladener Magier ein paar seiner Zaubertricks zum Besten geben darf, helfen sowohl dabei, den Film zu strecken, als auch für die dringend benötigte Abwechslung zu sorgen. Das Gestapfe durch den Zug, die typischen Beziehungskämpfe und Zickereien sind nämlich nur bedingt abendfüllend. Ich fand TERROR TRAIN nicht ganz so langweilig wie PROM NIGHT – der Zug bietet ein etwas reizvolleres Setting als eine Highschool, die Anwesenheit von Ben Johnson hilft und die finale Konfrontation zwischen Alana und dem Killer ist ganz nett –, aber letztlich ist das Haarspalterei, weil beide Filme zwar technisch solides, aber eben auch fürchterlich generisches Slasherkino bieten. Spottiswoode, dessen Debüt dies war, lässt zudem jegliches Gespür für das, was diese Art von Film funktionieren lässt vermissen: Mit Horror hat er es offensichtlich nicht und konsequenterweiser drehte er auch nie wieder einen Horrorfilm. Dafür schwang er sich als typischer Hack mit TOMORROW NEVER DIES sogar in die Riege der Bond-Regisseure empor. Sein wahrscheinlich bester Film ist der sehr schöne SHOOT TO KILL, allerdings hat er auch ganz fieses Zeug wie etwa Stallones STOP! OR MY MOM WILL SHOOT, TURNER & HOOCH oder Arnies unsäglichen THE 6TH DAY zu verantworten. Das versöhnt einen fast wieder mit TERROR TRAIN, den man wenigstens egal finden kann …