Mit ‘Roger Vadim’ getaggte Beiträge

Wer hätte das gedacht? Wenn der französische Erotomane Roger Vadim in seinem US-Debüt das Drehbuch von STAR TREK-Erfinder Gene Roddenberry verfilmt, kommt dabei eine ziemlich bizarre Sexkomödie mit Serienmörderplot  heraus, in der Rock Hudson sich selbst und Angie Dickinson eine Lehrerin spielt, die nicht weiß, dass sie im Körper eines Lustobjekts steckt.

Der 17-jährige Ponce (John David Carson) steht zwischen den beiden. Er ist noch Jungfrau und wird von Dauererektionen geplagt, weil an seiner Schule nur gut gebaute Supermodel-Kandidatinnen ihren Abschluss zu bauen scheinen. Die Aushilfslehrerin Betty Smith erregt ihn besonders, bekommt jedoch gar nicht mit, dass sie ihm ständig den Po oder die Brüste entgegenstreckt. Als er auf die Toilett flieht, um sich zu erleichtern, findet er die Leiche einer MItschülerin. Captain Sam Surcher (Telly Savalas) leitet die folgenden Ermittlungen, die um den Coach der Footballmannschaft und Schulpsychologen Michael „Tiger“ McDrew (Rock Hudson) kreisen, der Einblick in die Seele des Killers gewähren soll. Direktor Mr. Proffer (Roddy McDowall) hofft indesen vor allem, dass der Mordfall die Austragung des wichtigen Footballspiels nicht gefährdet.

Vadims Film ist einerseits eine satirische Auseinandersetzung mit amerikanischen Wertvorstellungen, andererseits ein fast philosophisch angehauchtes Bekenntnis zum ungehemmten Sex. Rock Hudson gibt den Mann gewordenen amerikanischen Traum, vor dem Frauen zitternd in die Knie gehen, und Männer andächtig lauschen, auf das etwas von seiner Magie auf sie überspringe. „Tiger“ kann alles: Als Psychologe trägt er zur rekordverdächtigen Abschlussquote der Schule bei, das Footballteam treibt er von Erfolg zu Erfolg, er hat eine wunderschöne Ehefrau sowie ein bezauberndes Kind, und er befriedigt jeden sexuellen Wunsch, der ihm entgegengebracht wird. Es gelingt ihm sogar, seine gelegentllichen Morde nicht mit seinem Selbst in Konflikt treten zu lassen. Und er züchtet mit Ponce sogar einen Nachfolger heran, als er den mit der ahnungslosen Mrs. Smith verkuppelt.

Ich finde PRETTY MAIDS ALL IN A ROW gar nicht so seltsam wie Nathan Rabin in diesem trotzdem sehr lesenswerten Text, der den Film so umfassend behandelt, dass mir kaum noch etwas einfällt. In seiner zynischen Überführung utopischer Freier-Liebe-Klischees in einen albtraumhaften amerikanischen Narzissmus ist er sehr Kind seiner Zeit, gleichzeitig half es wohl, dass ein Europäer hinter der Kamera stand, der von außen auf diese spezielle Form des entitlements blicken konnte, die „Tiger“ McDrew idealtypisch verkörpert. Nietzsche schwebten für seinen Übermenschen sicherlich höhere Ideale vor, „Tiger“ liefert eine sehr weltliche Intepretation der nietzscheanischen Philosophie ab: Ficken, was bei drei nicht auf dem Baum ist, umbringen, was danach noch Schwierigkeiten bereitet, und sich keinen Kopf drum machen. Wer so geil ist, für den gelten Ausnahmeregeln. Was PRETTY MAIDS ALL IN A ROW von ähnlichen Gesellschaftssatiren unterscheidet, ist die Abwesenheit jeder Bitterkeit. Unsympathisch ist dieser „Tiger“ niemals, im Gegenteil. In einer durch und durch oberflächlichen Welt ist er sogar der einzige, der authentisch und ehrlich wirkt. Und Rock Hudson, dessen langsam aus den Fugen geratender Körper dekadente Maßlosigkeit und Genussfreude widerspiegelt, ist ein geradezu brillanter Besetzungscoup. Definitiv ein Film für einen zukünftigen Hofbauer-Kongress.

Eine Überraschung: An einen Film, in dem der damals 41-jährige Curd Jürgens die knapp 20 Jahre jüngere Brigitte Bardot auf seine ihm eigene onkelhaft-schmierige Art anschmachtet, hatte ich als bekennender Großfan des „normannischen Keliderschranks“ (den Spitznamen verpasste ihm die Bardot während der Dreharbeiten) natürlich immense Erwartungen geknüpft. Dass sich ET DIEU … CRÉA LA FEMME, das Debüt des Erotikers Roger Vadim, aber nicht etwa als Altherren-Schmierenspektakel, sondern im Gegenteil als protofeministischer, mindestens aber tief humanistischer Film entpuppen würde, der sogar das ausgesprochene Wohlwollen meiner bei dieser Thematik eher strengen Gattin erntete, hatte ich eher nicht auf der Rechnung.

Vadim setzt sich in ET DIEU … CRÉA LA FEMME mit gesellschaftlichen Zwängen auseinander, damit, wie Menschen aufgrund vorherrschender Moralvorstellungen und Konventionen in ein Korsett gepresst werden, ohne dass dabei auf ihre konkrete individuelle Disposition Rücksicht genommen würde. ET DIEU … CRÉA LA FEMME leuchtet in den schönsten mediterranen Technicolor-Farben, ist von der Sonne der Côte d’Azur durchflutet, aber die Welt, die er zeichnet, die Perspektive, die er für seine Protagonistin entwirft, ist eher düster. Für die weibliche Hauptfigur ist in dieser Welt eigentlich kein Platz.

Juliette (Brigitte Bardot), eine 18-jährige Waise, lebt in einer Pflegefamilie und geht einem langweiligen Job als Zeitungsverkäuferin nach. Mehr als an diesen Verpflichtungen ist sie aber am Nachtleben interessiert und an den Männern, und sie genießt es, ihnen die Köpfe zu verdrehen. Als sich beim Jugendamt die Beschwerden über ihre „Faulheit“ und ihre unmoralischen Umtriebe häufen, droht ihr die Rückkehr in das Waisenhaus. Der wohlhabende Architekt Carradine (Curd Jürgens) weiß, wie man Juliette, auf die er selbst ein Auge geworfen und mit der er Mitleid hat, retten könnte: indem man sie heiratet. Doch bevor er selbst diesen Plan in die Tat umsetzt, kommt ihm der schüchterne Michel (Jean-Louis Trintignant) zuvor. Gegen alle Warnungen heiratet er, der linkische Sonderling ohne jede Erfahrung mit Frauen, die „unbezähmbare“ Juliette. Und die fällt irgendwann selbst auf ihr Klischee herein und lässt sich von Michels Bruder Antoine (Christian Marquand) zu Boden zerren …

Das Motiv des von Natur aus libertinär-libidinöse Katzenweibs, das die Männer reihenweise um den Verstand bringt, lässt sich sehr wahrscheinlich auf antike, mythische Figuren zurückführen (man denke etwa an die Sirenen, die Schifffahrer mit ihrer Schönheit und ihren Stimmen ins Verderben locken). Im Film bedient es als Femme Fatale in erster Linie die latent masochistische Männerfantasie, einer wilden, sexhungrigen und selbstbewussten Frau zu unterliegen, die Kontrolle zu verlieren und selbst benutzt zu werden. Auch Vadim spielt mit diesem Motiv: Brigitte Bardot verkörpert Juliette als fast überiridisches Wesen, dem das unbeirrbare Bedürfnis nach Freiheit in jede Zelle eingeschrieben ist (sie zieht sich in nahezu jeder Szene die Schuhe aus). Sie bewegt sich ohne jedes Schamempfinden, schreitet mehr als dass sie geht, jede Bewegung mit dem Ziel vollführt, ihre körperlichen Reize perfekt zum Vorschein zu bringen, aber dennoch ohne jedes Kalkül. Es ist nicht so sehr ihre sexuelle Ausstrahlung, die sie in den Augen der Leute zur „Schlampe“ macht: Es ist die Tatsache, dass sie ihre Sexualität, ihren Körper als etwas Natürliches, Selbstverständliches betrachtet, sie nicht als etwas Unanständiges versteckt. Juliette ist ein Paradiesvogel in einer Welt voller Spatzen, sie passt einfach nicht hinein und ihr Anders-Sein fordert den Neid und den Zorn ihrer Mitmenschen heraus.

Die Mittel, die die Gesellschaft anwendet, um sie einzunorden, sind typisch: Erst wird ihr mit wirtschaftlichen Konsequenzen und Freiheitsentzug gedroht. Nachdem sie mit Antoine geschlafen hat, einem ekligen Macho, der es von Anfang an nur auf ein Abenteuer mit ihr abgesehen hatte, erntet sie die Verachtung, während Antoines Verhalten zu keiner Sekunden hinterfragt wird. Juliette hat keine Chance auf eine gerechte Behandlung, sie wird immer diejenige sein, der man den schwarzen Peter zuschiebt. Wie man mit ihr umgeht, erinnert insofern durchaus etwas an inquisitorische „Beweisstrategien“. Das Individuum hinter der ach so verruchten Oberfläche findet keine Beachtung: Jeder muss sich fügen, das Miteinander ist keine Frage der Kompromisse, sondern eines der Unterwerfung unter herrschende Regeln. Nur dass diese für junge Frauen ungleich strenger sind als für Männer, deren Promiskuität gewissermaßen Kavaliersdelikt ist. Der Ausbruch aus diesem System funktioniert nur durch offene Rebellion, mit der man die endgültige Verbannung riskiert, oder durch Wohlstand, der die Freiheit erkauft. Von beidem sind Juliette und Michel am Ende weit entfernt, als sie sich noch einmal zusammenreißen und als Ehepaar ihre bescheidene Behausung beziehen.

ET DIEU … CRÉA LA FEMME hat mich sehr an Frank Wisbars wunderbaren BARBARA – WILD WIE DAS MEER von 1961 erinnert, der mich seit meiner Sichtung bei meinem ersten Hofbauer-Kongress nicht mehr losgelassen hat. Auch dort geht es um eine Frau (sie ist etwas älter als Juliette), die mit ihrem offenen Verhältnis zu Liebe und Sexualität in der sie umgebenden Spießbürgergesellschaft auf Widerstand und offene Ablehnung stößt. Vor allem die Männer kommen nicht damit klar, dass eine Frau einen eigenen Willen entwickelt, sich nicht mit der Rolle der passiven Empfängerin zufriedengibt. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren machte man mit solchen Filmen den nächsten Schritt auf dem langen Weg der Emanzipation. Vadim wie Wisbar lassen keinen Zweifel daran, dass nicht ihre Protagonistinnen „schuld“ sind, sondern die Welt um sie herum mit ihren rigiden Moralvorstellungen, ihren Vorurteilen, ihrer geistigen Unbeweglichkeit, ihrer Missgunst. Wisbar fällt am Ende seines Films etwas hinter seine zuvor gemachten Erkenntnisse zurück, überhöht seine Titelheldin eben zur sirenengleichen Verführerin a priori. Vadim, Sohn eines russischen Adligen und Diplomaten, Intellektueller und Bohèmien, ist da fünf Jahre zuvor schon einen Schritt weiter, auch wenn er das grundsätzliche Problem seiner Protagonistin nicht lösen kann. ET DIEU … CRÉA LA FEMME ist ein wunderbarer Film, sonnengegerbt und von trockener Sommerhitze durchzogen, aber gleichzeitig entspannend und erfrischend wie eine Abkühlung bringenden Meeresbrise. Hintergründig sind die traumhaften Bildkompositionen von Armand Thirard, in denen die Charaktere oft durch Requisiten oder räumliche Gegebenheiten voneinander isoliert werden. Aber das Zentrum der Aufmerksamkeit ist natürlich seine weibliche Hauptdarstellerin: Die Bardot musste nach diesem Film ein Star werden, agiert hier mit größter Selbstverständlichkeit und entwickelt eine körperliche Präsenz, die Ausnahmetalente auszeichnet. Und natürlich sieht sie anbetungswürdig aus, ganz kurvenreiche Lusterfüllung. Curd Jürgens indessen legte hier den Grundstein für seine anschließende Weltkarriere, geht aber aus einer potenziell ultraschmierigen Rolle als Sympathieträger hervor. Wie ich zu Anfang schrieb: eine Überraschung.

Zur anstehenden Hochzeit von Leopoldo von Karnstein (Mel Ferrer) und Georgia Monteverdi (Elsa Martinelli) reist auch Leopoldos Cousine Carmilla (Annette Stroyberg) in das herrschaftliche Anwesen nach Rom. Ihrer Vorfahrin Mircalla sieht sie zum Verwechseln ähnlich: Man erzählt sich unter den angeblich von einer Vampirsippe abstammenden Karnsteins noch heute die Legende, Mircalla habe vor Jahrhunderten aus Eifersucht die Ehefrauen ihres Geliebten mit einem Fluch belegt und umgebracht. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen, als die in Leopoldo verliebte Carmilla bei einem im Vorfeld der Feierlichkeiten stattfindenden Feuerwerk die Grabkammer der Vampirin entdeckt und deren Geist offensichtlich Besitz von ihr ergreift …

Nach Sheridan Le Fanus Novelle „Carmilla“ inszenierte Roger Vadim ET MOURIR DE PLAISIR mit seiner damaligen Ehefrau Annette Stroyberg (als Annette Vadim) in der Rolle der eifersüchtigen Geliebten/Vampirin und in zauberhaften, von kraftvollen Farben bestimmten Bildern wild-düsterer Romantik. Es handelt sich nicht um eine werkgetreue Umsetzung, vielmehr wurden Motive und Handlungselemente aus der Vorlage in einen zeitgenössischen Rahmen verlegt. So spielt die Geschichte in Vadims Film in der Gegenwart und der Vampirfluch, der die Karnsteins einst beutelte, liegt weit in der Vergangenheit, erfährt aber eine ungeahnte Fortsetzung oder Wiederholung. Anders als die Adaptionen, die die Hammer Studios in den frühen Siebzigerjahren als „Karnstein-Trilogie“ produzierten (THE VAMPIRE LOVERS, LUST FOR A VAMPIRE und TWINS OF EVIL), verzichtet Vadim auf eine allzu grafische Darstellung von Gewalt und Sex, siedelt seinen Film stattdessen im sinnlichen Zwielicht zwischen Sehnsucht, Traum, Fantasie und Wahrheit an und wirft am Ende die Frage auf, ob Carmillas „Vampirismus“ nicht doch nur das Ergebnis einer überproduktiven Fantasie war.  Sie wirkt ein bisschen unreif in ihrer Liebe für den Kindheitsschwarm, ist extrem empfänglich für die Suggestionen der Karnstein-Legende, gefällt sich zudem in der Rolle des eifersüchtigen Vamps (no pun intended), der die schönen Frauen aus dem Weg räumt, die es auf ihren Leopoldo abgesehen haben. Vadim erzählt die Geschichte als Rückblende, es handelt sich um den bebilderten Bericht eines Arztes, den dieser im Flugzeug sitzend seinem Nachbarn gibt, und diese Strategie verstärkt noch ihren traumgleichen Charakter, den sie durch die opulente Bebilderung und den fragilen Score von Jean Prodromidés eh schon gewinnt. Man könnte fast sagen, Vadim mache sich zum Komplizen Carmillas, bilde nicht die Welt des Faktischen ab, sondern nehme ihre Perspektive ein, in der die Welt märchenhaft verzerrt ist. Fast zwangsläufig kommt es zu ihrer „Verwandlung“ während eines Kostümballs und Feuerwerks, also zu einem Zeitpunkt, in dem die Realität mit spielerischen Mitteln außer Kraft gesetzt wird. Und seinen visuellen Höhepunkt findet ET MOURIR DE PLAISIR konsequenterweise auch in einer Traumsequenz, die das damalige Publikum mit ihren auch heute noch gelungenen visuellen Effekten sicherlich beeindruckt haben dürfte.

Wer Vadim für einen nur mittelmäßig begabten Selbstdarsteller und Frauenheld hält, der wird sich aber auch von ET MOURIR DE PLAISIR kaum umstimmen lassen. Seine blonde Gattin passt optisch perfekt in die prominente Reihe seiner Ehefrauen und Geliebten (Brigitte Bardot, Catherine Deneuve, Jane Fonda), wird von ihm fetischistisch umgarnt und immer wieder ins rechte Licht gerückt. Man weiß nicht, ob ihn tatsächlich Sheridan Le Fanus Geschichte selbst reizte oder ob sie für ihn lediglich geeignete Bühne zur Darstellung seiner Gattin und Projektionsfläche seiner Begierden war. Mir ist das letztlich egal. Es mag lediglich seiner Entstehungszeit und den damals noch bestehenden Tabus in der filmischen Darstellung von Sex und Nacktheit geschuldet sein, dass ET MOURIR DE PLAISIR eher subtil erotisch statt schmierig und vordergründig wirkt, aber ich neige doch dazu, Vadim die für diesen Stoff nötige Sensibilität zuzugestehen. ET MOURIR DE PLAISIR zeichnet sich durch eine nur schwierig in Worte zu fassende, ätherische Qualität aus, die genau richtig ist und bei der Betrachtung fesselt, auch wenn gar nicht so furchtbar viel passiert. Und genau darum geht es im Film ja auch: Um das, was sich im Kopf abspielt, in den niemand hineinschauen kann. Auf der soeben erschienenen deutschen DVD dieses selten gesehenen und bislang nicht digital verfügbaren Filmes, lassen sich seine Schönheit und sein Mysterium dank prächtig leuchtender Farben auch im heimischen Wohnzimmer erleben.

Es machte irgendwie Sinn, den letzten Kongresstag mit einem Film des großen Fetischisten und Frauenverehrers des europäischen Kinos zu beginnen. Nicht nur, weil der Hofbauer-Kongress eine Zelebrierung des Fetischs „Kino“ ist, sondern auch weil wieder viele der gezeigten Filme in ihrem Blick auf die Frau entschieden fetischistische Züge hatten. Ja, selbst DIE ANATOMIE DES LIEBESAKTES dürfte mit seinem klinisch-sterilen Bild von Sex den ein oder anderen Spezialisten besonders erfreut haben. Nun also Vadim und die Fonda in einem Film, dessen Originaltitel aus der Jägersprache kommt und dessen deutsche Übersetzung DIE BEUTE nicht ganz zutreffend ist. „La curée“, das ist jener Teil des erlegten Tieres, den man den Jagdhunden zur Belohnung hinwirft. (Zu verlockend wäre es, diesen Titel nicht nur auf die im Film gezeigten Ereignisse, sondern auch auf die Beziehung Vadims zu Jane Fonda speziell und den Frauen generell zu beziehen. Aber ich bin kein Vadim-Spezialist.)

Zuerst einmal wird aber ein junger Mann den Hunden zum Fraß vorgeworfen, zumindest beinahe: Es ist Maxim Saccard (Peter McEnery) und die Hunde gehören seinem Vater, dem erfolgreichen Unternehmer Alexandre (Michel Piccoli). Als Maxim ihn damit konfrontiert, dass sie ihn zerfleischt hätten, wäre er auf der Flucht hingefallen, antwortet der nur mitleidlos: „Echte Männer fallen nicht hin.“ Mit diesem nüchternen Blick auf das Faktische betrachtet er auch seine Ehe zu der jungen Renee (Jane Fonda): Sie ist ein Requisit in seinem Leben, ein hübscher Einrichtungsgegenstand, hervorragend geeignet zum Vorzeigen beim geschäftlichen Schaulaufen. Dass da keinerlei Gefühle zwischen ihnen sprießen, die Nächte in getrennten Schlafzimmern verbracht werden und auch sonst nichts geteilt wird, ist kein Anlass zur Diskussion. Doch die Langeweile, der die junge Frau in ihrem goldenen Käfig in Paris ausgesetzt ist, trägt bald Früchte: Renee geht eine Liebesbeziehung mit Maxim ein, seines Zeichens selbst ein gelangweilter Schnösel, der nicht so recht weiß, wohin mit sich, zumal es keinerlei Grund gibt, sich in irgendeine Richtung zu entwickeln. Er hat ja alles. Die beiden verlieben sich also wie zwei Kinder, die eben noch zusammen im Sandkasten gespielt haben und jetzt merken, dass da etwas entstanden ist zwischen ihnen, die plötzlich einem geheimnisvollen Sog erliegen, der sie fortspült. Den eigenen Vater zu betrügen, übt zumindest auf Maxim einen unwiderstehlichen Reiz aus, was den Zuschauer für eine feste Beziehung schon Schwarz sehen lässt. Doch Renee ist ganz die impulsive, ihren Gefühlen nachgehende und nachgebende Frau, die alles auf eine Karte setzt. Als sie sich von Alexandre scheiden lässt, dabei ihre gesamte Mitgift aufgibt – auch sie stammt aus reichem Hause – und Maxim mit ihrer Entscheidung konfrontiert, sieht man an seinem Blick, dass es aus ist. Die Jagd ist zu Ende und mit ihr auch der Adrenalinschub. Den Braten nun auf dem Teller serviert zu bekommen, darauf hat er keine besondere Lust. Der Film endet mit dem Blick auf die von einem Sprung in eine Teich vollkommen durchnässte Renee. Eben hat sie gesehen, wie „ihr“ Maxim sich mit der standesgemäßeren Anne (Tina Aumont) verlobt hat, verstanden, dass ihr Ehemann ihr alles genommen hat. Wie ein nur aus Höflichkeit hereingebetener, aber eigentlich nicht willkommener Gast sitzt sie nun in ihrem alten Fitnessraum, der schon jetzt aussieht wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten, während die männlichen Saccards unten ein gelungenes Geschäft feiern.

Zuerst hatte ich befürchtet, LA CURÉE könnte eine jener faden Ennui-Geschichten werden, in denen Mitleid mit reichen Leuten evoziert werden soll, weil ihr Leben doch so schrecklich oberflächlich und sinnlos ist. Aber Vadim schlägt sich sehr eindeutig auf die Seite Renees, die dem kaufmännischen, taktierenden Kalkül der Saccards einen optimistischen Idealismus und ihr Gefühl entgegensetzt – und sich damit zwangsläufig in eine Position begibt, in der sie ihnen hilflos ausgeliefert ist. Kann man es ihr verdenken, dass sie alles auf eine Karte setzt? Die niederdrückende Atmosphäre, die in der mit barocken Ausstellungststücken und geschmacklosen neureichen Entgleisungen eingerichteten Villa herrscht, verfliegt nur kurz einmal, als Renee und Maxim für ein gemeinsames Wochenende in die Pyrenäen fahren, aber auch dort kündigt die nasskalte Herbstatmosphäre schon das bevorstehende Ende an.

Formal macht Vadim sich in LA CURÈE mit seiner sinnlichen, aber keineswegs überbordenden, eher dunkel gehaltenen Farbpalette hingegen mit den Saccards gemein, sperrt die blonde Amerikanerin auch bildlich ein. Die grenzenlose Naivität, die Jane Fonda als Renee zur Schau trägt, wurde in der Sexutopie BARBARELLA noch heldenhaft überhöht, hier macht sie sie zur einfachen Beute für einen eiskalten Michel Piccoli, der ganz gewiss auch einen ausgezeichneten – wenn auch etwas neben der Spur liegenden – Dracula abgegeben hätte. Die Abgebrühtheit, mit der er die junge Frau an den existenziellen Abgrund führt, lässt einem einen Schauer über den Rücken laufen, und erinnert durchaus an die Verführungskünste des Vampirgrafen. Und so sitzt auch die Fonda am Ende da, wie eine seiner ausgesaugten, nur noch als Schatten durch sein Schloss laufenden Dienerinnen.