Mit ‘Roland Emmerich’ getaggte Beiträge

Der Tourguide Donnie (Nicolas Wright), der die Touristen durch das Weiße Haus führt, erwähnt es einmal ganz explizit: Der mittlere Teil des dreigeteilten Gebäudes sei derjenige, der in INDEPENDENCE DAY zerstört wurde. Das mittlerweile ikonische Bild war vielleicht der erste echte Geniestreich des Schwaben Emmerich, der sich seitdem zu einem echten Bilderstürmer entwickelt hat, Manhattan in THE DAY AFTER TOMORROW mitsamt der Freiheitsstatue unter einer meterdicken Eisschicht begrub oder in 2012 gleich den ganzen Erdball zertrümmerte. Aber es geht in dem Zitat nicht in erster Linie um eitle Selbstreferenzialität und Selbstbeweihräucherung: Das Weiße Haus ist in WHITE HOUSE DOWN eine nationale Wunde, die Achillesferse der Nation, die immer wieder – auch im Film – symbolträchtig attackiert wurde. Eine wichtige Rolle spielt auch das Gemälde „The Burning of the White House“, das der Künstler Tom Freeman 1814 nach dem Vorbild des Brandes, den die Briten im Zuge des Krieges von 1812 gelegt hatten, anfertigte. Mehrfach wird es ins Bild gerückt, einmal sagt ein Betrachter, dass es bei ihm jedesmal eine Gänsehaut auslöse. Es zeigt mehr als nur ein brennendes Haus: Wenn das Weiße Haus brennt, steht die amerikanische Idee auf dem Spiel. Das ist auch in WHITE HOUSE DOWN der Fall, bei dem der Angriff auf den Wohnsitz des Päsidenten nur der überaus medienwirksam inszenierte erste Akt eines Plans ist, der auf einen Atomschlag auf den Mittleren Osten und damit möglicherweise auf nicht weniger als den Dritten Weltkrieg hinausläuft. Der Unterschied zu den vorangegangenen Anschlägen: Diesmal sind es keine Invasoren von außen, die sich desWeißen Hauses bemächtigen und es mit reichlich Sprengkraft attackieren, sondern Verräter aus den eigenen Reihen.

Der Film steht mit dieser Umkehrung des traditionellen Feindbildes in einer langen Tradition von Filmen, die nationale Traumata auf- und das wankende US-amerikanische Selbstbewusstsein angreifen und rekurriert wohl nicht zuletzt auf das „Blockhütten“-Motiv, dessen Ursprung wahrscheinlich in D. W. Griffiths THE BIRTH OF A NATION liegt und sich quer durch den amerikanischen Film verfolgen lässt, etwa von Fords DRUMS ALONG THE MOHAWK und Hawks‘ RIO BRAVO bis hin zu Romeros NIGHT OF THE LIVING DEAD oder Carpenters ASSAULT ON PRECINCT 13. Das Blockhütten-Motiv lässt sich zunächst einmal als auf die Spitze getriebene Verbildlichung des kriegerischen Konfliktes sehen, in dem sich die USA jeweils befanden. Das Haus, eine intakte Einheit, die das Streben nach Ordnung und Zivilisation verkörpert, wird von außen angegriffen und von den jeder Fluchtmöglichkeit beraubten Insassen verteidigt. Entweder es gelingt ihnen, das Haus zu halten, oder sie gehen mit ihm unter. Nachdem die USA in ihrer Gründerzeit Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen mit den Briten waren, die ihren Besitzanspruch wahren wollten, konnten sich ihre Einwohner danach in ihrer „Blockhütte“ meist sicher wähnen. John Milius drehte mit RED DAWN den Spieß um, machte die USA zum Ort eines Verteidigungskrieges gegen kommunistische Invasoren, drängte ihre Bürger in die Rolle der einstigen Ureinwohner. Emmerich ging mit INDEPENDENCE DAY einen Schritt weiter, indem er das Weiße Haus explodieren ließ, in WHITE HOUSE DOWN wird das berühmte Bauwerk nun zum Hauptschauplatz – und eben zur besonders geräumigen und symbolträchtigen Blockhütte, deren Belagerer allerdings nicht länger vor der Tür stehen, sondern bereits „drin“ sind.

Das passt natürlich zu gegenwärtigen weltpolitischen Lage, in der Konflikte längst nicht mehr ausschließlich entlang nationaler Grenzlinien verlaufen: Der externe „Feind“, von dem in WHITE HOUSE DOWN als einzigem noch die Rede ist, stimmt am Ende völlig unerwartet dem Friedensplan von Präsident Sawyer (Jamie Foxx) zu, damit den Weg zur globaler Einigkeit bereitend. Die Schergen, die mit dem Überfall auf das Weiße Haus den pazifistisch eingestellten Präsidenten absetzen und den Erstschlag gegen den Nahen Osten vorbereiten wollten, sind nicht nur unschädlich gemacht, sondern mit ihrer Misstrauenspolitik auch ins Unrecht gesetzt worden. Bevor man sich mit den Nachbarn befasst, sollte man vor der eigenen Tür kehren. Als Besen fungieren in WHITE HOUSE DOWN der wankelmütige US Capitol Police Officer John Cale (Channing Tatum), dem der Job als Secret-Service-Mann aufgrund seines von Versäumnissen und vorzeitigen Aufgaben geprägten Lebenslaufes zu Beginn des Films noch verweigert wurde, und der Präsident höchstselbt, der hier zwar nicht, wie sein Vorgänger in INDEPENDENCE DAY, ins Flugzeug steigen muss, um den Tag zu retten, aber Cale bis zum Schluss in seinem Kampf zur Seite steht, ganz nach dem Vorbild des Schiffskapitäns, der ja auch erst als Letzter von Bord geht. Der American Dream kann einen nicht nur vom Tellerwäscher zum Millionär machen, sondern auch vom Versager zum besten Papa der Welt, zum nationalen Helden und zum engsten Vertrauten des Präsidenten.

Die Kritiken, die WHITE HOUSE DOWN erfuhr, waren eher mittelmäßig – Emmerich wird ja eh kaum ernst genommen, weil er zu populistisch ist -, an den Kassen fiel er ins Wasser. Der allgemeine Tenor war, soweit ich das beurteilen kann, dass Emmerich nicht der richtige Mann für solche martialischen Actionfilme nach altem Vorbild (Parallelen zu DIE HARD sind nicht zu verkennen) sei, aber das kann ich nicht unbedingt bestätigen. Ein Shootout gerät ein wenig konfus, ansonsten hat WHITE HOUSE DOWN gegenüber zeitgenössischen ADS-geplagten und von epileptischer Kameraführung heimgesuchten Actionfilmen die Nase vorn, gerät zudem auffallend ruppig und unnachgiebig in der Beseitigung seiner Bösewichter. Es wird immer Stimmen geben, die sich solchen Stoffen aufgrund irgendwelcher ideologischer Probleme verschließen und Emmerichs Drang zur Überhöhung verspotten. Ich kann mittlerweile nicht mehr anders, als vor cinephiler Beglückung zu jauchzen, wenn da etwa am Ende John Cales Tochter Emily (Joey King) den angeordneten Luftschlag gegen das Weiße Haus in letzter Sekunde verhindert, indem sie mit der Flagge des Präsidenten auf den Rasen läuft und den heranrauschenden Fliegern signalisiert, abzudrehen. Sie rettet damit nicht nur den Präsidenten und ihren Dad, sie zeigt letzterem auch, was er bei ihren Talentwettbewerb noch versäumt hatte. Für die einen ist das Kitsch, für mich verdammt großes Kino.

2012. Die Erde geht unter. Die Reichen und Mächtigen haben vorgesorgt und riesige Archen gebaut, auf denen die letzten Menschen einer neuen Zeitrechnung entgegensteuern werden. Und der Schriftsteller Jackson Curtis (John Cusack) will für seine beiden Kinder, seine Ex-Frau (Amanda Peet) und auch für sich selbst einen Platz an Bord ergattern …

Roland Emmerichs liebt es, Filme über die Ohnmacht zu drehen. Das Gefühl, das den Menschen beschleicht, wenn er sich einer Sache gegenübersieht, die er als größer erkennt, als er selbst es ist, die ihn an seine Nichtigkeit erinnert und all seine bisherigen Sorgen und Wünsche als schwaches, kurzlebiges Aufflackern im unendlichen Universum erscheinen lässt, und das Kant als das „Erschaudern vor dem Erhabenen“ bezeichnete. In allen Emmerich-Filmen, in denen es um diese Ohnmacht, dieses Erschaudern geht, also sowohl in INDEPENDENCE DAY als auch in GODZILLA, THE DAY AFTER TOMORROW oder jetzt eben 2012, gibt es diesen Moment, in dem die Menschen des Unbegreiflichen, Undenkbaren gewahr und vom Status der „Krone der Schöpfung“ auf den des Staubkorns in der Unendlichkeit zurückgeworfen werden, und Emmerich inszeniert ihn fast immer gleich: Vorn im Bildvordergrund der Mensch und weit weit im Bildhintergrund eben das Erhabene, das den Menschen auf Zwergengröße schrumpft, sodass ihm nichts mehr bleibt als ehrfüchtig und mit weit aufgerissenen Augen zu erstarren. Und man ahnt, dass Emmerich seine Zuschauer in eine ganz ähnliche, wenn auch deutlich weniger prekäre und endgültige Lage bringen will. 

2012 hält der Größe der Katastrophe angemessen gleich mehrere dieser Augenblicke bereit und der eine, in dem der paranoide Verschwörungstheretiker Charlie (Woody Harrelson) der Explosion des Yellowstone-Nationalparks beiwohnt und seinen Followern via Podcast mitteilt „I wish you could see what I see“, und die Kamera den Blick des Zuschauers für eine Sekunde auf das stattliche Klempnerdekolletee Charlies lenkt anstatt auf die Apokalypse im Bildhintergrund, zeugt auch von dem Humor und der Intelligenz des Schwaben, für den das Feuilleton gemeinhin nicht allzu viele Nettigkeiten bereithält. Seine Figuren seien flach, seine dramaturgischen Einfälle plump und vorhersehbar, seine Weltanschauung erzkonservativ und vielleicht sogar protofaschistisch. Diesen Vorwürfen lässt sich nur schwer widersprechen, doch sind sie meines Erachtens nicht dem Unvermögen zuzuschreiben, sondern nur logische Konsequenz von Emmerichs Themen. Wenn nicht weniger auf dem Spiel steht als das Fortbestehen der gesamten Menschheit, dann ist es sowieso schwer, Subtilität zu wahren, umso mehr, wenn die adäquate Ins-Bild-Setzung dieses Weltuntergangs von so großer Bedeutung ist wie bei Emmerich. Folglich gibt es in den zwischenmenschlichen Beziehungen, die Emmerichs Charaktere unterhalten, auch keine kleinen Probleme und auch keine Nichtigkeiten; es ist kein Platz für schmückende, aber in diesem Kontext erst recht bedeutungslose Details. Wenn also Jacksons Tochter als Bettnässerin eingeführt wird, dann nur, damit sie diese Schwäche am Ende überwinden kann. Aber immerhin: Die meisten anderen Figuren bekommen gerade so viel Zeit, um sich in dramatisch aufgeblasenen Momenten von ihren Lieben zu verabschieden. 

Emmerich beweist mit 2012 aber, dass er nicht als Hollywoods ahnungsloser Vollstreckungsgehilfe in Sachen Untergangsstimmung unterwegs ist: Er weiß sehr genau, was er da macht und welche Implikationen seine Geschichten mitbringen, dass man ihm nach so vielen Weltuntergangsszenarios eine gewisse Morbidität unterstellen muss. Der Blick auf das monumentale Massensterben in 2012 wird daher mehr als einmal ironisch gebrochen, was ihn von den wahnsinnigen Untergangspropheten, die unter anderem im Internet oder in diversen Sekten ein fruchtbares Beschäftigungsfeld gefunden haben, abhebt. Mehr als als Warnfabel, als die man den Klimakatstrophenfilm THE DAY AFTER TOMORROW noch bezeichnen konnte, ist 2012 ein Film über das menschliche Bedürnis nach der Apokalypse als Generator von Visionen und Träumen, die sich an diese anknüpfen. Emmerich betreibt Bildproduktion. Und darin ist er tatsächlich meisterlich.