Mit ‘Rolf Olsen’ getaggte Beiträge

Es hat nicht allzu viele deutsche Versuche gegeben, im Actiongenre Fuß zu fassen, und wenn, dann sind sie an den Kinokassen meistens krachend gescheitert, egal wie gut oder wenigstens ehrenwert sie waren. Bestimmte, typische Actionstoffe waren aufgrund unserer Geschichte sowieso immer tabu für die exploitative Aufarbeitung – affirmative deutsche Gewaltepen um tapfere Soldaten kann und will man sich nicht wirklich vorstellen – und Polizisten haben seit jeher ihren festen Platz im deutschen Fernsehen, warum sollte man sie also auf die Leinwand hieven? (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.) Südlich der Alpen sah das ganz anders aus, da ließen die Italiener in den Siebzigerjahren einen Hagel aus Blei auf den Zuschauer herniedergehen, gefolgt von außer Kontrolle geratenen Fiats, die mit quietschenden Reifen um die Kurve bretterten. Der Poliziottesco ist vielleicht das genuin europäische Actiongenre (das seinen amerikanischen Vorbildern selbstredend viel zu verdanken hat). Das Kuriose: Rolf Olsen lieferte mit einem der tollsten und größten deutschen Actionfilme – einer italienischen Koproduktion – entscheidende Geburtshilfe für den italienischen Polizeifilm. Die Rede ist natürlich von BLUTIGER FREITAG.

Zu Beginn der Siebziger entstanden, platzte Olsens Film mitten hinein in eine Phase gesellschaftlicher und politischer Aufruhr, die auch den Poliziottesco entscheidend beflügeln sollte: Das Aufbegehren linksradikaler Kräfte gegen das noch von alten Nationalsozialisten und Faschisten durchsetzte Establishment bestimmte die Schlagzeilen, politisch motivierter Terror verbündete sich mit ganz normaler Kriminalität. Während die RAF Schlagzeilen machte, wurde die Bundesrepublik von einer Welle von Trittbrettfahrern und Banküberfällen erschüttert, am berühmtesten der Überfall auf die Filiale der Deutschen Bank in der Münchener Prinzregentenstraße, bei der die Polizei, die es mit der ersten Geiselnahme der deutschen Kriminalgeschichte zu tun bekam, massiv überfordert war. Die Bankräuber, 31 und 24 Jahre alt, gaben sich als Gruppe der Roten Front aus, doch es ging ihnen ums schnöde Geld – genau wie Heinz Klett (Raimund Harmstorf) und seinem italienischen Gastarbeiterkumpel Luigi (Gianni Macchia) in Olsens BLUTIGER FREITAG.

Der Revoluzzersprech, den vor allem Klett absondert, gehörte damals wahrscheinlich auch unter gewöhnlichen Gewaltverbrechern zum guten Ton. Es verlieh einem gleich eine ganz andere Aura, wenn man seine persönlichen Gelüste mit intellektuell verbrämten Klassenkämpferparolen untermauern konnte. Dass sich hinter den hohlen Phrasen manche Wahrheit verbarg, wird von dieser Erkenntnis nicht tangiert. Die BRD, die Olsen zeigt, ist wie das Italien der Poliziotteschi ein tief gespaltenes, marodes Land, das für die Bedürfnisse und Träume der Jüngeren viel zu eng ist. Luigi malocht unter den rassistischen Verunglimpfungen seiner huttragenden, behornbrillten Kunden und seines ihn für einen Gammler haltenden Chefs, seine Freundin Heidi (Christine Böhm) in einem dumpfen Schreibbüro. Abends sinken sie in Luigis Zimmer umringt von Postern nackter Schönheiten und Formel-1-Autos ins Bett, von besseren Zeiten träumend. Heidis Bruder Christian (Amadeus August) hat den Autoritarismus und die Schikanen beim Bund nicht mehr ertragen, seinen Vorgesetzten niedergeschlagen und ist nun als Deserteur auf der Flucht. Er gerät durch Blutsbande in das Klett’sche Vorhaben, das Geld kann er gebrauchen und gesucht wird er sowieso schon. In Olsens Deutschland hat man nicht viele Optionen, wenn man nicht dazugehört. Während der Geiselnahme versammelt sich das deutsche Spießbürgertum vor der Bank und diktiert dem nach Vorbild der SCHULMÄDCHEN-REPORTS authentifizierenden rasenden Reporter Bild-Schlagzeilen ins Mikro: Die Todesstrafe muss her, ist doch klar. Nur Heinz Klett fällt aus dem Raster, ragt wie ein Mahnmal aus der Tristesse des Mittelmaßes hinaus, wie er da mit roter Mähne und Bart, Lederkluft, Sonnenbrille und Zigarillo durch den Film pflügt, unablässig Vulgaritäten zwischen den Zähnen hindurchpressend und von der Flucht an den Indischen Ozean schwadronierend.

BLUTIGER FREITAG ist ein großartiger Film, voller ungebändigter Energie und schmierigem Verve, einer ungehobelten Oberfläche, direkt aus dem dampfenden Schritt gefilmt, und Harmstoff Dreh- und Angelpunkt des Ganzen, die Ikone, die aus dem graubraunen Zeitgeistprotokoll ein Werk für die Ewigkeit macht. Er ist gleichzeitig auch das personifizierte Augenzwinkern Olsens, dem das trübe Gesülze seiner Nebenfiguren und die deutsche Mittelmäßigkeit wahrscheinlich genauso auf den Zeiger gingen wie Klett, der wildgewordenen Rampensau. Wie er hier als Gravitationsfeld fungiert, den Film immer dann, wenn er sich aus dem Schlamm zu erheben und den Kopf Richtung gesellschaftskritisches Drama zu heben versucht, mit Lust in sich zusammenstürzen lässt, lädt geradezu dazu ein, ihn als metafilmisches Paradigma zu interpretieren. Heinz Klett in BLUTIGER FREITAG ist wie BLUTIGER FREITAG im deutschen Kino: ein Prolet, der auf alles scheißt, der keine Bestätigung und kein Schulterklopfen und am allerwenigsten einen guten Grund braucht. Das ist die Quelle geiler, brodelnder Exploitation: die pure Lust am Sein, am Exzess, an Rausch und Wahn. Jede darüber hinausgehende Motivation ist immer nur vorgeschoben, kann den Irrsinn nie in Bann schlagen und weiß das natürlich auch. Der Zuschauer kann sich noch so sehr vorbeten, was für ein asozialer Lump dieser Klett ist, das man jemanden seinesgleichens nie im Leben begegnen will, trotzdem hört man die Englein ihre himmlischen Choräle singen, wann immer er das Bild betritt. Die personifizierte Erektion im unpassenden Moment: Man hofft, dass niemand sie bemerkt, sie ist einem ein bisschen peinlich, trotzdem möchte man sie gern anfassen.

Dass BLUTIGER FREITAG dieser Tage nach langer Wartezeit eine seinem Status angemessen legendäre Blu-ray-Veröffentlichung erfahren hat, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Subkultur haben keine Mühen gescheut und den Film, der zuvor nur auf einer grabbeligen DVD vorlag, nicht nur liebevoll restauriert, sondern bei der Gelegenheit auch noch rekonstruiert. Die auf Scheibe vorliegende Langfassung ist in dieser Form niemals zu sehen gewesen und bildet somit das Happy-End für einen Film, der ein solches niemals wirklich gebraucht, aber absolut verdient hat. Wenn man in diesem Jahr nur eine Blu-ray kaufen will, dann muss es diese sein – das bei meinen Lesern eine Affinität für solche bauch- und sackzentrierten Filme besteht, setze ich einfach mal voraus.

Der 16. Hofbauer-Kongress begann nicht mit diesem Film: Zur Eröffnung lief D’Amatos wunderbarer DIRTY LOVE, (über den ich jetzt aus naheliegenden Gründen nichts schreibe), im Anschluss daran vier Folgen des achtteiligen FWU-Aufklärungsfilms DER LIEBE AUF DER SPUR, die ich – wodka- und bratengeschädigt – leider komplett verschlafen habe. Zum „stählernen Überraschungsfilm“ HEUBODENGEFLÜSTER war ich zum Glück wieder wach: Deutsche Lustspiele der Sechziger- und Siebzigerjahre sind schließlich eine meiner Leibspeisen aus dem Kongress-Portfolio, und diese Variante – mit Heimatfilmkolorit und einem kleinen, aber feinen Darstellerensemble sowie der kundigen Regie Rolf Olsens ausgestattet – sah besonders schmackhaft aus.

Serviert wurde Formelkino par excellence, dank eines vermutlich eher schmalen Budgets besonders karg gestaltet, sich ganz auf die Fähigkeiten seiner Darsteller und die nimmermüde Abfolge tumber Späße verlassend. Es gibt haarsträubend vorhersehbaren Slapstick, wirklich kein „Klassiker“ wird ausgelassen, zahme Erotik, für die vor allem Ann Smyrner zuständig ist, eine wilde Verkettung von amüsanten Verwechslungen und Missverständnissen sowie bayrisches Landschaftsidyll – lediglich der musikalische Auftritt eines Gaststars aus der deutschen Schlagerszene fehlt zum vollkommenen Glück. Aufgewogen wird dieser Mangel aber durch ein Drehbuch, dessen labyrinthische Handlung einzig dazu erdacht wurde, möglichst viel von dem in den Film packen zu können, was deutsche Zuschauer damals lustig fanden – zumindest nach Auffassung der Macher.

Florian Maderer (Peter Carsten) ist ein fescher Gutsbesitzer und Bürgermeisterkandidat seines Örtchens, der sich bei Dorffesten immer wieder in Raufereien verwickeln lässt und deshalb nun zur Abkühlung ins Gefängnis soll. Es gelingt ihm und seiner klugen Frau Genoveva (Elfie Petramer) jedoch, Florians etwas einfältigen Vetter Blasius (Gunther Phillipp) dazu zu überreden, ihm die Haftstrafe uner Vorspiegelung einer falschen Identität abzunehmen. Der willigt tatsächlich ein – wird aber nach dem Besuch des Staatsbeamten Dr. Leo Dorn (Ralf Wolter) sofort wieder amnestiert (zum Geburtstag des Bundespräsidenten), natürlich mit Hintergedanken: Dorn will Maderer ein Grundstück abkaufen und hofft, ihn mit seiner Gefälligkeit im Preis drücken zu können. Am Hofe Maderers kommt es im Folgenden zum großen Chaos: Dorn hat sich angekündigt, um den Deal perfekt zu machen, und damit Florians Schwindel nicht auffliegt, muss sein Vetter die Rolle des Familienoberhaupts übernehmen, während der stolze Florian dazu verdonnert wird, den Knecht zu spielen. Dorn auf den Fersen ist wiederum der Detektiv Hugo Zehe (Herbert Hisel), der von Dorns Gattin (Trude Herr) engagiert wurde, weil sie zu Recht vermutet, er habe ein Verhältnis mit seiner Sekretärin Dodo (Ann Smyrner), die ihn auf seiner Reise begleitet. Und dann sind da noch Florians Tochter Hannerl (Renate von Holt), die zu Besuch aus der großen Stadt kommt und sogleich Kontakt zu ihrem einstigen Jugendschwarm aufnimmt, sehr zum Missfallen ihres Vaters, der depperte Andreas (Paul Löbinger), der scharf auf Florians Magd Resi (Christiane Rücker) ist, sich dann aber in den Detektiv in Frauenkleidern verliebt, der Kneipenwirt Limbusch (Rolf Olsen), Florians ärgster Konkurrent im Kampf um das Bürgermeisteramt, ein stotternder Depp und Willy Millowitsch als Gefängniswärter …

Die zeitgenössische Filmkritik konnte mit soviel geballter Trivialität erwartungsgemäß rein gar nichts anfangen, auch eine Revision ist angesichts harscher Beurteilung wie jener des Lexikons des internationalen Films, nach der HEUBODENGEFLÜSTER „eine Attacke gegen den gesunden Menschenverstand“ sei, eher nicht zu erwarten. Wie schön, dass man solcherlei enthemmtes Amüsement in Nürnberger Nächten zu schätzen weiß. Zusammen wurde Olsens Film gefeiert, bejohlt und beklagt, manches humoristisch verkarstete Tal durchschritten, nur um dann wieder einen sonnebeschienenen Gipfel der Albernheit zu erklimmen. HEUBODENGEFLÜSTER gehen der klebrige Frohsinn und der ornamentale Schwulst anderer deutscher Lustspiele und Heimatfilme weitestgehend ab, Olsen inszeniert mit der Hand des realistischen Ökonoms und die Salve an Zoten, die wie aus der Stalinorgel geschossen auf den Zuschauer niedergeht, ist vor allem ein Mittel, das Tempo hochzuhalten, ein Surrogat für die Schießerei, den Faustkampf oder die Verfolgungsjagd des Actionfilms.

0076237Die Esoterikwelle, die in den späten Sechzigerjahren auch Deutschland erfasste und zweifelhafte Gesellen wie den Schweizer Schriftsteller Erich von Däniken oder den „Mentalist“ Uri Geller zu Millionären (ersterer) oder Mediensensationen (letzterer) machte, schlug sich auch in einigen hierzulande eher seltenen Beiträgen zum spekulativen Genre des Mondofilms nieder. Harald Reinls Däniken-Adaption ERINNERUNGEN AN DIE ZUKUNFT ist wahrscheinlich der populärste von ihnen, heimste unglaublicherweise gar eine Oscar-Nominierung als bester Dokumentarfilm ein (Reinl drehte später noch den ähnlich gelagerten UND DIE BIBEL HAT DOCH RECHT, die Verfilmung eines Sachbuch-Bestsellers von Werner Keller), Rolf Olsens REISE INS JENSEITS möglicherweise der berüchtigtste.

Nach einer recht ausführlichen Exposition, die sich mit der Frage auseinandersetzt, woher das gestiegene Interesse an übersinnlichen Phänomenen kommen mag, und welchen Sinn es hat, sich mit ihnen zu befassen, und sich dabei in eine wahre Tirade über den desolaten Zustand unseres Planeten hineinsteigert, bereist Olsen mit seinen Kameraleuten u. a. Italien, Ghana, Brasilien oder die USA, um Exorzisten, Medien, Wunderheilern, Zauberern bei der Arbeit zuzuschauen und zu ergründen, was es mit deren Fähigkeiten auf sich hat. Der betriebene Aufwand ist beachtlich: Wurden andere Mondofilme überwiegend aus preisgünstig erstandenem Stock Footage und aus mit Laiendarstellern im Hobbykeller gedrehten Szenen zusammengeschraubt, ist das meiste des hier verwendeten Materials tatsächlich original, wie Olsens sichtbare Anwesenheit beweist. Und original sind auch die zahlreichen Experten aus dem wissenschaftlich höchst seriösen Bereich der Parapsychologie, die in den Credits akribisch aufgelistet werden. Die äußerste Dramatik vermittelnde Stimme des aus unzähligen Report-Filmen bekannten Sprechers ruft zwar gewisse Assoziationen hervor, doch am Anfang erweckt Olsen tatsächlich den Eindruck von, nunja, Seriosität. Die Szene bei einem Münchener Zahnarzt, der eine überaus blutige Behandlung an einer angeblich nur durch Hypnose betäubten Patientin vornimmt, haut gleich gut rein, der folgende Besuch bei einer besessenen Alpenbewohnerin, die wie aus dem Nichts einen ihrer Anfälle bekommt, verfehlt seine Wirkung ebenfalls nicht. Vorläufiges bizarres Highlight ist eine in völliger Dunkelheit abgehaltene Seance, bei der dem Medium Ektoplasma (Eierkuchen?) aus dem Schädel tropft und ein Gespenst ohne Gesicht erscheint. Auch wenn das alles sehr nach Geisterbahn aussieht: Ich war zu diesem Zeitpunkt durchaus geneigt, dem Film zu glauben oder zumindest an meinen bisherigen Überzeugungen zu zweifeln, was als Beleg für Olsens kompetente Inszenierung gelten mag. Erst im weiteren Verlauf, entpuppt sich REISE INS JENSEITS als die handelsübliche Mogelpackung, die wilde Spekulationen marktschreierisch als hieb- und stichfeste Fakten präsentiert und die dargebotenen Sensationen gar nicht mehr hinterfragt.

Da hebt ein Magier aus Ghana durch den Einfluss von Wassergeistern vom Boden ab und die Kamera kann den Verdacht, dass er von Seilen hochgezogen wird, natürlich nicht entkräften, auch wenn der Sprecher das noch so nachdrücklich behauptet. Die Fähigkeit diverser Wunderheiler, mit bloßen Händen die Bauchdecke zu durchstoßen und Operationen an den Organen vorzunehmen, ohne dass eine erkennbare Wunde zurückbliebe, gründet sich in Wahrheit auf nur mäßig überzeugende Taschenspielertricks sowie das ablenkende Gemantsche mit Kunstblut und diversen Fleischabfällen, das Gleiche gilt für den brasilianischen Zauberdoktor, der hektisch mit einem Skalpell herumschnipselt, dass das Blut nur so spritzt – wie man sehr deutlich erkennen kann aber nicht aus den Patienten heraus, sondern lediglich aus der Trickmesserklinge. Der Versuch, solchen mit bloßem Auge als fadenscheinig und durchsichtig erkannbaren Hokuspokus mithilfe von hinzugezogenen Wissenschaftlern als Ausdruck überirdischer Kräfte zu werten, muss gnadenlos nach hinten losgehen, auch wenn REISE INS JENSEITS sich dabei nicht ganz so dummdreist anstellt wie seine Kollegen. So wird zwischendurch immer wieder eher unspektakuläres und unverständliches Zeugs eingebunden, etwa ein Typ, der mit Magneten herumspielt, was dann auf der Tonspur umso praller kommentiert wird. Olsen weiß: Dass der Zuschauer nicht alles begreift, was ihm vorgesetzt wird, ist Voraussetzung für die Überzeugungskraft eines Films, der von unerklärlichen Dingen jenseits der materiellen Welt handelt.

Im letzten Beitrag wird dann schließlich eine bemitleidenswerte Frau vorgeführt, in deren Gliedmaßen sich auf unerklärliche Weise Nadeln manifestieren (man sieht auch, wie sie in einer Operation entfernt werden). Der behandelnde Arzt ist sich sicher, dass diese nicht einfach von außen eingeführt worden sein können, der Sprecher steigert sich angesichts der eigens für den Film gemachten Röntgenaufnahmen in Allmachtsfantasien: Eine nie dagewesene Sensation sei das, was man dem Zuschauer hier böte, ein unschätzbarer Beitrag zur wissenschaftlichen Forschung überdies. Naja, sensationell ist wohl eher die Bereitschaft, stets den absurdesten Interpretationsversuch für den wahrscheinlichsten zu halten. Aber natürlich wissen die Filmemacher, dass sie frechen Schabernack als ultimative Wahrheit verkaufen. Die eigentliche Intention des Films, nämlich die, dem Publikum ein paar dralle Sensationen unter dem Vorwand der Aufklärung zu bieten, entbirgt sich gnadenlos in den ekligen Bildern einer Operation, bei der einer Frau eine Tasse blutbuttrigen Talgs aus einer aufgeschnittenen Furunkel am Rücken gedrückt wird oder in der Abfilmung eines heidnischen Rituals, wo es dann auch den bis dahin schmerzlich vermissten Tiersnuff gibt, Menschen mit Tierblut und Hühnerfedern übergossen werden und sich in konvulsivischen Zuckungen am Boden wälzen. Die Aufnahmen sind durchaus beeindruckend, aber eben nicht in dem Sinne, in dem der Film sie verstanden wissen will, als Einblick in übersinnliches Walten, sondern in dem Sinne, dass sie das Bedürfnis des Menschen nach Transzendenz bloßlegen, zeigen, wie weit er dafür bereit ist zu gehen und dass dieses Bedürfnis dann tatsächlich manifeste Folgen nach sich zieht. Reine Psychologie. Diese Erkenntnis liefert längst nicht jeder Mondofilm.

das_spukschloss_im_salzkammergutAuch bekannt unter dem Titel HOCHZEIT IM SALZKAMMERGUT, markiert dieser Film das Ende der lukrativen Schlagerreihe der Produktionsfirma Music House. Warum man nicht weitermachte, ist mir nicht bekannt, aber dieser letzte Eintrag zeigt doch schon überdeutliche Zerfallserscheinungen, wirkt ranzig und verzweifelt, wo vorangegangene Beiträge, wie etwa ÜBERMUT IM SALZKAMMERGUT, ICH KAUF MIR LIEBER EINEN TIROLERHUT oder TAUSEND TAKTE ÜBERMUT, noch sehr selbstbewusst mit viel Starpower inszenierte, bunt, schwungvoll und lebendig daherkommende Entertainmentbomben waren. Selbstbewusst ist SPUKSCHLOSS auch, aber anders: Man merkt dem Film in jeder Sekunde an, dass Billian und Olsen um die diversen Lackschäden und Rostflecken ihres Produkts sehr genau wussten. Anstatt sie zu kaschieren, werden sie aber augenzwinkernd mitinszeniert, alles andere wäre wahrscheinlich hoffnungslos gewesen.

Die „spektakulärste“ Sequenz des Films, der er seinen Namen verdankt und bei der die Akteure in Gruselmasken durchs Schloss geistern, wird bereits in der Titlesequenz verheizt und verpufft dann erwartungsgemäß bei ihrem zweiten Einsatz. Eine vollkommen unnötige, wahrscheinlich nachträglich hinzugefügte Rahmenhandlung existiert wohl zu dem einzigen Zweck, mit Hannelore Auer und Manfred Schnelldorfer noch zwei weitere „Stars“ im Film unterbringen zu können. Vielleicht hatte man gemerkt, dass mit Udo Jürgens als Hauptdarsteller kein Blumentopf zu gewinnen war: Das Drehbuch hat ihm nicht nur eine unmögliche Arschlochrolle verpasst, in der er seine Verlobte (Gertraud Jesserer) des „Größenwahns“ bezichtigt, bloß weil sie eigene Karrierepläne verfolgt, anstatt sich vom Schlagerzampano aushalten zu lassen, der Sänger agiert auch ohne jeden Witz und humoristisches Talent, das zuvor selbst ein Gus Backus an den Tag gelegt hatte. Auch mit kleineren Details, wie einzelnen Dialogzeilen, scheinen sich Billian und Olsen immer wieder von ihrem Werk zu distanzieren, etwa wenn die wunderbare Ruth Stephan in ihrer Rolle bemerkt, sie fühle sich wie in einer „Schlagerklamotte“. So gesehen spiegelt der ganze Plot um eine dilettantische Theaterproduktion, deren geringe Erfolgschancen durch das Auftauchen einer großen Schlagerrevue noch weiter minimiert werden, die missliche Lage wider, in der sich Music House anno ’66 offensichtlich befand. Kein Wunder, dass die Szenen um die Schauspielertruppe dann auch die schönsten sind, hingegen ein deutliches Krachen im Getriebe zu vernehmen ist, sobald die Schlagerfuzzis auftauchen. Da singen die „Candy Kids“, zwei brasilianische Kinder, ihren Hit „Bimmelbahn“ doch tatsächlich in einem Bus und Peggy March muss schon dreimal auftreten, um den Schein zu wahren. Nahezu jeder Gag geht baden und im supertristen Finale latscht das ganze Ensemble zu Musik aus dem Off über eine Wiese. Die seltsamste Szene hat aber Hannelore Auer, die als sie selbst mit Manfred Schnelldorfer im „Weißen Rössl“ einkehrt und dort von der Kellnerin einen Stapel Teller bekommt, weil sie doch so eine „begnadete Tellermalerin“ sei. Schade, dass es darüber keinen Film gibt.

stunden_hotel_von_st_pauli_das_2Ein drogenabhängiger Einbrecher wird zum Polizistenmörder und versteckt sich im titelgebenden Stundenhotel, in dem sich zur selben Zeit diverse Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen einfinden. Darunter auch ein homosexuelles Liebespaar, von dem eine Hälfte nach einem Streit unter der Dusche von einem Unbekannten  brutal niedergestochen wird. Kommissar Canisius (Curd Jürgens) wird von seinem Chef, Polizeirat Dr. Marschall (Konrad Georg), zur Aufklärung des Falls abgestellt, obwohl er doch eigentlich ganz andere Sorgen hat: Sein Sohn ist bei einer Demonstration schwer verletzt worden und ringt auf dem Operationstisch um sein Leben.

Rolf Olsens St.-Pauli-Film, der letzte, der mir zur Komplettierung noch fehlte, fällt  schon optisch aus dem Rahmen des sonst doch sehr homogenen Subgenres heraus. Überwiegend in Studiokulissen entstanden, lässt er das die Filme sonst so stark prägende Lokalkolorit weitestgehend vermissen. Auch inhaltlich weicht er von der kolportageartigen Episodenhaftigkeit ab, die Jürgen Roland, Olsen selbst und einige andere Filmemacher, die dem Kiez einen Besuch abstatteten, als kongeniale Erzählform erkannt hatten. STUNDEN-HOTEL ist ein fast klassischer Whodunit mit deutlich kammerspielartigen Zügen. In jedem Zimmer des Etablissements halten sich meist zwei potenzielle Mörder auf und ihre Geschichten decken dann auch das Spektrum ab, das der St.-Pauli-Film sonst durchmisst: Da gibt es neben den bereits genannten eine ältere verheiratete Frau mit ihrem jungen Geliebten sowie dem später hinzustoßenden gehörnten Ehemann, ein Teenagerpärchen aus Diplomatenhause, eine lüsterne Singlefrau, die dem Gestöhne aus den anderen Zimmern zuhört, eine deplatzierte Touristenfamilie, eine Frau aus wohlhabendem Hause, die sich mit ihrem Gärtner vergnügt, einen Freier im Teufelskostüm und das französische Zimmermädchen, das seinen Freund zu Besuch hat.

Im Mittelpunkt steht aber natürlich Curd Jürgens, der sich in gewohnter Manier ins Zeug schmeißt, als ginge es um sein Leben. Am Anfang stößt er heftig mit seinem Sohn zusammen, als der ihm gesteht, auf eine Demo gehen zu wollen. „Berufsmäßiges Rabaukenteam“ und „Respektlosigkeit“ wirft der Kommissar ihm mit bebender Entrüstung vor, aber dabei stillschweigend anerkennend, dass seine Wertvorstellungen und seine Autorität nicht mehr länger von Bestand sind. Später taumelt er mit stahlblauen, wässrigen Augen durch die ranzige Kulisse des Stunden-Hotels, lässt sich von Putzfrau Brigitte Mira einen doppelten Cognac nach dem anderen bringen und ruft immer wieder mit zitternder Stimme im Krankenhaus an. Die Operation seines Sohnes bietet Olsen willkommenen Anlass damals sicher spektakuläres Material eine Herz-OP einzu-schmuggeln. DAS STUNDEN-HOTEL VON ST. PAULI weiß seine exploitativen Motive deutlich schlechter zu verbergen als mancher andere St.-Pauli-Film und gleitet mit jeder Minute tiefer in die Gosse. Am Ende hat Jürgens dann noch einmal eine große Szene, als er in einer Telefonzelle die Kunde erhält, dass die OP erfolgreich verlaufen, sein Sohn am Leben ist. So wie er diese Nachricht aufnimmt, mag man sich gar nicht vorstellen wie er wohl im weniger glücklichen Fall zerflossen wäre.

DAS STUNDEN-HOTEL VON ST. PAULI ist der mit einigem Abstand schmierigste Film aus Olsens St-Pauli-Oeuvre und leider wohl dem unaufhaltsamen Verfall anheimgegeben. Die letzte bekannte Kopie ist vor Scham errötet, was auf dem Rechner in Verbindung mit der Muffigkeit des Settings durchaus Charme entfaltet, für eine eventuelle DVD- oder gar blu-Ray-Veröffentlichung aber nur wenig reizvoll ist. Ich verbreite hiermit die frohe Botschaft für jene, die diesen Film noch nicht gesehen oder vielleicht sogar noch überhaupt nicht von ihm gehört haben: Man munkelt, man könne ihn im Wald unter Steinen finden. Gehet hin und schauet und huldigt dem deutschen Kinogott namens Curd Jürgens!

ruf_der_waelder_articleFür DVD-Veröffentlichungen wie RUF DER WÄLDER bin ich dem umtriebigen Verleih „Filmjuwelen“ unendlich dankbar, selbst wenn sie manchmal die editorische Sorgfalt vermissen lassen, die die Filme verdient hätten (und ihre Booklets sich lesen wie Krankenakten). Nicht unbedingt, weil es sich hier um ein zu Unrecht vergessenes Meisterwerk handelt, sondern weil der Film wunderbar dazu geeignet ist, das statische Bild, das man vom deutschen kommerziellen Kino hat, einer Revision zu unterziehen. Vom Österreicher Franz Antel inszeniert, dessen eindrucksvolle Karriere in den Vierzigerjahre begann und der sich zunächst vor allem mit Heimatfilmen und leichter Unterhaltung einen Namen machte, ist RUF DER WÄLDER so etwas wie ein missing link zwischen dem betulichen Fünfzigerjahre-Kino und dem schmierigen Schmuddelkram und den Reißern der Siebziger, die man hier vor allem in den Klängen des Beat-Soundtracks heraufziehen sieht, der auch jedem St.-Pauli-Film gut zu Gesicht gestanden hätte.

RUF DER WÄLDER beginnt mit dem gemütlichen Opa Gustl (Paul Hörbiger), der den Zuschauern seinen Hund Bella vorstellt, dessen Geschichte er sich im Folgenden widmen wird. Der italienische Gastarbeiter Marcello (Terence Hill) liest den Welpen eines Tages auf dem Gelände seines Stahlwerks auf und bekommt daraufhin Ärger mit seinen deutschen Kollegen, denen das Tier ein Dorn im Auge ist. Ingenieur Prachner (Rudolf Prack), der in den Alpen eine neue Seilbahn erbaut, bietet dem als aufbrausend geltenden Italiener einen Job als Schlosser an. In dem kleinen Dörfchen angekommen, zieht der „Makkaroni“ sofort den Hass des LKW-Fahrers Kubesch (Rolf Olsen) auf sich und verliebt sich außerdem in die schöne Angelika (Johanna Matz), auf die auch der neue Förster Bernd (Hans-Jürgen Bäumler) ein Auge geworfen hat. Die Beziehung zwischen dem Fremden und der Einheimischen wird von allen mit Misstrauen beäugt, das bestätigt wird, als Marcello im Eifer des Gefechts einen Mann totschlägt. Ihm gelingt die Flucht aus der Gefangenschaft, er tötet Kubesch und trifft Angelika wieder, die ihm eröffnet, dass es nichts werden wird mit ihnen. Er schnappt sich ein Gewehr und macht sich auf den Weg gen Heimat, doch in den Wäldern kommt es zum Duell mit Bernd und dem Oberförster Matthias (Gerhard Riedmann) …

Das zeitgenössische Urteil des „Evangelischen Filmbeobachters“ bringt auf den Punkt, was RUF DER WÄLDER so spannend macht: „Ein Heimatfilm, der einige alte Klischees abbaut, um sie flugs durch neue zu ersetzen.“ Wobei man relativieren muss, denn streng genommen ist RUF DER WÄLDER kein Heimatfilm. Sicher, er spielt in der idyllischen Bergwelt der Alpen und streift vor allem auf Dialogebene genretypische Themen, etwa wenn da über die Umweltzerstörung, den geringe Wildbestand und das Wildern gesprochen wird, doch mehr als um die Proklamierung eines utopischen Raums namens „Heimat“ geht es darum, wie die Umrisse dieses Begriff zunehmend aufweichen. Bilder des qualmenden Stahlwerks bilden zu Beginn einen harten Kontrast zum Alpenpanorama, und wenn sich Antel in die Arbeiterquartiere begibt, fühlt man sich an LASS JUCKEN KUMPEL II. TEIL: DAS BULLENKLOSTER erinnert. Mit seinem italienischen Protagonisten findet die Heimatproblematik auf Figurenebene ihre Repräsentation und RUF DER WÄLDER scheint zunächst genau das zu kritisieren, was der Heimatfilm in den Jahrzehnten zuvor als Ideal ausgerufen hatte: das Abschotten nach außen, den Argwohn allem „Fremden“ gegenüber. Doch überraschenderweise vollzieht der Filme eine Kehrtwende: Die Liebesbeziehung zwischen Marcello und Angelika, so wird ihr vom weisen Prachner erklärt, habe keine Zukunft, weil das südländische Heißblut nicht zu ihr passe, es kann nicht sein, was nicht sein darf. Ein unerwarteter Umschwung, bei dem es auch daran hapert, dass Terence Hill einfach viel zu nett ist, um als Bedrohung für den Frieden durchzugehen. Er reagiert eigentlich immer nur auf die Feindseligkeit der anderen. Im Gegenzug wird Bernd als „realistische“ Alternative etabliert, ein Schachzug, der nur als reaktionär bezeichnet werden kann, tut sich der brave Förster doch vor allem durch Arroganz und Ablehnung gegenüber dem Italiener hervor. Aber Liebe muss eben mit Vernunft einhergehen, weshalb ein aufrechter Österreicher allemal besser ist als ein unzuverlässiger Italiener. Es wird so dargestellt, als ob sich hier unabänderliches Schicksal vollzieht, dabei ist die Geschichte, die zum Tod Marcellos führt, doch eine von gesellschaftlichem Versagen. Der Gastarbeiter bleibt ein bloß Geduldeter, isoliert in der Dorfgemeinde, auf den Charakter des „impulsiven Südländers“ reduziert. Und der Film, der doch damit begann, Türen aufzustoßen, muss sie am Ende umso fester verrammeln. In diesem Umschwung ist RUF DER WÄLDER dann vielleicht sogar ein besonders nachdrücklicher Heimatfilm: Er verschließt die Augen vor der Realität und hält gegen jedes bessere Wissen am Status quo fest.

picture_12Axel Adam (Jürgen Drews) zeichnet für das Sexmagazin „Play-Me“ die Comicserie „Als die Bayern noch Schwänze hatten“, sieht jedoch frustriert ihrer Absetzung entgegen. Mit der feschen Gaby (Barbara May), der er auf der Straße begegnet, ersinnt er einen Plan, seine Geldgeber von der Schlagkraft seiner Zeichnungen zu überzeugen: Er legt das Heft in einer Telefonzelle aus und fotografiert die nun eintretenden Menschen dabei, wie sie von seinen Bildchen nicht nur erregt werden, sondern das Heft gleich einstecken, um es zu Hause weiterzustudieren. Dummerweise rutscht ein Umschlag Gabys, in dem diese 5.000 DM herumträgt, in das Heft, das ein Pfarrer (Heinz Eckner) mit ins Münchener Umland entführt. Axel und Gaby jagen ihm hinterher und müssen im Folgenden miterleben, wie das harmlose Tittenmagazin in einem verschlafenen Örtchen alles durcheinanderbringt …

Ein paar repräsentative Beispiele für den „elaborierten Humor“ dieser Neutronenbombe des deutschen Films: Bruno (Tobias Meister), der trottelige Kumpel Axels, läuft in Rollerskate-Montur (mit Helm, Knieschonern etc.) in einer Konditorei auf und veranstaltet dort ein Chaos mit seinen höchst rudimentär entwickelten Fahrkünsten. Unter anderem bekommt ein verpickelter Riesenfettsack, der zuvor „sechs Sahnetorten“ bestellt hat, einen Kuchen ins Gesicht. Bereits in einer vorangegangenen Szene konnte man zwei dicken Damen beim Verschlingen sahniger Leckereien zusehen und beobachten wie ihnen die Sahne dabei wortwörtlich zu den Ohren herausquoll.

Während des Telefonzellenstreichs beginnt die Hose eines jungen Mannes mit Mickey-Maus-Strickpullover angesichts Axels erotischer Zeichnungen an zu qualmen und die ihm nachfolgende Frau reibt sich vor Erregung gar an der aus ihrer Einkaufstasche herausschauenden Salatgurke.

Die emanzipierte und daher auf dem bayrischen Dorf als „Sozi“  diffamierte Lehrerin Louisa Hopf (Beatrice Richter) rutscht mit ihrem Fahrrad auf einer Bananenschale aus und bleibt mit ihrem Rock so unglücklich an einem LKW hängen, dass sie bis auf den roten Schküpfer und die Strapse entblößt wird. Auch das vermaledeite Tittenheft, das der Pfarrer vorher in ihrer Tasche versteckt hatte, kommt zum Vorschein und „festigt“ ihren guten Ruf. (Später versteckt sich auch noch ein Junge in Unterhose in ihrem Auto.)

Zwei Kinder, denen Axel zuvor eine Zigarette verweigert hatte, pinkeln dem „Spießer“ zur Strafe in den Tank, worauf seine Karre – eine bunt bemalte Ente – verreckt. Später gibt es eine weitere automobile Juxeinlage, nämlich eine Verfolgungsjagd, bei der Gemüsekisten umgefahren, ein Fahrradfahrer abgedrängt, einem Mann die Leiter unter dem Arsch abgeräumt und eine Hochzeitsgesellschaft mit Schlamm bespritzt wird. Bezeichnenderweise ist der beste Gag des Films geklaut und zwar aus KENTUCKY FRIED MOVIE (der Fernsehmoderator, der von den Liebesspielen vor dem Fernseher abgelenkt wird).

Der Name Rolf Olsens hatte bei mir durchaus Hoffnungen geweckt, dass dieser Film aus dem Gros der tristen LISA-Komödien herausstechen könnte, aber diese Hoffnung wurde bald auf das Bitterste enttäuscht. Fünf oder sechs Anläufe habe ich gebraucht, um dieses humoristische Stahlbad durchzustehen, und selbst wenn ich der Fairness halber einräumen muss, dass das wohl auch an mir (und meiner Müdigkeit) lag, so passt es doch ganz gut zu diesem Film, der irgendwo auf halber Strecke zwischen Pennälerhumor und anarchistischer Erotikomödie sowie zwischen dumpfem Rassismus und Kritik an bayrischem Spießertum stehengeblieben ist. Gleich zu Beginn gibt es eine höchst seltsame Szene, in der Libanesen in einer Münchener Unterführung ganz offen Drogen anbieten (unter anderem einigen alten Damen und zwei Streifenpolizisten) und via Pappschild willige und wohlhabende „Geiseln“ suchen. Wenig später streunen ein paar zottelige Demonstranten durchs Bild, die lauthals „Wir brauchen Geld für Schnaps und Bier, auf Arbeitsplätze scheißen wir“ skandieren. In einer Künstlerkneipe wird das überkandidelte Geschwätz aufs Korn genommen, das man mit den Protagonisten des Neuen Deutschen Films assoziierte, und in der bayrischen Provinz angelangt, wird plötzlich die „Überfremdung“ mit Ausländern zum Thema gemacht: Auf der Suche nach dem Pfarrer findet Gaby erst niemanden, der der deutschen Sprache mächtig ist, und dann ist es ausgerechnet ein Schwarzer, der in perfektem Bayrisch antwortet. Als das Sexmagazin zirkuliert, bricht die gesamte Infrastruktur des von den ausländischen Arbeitern zunehmend abhängigen Dorfes zusammen, weil die ausländischen Frauen ihre arbeitenden Männer zum Generalstreik gegen die grassierende Unmoral zwingen. Ich bin mir sicher, dass Olsen sich bei alldem irgendwas Gutes gedacht hat, wahrscheinlich zeigen wollte, dass Ausländer genauso große Deppen sind wie die Deutschen, nur geht das in seiner rammdösigen Nummernrevue gnadenlos unter. Das Ganze löst sich in betäubendem Wohlgefallen auf, nachdem sich der Geldumschlag wiedergefunden hat und Axel die Nachricht erhält, dass er seinen Comic weiterzeichnen darf. Irgendwie muss der Film ja mal ein Ende nehmen – zum Glück.

EIN KAKTUS IST KEIN LUTSCHBONBON ist ein Paradebeispiel für das LISA-Konzept, gegen das sich nur wenige Filmemacher erfolgreich behaupten konnten – ich denke da etwa an Siggi Götz, dem es gelang, der rigiden Form einige Triumphe abzuringen (siehe GRIECHISCHE FEIGEN, DIE SCHÖNEN WILDEN VON IBIZA und SUMMER NIGHT FEVER). Alle Versuche Olsens, der dümmlichen Klamotte Leben einzuhauchen, gehen jedoch in die Hose und nichts illustriert die Leblosigkeit dieses Films so gut wie die obligatorische Montagesequenz: Zu einem Popschlagerchen, in dem der schwachbrüstige Sänger schwört „Ich werde dich wiederfinden“, spazieren Axel und Gaby durch den Olympiapark, verlieren sich schließlich und laufen dann begleitet von der Musik jeweils für sich durch die nur mäßig sehenswerte Parklandschaft, bis das Ende des Liedes eben das angekündigte Wiedersehen erforderlich macht. Axel und Gaby laufen – einer übersinnlichen Eingebung folgend – aufeinander zu, geben sich ein Küsschen und machen dann da weiter, wo der Film sie zuvor unterbrochen hatte.