Mit ‘Rolf Zacher’ getaggte Beiträge

37280_230Mehr als ein Jahr habe ich MÄDCHEN MIT GEWALT vor mir hergeschoben: Ich wusste nicht so recht, was ich von dem Film erwarten sollte, trotz der lobenden Worte meiner Freunde von Eskalierende Träume, die auch in die Erstellung des Bonusmaterials auf der Subkultur-Veröffentlichung involviert waren. Nur dass es um Vergewaltigung gehe, wusste ich, was ein zusätzliches Problem darstellte, da ich Filme für gewöhnlich mit meiner lieben Gattin zusammen schaue, die eine exploitative Herangehensweise an das Thema nachvollziehbarerweise eher nicht so gut verkraftet. Es gab in meiner Vorstellung genau zwei Möglichkeiten: Entweder, MÄDCHEN IST GEWALT war ein richtig harter Diskursstreifen, für den man sich wappnen muss, oder ein provokanter Exploitationbolzen, der nicht ehefrauentauglich ist. Vorsichtshalber habe ich ihn daher allein geschaut und bin mir heute ziemlich sicher, dass er auch Leena gefallen hätte.Glücklicherweise liegt MÄDCHEN MIT GEWALT nämlich ziemlich genau in der Mitte der beiden Pole, nimmt eindeutig die Position der Frau ein, ohne aber zum lahm-aufklärerischen Sozialdrama zu verkommen. Der Film hat seine Untiefen, und das ist gut so, aber man muss keine ideologischen Verrenkungen vornehmen, um ihn schätzen zu können.

Die Protagonisten sind die Angestellten Werner (Klaus Löwitsch) und Mike (Arthur Brauss). Beide hängen ständig zusammen rum, scheinen außer einander keinerlei Freunde zu haben: Kein Wunder, beide sind ziemlich Soziopathen und gehen regelmäßig gemeinsam auf Frauenjagd, wobei der Begriff sehr wörtlich zu nehmen ist. Frauen sind keine gleichberechtigten Partner für sie, es geht ihnen nicht um die Eroberung, den Kitzel des Flirts, das Schaffen einer Verbindung, sondern um Erniedrigung, Bedrohung und Unterwerfung. Auf einer Go-Kart-Bahn lernen sie Alice (Helga Anders) kennen, die mit ihren Freunden (darunter Rolf Zacher) da ist. Gemeinsam beschließt man, zum nächtlichen Nacktbad und Grillen einen Baggersee aufzusuchen. Doch Werner und Mike hängen Alice‘ Freunde ab und sind nun mit dem Mädchen allein. Die muss bald feststellen, dass die beiden Typen besondere Pläne mit ihr haben …

MÄDCHEN MIT GEWALT spielt sich innerhalb eines Zeitraums von etwa 24 Stunden ab, die meiste Zeit davon während der Nacht und des anbrechenden Morgens, und konzentriert sich dabei nach einer etwa halbstündigen Exposition ganz auf die Dynamik zwischen den drei Hauptfiguren. Man glaubt, dass es zu einem Kippen des zunächst etablierten Machtgefüges kommen wird, dass die beiden fiesen Vergewaltigerschweine ihr Fett wegbekommen und sich die fragile Alice als Rächerin behauptet, aber Regisseur Fritz ist an den Konventionen des Genrefilms nicht interessiert. Es gibt am Ende keine eindeutigen Sieger und Verlierer, keine Moral von der Geschicht und keine Katharsis, nur Fragen. Und das ist gut so, macht Fritz‘ Film zu einer Ausnahmeerscheinung. Es ist aber wohl auch der Grund dafür, dass der Film von der Kritik missverstanden und verrissen wurde, an der Kinokasse unterging und danach für gut 45 Jahre in der Versenkung verschwand. Es war Fritz‘ letzter Kinofilm, bevor er seine Regiekarriere 1981 mit FRANKFURT KAISERSTRASSE für die LISA-Film beendete. Die Fähigkeiten Fritz‘ erkannte man wohl: So bescheinigte ihm etwas das Hamburger Abendblatt gönnerhaft, „dazugelernt“ zu haben, aber ansonsten wollte man vor allem brutal ausgespielte Gewaltszenen und Geschmacklosigkeiten gesehen haben. Mit einem Kino, das keine eindeutigen Handlungsanweisungen gibt oder mit einer griffigen Lebensweisheit endet, hat man sich in Deutschland schon damals schwer getan.

Dabei gibt es in MÄDCHEN MIT GEWALT nicht nur viel zu entdecken für einen Drei-Personen-Film, der in einer Kiesgrube spielt, sondern auch jenen entspannten Erzählflow, der sonst eher nicht so die Stärke des deutschen Films ist. Anders als vergleichbare „Kammerspiele“ wirkt MÄDCHEN MIT GEWALT eben nicht überkonstruiert und parabelhaft-künstlich, sondern absolut natürlich in seiner Handungsentwicklung, die weniger einem genialischen Plotkonstrukt, sondern dem zufälligen Zusammentreffen der einzelnen Charaktere entspringt. Vor allem die Dynamik, die Werner und Mike entwickeln, ist faszinierend und spannend, ständig in Bewegung und verhindert so, dass man den weiteren Verlauf schon im Vorfeld absehen kann. Zunächst scheint es nämlich so, als habe Werner die Hosen an: Er ist im Job der Ranghöhere, derjenige, der bei den gemeinsamen Raubzügen die Initiative ergreift, den etwas schüchtern anmutenden Mike anschubst. Aber dieses Bild muss bald relativiert werden: Werners Aggression ist auch Zeichen einer tiefen Unsicherheit, während Mikes abwartende Haltung aus dem Selbstbewusstsein und der daraus resultierenden Ruhe entspringt. Als die beiden mit Alice allein in der Kiesgrube sitzen, ist es Mike, der das Spiel bestimmt, Werner zügelt, wenn es nötig ist. Aber diese Konstellation ist es auch, die ihr Spielchen beinahe eskalieren lässt. Denn Werner wittert bald Morgenluft, hat keinen Bock mehr, immer nur die zweite Geige zu spielen und meint, in seinem Wahn, es könne tatsächlich eine gemeinsame Zukunft für ihn und Alice geben. Am Ende haben sich beide blutig geprügelt, versucht sich abzustechen und sich gegenseitig umzubringen. Als die Polizei anrückt, sieht es so aus, als gingen die beiden doch noch in den Bau. Aber dazu kommt es nicht: Zu dritt fahren die drei ab wie eine neue, schwer dysfunktionale, aber irgendwie auch perfekte Familie. Die beiden Männer, die sich brauchen, um sich über ihre Schwächen hinwegzutäuschen, die junge Frau, der sie sich überlegen fühlen, die aber das Ruder heimlich in den Händen hält aus Mitleid mit diesen armen, schwanzgesteuerten Tröpfen, aber auch in dem Wissen, dass der Tag der Frau erst in Zukunft anbrechen wird.

 

 

 

liebvaterlandWestberlin, 1964: Der Unternehmer Fanzelau (Georg Marischka) schleust durch einen Tunnel Fachkräfte aus dem Osten in den Westen und verdient sich damit eine goldene Nase. Das DDR-Regime bekommt jedoch Wind davon und schickt den kriminellen Bruno (Heinz Domez) nach „drüben“, um Fanzelau zu entführen. In Wahrheit verfolgt Bruno einen eigenen Plan: Er will sich im Westen eine neue Existenz aufbauen und berichtet deshalb dem Kriminalbeamten Prangel (Günter Pfitzmann) von seinem Auftrag. Um die Drahtzieher hinter der Entführung zu enttarnen, soll Bruno mit seinem Freund und Partner Knarge (Rolf Zacher) zunächst alles wie geplant durchführen …

Es ist keine ganz große Überraschung, dass die beste Simmel-Verfilmung von Roland Klick stammt und überdies nicht on Luggi Waldleitner, sondern von Bernd Eichinger produziert wurde. Der melodramatische Mief und die chloroformierte Bräsigkeit, die Filme wie DIE ANTWORT KENNT NUR DER WIND, ALLE MENSCHEN WERDEN BRÜDER oder GOTT SCHÜTZT DIE LIEBENDEN zu solch schwer verdaulichen – aber natürlich trotzdem ziemlich interessanten und vor allem unverwechselbaren – Psychokampfstoffen machte, ist in VATERLAND wenn schon nicht gänzlich abwesend, so doch in verträgliche Bahnen gelenkt. Gleiches gilt für den Simmel’schen selbstmitleidigen Defätismus, der einen zuvor stets fragen ließ, warum sich seine Figuren nicht schon nach zehn Minuten in den Massenselbstmord stürzten und dem Treiben ein gnädiges Ende bereiteten. In diesem Politthriller, in dem der kleine Taugenichts Bruno zwischen den Fronten von Ost und West gnadenlos aufgerieben wird, weiß man indessen, wie man ihn einzuordnen hat: Das Individuum ist nichts wert, jeder Glaube daran, dem System ein Schnippchen schlagen zu können, naive Träumerei. Am Ende nutzen die Medien die publikumswirksame Story vom Kriminellen, der sich gegen den kommunistischen Feind auflehnt und dabei noch die Geliebte verliert, für eine schöne Titelseite, doch haben sie kein Problem damit, ihren „Helden“ damit gleichzeitig dem Gesetzes zu überantworten. Statt Freiheit und Wohlstand wandert Bruno für zehn Jahre in den Bau, für einen Bruch, der eigentlich längst vergessen war.

Klick verbindet den Berliner Lokal- und Zeitkolorit – obwohl LIEB VATERLAND MAGST RUHIG SEIN im Jahr 1964 spielen soll, erkennt man doch überdeutlich die depressiven Siebziger in ihm – mit Anleihen aus dem Gangsterfilm: Wenn der gutgläubige Bruno meint, die Geheimdienste gegeneinander ausspielen zu können, voller Selbstsicherheit die ersten großen Scheine gegen einen feinen Zwirn eintauscht, fühlt man sich in die amerikanischen Schwarzweiß-Klassiker der Dreißigerjahre versetzt, an die Geschichten vom schnellen Aufstieg und tiefen Fall seiner Antihelden erinnert. So schafft es Klick die Holzhammer-Gesellschafts- und -Politkritik Simmels mit altbekannten Genrefilmelementen gewissermaßen aufzufangen und abzufedern. Mehr als eine klischeehafte Auseinandersetzung mit Kaltem Krieg und der Situation im geteilten Berlin wird LIEB VATERLAND MAGST RUHIG SEIN zum genuin deutschen Crime-Drama vor historischem Hintergrund. Die abgerissenen Häuser Berlins, seine schäbigen, verrauchten Pinten und Nachtlokale, die Menschen mit den fahlen Gesichtern, grauen Mänteln und der berühmten Schnodderschnauze geben ein wunderbares Ambiente für eine Geschichte ab, in der alle auf eigene Rechnung arbeiten und so erst den Status quo zementieren. LIEB VATERLAND MAGST RUHIG SEIN ist nicht weniger deprimierend als andere Simmelfilme, aber das Herz ist ihm noch nicht ganz erkaltet. Er hat einen Bruno, mit dem wir mitfühlen können.

Der Anfang ist toll: In einer Rollschuhdisco trifft ein junges, hübsches Mädchen ihren Freund, der mit seinen coolen Kumpel herumsteht. Als sie ihn anspricht, lässt er sie eiskalt abblitzen, sie störe, er sei mit seinen Freunden da. Enttäuscht und traurig zieht sie ab, lernt aber den DJ kennen, der ihr vorschlägt, sie später zu einem Breakdancetreffen mitzunehmen. Etwas später rollen beide ab, knutschen in den Gängen, die von der Rollschuhbahn nach draußen führen. Ihr Freund stört sie noch einmal, nun selbst ganz bedröppelt, denn so hatte er sich das nicht vorgestellt. Und nun ist es an ihr, ihn abblitzen zu lassen …

Diese erste Episode von Nikolai Müllerschöns SCHULMÄDCHEN ’84 (auch bekannt unter dem Titel DIE SCHULMÄDCHEN VON DER KLASSE SEX) enthält die ungebremste Melancholie der Jugend, den Überschwang der Gefühle, aber auch ihre Vergänglichkeit, die ganze Jämmerlichkeit von Gruppenzwang und jugendlich-männlichem Omnipotenzwahn. Sie fängt das Lebensgefühl dieser Zeit ein, in der die vermeintlich tiefste Enttäuschung und das höchste Glück nur wenige Nuancen und Minuten auseinanderliegen, an einem Freitagabend in der örtlichen Rollschuhdisco zum Synthie-Popsound gnadenlos kollidierten. Überhaupt die Rollschuhdisco: In meiner Vorstellung waren die ganzen coolen Kids 1984 mit Breakdance beschäftigt und wer noch in einer Rollschuhdisco herumturnte, war doch gnadenlos in den Siebzigern steckengeblieben. Kein Wunder, dass das Mädel die Rollschuhnerds stehenlässt und mit dem Breaker mitgeht, ab in eine verheißungsvolle Zukunft.

Je länger der Film läuft, umso flüchtiger und egaler werden leider auch seine Episödchen. SCHULMÄDCHEN ’84 peilt ganz gewiss Leichtigkeit an – „Aufklärung“ wie seine Vorläufer in den Siebzigern oder auch durch den Voice-over geschürter Sensationalismus sind seine Sache nicht. Es gibt hier keine Message, auch kein wirklich einendes Thema. Während der ersten Kurzgeschichten scheint der Film ganz der weiblichen Perspektive zugetan, scheint Müllerschön daran gelegen, das ganze Spektrum von Teeniemädchen-Sexualität einzufangen, aber dann treten doch auch immer wieder Jungs in den Mittelpunkt oder werden die Geschichten unglaubwürdiger, „aufregender“. Die fesche Susi (Jaqueline Elber) wird von einem Geschäftsmann (Rolf Zacher) bedroht, der sie spät nachts als Anhaterin mitnimmt. Doch als sie den Spieß umdreht und sich ihm anbietet, da zieht er sprichwörtlich den Schwanz ein, entsetzt über die losen Sitten der jungen Dinger von heute. Später dringt ein Mädel nach einem Konzert bis in die Garderobe des Stars vor (ein junger Terence Trent D’Arby), um ihren Schuh zurückzubekommen, der auf der Bühne gelandet war. Statt wildem Musikersex gibt es jedoch unverhoffte Algebra-Nachhilfe für die Arbeit am nächsten Tag. Und ganz am Schluss bekommt ein blondes Jüngelchen Sympathie-Gratissex im Edelpuff, nur um dann festzustellen, dass die Holde ihm lediglich das Geld klauen wollte.

Nach EIN KAKTUS IST KEIN LUTSCHBONBON war SCHULMÄDCHEN ’84 zwar eine Wohltat, aber nach dem erwähnt tollen Auftakt versumpft er doch etwas in der Beleibigkeit seiner Kurzgeschichtchen. Echter emotionaler Nachhall ist in den 5 Minuten, die Müllerschön seinen Protagonisten jeweils gönnt, nicht zu erreichen und so kommt zwar keine Langeweile auf, aber es bleiben letztlich lediglich Oberflächlichkeiten hängen, vor allem natürlich der Eighties-Zeit- und -Lokalkolorit sowie etwa Rolf Zacher in seinem zweiten Auftritt als schmieriger Rotlichtkenner. Otto W. Retzer, an jedem LISA-Film in irgendeiner Form beteiligt, musste sich für seinen wortlosen Auftritt als Puff-Türsteher wahrscheinlich gar nicht groß anstrengen. Mit Dreitagebart, weißem Schal und weit aufgeknöpftem Hemd ist er im Zweigespräch mit einer Prostituierten voll in seinem Element und das größte Zeichen von Authentizität, das sich der Film leistet.