Mit ‘Roman Polanski’ getaggte Beiträge

Der nächste Teil meines unbeabsichtigten Themenspecials „Mieten, Kaufen, Wohnen“ nach BURNT OFFERINGS befasst sich weniger mit der Bausubstanz – obwohl die hier auch ziemlich fragwürdig ist -, als vielmehr mit den Menschen, die sie bewohnen. In LE LOCATAIRE wird viel über Wohnungen gesprochen, darüber wie rar sie sind und was sie kosten, und über die Nachbarn, wie man mit ihnen umgehen muss und was man im Gegenzug zu ertragen hat. Das Leben auf engstem Raum unter teilweise ausbeuterischen Verhältnissen mit Menschen, die sich unter diesen Umständen gegeneinander wenden, anstatt gemeinsam gegen erpresserische Vermieter aufzubegehren, wird in Polanskis Film zum kafkaesken Horrorszenario. Die Gesellschaft will keine Individuen, sie will fleißige Ameisen, die am Ende des Tages müde ins Bett, aber unter gar keinen Umständen aus der Rolle fallen. Alphamännchen wie der laut polternde Scope (Bernard Fresson) kommen damit gut zurecht, weil sie selbst keine Rücksicht kennen, aber ein eh schon neurotischer Schüchterling wie Trelkovsky, der immer wieder zu spüren bekommt, dass er trotz seines französischen Passes ein Fremder ist, zerbrechen unter dem Druck.

LE LOCATAIRE wird gemeinhin als Abschluss von Polanskis „Appartement-Trilogie“ bezeichnet, zu der auch REPULSION und ROSEMARYS BABY gehören, dabei sollte die Verfilmung des Topor-Romans „Le locataire chimerique“ eigentlich von Jack Clayton besorgt werden, dem das Projekt dann aber unter unglücklichen Umständen abgenommen wurde. Polanski drückt dem Stoff seinen unverwechselbaren Stempel auf, vermischt übersinnliche, psychologische und gesellschaftskritische Elemente, sodass sie nicht mehr sauber voneinander getrennt werden können, sich vielmehr gegenseitig reflektieren und verstärken. LE LOCATAIRE wird so zu einem faszinierenden Kunstwerk, das umso fremdartiger und singulärer wirkt, je mehr man Themen, Motive und Interpretationsansätze wiedererkennt und feststellt, dass sich der Film nicht in ihnen erschöpft. Schon die Welt, in der die Geschichte angesiedelt ist, ist seltsam. LE LOCATAIRE spielt im Paris des Jahres 1976, aber irgendwas stimmt nicht. Das Haus, in dem Trelkovsky seine Wohnung findet, scheint sich in einer völlig anderen Epoche zu befinden, und die Art, wie er sich in Paris bewegt, wie er redet, erweckt den Eindruck, er sei soeben aus einer Zeitmaschine gestiegen. Das passt auch zu der kafkaesken Erzählstrategie, totale Lappalien zum unverzeihlichen Sündenfall aufzublasen. Trelkovsky hat bloß ein paar Freunde zu Besuch, schon wird er von seinen Nachbarn behandelt, als hätte er eine mehrstündige Orgie mit Minderjährigen gefeiert. Das kulminiert in einer späteren Szene, in der er erfährt, dass man sogar schon bei der Polizei über seine „Vergehen“ informiert ist. Und wie bei dem Prager Autoren weiß man als Zuschauer oft nicht, ob das Gebotenen nun absurd komisch oder furchtbar tragisch ist. In den meisten Fällen ist es tatsächlich beides. Das spiegelt sich wohl am deutlichsten im FInale wider, in dem sich Trelkovsky in Frauenkleidern aus seinem Appartement stürzt, überlebt, und es deshalb gleich ein zweites Mal versucht.

Ein kurzer Blick auf den informativen Wikipedia-Eintrag zum Film offenbart zahlreiche hoch interessante Lesarten. LE LOCATAIRE als persönliche Aufarbeitung von Polanskis Erfahrungen im Dritten Reich zu betrachten, als Blick in eine traumatisierte Seele, scheint mir am griffigsten. Der Film ist einerseits von tiefem Misstrauen gegenüber den Mitmenschen geprägt, von der Angst, der nächste könne sich als Mörder oder Verräter erweisen, andererseits von der Verunsicherung, die daher rührt, ein Verfolgter zu sein. Trelkovsky kann sich nirgendwo zu Hause fühlen. Nicht mal in seinem eigenen Körper.

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich REPULSION zum ersten Mal gesehen habe. Es muss irgendwann zwischen meinem 13. und 18. Lebensjahr gewesen sein, als ich zum Großteil aus dem Fernsehen aufgenommene Filme schaute (und bei der Auswahl auf die damals noch halbwegs integre TV Spielfilm vertraute). Natürlich wusste ich beim gestrigen, ersten Wiedersehen seit rund 20 Jahren noch, worum es in Polanskis Film geht. Aber erstaunlicherweise waren von seinen doch starken, eindrucksvollen Bildern kaum welche hängengeblieben. Es waren vor allem die eher banalen Szenen, in denen Deneuves Carol zu Beginn des Films durch London läuft, an die ich mich erinnern konnte – und nicht etwa die eindrücklichen, lediglich mit dem unerbittlich gleichgültigen Ticken der Uhr unterlegten eingebildeten Vergewaltigungen, die unheimlichen Verwandlungen von Carols Wohnung oder die zwei, drei immens effektiven Schocks. Und das, was sich bei mir am meisten eingebrannt hatte – eine Szene, in der  Carol minutenlang einen Riss in der Decke über ihrem Bett begutachtet, stellte sich gestern zudem als von mir nachträglich hinzuerfunden heraus. Zwar spielen Risse in Wänden und Decken eine wichtige Rolle, aber auf jene Szene, an die ich mich zu erinnern glaubte, wartete ich vergebens. Keine Ahnung, warum das so ist. Gut möglich, dass ich damals noch zu jung für REPULSION war und ihn schon zum Selbstschutz aus einer gewissen Distanz heraus betrachtete, die es mir ermöglichte, seine Bilder schnell wieder zu vergessen. Nach der gestrigen Sichtung, die mich ein paar mal sehr unangenehm angefasst hat, kann ich mir das nicht anders erklären.

Aber irgendwie scheint mir das zum Status, den der Film in der Rezeption einnimmt, zu passen. REPULSION gehört zwar zu einem Kanon anerkannter Klassiker, aber gemessen an seinem tatsächlichen Einfluss ist er im intellektuellen Diskurs eher unterrepräsentiert (vielleicht lese ich aber auch nur die falschen Texte, das kann schon sein). Gerade das zeitgenössische Thriller- und Horrorkino ist Polanskis Film enorm verpflichtet; so sehr, dass ich mir kaum vorstellen kann, wie es aussähe, würde man ihn aus der Geschichte tilgen. Polanski war möglicherweise der erste, der den Zuschauer vollständig in die Perspektive einer psychisch gestörten Persönlichkeit zwang – zumindest war er der erste, der die filmischen Möglichkeiten, die diese Perspektive mit sich brachte, auslotete. Fotografie, Sound- und Setdesign von REPULSION sind meisterlich: so meisterlich, dass Polanskis damals revolutionären Ideen zu Inszenierungsklischees werden konnten. Was aber wirklich ertaunlich ist, ist dass REPULSION heute trotzdem nichts von seiner verstörenden Wirkung eingebüßt hat. Jener beliebte Schockeffekt etwa, bei dem sich sekundenkurz eine Gestalt in der Bewegung einer Spiegeltür zeigt und bei dem man sich heute meist eher übertölpelt als wirklich erschreckt fühlt, hat mir gestern dieses überaus unangenehme Prickeln zwischen die Schulterblätter gezaubert und ein Gefühl echten, körperlichen Unwohlseins erzeugt. Das schaffen nur sehr wenige Filme.

Was REPULSION von ähnlichen Filmen unterscheidet – und möglicherweise auch seinen immensen Erfolg in der Erzeugung seiner desolaten, verstörenden Wirkung erklärt –, ist Polanskis Verzicht auf jeglichen Kontext. Seine Carol ist zumindest für den Zuschauer eine Person ohne Vergangenheit, ohne Geschichte. Der Blick auf das alte Familienfoto, das sie auch im Kreise der Ihren als isoliertes, nachdenkliches Mädchen zeigt, wird gern als Hinweis auf eine Missbrauchsgeschichte interpretiert (sie scheint einen der Männer – Vater? Großvater? Onkel? – anzustarren). Eine legitime, aber auch sehr spekulative Interpretation, die mehr dem Bedürfnis des Zuschauers als den tatsächlich gelieferten Fakten entspringt. Was der Blick auf das Bild leistet, mehr als eine Ursache für Carols Zustand zu liefern, ist, das Unerklärliche zu unterstreichen, dem REPULSION verpflichtet ist. Gerade dass dieser einzige Blick auf Carols Vergangenheit, noch dazu auf die so prägende Zeit der Kindheit, den Polanski uns gönnt, nicht etwa Klarheit bringt, sondern dieses Gefühl nagender Hillosigkeit nur noch verstärkt, macht REPUSLION so effektiv. Der Überzeugung der Psychoanalyse, dass sich das Leben wie eine Geschichte analysieren und interpretieren ließe, wird hier eine ziemlich vehemente Absage erteilt. Es gibt keine Erklärung für Carols Krankheit, keinen erkennbaren Grund für den rapiden Verfall ihres Zustandes. Nur Fragen.