Mit ‘Romano Scavolini’ getaggte Beiträge

An Romano Scavolinis berüchtigten NIGHTMARE IN A DAMAGED BRAIN habe ich nur noch überaus vage Erinnerungen: In meiner Splatterhorror-Tabubrecherphase, in der der BPS-Report als Einkaufszettel für den Videothekenbesuch in Venlo zweckentfremdet wurde, landete natürlich auch dieser Film irgendwann im Körbchen, war mir damals aber zu schräg und krude. Attribute, die ich auch seinem Vietnam-Kriegsfilm DOG TAGS zuweisen würde, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Nicht besonders schräg und noch weniger krude ist UN BIANCO VESTITO PER MARIALÈ (zu Deutsch: „Ein weißes Kleid für Marialé“), vielmehr von einer visuellen und kompositorischen Eleganz, die ich dem Regisseur (vielleicht zu Unrecht) nicht zugetraut hatte, und als gediegener Stilmix aus Gothic Horror und Mystery- bzw. Whodunit-Elementen recht klar als „Giallo“ zu klassifizieren, zumindest, wenn man den Begriff großzügig (und richtig) auslegt. Aber der Film ist trotzdem nicht ohne Tücken, weil er der durch seine verschiedenen Elemente geschürten Erwartungshaltung des Zuschauers ziemlich zuwiderläuft. UN BIANCO VESTITO PER MARIALÈ ist ein durch die Brille des Genrekinos gebrochenes Psychogramm, dem es nicht wirklich um die Frage geht, wer da die Protagonisten über den Jordan schickt, auch wenn er vordergründig diesen Eindruck erweckt. In seiner giallotypischen Struktur beantwortet er diese Frage eigentlich schon, bevor der Film in der Gegenwart seiner Handlung angekommen ist.

UN BIANCO VESTITO PER MARIALÈ beginnt mit einer Rückblende, die als Schlüssel zur Interpretation der folgenden Vorgänger dient, vergleichbar etwa mit PROFONDO ROSSO oder TENEBRE, um nur zwei besonders prominente Genrevertreter zu nennen. Doch anders als bei diesen beiden, die das entscheidende Element, nämlich die Identität einer Figur, in dieser Rückblende verbergen, lässt Scavolini keinen solchen Zweifel offen. Eine Frau und ihr Liebhaber werden vor den Augen der Tochter vom eifersüchtigen Ehemann der Frau beim Liebesspiel im Wald erschossen. Wenig später, wenn der Film in der Gegenwart angekommen ist, erkennen wir in Marialé (Ida Galli) das Ebenbild der untreu gewordenen Gattin und wissen, dass es sich um ihre Tochter, das kleine Mädchen aus der Rückblende, handeln muss. Wenn ihre Gäste im Schloss, in dem sie von ihrem mürrischen Ehemann Paolo (Luigi Pistilli) und dem Diener Osvaldo (Gengher Gatti) nahezu gefangen gehalten wird, später durch die Hand eines Unbekannten sterben, weiß der genreerprobte Zuschauer, dass eigentlich nur die Titelheldin als Täter infrage kommt.

Bis es aber zu dieser im Giallo eigentlich zentralen Mordserie und der Lösung des Rätsels kommt, vergeht eine Stunde, die den Fokus vom Whodunit-Charakter auf das Wesen des Traumas richten, das hinter dem kommenden Verbrechen steckt. Wie weiland Roger Corman in THE MASQUE OF THE RED DEATH lässt auch Scavolini seine Figuren ein zunehmend enthemmtes Fest hinter den Mauern feiern, das schließlich in eine Orgie dionysischen Ausmaßes ausufert. In einem plötzlich von Blitzen, Donnergrollen und effektvollen Windstößen heimgesuchten Verlies finden sie alle ein passendes Kostüm, dann lassen sie sich an einer dekadent-üppig gedeckten Tafel nieder, an der sie der Völlerei nachgehen. Ein jeder hat Gelegenheit, sich als ausgewiesener Schweinehund oder aber als in masochistischer Abhängigkeit ergebenes Opfer zu erweisen, und um keinen ist es so wirklich schade, wenn er dann unerwartet vom Butzemann heimgesucht wird. Das Finale hält dann die Überraschung bereit, die keine ist, der Schluss ist desillusioniert und finster, ohne wirklich mitzunehmen.

Das ist dann auch das Probem. So geschmackvoll UN BIANCO VESTITO UN MARIALÈ auch inszeniert ist, so durchdacht seine formale Repräsentation der zentralen Psychose (Kai Naumanns Booklet-Essay und der darin enthaltenen Deutung ist nicht zu widersprechen), so schön das alles anzusehen ist: Der Funke wollte bei mir einfach nicht überspringen. Als wirklich anspruchsvolles Psychogramm ist Scavolinis Film zu sehr den Konventionen unterworfen, als Genrefilm zu vorhersehbar und vor allem in der zweiten Hälfte auch irgendwie zu träge und selbstgefällig. Vielleicht braucht er aber auch nur eine Zweitsichtung, bei der ich ihn dann, von falschen Erwartungen befreit, mit unverstelltem Blick sehen kann. Bis dahin bekommt er von mir ein entschiedenes Jein, abgeschmeckt mit einem „Schade“.

dog tags (romano scavolini, usa 1988)

Veröffentlicht: September 13, 2010 in Film
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Einer Gruppe amerikanischer Soldaten, die vom Vietcong gefangen gehalten werden, gelingt die Flucht. Statt jedoch von ihren Leuten aus dem Feindgebiet geholt zu werden, erhalten sie eine neue Mission: Sie sollen sich zum Absturzort eines amerikanischen Hubschraubers durchkämpfen und dessen kostbare Ladung – Goldbarren – bergen. Der entbehrungsreiche und mit Leichen gesäumte Weg lässt in den Soldaten die Idee heranreifen, auf eigene Rechnung zu arbeiten …

Was für ein merkwürdiger Film. Von Romano Scavolini kannte ich bisher nur den in Deutschland beschlagnahmten NIGHTMARE. Den fand ich damals während meiner Splatterjahre ebenfalls ziemlich eigenartig und warte derzeit sehnsüchtig auf die Veröffentlichung der seit geraumer Zeit angekündigten Code-Red-DVD, um ihn mir noch einmal ansehen zu können. Wenn DOG TAGS ein Maßstab für NIGHTMARE ist, dann darf ich mich wohl auf Einiges gefasst machen, denn dafür, dass man es hier eigentlich mit einem vordergründig recht gewöhnlichen Vietnamkriegs-Exploiter zu tun hat, wandelt Scavolini auf alles anderem als ausgetretenen Pfaden. Schon nach ganz oberflächlicher Betrachtung fällt es mir schwer, den Film einzuordnen: Die deutsche Synchro ist ziemlich rotzig geraten und unterwandert ein möglicherweise ernsteres Anliegen des Regisseurs und die namenlose Besetzung, aus der lediglich die Italotrash-Veteranen Mike Monty und Jim Gaines herausstechen, hat es mir nahezu unmöglich gemacht, den Film überhaupt als US-Produktion betrachten zu können. Hinzu kommt die schon fast als parabelhaft zu bezeichnende Ministory, die eigentlich schon nach wenigen Minuten zu Ende erzählt ist, dann nur noch konsequent abgespult wird und zudem von einer unbeholfenen  narrativen Klammer umrahmt ist: Die oben umrissene Geschichte lässt sich nämlich ein zu Recherchezwecken nach Vietnam gereister US-Reporter – wenn man so will der eigentliche Protagonist des Films – erzählen. DOG TAGS verfügt dann auch über gleich zwei unbefriedigende Enden: Die Vietnamkriegsgeschichte endet sehr abrupt damit, dass die überlebenden Soldaten ihre Hundemarken ablegen, als sie feststellen, dass ihnen der Fluchtweg verbaut ist. Das Ende der Rahmenhandlung setzt dem aber noch die Krone auf: Der Reporter erhält zum Beweis für die Wahrheit der erzählten Geschichte ein kleines Kästchen, in dem er einen Goldbarren sowie die Hundemarken findet. Er kommentiert das dann aus dem Off mit einer Dialogzeile, die – so vermute ich mal – auf einen Übersetzungsfehler der Synchronisation zurückgeht: Ich habe sie jedenfalls absolut nicht verstanden, obwohl nun beim besten Willen kein komplexer Sachverhalt geschildert wird. Vielleicht war auch mein Geisteszustand Schuld an der Verwirrung, die der Film bei mir gestiftet hat. Eigentlich gibt es an DOG TAGS nichts, was man nicht auch mit durchschnittlicher Auffassungsgabe verstehen könnte, aber unter Scavolinis Regie wird das zu einer höchst rätselhaften Angelegenheit. Dabei würde ich noch nicht einmal sagen wollen, dass der Film schlecht inszeniert ist, sondern einfach nur … anders. Um wenigstens etwas mit Gewissheit sagen zu können, sei noch erwähnt, dass DOG TAGS in seinen Gewaltdarstellungen alles andere als zimperlich ist und zudem ein ziemlich hohes Tempo anschlägt: Nach 30 Minuten sind bereits zwei Drittel der Protagonisten dahingerafft worden, erst danach schaltet Scavolini einen Gang runter, erfreut das Herz aber u. a. noch mit einer ziemlich unangenehmen Beinamputation. Ich ringe mit Worten, wie ich diesen Text beenden soll: Eine Empfehlung für DOG TAGS auszusprechen ist mir ebenso unmöglich, wie von ihm abzuraten. Mir bleibt nichts anderes übrig als es bei einer erneuten Verkündung meiner Ratlosigkeit zu belassen.