Mit ‘Ronald Neame’ getaggte Beiträge

Wie die meisten Katastrophenfilme aus den Siebzigerjahren wird auch METEOR heute überwiegend verlacht. Schon bei seinem Start war er ein Flop, der in den USA nur knapp die Hälfte seines (geschätzten) Budgets einspielte. Die Spezialeffekte sind aus heutiger Perspektive eher rührend, der große Aufwand, der etwa bei der Besetzung betrieben wurde, wird durch die doch eher banale Story nicht wirklich gerechtfertigt. Es handelt sich bei METEOR um lupenreine Exploitation, ganz egal, wie viel Geld ausgegeben wurde, um sich Respektabilität zu erkaufen. Trotzdem hat mir METEOR besser gefallen als etwa BEYOND THE POSEIDON ADVENTURE: Neame ist natürlich ein unendlich viel besserer Filmemacher als Irwin Allen, die Prämisse ist nicht annähernd so hanebüchen und mit der Kalter-Krieg-Thematik hat METEOR einen Subplot, der dem eigentlichen Weltuntergangsszenario den Rang abläuft – und vor allem die Laufzeit, die eigentlich aus dem Warten auf den prophezeiten Einschlag besteht, verkürzt. Dass METEOR eine eher langsame Angelegenheit ist, liegt in der Natur der Sache: Der titelgebende Himmelskörper mag mit 30.000 Stundenkilometern unterwegs sein, aber trotzdem muss die Story sechs lange Tage überbrücken, die der Blick auf den nahenden Steinklumpen nicht gerade ausfüllt.

In den Fokus des Films treten deshalb die Bemühungen des ehemaligen NASA-Mitarbeiters Paul Bradley (Sean Connery) und seines Freunds und ehemaligen Kollegen Harry Sherwood (Karl Malden), erst die Amerikaner vom Einsatz der im Weltall stationierten Atomraketen zu überzeugen und dann auch noch die Russen ins Boot zu holen, die eine ganz ähnliche Waffe besitzen, aber darüber natürlich strengste Geheimhaltung üben. Das Zusammenspiel der Amerikaner mit dem russischen Wissenschaftler Dubov (Brian Keith) ist das eigentliche Herzstück des Films, der zwischendurch immer mal wieder den Einschlag kleinerer Meteoritensplitter in Sibirien und der Schweiz (mit Gastauftritt von Sybil Danning) sowie eine Flutwelle in Hongkong zeigen muss, damit das Bedürfnis nach Action und Katastrophen gestillt wird (Michael Bay machte es in ARMAGEDDON 20 Jahre später genauso). Es gibt eine schöne, absurde Szene, in der gleich zwei Dolmetscher – die Russin Tatiana Donskaya (Natalie Wood) und ein amerikanischer Kollege – als Vermittler herhalten müssen, weil die Amerikaner nicht darauf vertrauen wollen, von einer „Feindin“ richtig übersetzt zu werden. Das führt mich auch zum allergrößten Schwachpunkt des Films, der weiblichen Hauptrolle: Natalie Woods Charakter wirkt wie aus den Sci-Fi-Filmen der Fünfzigerjahre rübergebeamt, ein braves Frauchen mit Dauerwelle und Kostüm, die zwar enorm qualifiziert ist, aber doch eigentlich nur dazu da, einen halbherzigen romantischen Subplot in Gang zu treten. Ihre Nennung an dritter Stelle der Credits ist kaum gerechtfertigt.

Und weil der Meteor am Ende natürlich erfolgreich zerstört, die Gefahr von der Erde abgewendet wird, und das keinen echten „Höhepunkt“ abgibt, zerstört vorher ein weiterer Hagel New York (Stock Footage ahoi!) und bringt die Crew in ihrer unterirdischen Zentrale dazu, sich einen Ausweg aus ihrem Betongrab suchen zu müssen. Das eindringende Abwasser verpasst allen hübsche Kotfrisuren und stünde ich dem Film nicht doch eher wohlwollend gegenüber, ich müsste dieses Bild als programmatisch bezeichnen.

Für manche ist es THE TOWERING INFERNO, für andere EARTHQUAKE, für mich dieser hier und zwar mit riesigem Abstand: der beste der „klassischen“ Katastrophenfilme der Siebzigerjahre. Als Kind habe ich THE POSEIDON ADVENTURE geliebt. Ich erinnere mich daran, in der fünften oder sechsten Klasse mal einen Aufsatz über den Film geschrieben und vorgelesen zu haben. Das Geständnis, dass darin „viele Menschen sterben“, war mir ein bisschen unangenehm, aber mein Lehrer hat, glaube ich, genau verstanden, was der Appeal des Filmes auf einen Zehnjährigen ausübte. Und jetzt, wo ich den Film zum ersten Mal seit locker 30 Jahren wiedergesehen habe, hat mich THE POSEIDON ADVENTURE wieder sofort gepackt. Aber ich habe auch erkannt, was ihn von anderen Katastrophenfilmen wie den oben genannten unterscheidet und warum er – zumindest für mich – auch jenseits vom reinen Camp Value, den diese kitschig-klobigen Vehikel meist entfalten, funktioniert. Zu behaupten, THE POSEIDON ADVENTURE sei „realistischer“ oder gar „subtiler“, wäre natürlich Unsinn. Aber erstens gelingt es Neame, seine mit grobem Pinselstrich gemalten Figuren sympathisch, lebendig und greifbar zu machen, zweitens gönnt sich das Drehbuch so etwas wie einen Subtext, der das Geschehen über das reine Spektakel hebt.

Die Reise der Überlebenden der Schiffskatastrophe vom Ballsaal, in dem sie Silvester feiern, als die Poseidon von einer mächtigen Flutwelle umgeworfen und auf den Kopf gestellt wird, bis zur nun über der Wasseroberfläche liegenden Schiffsschraube, an der sie geborgen zu werden hoffen, lässt sich dank der Figur des tapferen, aber strengen Priesters Scott (Gene Hackman) als Paraphrase der Geschichte Jesus‘ lesen, aber auch als Adaption des Platonischen Höhlengleichnisses. Scott, der während der Exposition als Freigeist und Nonkonformist im Dienst der Kirche gezeichnet wird, bringt seine Schäflein dazu, ihm auf die gefährliche Reise zu folgen – gegen den Rat eines Schiffsoffiziers und die überwiegende Zahl der Passagiere, die das für Selbstmord halten – und kurz darauf die Quittung erhalten. Der passiven Haltung des Christen, der auch in der dunkelsten Stunde noch darauf hofft, dass ihm der liebe Gott beistehen und ihn retten wird, setzt er eine Kämpfermentalität und einen gesunden Egoismus entgegen: Gott will Kämpfer, Leute, die die Dinge selbst in die Hand nehmen, statt Zauderer, Zögerer und Feiglinge. So führt er auch die ihm folgende Truppe höchst unterschiedlicher Charaktere gegen immer wieder aufkeimende Zweifel und Konflikte zum Ziel – natürlich nicht, ohne sich am Ende opfern zu müssen. Und für die Passagiere? Für sie wird die beschwerliche Wanderung zu einer Prüfung und Charakterfrage, an deren Ende sie das Licht sehen – und natürlich zu neuen Menschen geworden sind.

Das alles ist packend, spannend und mitunter ergreifend, selbst in Momenten, in denen mit beiden Daumen fest auf die Tränendrüse gedrückt wird: Shelley Winters, sonst eine zum Overacting neigende Pomp-Nudel, brilliert in ihrer traurigen Sterbeszene, die sich natürlich just in dem Moment ereignet, in dem sie a) von ihrem Mann (Jack Albertson) getrennt ist und b) bewiesen hat, mehr zu sein als nur eine übergewichtige alte Dame, und wenn Ernest Borgnines Streifenpolizist Rogo – der hitzköpfige, emotionale Gegenpart zum herrischen Scott – den Tod seiner Ehefrau Linda (Stella Stevens) betrauern muss, einer ehemaligen Prostituierten, die er vor der Heirat mehrfach verhaftet hatte, nimmt man ihm den Schmerz voll und ganz ab. Ich glaube aber, die Schlüsselrolle hat Red Buttons als freundlicher, sanftmütiger Single Martin inne. Heute würde er ganz gewiss als schwul geoutet, hier rechtfertigt er sich ganz schüchtern für sein Singledasein, und seine Verschrobenheit – er ist sowohl Geher als auch Hypochonder – muss nie als Anlass für billige Gags herhalten. Wie er die Gruppe selbstlos zusammenhält und sich verständnisvoll der aufgelösten Sängerin Nonnie (Carl Lynley) annimmt, die über den Tod ihres Bruders in eine Art Schockstarre gerät, ist die eigentliche, stille Heldentat des Films.

Hinzu kommen die fantastischen Settings des buchstäblich Kopf stehenden Luxusdampfers, die mich immer wieder eine entsprechende Theme-Park-Attraktion herbeiträumen lassen. Und Neame, ein großer Regisseur, der mit diesem Stoff eigentlich künstlerisch unterfordert war, aber trotzdem in jeder Sekunde seine Klasse unter Beweis stellt, wusste ganz genau, dass diese Vehikel im Grunde genommen großer Quatsch waren. Es ist auch seine Ruhe, die dem Film einen bleibenden Wert verleiht. Ich möchte glauben, dass diese fünf bis zehn Sekunden, in denen er THE POSEIDON ADVENTURE zum Stillstand bringt und für einen entspannten Lacher sorgt, kurz bevor die Spannung ihren Siedepunkt erreicht, auf seinem Mist gewachsen ist: Da stolpert der junge Schiffsnerd Robin (Eric Shea) weg von der Sicherheit der Gruppe mitten hinein in die Schiffstoilette, die wie der Rest des Dampfers auf dem Kopf steht und guckt wie ein Auto in die über ihm schwebenden Schüsseln. Nie wieder erreichte der Katastrophenfilm die visuelle Klarheit dieses einen Moments.

tunes_of_glory[1]Major Jock Sinclair (Alec Guinness) wurde zum Soldaten geboren: Das trinkfeste Raubein stammt aus einer langen Ahnenreihe von Kämpfern, eine andere Tätigkeit, als Soldat zu werden, kam für ihn nie in Frage. Umso mehr wurmt es ihn, dass er als Kommandant seines auf einer Festung in Schottland stationierten Regiments von einem sprichwörtlichen Paragrafenreiter abgelöst werden soll: Lieutenant Basil Barrow (John Mills) ist das komplette Gegenteil Sinclairs, ein kultivierter Mann aus gutem Haus, mit abgeschlossener Hochschulausbildung, besten Referenzen und einer Abneigung gegen Alkohol und Männerbünde. Mills bricht in das gut funktionierende Gefüge mit dem Willen ein, sich durchzusetzen und seine Regeln zu etablieren und ruft damit den Unmut der Männer hervor. Sinclair geht auf Konfrontationskurs …

Trotz der Besetzung mit zwei der größten Stars, die das britische Kino im vergangenen Jahrhundert zu bieten hatte – Mills und Guinness agierten bereits in David Leans GREAT EXPECTATIONS nebeneinander -, war TUNES OF GLORY an der Kinokasse kein großer Erfolg beschieden. Erschien er seinem Publikum damals als altmodisch, so kann man ihm heute durchaus bescheinigen, „zeitlos“ zu sein; eine Qualität, die auch andere Filme von Neame aufweisen. Im auf der Criterion-DVD enthaltenen Interview beschreibt sich Neame selbst als zurückhaltenden Regisseur, der lieber seinen Schauspielern den Vortritt lässt, anstatt sich selbst aufzudrängen: Diese Strategie hat sich für ihn auch in TUNES OF GLORY ausgezahlt, dem man trotz des mäßigen Erzähltempos und der Abwesenheit von Actionsequenzen oder Spezialeffekten gebannt folgt. Das liegt natürlich nicht zuletzt am Hauptdarstellergespann: Guinness beweist, dass er auch gegen den Strich besetzt werden kann, Mills verleiht der deutlich schwieriger zu spielenden Figur des Barrow viel stille Würde, ohne dafür gespreizte Szenen zu benötigen. Diese Qualitätsarbeit setzt sich auch in der Riege der ausgezeichneten Nebendarsteller fort, zu der u. a. Dennis Price in einer ungemein spannenden Rolle sowie Gordon Jackson oder Susannah York gehören. Zurück zum Film: Der Konflikt von TUNES OF GLORY gründet auf dem in Großbritannien noch stärker vorhandenen Klassenbewusstsein. Sinclair und Barrow hassen sich schon deshalb, weil sie anderer sozialer Herkunft sind. Der aus einfachen Verhältnissen kommende Sinclair fühlt sich durch seine Abberufung verraten, ihm wird etwas weggenommen, was rechtmäßig ihm gehört. Und das ausgerechnet von einem Mann wie Barrow, dem – so glaubt Sinclair – doch alles immer nur in den Schoß gefallen ist, der sich noch nie durch Taten bewähren musste (in einer bezeichnenden Szene suggeriert Sinclair, dass seine wegen eines kleineren Delikts abgesessene Haftstrafe härter war, als die Monate der Kriegsgefangenschaft, die Barrow durchlitten hat). Barrow hingegen weiß ganz genau, dass ihm der „Stallgeruch“ fehlt, der ihm bei den Männern erst den Respekt einbringen würde, den er vom Rang her verdient. Diesen Mangel versucht er durch Strenge wettzumachen, doch erreicht er damit natürlich genau das Gegenteil. Barrows Kampf ist auch eine verzweifelte Suche nach Anerkennung. Das Duell zwischen diesen beiden Kontrahenten nutzt Neame für einen Film, der seine Spannung aus einer ständig im Wanken begriffenen Zuschauersympathie bezieht: Meint man zunächst, der chauvinistische Sinclair benötige dringend eine verdiente Abreibung, so entpuppt sich Barrow bald schon als unberechenbarer Kleingeist mit einigen auffälligen psychischen Aussetzern. Freut man sich über seine anstehende Demontage, offenbart er eine verwundbare Seite, die Empathie für ihn weckt und ihn als Menschen transparent macht. Der Kampf zwischen dem ungehobelten Sinclair und dem feingeistigen Barrow, dem Bauch- und dem Kopfmenschen, dem Arbeiter und dem Intellektuellen – ein Konflikt, der zu den Konstanten des Kinos und vor allem des „Männerfilms“ gehört – kann nicht entschieden werden. Es ist nur folgerichtig, dass am Ende beide auf ihre Weise verlieren. TUNES OF GLORY ist auch ein Film über das Ende einer Zeit und einer damit verbundenen Tradition: Auf ihrer schottischen Festung eingeschlossen frönen die Männer um Sinclair einem Leben, das außerhalb der Mauern kaum noch Bestand hat und dessen Fortbestehen sie verteidigen müssen, um ihre eigene Existenz zu wahren. TUNES OF GLORY lässt sich somit durchaus in eine Filmtradition eingliedern, zu der solch unterschiedliche Autoren gehören wie Peckinpah, Siegel, Chang Cheh, Melville, mit der Ausnahme, dass Neame sich ganz der Innenseite des Konflikts annimmt. Seine Pistolenkugeln sind Worte und Blicke. Am Ende fügen diese aber kaum weniger schmerzhafte Wunden zu. Und töten können sie auch.

TUNES OF GLORY lohnt – wie das Werk Neames generell – eine Wiederentdeckung. Sieht man über ein heute vielleicht etwas zu theatralisch anmutendes Ende hinweg, hat man es hier mit einem Film zu tun, der einen noch lange beschäftigt.

hopscotch (ronald neame, usa 1980)

Veröffentlicht: April 29, 2009 in Film
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hopscotchbMiles Kendig (Walter Matthau) ist ein alter Hase im Spionagegeschäft und versieht seinen Beruf mit der Ruhe und Souveränität eines Mannes, den nichts mehr überraschen kann. Als er seinen russischen Kontrahenten Yaskov (Herbert Lom), den Spitzenmann des KGB, ziehen lässt, anstatt ihn zu liquidieren, bekommt er den Zorn seines Vorgesetzten Myerson (Ned Beatty), einem selbstverliebten Bürokraten, zu spüren: Kendig wird aus dem Außendienst abgezogen und zu einem Schreibtischjob degradiert. Kendig steigt sofort aus. Doch schon bald langweilt ihn der Ruhestand und so plant er seine Rache: In regelmäßigen Abständen lässt er den Geheimdiensten der Welt Auszüge aus seinen im Entstehen begriffenen Memoiren zukommen und verursacht damit verständlicherweise eine riesige Unruhe. Die Jagd auf Kendig beginnt …

HOPSCOTCH ist ein Glücksfall, ein Film, der gerade deshalb so eminent großartig ist, weil keiner der daran Beteiligten irgendwelche überkandidelten Visionen hatte und lediglich darauf bedacht war, einen guten Film zu machen. Romanautor Brian Garfield wollte nach vielen für ihn enttäuschend verlaufenen Verfilmungen (u. a. DEATH WISH) endlich einmal einen seiner Romane selbst für den Film adaptieren, Ronald Neame sagte eigentlich nur zu, weil man ihm in Aussicht stellte, mit Matthau zusammenzuarbeiten, und Matthau selbst hatte wohl einfach gerade nichts Besseres zu tun. Das Ergebnis ist ein wunderbar entspannter Film, der von seinem fintenreichen Drehbuch, den vor Witz und Hintergründigkeit nur so sprühenden Dialogen und der Spielfreude aller Akteure lebt. Vor allem Matthau, dem HOPSCOTCH eine ausladende Bühne bietet – Neame selbst erzählt, HOPSCOTCH sei ganz um seinen Star herumgebaut –, brilliert und schon seine Szenen mit Glenda Jackson sind das symbolische Eintrittsgeld wert. Aber den Star allein hervorzuheben ist eigentlich ungerecht, denn HOPSCOTCH ist nahezu der Inbegriff eines „runden“ Films. Garfields Drehbuch hält Suspense und Komik beständig auf einem gleichmäßig hohen Niveau und die stilvoll-leise Inszenierung Neames stellt sich ganz in den Dienst der Sache. HOPSCOTCH braucht kein Spektakel, keine lauten Gags, keinen wahnwitzigen Plottwist – wer aber daraus schließt, er plätschere gemütlich und ohne herausragenden Szenen vor sich hin, der irrt gewaltig, denn eigentlich ist jede Szene für sich genommen ein Highlight. Beispiele? Der erste Dialog zwischen Kendig und seiner Geliebten Isobel, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hat, in dem ihre Beziehung kein einziges Mal erwähnt wird und beide stattdessen ausschließlich über Wein sprechen, ist ein Musterbeispiel für Subtilität und Doppeldeutigkeit und die Szene, in der Myerson der Demolierung seines Ferienhauses beiwohnt, ist schlicht zum Brüllen. Überhaupt Beatty: Der gibt das kleingeistige Arschloch mit Verve und erbringt erneut den Beweis, dass er als Filmschurke eminent unterschätzt, wenn nicht gar komplett vergessen wird (man denke auch an WHITE LIGHTNING oder NETWORK). Ich möchte HOPSCOTCH jedem Freund klassischer Erzähl- und Filmkunst wärmstens ans Herz legen. Es ist nicht ganz leicht, ein Loblied auf ihn zu singen, weil er weder gesellschaftliche Relevanz vorgaukelt noch allzu große Gefühslwallungen evoziert. Dass er dennoch vollkommen gefangen nimmt, wiegt deshalb umso schwerer.

51uh1wugwjl_sl5001Der eigenbrötlerische, knurrige Maler Gulley Jimson (Alec Guinness) macht für seine Kunst keine Kompromisse. Doch leider will niemand seine Visionen hinreichend honorieren, was nicht zuletzt seiner schwierigen Art zuzuschreiben ist: Jimson ist ein schlechter Verkäufer. Um sein magnum opus zu kreieren, greift er deshalb auch zu nicht ganz legalen Mitteln. Als er die perfekte Wand für sein Bild des Lazarus im noblen Wohnhaus eines reichen Ehepaars entdeckt hat, nistet er sich dort kurzerhand ohne Wissen der abwesenden Eigentümer ein und beginnt die Arbeit …

Man kann sich Neames Film nicht ohne Guinness vorstellen, dem es auf eindrucksvolle Art und Weise gelingt, dem Zuschauer eine nicht gerade als sympathisch zu bezeichnende Figur sympathisch zu machen. Jimson ist genau genommen sogar ein ziemliches Ekelpaket: asozial, rücksichtslos, selbstsüchtig und unzugänglich, ein von der Kunst Besessener, der an dem Dilemma leidet, auf seine Mitmenschen angewiesen zu sein, ohne sich jedoch für diese besonders zu interessieren. Neames Film behandelt die Beziehung von Künstler und Publikum und zeigt eine Welt, in der diese Beziehung von einer unüberbrückbar erscheinenden Kluft gestört ist. Jimsons potenzielle Kunden haben gar nicht den Sinn dafür, sich mit dessen Kunst ernsthaft zu beschäftigen, sie ist zum bloßen Dekor verkommen, mit dem man seine Wohnräume gestaltet; auf der anderen Seite hat sich  auch Jimson von seinem Publikum entfremdet. Er führt eine Einsiedlerdasein, meidet den Kontakt zu den Menschen, weil er ihnen nichts mehr zu sagen hat, sie als Störenfriede begreift. Die Malerei ist sein einziges Interesse, doch dieses Interesse ist völlig abgekoppelt von dem Wunsch, seine Bilder auch einem Publikum zu zeigen. Jimsons größtes Werk wird so auch seine größte Niederlage: Niemand versteht sein unzählige Füße darstellendes Lazarus-Bild. Das Bild, das für niemanden außer den Künstler gemalt wurde, ist ein Monstrum. Natürlich gibt es ein versöhnliches, wenn auch nicht anheimelndes Ende für diesen Film, der komisch ist, ohne billige Lacher zu provozieren, traurig, ohne rührselig zu sein, ernst, ohne mit dem Zeigefinger zu wedeln, beeindruckend, ohne aufdringlich zu sein. Kurzum: ein Glücksfall.