Mit ‘Ronny Cox’ getaggte Beiträge

„Bound for Glory“ ist der Titel von Woody Guthries fiktionalisierter Autobiografie, die 1943 erschien. Hal Ashbys Film ist die Adaption dieses Buches: Auch wenn BOUND FOR GLORY also Merkmale des Biopics zeigt, handelt es sich dabei nicht um eine wahrheitsgetreue Wiedergabe von Guthries Leben. Das ist insofern bemerkenswert, als Ashbys Film sehr roh und ungeschönt wirkt, keineswegs idealisiert und gestreamlint, wie das bei verfilmten Biografien regelmäßig der Fall ist. Eine Plotline entwickelt Ashby nur sehr zögerlich und eigentlich erst während der letzten halben Stunde des ca. zweieinhalbstündigen Films. Stattdessen spielt er sich als stimmungsvolle und atmosphärische Sammlung von Momentaufnahmen einer vergangenen Zeit ab, als Kaleidoskop der Erinnerungen des Reisenden Woody Guthrie. Wahrscheinlich versuchte Ashby auf diese Weise das herausstechendste formale Merkmal von Guthries Buch filmisch umzusetzen: Der Singer/Songwriter und Autor verfasste „Bound for Glory“ nämlich in einer Art Mundart, die den Hillbilly-Slang repräsentieren sollte, den er während seiner Reisen als Hobo aufgeschnappt hatte. BOUND FOR GLORY sticht aus Ashbys Werk der Siebzigerjahre stark heraus: Nicht nur, weil es sich dabei um ein Period Piece handelte, sondern weil ihm die dramaturgische Geschliffenheit Ashbys anderer Filme weitestgehend fehlt. Was keine Kritik ist, lediglich eine Feststellung. Und mit dieser Ungeschliffenheit ist das außerdem so eine Sache, wie ich im Weiteren noch zeigen werde.

Woody Guthrie gilt als eine der wichtigsten Stimmen und Bewahrer der amerikanischen Folk-Tradition und fungierte für etliche, die nach ihm kamen, zuvorderst ist hier natürlich Bob Dylan zu nennen, als Inspirationsquelle und Vorbild. Geboren 1914 in Oklahoma, verschlug es ihn als Kind nach Texas, wo er in den Dreißigerjahren die Dust-Bowl-Ära miterlebte. Die Sandstürme, die das Land heimsuchten, schlugen ihn schließlich in die Flucht nach Kalifornien, wohin damals etliche Arbeitssuchende in der Hoffnung zogen, ihrer Not ein Ende zu setzen. Guthrie wurde auf seinen Reisen als Hobo mit großem Leid und Armut konfrontiert – sowie mit den unmenschlichen Bedingungen, unter denen die Verzweifelten auf den Obstfeldern für einen Hungerlohn ihre Arbeit verrichten mussten. Schnell entdeckte er die Möglichkeit, mit seiner Musik auf die untragbare Situation aufmerksam zu machen. Er sympathisierte mit der kommunistischen Partei, seine Gitarre zierte der Slogan „This machine kills fascists“. Er schrieb eine Kolumne für die kommunistische Zeitung „People’s World“ und verlor aufgrund dieser Verbindung seine Anstellung beim Radiosender KFVD, als der Zweite Weltkrieg ausbrach und Deutsche und Russen einen Nichtangriffspakt schlossen. In den Vierzigerjahren nahm er in New York die Platte „Dust Bowl Songs“ auf, die seinen Ruf begründete und seine Stimme für die Nachwelt konservierte. Er starb schließlich 1967 an Huntington’s Disease, einer Krankheit, der schon seine Mutter erlegen war.

BOUND FOR GLORY folgt dieser wahren Geschichte, betont aber bestimmt Aspekte, hebt sie hervor und lässt andere weg. Vor allem natürlich die späteren Jahre und den Tod Guthries: Logisch, schließlich hatte der sein Buch bereits in den Vierzigerjahren geschrieben. Die kommunistische Partei kommt nicht vor, wohl aber die Gewerkschaften, denen Guthrie seine Stimme leiht – sehr zum Unmut der bewaffneten Vertreter des Kapitals, die aufkeimenden Protest immer wieder brutal niederknüppeln. Aus dem „Rauswurf“ beim Radiosender wird im Film eine Kündigung Guthries: Er will die Beschränkungen, die ihm bei der Auswahl seiner Songs auferlegt werden, nicht hinnehmen. Am Ende wird er von seiner Familie verlassen – die Gattin kann nicht mit einem Mann leben, der sich ohne Vorwarnung auf Reisen begibt, bei denen er sein Leben riskiert: Der Film schließt mit Guthrie auf dem Dach eines Zuges, wieder einmal auf der Reise durch das Land, zu den Menschen, die seine Musik brauchen, wo immer sie auch sein mögen.

BOUND FOR GLORY ist ein Film, wie er John Ford gefallen hätte: Er bietet reiche Eindrücke einer wichtigen Epoche in der Geschichte der USA, deutet die vielen Paradoxien der Zeit an, entwirft eine Art Schöpfungsmythos ohne sich gänzlich in Idealiserung zu ergehen. Woody Guthrie (David Carradine) fungiert eher als Wegbegleiter denn als echter Protagonist: Zwar steht seine Geschichte im Mittelpunkt, sie liefert die Stationen der Reise, auf die sich der Zuschauer begibt, aber Ashby maßt sich nicht an, den Künstler durchleuchten oder ihn zum Repräsentanten einer griffigen Message machen zu können. So sehr Guthrie den Film dominiert – es gibt keine Szene ohne ihn -, so mysteriös bleibt er doch. Es gibt keine Psychologisierung und wenn Guthrie selbst seine Motivation erklärt, weiß man nicht, ob das wirklich seine Gründe sind. Ashby und Carradine interpretieren Guthrie als Spieler mit Maske: Oft erscheint er einfältig, fast autistisch, dann zeigen ein Funkeln in seinem Blick oder die Schärfe und der Witz seiner Worte, dass er ganz genau versteht, was um ihn herum vorgeht und er eine gewisse Begriffstutzigkeit nur vorspielt, um die Menschen aus der Reserve zu locken. Ashby inszeniert auf diese Art und Weise die „Gemachtheit“, das spielerische Element von Guthries autobiografischer Vorlage gleich mit. Sein Film beantwortet viele Fragen und wirft andere auf. Die wichtigste: Wer war dieser Woody Guthrie und was trieb ihn wirklich an?

Wer ein klassisches Biopic erwartet, wird dann auch seine Probleme mit BOUND FOR GLORY haben. Wollen andere Vertreter des Genres Geheimnisse lüften, verweist Ashby gerade auf den Schleier, der sich über unseren Blick legt – nicht zuletzt, weil Guthrie selbst ihn mit seinem Buch gewoben hat. Vielleicht ist es aber auch kein Schleier, sondern die Nachzügler der Staubstürme, die aus der Geschichte zu uns herüberwehen, alles verdunkeln, sich in Poren und Ritzen setzen und wie Schmirgelpapier wirken. Bringen sie etwas ans Licht, was unter der Oberfläche verborgen lag oder bearbeiten sie diese, bis sie sich glatt anfühlt? BOUND FOR GLORY erweist dem Künstler die Ehre, weil er zeigt, dass es nicht die eine Lesart seiner Kunst gibt, jeder monokausale Erklärungsversuch dem Reichtum von Guthries Liedern nicht gerecht werden kann. Und er verweist uns darauf, dass es aus heutiger Sicht, mehrere Jahrzehnte von dieser Zeit entfernt sowieso gänzlich unmöglich ist, den Versuch zu unternehmen. Was wir tun können, ist suchen. Und träumen.

steelejusticeIch weiß nicht genau, wie lange ich diesem Film schon hinterherjage: Es war ein Screenshot des mit Tarnfarben bemalten Martin Kove, der in meinem jugendlichen Selbst den unbändigen Wunsch wachsen ließ, STAHL-JUSTIZ (wie er hierzulande in einer fast Ernstjünger’schen Interpretation des Originaltitels heißt) zu sehen. Dummerweise ist er mir in all den Jahren nie über den Weg gelaufen, weder als VHS-Tape noch als DVD. Umso größer die Freude, als ich ihn vor kurzem endlich, endlich auftreiben konnte. Wie STEELE JUSTICE nun eigentlich ist, verkommt angesichts dieses jahrzehntelangen Vorlaufs fast zur Nebensache. Ich sage es mal so: Der Film reicht an sein arschgeiles Poster („You don’t recruit John Steele, you unleash him.“) nicht ganz heran, aber als begeisterter Fan des Achtzigerjahre-Actionkinos nimmt man auch etwas biederere Ware wie diese gern mit, sofern der Spirit stimmt und es ordentlich was auf die Mütze gibt. Und das ist hier durchaus der Fall.

Martin Kove – bekannt für THE KARATE KID und RAMBO: FIRST BLOOD PART II – ist in einer seltenen Hauptrolle als ausgebrannter Vietnamveteran John Steele zu sehen, der es 12 Jahre nach dem Krieg in der Heimat mit seinem alten Rivalen General Kwan (Soon Teck-Oh) zu tun bekommt. Jener ist mittlerweile nicht nur ein angesehener Geschäftsmann, sondern auch Chef der vietnamesischen Mafia. Als Steeles alter Kamerad, der Kriminalbeamte Lee (Robert Kim), samt Ehefrau bei einem Anschlag der Mafia das Leben lassen muss, begibt der sich mit freundlicher Genehmigung von Polizeichef Bennett (Ronny Cox) auf einen zerstörerischen Rachefeldzug.

STEELE JUSTICE ist, wie man dieser Zusammenfassung unschwer entnehmen kann, streng genommen Dutzendware und Regisseur Robert Boris fehlt es deutlich an Finesse und Profil, um seinem Film das Epigonale, Fernsehhafte auszutreiben. So richtig wehtun will er keinem: Großkalibrigen Ballereien mit reichlich Aderlass stehen süßlich-kitschige Szenen mit der jugendlichen Tochter von Steeles totem Kumpel sowie humorige Momente gegenüber, die sich um die Lebensunfähigkeit des Protagonisten drehen und sein raubeiniges Gammlertum zur liebenswerten Marotte verklären. Wie so viele Actionfilme um Vietnamveteranen handelt auch STEELE JUSTICE eigentlich von posttraumatischem Stress, von den tiefen Wunden, die die Erfahrung des Krieges hinterlässt, von der Unfähigkeit der Betroffenen, danach zur Normalität zurückzukehren. Aber eine echte Auseinandersetzung mit diesem Thema findet erwartungsgemäß nicht statt, es scheint noch nicht einmal das Bewusstsein für diese krankhafte Disposition vorhanden zu sein. Stattdessen trauert Steele im Verständnis des Films dem Krieg nach, weil er da noch seinen Freund hatte, sich nicht ständig vor dem Gesetz verantworten oder vor der strengen Ex-Frau rechtfertigen musste.

Robert Boris – größte Leistung: das Drehbuch für Mark L. Lesters EXTREME JUSTICE – hat eher seichte Unterhaltung im Sinn, garniert seinen Film dann auch mit den damals gängigen Trainings- und Videoclip-Montagen, ohne jedoch jemals an die visuelle Raffinesse anknüpfen zu können, die Filmemacher vom Schlage eines George Pan Cosmatos oder Michael Mann bei solchen in die Waagschale warfen. Kove macht seine Sache gut, aber er ist als Typ etwas zu durchschnittlich, um einen solchen Film als Hauptdarsteller tragen zu können. Nicht zuletzt wegen ihm wirkt STEELE JUSTICE ein bisschen wie der Pilotfilm für eine nie in Produktion gegangene Serie. Auch andere, etwas alberne Elemente tragen dazu bei: So hat Steele als Haustier stets eine giftige Schlange bei sich, die trotz offensichtlich wenig artgerechter Haltung nicht nur satte 12 Jahre lang, vom Vietnamkrieg bis in die Gegenwart des Films, bei ihm überdauert, sondern am Ende auch einen der Schurken abräumt (die kurze Netzrecherche ergab, dass es sich bei der Schlange um eine völlig ungiftige Königsnatter handelt). Das Finale erinnert mit dem Superpanzer in der Fabrikhalle nicht wenig an Andrew Davis‘ CODE OF SILENCE, sein Einsatz bleibt aber ebenso antiklimaktisch wie der hüftsteife Schwertkampf gegen Kwan. Wie dem auch sei: STEELE JUSTICE ist leider nicht der von allen vergessene Klassiker der Eighties-Action, aber doch ein sehenswerter Vertreter des Genres, der so etwas wie die gehobene Mittelklasse verkörpert.

 

Bei einer unautorisierten Razzia wird Jakes (John Matuszak) Partner Pete (Sam Jones) von südamerikanischen Drogendealern erschossen. Der nachfolgende Amoklauf Jakes bringt ihm zwar keine Erkenntnisse über den Verbleib der Täter, dafür aber die Suspendierung durch seinen Vorgesetzten McCoy (Ronny Cox). Wenig später wendet sich ein Mann an Jake, der sich als Manager der entführten Popsängerin Leah (Stacey Q) ausgibt und Jake beauftragt, sie wiederzufinden. Als dieser Auftraggeber wenig später ebenfalls tot ist, wächst in Jake der Verdacht, beide Fälle könnten etwas miteinander zu tun haben. Die Spur führt ihn zum Wirtschaftsboss Adams (Richard Lynch) …

Wenn sich obige Inhaltsangabe etwas rätselhaft liest, so mag das auch daran liegen, dass ich weder den Verwicklungen des Drehbuchs noch den Gedankenwindungen des Supercops Jake so recht folgen konnte. ONE MAN FORCE versucht dabei keineswegs besonders clever zu sein, überschätzt seine Möglichkeiten aber dennoch mehr als nur ein kleines Bisschen. Besonders augenfällig wird das in der Besetzung Jakes mit dem Ex-Footballstar und -Kraftprotz John Matuszak, der für Rollen wie Sloth aus THE GOONIES prädestiniert gewesen sein mag, als Protagonist und Sympathieträger aber durchaus etwas überfordert ist. Der Mann erinnert mich etwas an Joe Bugner, der in etlichen Spencer/Hill-Filmen als tumber Haudrauf mitwirkt und eine Fetischklub-Schlägerei aus ONE MAN FORCE erinnert dann auch mit ihren slapstickartigen Einsprengseln an genannte Prügelfilme, mit dem Unterschied, dass sie hier wohl ernst gemeint sein soll. Matuszak, der kurz nach Fertigstellung des Films an einem Herzanfall – Spätfolge seines Steroidmissbrauchs – starb, ist mit seinem Vollbart und der bärenhaften Statur für gutmütige Kumpeltypen oder hirnlose Schläger sicherlich wie gemacht, aber als Kriminalpolizist? Der Mann findet noch nicht einmal passende Klamotten, geschweige denn einen Verbrecher! Erstere These wird belegt durch zahlreiche eingelaufene Sportblousons, Jogginghosen mit Hochwasser und über nacktem Oberkörper getragene Ballonseide-Trainingsjacken, letzteres durch einen Bodycount, der sich gewaschen hat. Jake kommt entweder zu spät oder schlecht vorbereitet und ist so förmlich dazu gezwungen einfach jeden umzulegen, was sein Boss reichlich konsterniert zur Kenntnis nimmt. Das ist nun nichts besonderes für einen Actionfilm, eher schon lieb gewonnener Standard, aber wenn der „Held“ so jeden Glamours entbehrt wie Matuszak, dann beginnt man, die Eigenarten des Actionfilms mit ganz anderen Augen zu sehen. Wenn sich Jake hier in strikter Leugnung jedes sachlich vorgetragenen Arguments über die Bürokratie aufregt, die ihn in Ketten legt, bloß, weil er sich nicht an Vorschriften halten mag, die Bürger vor Amokläufern wie ihm schützen sollen, dann bringt er die hinter solchem Tatendrang stehende Einfalt ausgesprochen nachdrücklich zum Vorschein.

ONE MAN FORCE ist eigentlich alles andere als Pflichtprogramm: mäßig inszeniert, aber bis auf Matuszak gut besetzt, recht schwungvoll, aber ohne wirklich herausstechende Highlights, butal, aber nicht allzu blutig, dumm, aber ohne die ganz großen Brüller. Mittelmaß halt. Trotzdem hat mir der Käse einigen Spaß gemacht und als Actionkomplettist mit Achtzigerjahre-Fetisch stelle ich mir auch diesen ungeschlachten Raufbold gern ins Regal. Kann schließlich nicht immer COBRA sein.

Wie verteufelt gut dieser Films ist, lässt sich nicht nur daran ablesen, dass er ganz allein den Backwood-Film initiierte und damit ein Subgenre des Horrorfilms, das auch nach vier Jahrzehnten noch sehr gut damit auskommt, die Motive und Situationen, die Boorman einst etablierte, zu imitieren oder nur geringfügig zu variieren. Man erkennt es auch daran, dass diese Sichtung – schätzungweise die dritte oder vierte – die erste war, in der ich nicht auf die Autosuggestion seiner Protagonisten hereingefallen bin, sondern mich von dieser befreien konnte und auf meine eigene Wahrnehmung vertraut habe. Verblüffend, denn Boorman zeigt doch ziemlich eindeutig, dass Drew (Ronny Cox) sich in selbstmörderischer Absicht aus seinem Kanu in die reißenden Fluten des Cahulawassee stürzt und nicht etwa, weil er von einer Kugel getroffen wurde, wie es Lewis (Burt Reynolds) im Brustton der Überzeugung behauptet. Dass man trotzdem zunächst geneigt ist, ihm zu glauben (auch meine liebe Gattin ist bei ihrer Erstsichtung darauf hereingefallen, hat jedenfalls ihre eigentlich richtige Wahrnehmung der Situation sofort hinterfragt), liegt daran, dass das Netz der Paranoia, das die Protagonisten gefangen nimmt, sich dank Boormans raffinierter Inszenierung auch über die Zuschauer legt.

DELIVERANCE ist ein immens dichter Film, bei dem es deshalb ungemein schwierig ist, einen Anfang zu finden, von dem aus man ihn interpretatorisch aufdröseln könnte. Stadt vs. Land, Zivilisation vs. Wildnis, Ratio vs. Natur, Mann vs. Memme: Das sind die Gegensatzpaare, aus deren Gegenüberstellung DELIVERANCE seine Dynamik entwickelt, die dann aber im sprichwörtlichen Strudel der Ereignisse bald gar nicht mehr so klar voneinander zu trennen sind, sich vielmehr immer wieder im anderen spiegeln und brechen, sich kommentieren und substituieren. Alles ist eins, aber niemals dasselbe. Wie im berühmten Aphorismus von dem Fluss, den man nie zweimal an derselben Stelle durchqueren kann, verwandelt sich DELIVERANCE stetig, ohne dabei jedoch seine Identität zu wechseln: Er beginnt als (ich sage das in Ermangelung eines besseren Ausdrucks:) Ökothriller, der den Eingriff des Menschen in die Natur thematisiert, mündet in den Frontier-Horror, der den zivilisierten und arroganten Städter mit dem ins Hinterland verdrängten Redneck konfrontiert, bei dem andere Gesetze herrschen, verwandelt sich schließlich in einen Paranoia-Thriller, der die vermeintlich überlegene Perspektive der Protagonisten schonungslos in Frage stellt, bevor er dann zu einer ins Surreale übersteigerten Reflexion über Schuld und Sühne des Zivilisationsmenschen mutiert. Aus einem Film mit einem ganz konkreten zeitlichen wie geografischen Rahmen wird so ein Film, dessen Erkenntnisse universelle Gültigkeit haben.  

Boorman koppelt diesen Wandel an den Verlauf des Flusses: Die ruhigen Passagen zu Beginn wiegen sowohl die Charaktere wie auch den Zuschauer in Sicherheit, ermöglichen einen guten Überblick, bevor die immer rasantere Abfolge von Stromschnellen und Hindernissen, die mit den emotionalen Verwerfungen einhergeht, diesen völlig zerstört. Das Ganze gipfelt in einer amerikanischen Nacht, die in ihren farblichen Verzerrungen eine fast Fiebertraum-artige Qualität annimmt und andeutet, wohin die Reise der vier Männer eigentlich von Anfang an ging: in den Wahnsinn (damit natürlich an das Flussmotiv aus Joseph Conrads Novelle „Heart of Darkness“ anknüpfend).

Mehr will ich eigentlich gar nicht sagen: Erstens, weil man DELIVERANCE sowieso am besten versteht, wenn man ihn sieht, also sich sinnlich ganz bewusst auf ihn einlässt, ihn auf sich wirken lässt, zweitens, weil es dem Diskurs über ihn kaum noch etwas hinzuzufügen gibt. Für den Horrorfilm im allerweitesten Sinne ist seine Bedeutung kaum zu überschätzen und ich würde frech vermuten, dass Tobe Hooper sich ganz genau angeschaut hat, wie Boorman jede Sekunde von DELIVERANCE mit düsteren Prophezeiungen über den weiteren Hergang aufgeladen hat: In dieser Hinsicht ist ihm THE TEXAS CHAIN SAW MASSACRE jedenfalls sehr ähnlich.

Weil das Wedersehen mit DELIVERANCE so „schön“ war und der Backwood-Film sowieso zu meinen Leib- und Magenthemen zählt, mache ich ab sofort eine kleine Backwood-Reihe, deren Sichtungen hier natürlich akribisch protokolliert werden. Ich schätze, DELIVERANCE wird in diesen Texten noch das ein oder andere Mal Erwähnung finden.