Mit ‘Rory Calhoun’ getaggte Beiträge

night_of_the_lepusNIGHT OF THE LEPUS wird gern herangezogen, wenn es um die absurden Auswüchse des Horrorfilms im Allgemeinen und die des Tierhorrors im Speziellen geht. Ein Film über mörderische Kaninchen – geht’s noch bescheuerter? Tatsächlich ist NIGHT OF THE LEPUS aber gar nicht bescheuert, sondern sehr effektiv, und die Idee, die putzigen, langohrigen Nager durch Mutation zu riesenhaften, blutgierigen Bestien zu machen, ziemlich clever. Die Natur fragt einen ja nicht, was man gruselig findet, bevor sie einem in den Arsch beißt, und auch ein Kuscheltierchen kann zur tödlichen Bedrohung werden, sofern es die nötigen Zähne hat. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass das der wahre Horror ist: Ein Krokodil ist schon in normaler Größe ausreichend gefährlich, ein Riesenkroko bedeutet lediglich eine quantitative Veränderung. Das Killerkaninchen ist da schon eine andere Hausnummer. Das, was wir normalerweise als niedlich-harmloses Schmusetierchen betrachten, wird plötzlich zum Monster, das uns nach dem Leben trachtet. Leider gibt es nicht allzu viele Filme, die sich dieser Idee annehmen, und wenn doch, dann handelt es sich meist um solche ironisierenden Funsplatter-Dinger wie BLACK SHEEP, die das verstörende Potenzial, das ihnen innewohnt, zugunsten blöder Scherze vergeuden.

NIGHT OF THE LEPUS hingegen ist todernst gemeint: Im Vorspann gibt es dokumentarische Bilder realer Kaninchenplagen, die der Ausgangspunkt von Claytons Film sind. Farmer Cole Hillman (Rory Calhoun) hat mit einer explosionsartig anwachsenden Kaninchenpopulation zu kämpfen, die nicht nur seine Ernte und den Futterbestand seiner Nutztiere bedroht, sondern auch fiese Löcher buddelt, in denen sich seine Pferde die Beine brechen. Das Forscherehepaar Roy (Stuart Whitman) und Gerry Bennett (Janet Leigh) wird zur Hilfe geholt, um eine schonende Lösung des Problems zu finden. Mit Injektionen wollen sie die Fortpflanzung der Tiere unterbinden, doch eines der behandelten Tiere gelangt ungeplant in die freie Wildbahn, wo es in kurzer Zeit ein Anwachsen der Tiere auf Schäferhundgröße verursacht. Plötzlich sind die possierlichen Nager eine tödliche Gefahr für die in der Gegen lebenden Menschen …

Ein später Nachfahre des Monsterfilms der Fünfzigerjahre, dürfte NIGHT OF THE LEPUS auch ein recht frühes Beispiel für die in den Siebzigern aufkommenden Öko-Horrorfilme sein. Claxton lässt sich recht viel Zeit, über die Ursachen und Gefahren von Tierplagen aufzuklären und legt im Anschluss einigen Wert darauf zu zeigen, wie solche Probleme auf verantwortungsbewusste, nachhaltige Art und Weise gelöst werden könnten. Wenn die Riesenrammler dann zum Einsatz kommen – mittels einfacher, aber mitunter effektiver visueller Effekte oder aber durch Modellbauten relativ „vergrößert“ -, ist das nicht zuletzt dank der schaurigen Tonspur tatsächlich unheimlich (vor allem die Idee, die Kaninchen hörbar menschlich atmen zu lassen, verfehlt ihre Wirkung nicht). Leider trägt der Effekt allein aber nicht über die gesamte Laufzeit. Die Kaninchen sind zu früh zu sehen, die unzähligen Szenen von in Zeitlupe an Modellautos vorbei auf die Kamera zuhüpfender, blutverschmierter Tiere nutzen sich schnell ab, eine weitere Zuspitzung der Situation gibt es nicht. Was anfänglich noch einnimmt, verliert irgendwann seinen Reiz und wenn der Film dann endlich zu Ende ist, atmet man erleichtert auf.

Erschwerend hinzu kommt, dass NIGHT OF THE LEPUS, wie die Katastrophenfilme jener Tage, in vielen Aspekten enorm hölzern und überkommen wirkt. Besonders eklatant zum Vorschein tritt das in der Besetzung der beiden Protagonisten. Whitman und Leigh waren damals beide Mitte 40, sehen aber bereits deutlich älter aus, vor allem im Verhältnis zu ihrer zu jungen Tochter. Und Janet Leigh, komplett mit silberner Betonfrisur und unpraktischen Hosenanzügen in Signalfarben, hat dann auch noch eine dieser grausam undankbaren Ehefrauenrollen abbekommen: Sie darf sich ständig Erklärungen ihres Gatten über Dinge anhören, die sie eigentlich selbst wissen muss, und ist für ihn kaum mehr als ein Hiwi, der Telefonanrufe und Botengänge erledigen darf. Man nimmt ihr vieles ab, aber nicht die anpackende Naturwissenschaftlerin, die mit ihrem Mann in der Wüste campiert, um das Liebesleben der Fledermäuse zu erforschen. Wie die Katastrophe überhaupt losgetreten wird, weist die beiden Forscher außerdem als grotesk verantwortungslos und inkompetent aus: Das behandelte Kaninchen wird freigelassen, weil sie ihre Tochter mit ins Labor nehmen und diese dort unbemerkt die Häschen austauschen kann. Der Film behandelt das als schicksalhafte Panne, die halt mal passieren kann: Hinterher fragt dann auch keiner mehr danach, wo eigentlich genau die Ursache lag. Gut für die Bennetts, die in der echten Welt danach wohl nur noch im Streichelzoo hätten arbeiten dürfen …

Der „Fluss ohne Wiederkehr“ ist in Premingers Film natürlich in zweierlei Hinsicht ein ebensolcher: in wörtlicher, weil derjenige, der sich seinen Gefahren aussetzt, dabei ums Leben kommt, in bildlicher, weil sein Bezwinger, der Siedler Matt Calder (Robert Mitchum) die Rückreise nicht mehr als Derselbe antritt.

RIVER OF NO RETURN ist einer jener Filme, die einzig mit dem Begriff des „großen Kinos“ angemessen beschrieben sind. Leider muss man dieser Beschreibung heute einen mittellangen Exkurs anhängen, weil er längst zur hohlen Phrase verkommen ist. Inflationär wird nämlich jeder Quark als „großes Kino“ bezeichnet, sofern er nur teuer genug ist oder aber erfolgreich in dem Unterfangen, auch noch den taubsten Gestalten für anderthalb Stunden das Gefühl zu vermitteln, ein echter Mensch zu sein, mit richtigen Emotionen und tiefen Gedanken und so. Im Zusammenhang mit Premingers Klassiker bedeutet „großes Kino“ nichts weniger, als dass hier alles in erster Linie Bild ist und jede Interpretation dieses Bildes nur höchst unzureichend und nachrangig (womit ich natürlich auch eine super Ausrede habe, falls jemand meinen Text blöd findet).

Schon an seiner Struktur kann man erkennen, dass sich Preminger vor allem für etwas interessiert, was jenseits von Psychologie und Motivation liegt. Die Handlung ist kaum mehr als eine Prämisse, ein Vorwand, die Protagonisten auf dem Fluss ohne Wiederkehr durch diese Wahnsinnslandschaft zu schicken, die angeblich „alive with indians“ ist, die man dann aber auch eher selten zu Gesicht bekommt. Trotzdem sind sie natürlich ebenso da, wie alles andere, was man mit jenem Traumland weit im amerikanischen Westen verbindet, auch da ist. Von diesen Träumen handelt der Film, davon, wie sich Menschen in diese Träume werfen und ihnen dann ein Stück Realität abtrotzen – oder bei dem Versuch jämmerlich verrecken. Harry Weston (Rory Calhoun), ein Zocker und Ehemann der Sängerin Kay (Marilyn Monroe), hat einmal in seinem Leben Glück gehabt. Am Ende des Flusses ohne Wiederkehr winkt der Ort Council City und ein Fleckchen Erde, auf dem man Gold (noch so ein Traumbild: im ganzen Film bekommt man nicht ein Nugget zu Gesicht) suchen und hoffentlich finden kann. Um diesen Traum Realität werden zu lassen, ist dem kleinen Ganoven plötzlich jedes Mittel recht – auch Mord. Matt Calder, selbst ein reuiger Mörder, träumt von einem friedlichen Leben mit eigener Farm und seinem Sohn – einem ehrlichen Leben, für das er sich nicht zu schämen braucht, das zu verteidigen er aber auch bereit ist, alles zu riskieren. Dazwischen Kay, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, auszubrechen, und dem Bedürfnis, dabei ehrlich zu bleiben. Weston nimmt Calder alles, zumindest in der Bild-Sprache des Films, nämlich Pferd und Gewehr, um sein Ziel zu erreichen, und zwingt ihn so, auch noch den verbleibenden Rest – sein nacktes Leben – zu riskieren, um sich die Grundlage seiner Existenz zurückzuholen. Sie wartet am Ende des von reißenden Stromschnellen gepeitschten und von blutrünstigen Indianern belagerten Flusses, in Council City, einm utopischen Ort, der sich als erschreckend armselig entpuppt. Hier soll alles besser werden?

Um zu verdeutlichen, dass RIVER OF NO RETURN ein Film über unerreichbare Träume und ihre Verheißungen ist, hätte ich auch einfach nur zwei Namen in die Runde werfen können: Marilyn Monroe und Robert Mitchum. Zwei Schauspieler, die die Überlegenheit des US-amerikanischen Kinos jener Zeit symbolisieren: Keine andere Filmindustrie hat Stars hervorgebracht, die zu solch mächtigen Mythen wurden, das Begehren des Publikums so kommandierten, wie Hollywood. Die Monroe ganz fraugewordene Verführung, als steter Tease die Verlockungen eines Heims verkörpernd, das nun einmal ohne Frau nicht vollständig ist, Mitchum der Inbegriff (na gut, das war vielleicht eher John Wayne) des All-American Man, jenes Raubeins, das das Ideal am Horizont selbst dann noch verfolgt, wenn es weiß, dass es unerreichbar ist. Warum dann also nicht diese blonde Fieberfantasie von Frau schnappen und das Beste aus den wenigen Möglichkeiten machen? Warum sich nicht der nächsten Herausforderung stellen, wenn man den Fluss ohne Wiederkehr bereits bewältigt hat?

Ich bin einigermaßen entsetzt über die nur leicht überdruchschnittliche Bewertung dieses Films auf Imdb. Peter Greenaway hat mal gesagt, der moderne Mensch sei unglaublich gut mit Worten und Texten, aber er habe es verlernt, Bilder zu lesen. Die Größe von RIVER OF NO RETURN muss man nicht suchen. Sie liegt ganz offen dar. Man muss nur hinschauen. Das können viele wohl nicht mehr.

Dank der Hilfe von Detective Hugh Andrews (Robert F. Lyons) hat Molly Stewart (Betsy Russell) es geschafft, dem Rotlichtmilieu zu entkommen und eine Karriere als Rechtsanwältin einzuschlagen. Doch als ihr väterlicher Freund bei einem Einsatz in L. A. erschossen wird, schlüpft sie wieder in Minirock und Trägertop, um als „Angel“ mit ihren alten Freunden Kit Carson (Rory Calhoun) und Solly (Susan Tyrrell) gemeinsam herauszufinden, wer hinter dem Mord steckt. Der Straßenkünstler Johnny Glitter (Barry Pearl) kann ihnen dabei als Augenzeuge behilflich sein, doch auch die Killer sind bereits hinter ihm her …

AVENGING ANGEL hat ein ganz großes Problem: den Vorgänger. War es Regisseur O’Neill mit ANGEL noch bravourös gelungen, die Geschichte der minderjährigen Prostituierten mit viel Respekt, Einfühlungsvermögen, Sympathie und Menschlichkeit zu erzählen, sich potenziell darbietende Untiefen – Sexismus, Voyeurismus, Kitsch – zu umschiffen und so ein bewegendes, authentisch wirkendes und vom Exploitationfilm weitestgehend emanzipiertes Drama vorzulegen, stürzt er sich mit dem Sequel umso euphorischer in die Arme des Kintopps. Heraus kommt dabei ein Film, dem man seinen Unterhaltungswert nicht absprechen kann, der aber ständig vom Schatten des um ein Vielfaches besseren Vorgängers überragt wird. Alles, was ich von ANGEL eigentlich erwartet hatte, bevor ich dann positiv überrascht wurde, findet sich in AVENGING ANGEL: Der klischeehafte Selbstjustiz-Plot wirkt allein durch die Kontrastierung mit dem ersten Teil schon unglaubwürdig und Angels Rückkehr ins alte Gewerbe, von der sie sich erhofft, an exklusive Informationen heranzukommen, ist vollkommen unmotiviert und unnötig, weil sie eh von allen Bekannten wiedererkannt wird und jeder bereit ist, ihr zu helfen. Man liegt vermutlich nicht falsch, wenn man hinter ihrer Motivation, wieder in den Nuttenfummel zu schlüpfen, nicht so sehr die Erfordernisse der Geschichte, sondern eher kommerzielle Aspekte vermutet. Wahrte ANGEL stets schamvoll Distanz zu seiner minderjährigen Protagonistin, werden ihre Beine hier gleich mehrfach aufreizend in Szene gesetzt und genau jener Voyeurismus bedient, dem sich der erste Teil noch beharrlich verweigerte. Wäre AVENGING ANGEL nicht dennoch ziemlich zahm, man könnte meinen, O’Neill habe es kaum erwarten können, die Fortsetzung mit der erwachsenen Angel zu drehen, um darin endlich alles das unterbringen zu können, was ihm vorher verboten war.

Auch Angels Freunde Kit, Solly und der anstelle Maes hinzugekommene Johnny Glitter sind nur noch ein Schatten der ersten Filminkarnation. Vorbei ist es mit der behutsamen Charakterisierung und der Differenzierung, hier werden alle zu reichlich eindimensionalen Karikaturen gemacht. Zwar bewahrt O’Neill auch im zweiten Teil das Außenseitertum seiner Figuren und sympathisiert mit ihrem nonkonformen Lebensstil, doch wird dieser kaum noch weiter von ihm ergründet: Stattdessen reicht ihm das äußere Erscheinungsbild aus, um Kit, Solly und Johnny als „Freaks“ zu kennzeichnen. Was sie antreibt, was sie sich erhoffen, wohin sie wollen, bleibt unklar. So fuchtelt der aus dem Altersheim befreite Kit wieder mit seinen Knarren rum, was hier, wo es um gefährliche Schwerverbrecher geht, reichlich albern wirkt, und Solly verkommt zigarrenstummelkauend zur weiblichen Beatnik-Antwort auf Kater Karlo. Die Freude über das Wiedersehen wird mächtig getrübt, weil alles das, was die Charaktere zuvor ausfüllte, nun fast völlig weg ist.

Anhand meiner Kritik, die vor allem aus dem Vergleich von AVENGING ANGEL mit ANGEL entsteht, sollte klar geworden sein, was ich mit meinem einleitenden Satz sagen wollte: AVENGING ANGEL wäre deutlich besser, wenn man nicht immer seinen Vorgänger im Kopf hätte. Als flotter 90-minütiger Timewaster ist O’Neills Sequel nämlich durchaus zu gebrauchen: Die Story ist flott, die Originalschauplätze verleihen dem Film jenen authentischen Straßenlook, der für mich jeden Film aus dieser Zeit aufwertet, einige äußerst blutige Schießereien sorgen immer wieder für Oho!-Momente (auch wenn O’Neill definitiv kein Action-Regisseur ist) und der Schluss, bei dem Angel und ihre Freunde vor dem Problem stehen, dass die Geisel, die sie im Tausch gegen ein entführtes Baby herausgeben sollen, bereits tot ist und sie die Leiche deshalb geknebelt und gefesselt im Rollstuhl ankarren, ist von genau jener hübschen Abseitigkeit, die einen den Umschwung vom ernsten Drama zum Exploiter viel leichter hätte verschmerzen lassen können, aber leider viel zu selten angestrebt wird. Das allergrößte Manko ist aber sicherlich, dass die Art und Weise, wie sich das Sequel seinem Sujet nähert, die Aufrichtigkeit des Vorgängers nachträglich in Frage stellt. Wenn eine minderjährige Prostituierte Angel im Knast mal eben so gesteht, dass sie von ihrem Vater missbraucht wurde, dann ist das genau in jenem Maße platt und theatralisch, in dem es der erste Teil nicht war. Dort benötigte Angel fast den ganzen Film, um ihre Scham zu überwinden und jemandem anzuvertrauen, dass sie von ihren Eltern verlassen wurde und nun ganz allein lebt; ein Schicksal, dass dadurch umso glaubwürdiger erschien, weil es mit spürbarem Schmerz verbunden war. In AVENGING ANGEL haben die Figuren keine echte Geschichte und damit auch keinen Schmerz mehr, nur noch eine Dialogzeile oder ein Etikett, die sie vollständig umreißt. Sie sind dem Zweck unterworfen, prostituiert.

Die 15-jährige Musterschülerin Molly Stewart (Donna Wilkes) hat ein Geheimnis: Seit ihre Eltern sie verlassen haben, lebt sie allein und kommt für ihren Lebensunterhalt auf, indem sie nachts als „Angel“ auf den Straßen Hollywoods anschaffen geht. Neben ihren Kolleginnen kümmern sich vor allem der alternde Transvestit Mae (Dick Shawn) und der Cowboy und Kunstschütze Kit Carson (Rory Calhoun) um sie. Als ein Serienmörder (John Diehl) im Rotlichtmilieu umgeht und Prostituierte umbringt, gerät auch Angel in Gefahr …

Die Geschichte, die jedem RTL-Fernsehfilm zur Ehre gereichen würde, das Plakat, auf dem das brave bezopfte Schulmädchen ihrem aufgebrezelten Alter ego gegenübersteht, der kitschige Titel, der das Nymphenhafte von Nabokovs Lolita mit dem klassischen Bild der „Hure und Heiligen“ vereint, und schließlich das Wissen, dass ANGEL noch drei Sequels nach sich zog, lassen eine Sleazegranate erster Klasse erwarten. Doch wie schon beim ganz ählich gelagerten STREETWALKIN‘ wird man als solchermaßen voreingenommener Zuschauer eines Besseren belehrt. Anstatt sich im Dreck zu wälzen, Klischees und Vorurteile auszubeuten und zu bedienen, ist O’Neill nämlich tatsächlich um Differenzierung bemüht: Es gibt keine einzige Sexszene in ANGEL, die Titelheldin wird nie zur schmutzigen Männerfantasie degradiert, sondern als gleichermaßen bemitleidens- und bewundernswerter Mensch gezeichnet, dem die bitteren Umstände keine andere Wahl ließen und der von einem Tag auf den nächsten lernen musste, erwachsen zu werden, und auch ihre Freunde Mae und Kit, die anderswo zu grellen Witzfiguren aufgeblasen worden wären, werden vollkommen ernst genommen. Mehr noch: Das Transvestitendasein Maes wird nie auch nur ansatzweise hinterfragt oder als schnödes Kuriosum missbraucht, vielmehr als vollkommen selbstverständlich dargestellt – es gehört zu diesem Menschen einfach dazu. So wird ANGEL auch nicht zum „Abstieg in die Gosse“, wie ihn andere, thematisch ähnlich gelagerte Filme vollführen. Nie hat man den Eindruck, sich dem Regisseur anvertrauen zu müssen, um nicht im Sündenpfuhl unterzugehen. O’Neill öffnet einem vielmehr die Augen dafür, hinter den gezeigten Außenseitern die ganz gewöhnlichen Menschen zu erkennen, die vom Leben auch nichts anderes erwarten als die vermeintlich Normalen. Mae und seine Freundin, die alternde New-Wave-Künstlerin Solly (Susan Tyrrell mit aufgemalten Augenbrauen und Punkfrisur), mögen beide nicht ganz dem Durchschnitt entsprechen, doch wenn sie zusammensitzen und Gesellschaftsspiele spielen, dann unterscheiden sie sich nicht von einem ganz gewöhnlichen Ehepaar.

O’Neill hatte zuvor unter anderem das Drehbuch für den von mir schon oft gelobten VICE SQUAD geschrieben, der den Zuschauer ebenfalls mitnahm auf eine Reise durch die Großstadt-Nacht und in dem ihm ebenfalls schon das Kunststück gelungen war, aus episodischen Einzeleindrücken ein ungemein dichtes Gesamtbild zu schaffen. ANGEL ist noch ein ganzes Stück flockiger als jener und mir schien es so, als habe O’Neill den Serienmörderplot erst nachträglich eingefügt, um seinem Film eine klare Richtung zu geben. Das gelingt ihm, weil der Zuschauer erkennt, dass auch dieser Killer nur einer jener Verlorenen ist, die die Gesellschaft übersehen hat, weil sie nicht der Norm entsprachen. Wenn er am Ende tot zu Boden sackt, in seinen Blick die Ernüchterung darüber Einzug hält, dass sein sinnloses Leben jetzt einfach vorbei ist, sagt er seine ersten und letzten Worte des Films „It hurts.“ Besser ließe sich ANGEL kaum zusammenfassen. Ein Meisterwerk des düsteren Großstadtkinos der Achtzigerjahre.